Eine Ära geht zu Ende: Seit den 1970er-Jahre begrüßten drei ikonische Schornsteine die Berliner auf der Stadtautobahn. Die 102 Meter hohen, silberfarbenen Türme auf orangenen Kesselhäusern bildeten die weit sichtbare Silhouette des Heizkraftwerks Wilmersdorf, dass rund 50.000 Haushalte im Berliner Südwesten zuverlässig mit Strom und Fernwärme versorgte. Doch zuletzt wurde das Vattenfall-Kraftwerk nur noch gebraucht, um beim Ausfall anderer Standorte einzuspringen oder Spitzenbelastungen in der Hauptstadt abzufedern. 2021 erfolgte die Stilllegung. Die wichtigsten Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zum Heizkraftwerk Wilmersdorf im Überblick:
- Adresse: Forckenbeckstraße 3-5, 14199 Berlin-Schmargendorf
- Geschichte: Seit den 1910er-Jahren wurde das Areal an der Forckenbeckstraße als Energiestandort ausgebaut; 1938 übernahm die Bewag das Kraftwerk; Demontage der Hochdruckanlage nach Kriegsende 1945; das alte Kraftwerk ging 1964 vom Netz; Baubeginn des neuen, ölbefeuerten Heizkraftwerks Wilmersdorf 1973; 1977 in Betrieb genommen; 1992 explodierte einer der Kraftwerksblöcke; 2021 stillgelegt
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein, aber das südlich vom Heizraftwerk gelegene Gebäudeensemble des ehemaligen Elektrizitätswerks ist geschützt unter der Objekt-Nr. 09070277
- Status: Ehemaliger Lost Place. Das Heizkraftwerk wurde bis Ende 2022 zurückgebaut. Der Standort soll künftig als Verteiler für Fernwärme und als Baugrund für neue Anlagen erneuerbarer Energie genutzt werden
Auch interessant
Wo liegt das alte Heizkraftwerk Wilmersdorf genau?

Das Heizkraftwerk Wilmersdorf liegt an der A100 am Abzweig Steglitz an der Adresse Forckenbeckstraße 3–6. Der nördliche Gebäudeblock wird vom Heizkraftwerk eingenommen, der südliche Teil, der an die Forckenbeckstraße grenzt, von Überbleibseln des historischen Elektrizitätswerks samt kaiserzeitlichen Verwaltungsgebäude. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Grundstück am besten vom S- und U-Bahnhof Heidelberger Platz (S41, S42, S46, U3) aus. Von der Bahnstation sind es etwa acht Minuten zu Fuß entlang der Mecklenburgischen Straße und der Forckenbeckstraße bis zum Kraftwerksgelände. Alternativ kann auch die Buslinie 249 (Haltestelle Mecklenburgische Straße/Binger Straße) genutzt werden. Achtung: Das Betreten des Heizkraftgeländes ist Unbefugten nicht erlaubt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Kraftwerks Wilmersdorf
Ausgangslage: Die Stromversorgung im Südwesten Berlins in der Kaiserzeit

Die Geschichte der Forckenbeckstraße als Energiezentrum begann Jahrzehnte bevor in den 1970er-Jahren Kolonnen von Lkws die ersten Stahlträger und Sichtbetonflächen für das neue Heizkraftwerk Wilmersdorf über die Stadtautobahn transportierten. Anfang des 20. Jahrhunderts versorgten zwei Kraftwerke – das Kraftwerk Moabit und das Großkraftwerk Oberspree – die elektrizitätshungrige Hauptstadt mit Strom. Und auch einige der aufstrebenden Gemeinden im Umland konkurrierten um den profitablen Energiemarkt.
Der Magistrat der am südlichen Stadtrand von Berlin gelegenen Stadt Schöneberg nahm 1898 die Planung für den Aufbau einer eigenen Stromversorgung in die Hand, doch ein kommunaler Betrieb erschien zu teuer. Im Juni 1899 wurde die „Elektricitätswerk Südwest Aktiengesellschaft“ gegründet, um die Stromversorgung von Schöneberg sicherzustellen. Ein erstes Kraftwerk wurde auf dem Areal am heutigen Tempelhofer Weg errichtet. Doch schon bald reichten die Kapazitäten für die rasant wachsende Stromnachfrage nicht mehr aus. 1910 suchten die Fachleute der E-Werk Südwest AG einen geeigneten Platz für ein zweites Kraftwerk – und fanden ihn Schmargendorf.
- Vom Lost Place zur Synagoge: Geheimnisse des Umspannwerks Wilmersdorf
- Wohntürme: Diese Platte erzählt eine besondere West-Berliner Geschichte
- Landhaus Israel: Edelvilla in Grunewald steht seit mehr als 30 Jahren leer
- Schutzraum: Der geheimnisvolle Atombunker der Wasserwerke in Wilmersdorf
- Abhörstation: Berlins berühmteste Ruine: Was passierte am Teufelsberg?
Heizkraftwerk Wilmersdorf: Demontage durch die Rote Armee 1945
Auf dem Areal in der Forckenbeckstraße wurde ab 1910 nach den Entwürfen des Architekten Hans Liepe (1876–1969) das zweite Elektrizitätswerk Südwest errichtet und 1911 in Betrieb genommen. Im Verbundbetrieb mit dem ersten Kraftwerk sollte es die Elektrizitätsversorgung in Schöneberg, Wilmersdorf und den angrenzenden Gemeinden sicherstellen, die mit dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 in das Stadtgebiet Berlins eingemeindet wurden. 1938 übernahm die Berliner Städtische Elektrizitätswerke AG (Bewag) den Energieversorgungsstandort an der Forckenbeckstraße. Von der ursprünglichen Bebauung sind in Schmargendorf noch das Beamtenwohnhaus aus dem Jahre 1910 und das Schalthaus aus dem Jahre 1912 erhalten geblieben.
Das eigentliche Kraftwerk aus den 1910er-Jahren hat sich nicht erhalten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 demontierten Soldaten der Roten Armee die im künftigen britischen Sektor Berlins gelegenen Kraftwerksanlagen weitgehend und transportierten die verwertbaren Produktionsmittel als Reparationsleistung in die Sowjetunion – so geschah es auch am Werk an der Forckenbeckstraße, von dem nur noch ein Rumpfbetrieb möglich war. Durch die Demontage der Hochdruckanlage sank die Kraftwerksleistung auf 25 Megawatt. Dennoch spielte Wilmersdorf in den Nachkriegsjahren eine bedeutende Rolle bei der Sicherung der Stromversorgung Westberlins.
- Schwanenwerder: Der verborgene Bunker von Joseph Goebbels
- Die schicksalhafte Geschichte einer Berliner Geistervilla
- Gefährliche Ruinenromantik – Das giftige Erbe der „Spinne“
- Diese Brücke fiel in der Schlacht um Berlin – kommt sie jetzt neu?
- Verhängnisvolle Feuernacht machte Bowling-Center zur modernen Ruine
- Kriegsruine: Der geisterhafte Bunker am Friedhof Steglitz
Heizkraftwerk Wilmersdorf: Teilung des Stromnetzes nach 1945

Mit der Teilung Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1952 auch das Berliner Stromnetz getrennt. In der Folge musste die westliche Teilstadt als „autonomer Inselbetrieb“ ohne Verbindung zu übergeordneten Hochspannungsnetzen vollkommen neu gedacht und geplant werden. Es war die Stunde von neuen Kraftwerkstypen im Westen und Süden der Stadt. 1964 wurden die verbliebenen Anlagen an der Forckenbeckstraße vom Netz genommen und in der folgenden Zeit abgebaut, um Platz für ein neukonzipiertes Kraftwerk zu schaffen.
1971 fiel die Entscheidung für ein Gasturbinenkraftwerk, das mit Erdölprodukten und Erdgas betrieben werden konnte. Mit den Brennstoffen wurden Gasturbinen angefeuert, die ihrerseits angekoppelte Generatoren antrieben. Der Vorteil: die hohe Leistungsdichte und die Schnellstartfähigkeit des Kraftwerkstyps, welche es ermöglichte, kurzfristige Spitzen im Stromnetz Westberlins abzudecken. Baubeginn auf dem Kraftwerksgelände in Schmargendorf war 1973. Bauherr war die Bewag. Mit dem Bau des Kesselhauses wurde das Berliner Bauunternehmen „H. Klammt AG“ beauftragt. Nach vier Jahren Bauzeit konnte das Heizkraftwerk Wilmersdorf in Betrieb gehen.
- Berlins Untergrund: Der Horrortunnel in der City West
- Avus-Tribüne: Diese Berliner Legende verrottete vor unser aller Augen
- Familienbad im Olympiapark: Dieser Fleck gammelt seit Jahrzehnten vor sich hin
- Historische Tankstelle: Juwel aus den 1920er-Jahren erfährt doppelten Schicksalsschlag
- Verlorener Ort: Berühmte Berliner Klinik wurde zum Geisterkrankenhaus
Heizkraftwerk Wilmersdorf: So war die Anlage aufgebaut

Das Heizkraftwerk verfügte über drei orangenfarbene Heizblöcke mit Gasturbinen von je 110 Megawatt Leistung, auf denen jeweils 102 Meter hohe Industrieschlote in den Himmel ragten und die bekannte Silhouette des Industriedenkmals formten. Die Umrisse des Kraftwerks dürften jedem Berliner geläufig sein, der schon einmal mit dem Auto auf der Stadtautobahn unterwegs gewesen ist.

Die Anlage wurde in Stahlbeton-Massivbauweise mit weißen Sichtbetonflächen errichtet. Die Wärmehalter erhielten ein Stahlskelett, das mit Aluminiumplatten verkleidet war. Die Heizzentrale befand sich an der mittleren Gruppe. In den Höfen der Anlage befanden sich die Heizöl-Tanks, mit denen das Kraftwerk betrieben wurde. Als Treibstoff für zwei der drei Heiz-Türme diente leichtes Heizöl, ein dritter wurde mit Gas befeuert. Angeliefert wurde es früher per Zug. In den letzten Jahren kamen die Brennstofflieferungen per Lkw-Transport. Der Netzanschluss erfolgte auf der 110-Kilovolt-Hochspannungsebene in das Netz der Stromnetz Berlin GmbH. Das durch seine funktionale Bauweise mit klarer Formensprache überzeugende Gesamtensemble des Kraftwerks wurde in den 1980er-Jahren mit einem Architekturpreis ausgezeichnet.
- Das sind die spannendsten Lost Places in Steglitz
- Das sind die spektakulärsten Lost Places in Dahlem
- Das sind die faszinierendsten Lost Places in Wannsee
- Das sind die aufregendsten Lost Places in Lichterfelde
- Das sind die interessantesten Lost Places in Nikolassee
- Das sind die spannendsten Lost Places in Lankwitz
Heizkraftwerk Wilmersdorf: Fernwärme für umliegende Haushalte

Ein großer Teil der Wärmeenergie aus den Turbinenabgasen wurde in Fernwärme umgewandelt, so lag der Brennstoff-Ausnutzungsgrad bei etwa 70 Prozent. Schnell stieg die thermische Leistung auf mehr als 300 Megawatt – ausreichend für die zuverlässige Versorgung von 50.000 Haushalten mit Fernwärme. Weil das Heizkraftwerk nicht an einem Gewässer lag, wurde das nötige Wasser für die Kühlung aus einem betriebseigenen Tiefbrunnen eingespeist.

Das Heizkraftwerk (HKW) Wilmersdorf ist allerdings nie für den Dauerbetrieb ausgelegt gewesen. Es sollte Schwankungen im Netz ausgleichen oder Ausfälle anderer Kraftwerke kompensieren. Dennoch fielen in den 45 Betriebsjahren, die das Kraftwerk am Netz war, einiges an eingespeister Leistung an. Insgesamt wurde die Anlage mit ihren drei Gasturbinen bis in den März 2021 11.830 Mal gestartet. In 97.723 Betriebsstunden wurde Strom und Wärme für die Berliner ausgekoppelt und dabei weit mehr als sechs Millionen Megawattstunden Strom geliefert. In jeder Betriebsstunde verfeuerte die Anlage dafür 25 Tonnen Heizöl bei gut 1100 Grad. Eine Bilanz, die in Zeiten der Energiewende und der Abkehr von fossilen Brennstoffen kritisch gesehen wurde.
- Der zugemauerte Tunnel an der Steglitzer Albrechtstraße
- In der Lankwitzer Bombennacht wurde dieser Ort zur letzten Zuflucht
- Als die Panzer kamen, holte der Revierförster die Flinte raus
- Görings Prunkbau wurde zur geheimnisvollen Machtzentrale der USA
- Bauzombie & Mini-BER: Was lief alles schief beim Bierpinsel?
- Architektur des Grauens: Die bizarre Story des Mäusebunkers
Heizkraftwerk Wilmersdorf: Explosion am „schwarzen Tag“ 1992
Zu größeren Störfällen kam es in der Anlage in Schargendorf nicht – mit einer gravierenden Ausnahme: Am 2. Januar 1992 explodierte einer der Kraftwerksblöcke. Die ehemaligen Mitarbeiter erinnern sich an den verhängnisvollen Donnerstag als „schwarzen Tag“. Damals flog den Arbeitern im Kraftwerk mit einem gewaltigen Knall Teile der tonnenschweren Gasturbinen buchstäblich um die Ohren. Ein Schaufelabriss hatte einen Totalschaden an einer der Anlagen verursacht. Mit viel Glück konnte Schlimmeres verhindert werden. Keine Personen kamen bei dem Unfall zu schaden. Die defekte Schaufel ist heute im Energie-Museum Berlin im Kraftwerk Steglitz ausgestellt. 2017 brach auf dem Gelände an der Forkenbeckstraße Feuer aus. Ein Hubschrauber des Unfallkrankenhauses Marzahn wurde gerufen und sicherte eine verletzte Person.

Anfang 2003 übernahm die Vattenfall GmbH die Berliner Bewag und mit ihr auch das Heizkraftwerk Wilmersdorf. Seit den 2000er-Jahre prangte das markante Vattenfall-Logo auf den drei Türmen an der A100. Zuletzt stieg immer seltener Rauch aus den Schloten des Heizkraftwerks auf. In den vergangenen Jahren hatte das HKW Wilmersdorf bei der Strom- und Wärmeversorgung der Hauptstadt eher eine Nebenrolle gespielt. Die Anlage wurde nur noch temporär zu Spitzenlastzeiten betrieben.
Heizkraftwerk Wilmersdorf: Stilllegung und Rückbau der markanten Schlote
Mit dem Berliner Klimaschutz- und Energiewendegesetz (EWG Bln) – einer Wärmestrategie für das Land Berlin mit dem Ziel, bis spätestens zum Jahr 2045 die CO2-Emissionen auf ein klimaneutrales Niveau zu senken – beschloss Vattenfall das Aus für das in die Jahre gekommen Heizkraftwerk Wilmersdorf. Mit der Entscheidung endete an der Forkenbeckstraße eine Ära. Die drei Schornsteine des Kraftwerks Wilmersdorf waren über Jahrzehnte zuverlässige Orientierungspunkte im südlichen Bereich der City-West gewesen.
Auch interessant
Nach der endgültigen Stilllegung 2021 begann der Rückbau. Auf dem Betriebsgelände in Schmagendorf kam schweres Gerät zum Einsatz. Beginnend am Block 1 wurden die Schlote und Kesselhäuser mit Hilfe eines 126 Meter hohen Krans behutsam von oben nach unten abgetragen. 13.000 Tonnen Material wurden zurückgebaut und abtransportiert. Der größte Teil war Stahl und wurde wieder eingeschmolzen. Ende der 2022 war der Rückbau abgeschlossen.
Heizkraftwerk Wilmersdorf: Auch zukünftig ein wichtiger Energiestandort

Ein wichtiger Standort für die Energieversorgung soll das Gelände an der Forckenbeckstraße aber auch nach dem Rückbau des Heizkraftwerkes bleiben. Schon heute befinden sich hier wichtige technische Einrichtungen für die Produktion und Verteilung von Stadtwärme. Dafür wurden 2018 drei erdgasbasierte Heißwassererzeuger in Betrieb genommen. Sie verfügen über eine thermische Leistung von insgesamt rund 120 Megawatt und können bei Bedarf benötigte Wärme schnell zur Verfügung stellen.
Im Zuge der Berliner Wärmewende wird darüber hinaus an Plänen für die zukünftige Nutzung des Standorts gearbeitet, bei denen auch neue Anlagen für die nachhaltige Erzeugung von Stadtwärme eine Rolle spielen sollen. Geothermie, Biomasse, Wärmepumpen, Power-to-Heat: Welche Technologie hier zum Einsatz kommen wird, ist noch offen.




