Meterdicke Stahlbetonwände, gefilterte Luft und kein Tageslicht: Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind sie wieder zum Thema geworden: Zivilschutzbauten, Schutzräume oder einfach Bunker genannt. In Berlin gab es nach dem Zweiten Weltkrieg noch rund 360 Schutzbauten, die errichtet worden sind, um die Bevölkerung vor Luftangriffen zu schützen.

Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung, was aber nicht bei allen gelang. Einer der verfallenen Betonkolosse, der in Westberlin Jahrzehnte lang vor sich hin rottete und an die Schrecken von Krieg und Gewaltherrschaft mahnte – bis er einem Neubauprojekt im Weg stand, war der Flachbunker an der Lauenburger Straße in Steglitz. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zum Weltkriegsbunker Lauenburger Straße im Überblick:

  • Adresse: Lauenburger Straße 69, 12169 Berlin-Steglitz
  • Geschichte: Anfang der 1940er-Jahren als Luftschutzbunker errichtet; in den Nachkriegsjahren bis zum Abriss wurde das Bunkerdach als Parkdeck genutzt, der Bunker selbst stand leer; in den 1980er-Jahren wurde geprüft, ob die Schutzzellen als Band-Musikübungsräume geeignet seien; zu einer Nutzung kam es nicht
  • Bunkertyp: Flachbunker vom Typ 2D mit 18 Kammern; Schutzkapazität für etwa 200 Personen
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place. 1998 zugunsten eine Neubauprojekts abgerissen

Wo lag der Weltkriegsbunker Lauenburger Straße genau?

Der Weltkriegsbunker lag an der Adresse Lauenburger Straße 69 im Ortsteil Steglitz des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: F84Q+J7H Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit den Buslinien 181 und N81 (Haltestelle Bismarckstraße/Bergstraße) zu erreichen. Von der Busstation benötigt man zu Fuß rund drei Minuten entlang der Bismarckstraße bis zu dem Grundstück. Achtung: Von dem Bunker haben sich auf dem Gelände keine sichtbaren Überreste erhalten. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Weltkriegsbunkers Lauenburger Straße:

Ausgangslage: Luftschutz-Sofortprogramm für Berlin im Zweiten Weltkrieg

Berlin,Brandenburger Tor, Tarnnetze
Der Bunkerbau war nicht die einzige Maßnahme, die getroffen wurde. Tarnnetze sollten die Sicht der anfliegenden Aufklärer und Bomber behindern. Aufnahme der Charlottenburger Chaussee mit Blick auf das Brandenburger Tor um 1941© picture-alliance / akg-images | akg-images

Als 1940 Luftangriffe der Alliierten erstmals die Reichshauptstadt trafen, reagierte die NS-Führung hektisch mit einem Bunkerbau-Sofortprogramm: Betonbauten schossen in Berlin aus dem Boden. Unter der Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak, Nachrichten- und Kommandobunker.

Berlin wurde mit einem Netz von Schutzbauten überzogen – in der Innenstadt, aber auch in den grünen Außenbezirken. Im Südwesten Berlins, im heutigen Bezirk Steglitz-Zehlendorf, wurden Kolosse errichtet wie der Bunker Heckeshorn auf der Wannsee-Insel, Hochbunker wie an der Eiswaldstraße und Sonderanfertigungen wie der als Wohnhaus getarnte Bunker Eiderstedter Weg. Anders als bei Hochbunkern lagen die Schutzräume von Flachbunkern unter der Erde. Einer von ihnen war der Bunker an der Lauenburger Straße in Steglitz.

Weltkriegsbunker Lauenburger Straße: Schutzbau der „ersten Welle“

Unterricht mit Volksgasmaske 1939 - Lesson with gasmasks / 1939 -
Unterricht im Selbstschutz mit der Volksgasmaske ‚VM 37‘ in einer Luftschutzschule in Berlin: Mädchen des BDM beim Unterricht im September 1939© picture-alliance / akg-images | akg-images

Der Bunker gehörte zur „ersten Welle“ der während des Bunker-Sofortprogramms von 1940/1941 in Berlin errichteten Schutzbauten. Insgesamt waren es an die 1000 Anlagen, die gebaut wurden, wovon etwa 500 Flachbunker für einhundert bis dreihundert Personen in dicht besiedelten Wohngebieten entstanden. Das Herzstück des Bunkers waren die gut geschützten Schutzzellen im Inneren: Kammern von jeweils sechs Quadratmetern Grundfläche. Zusätzlich gab es zumeist Aufenthalts- und Sanitärräume sowie Schleusen, Räume für die Bunkertechnik und für das Luftschutzpersonal beziehungsweise den Bunkerwart.

Bei der Nachbarschaft des Baugrunds an der damaligen Ringstraße 25, die erst 1960 in Lauenburger Straße umbenannt und neu nummeriert wurde, handelte es sich um eine locker bebautes Gewerbe- und Wohngebiet zwischen dem städtischen Begräbnisplatz Steglitz im Osten und dem Sochos-Sportplatz an der Lessingstraße im Westen. Nördlich des unbebauten Grundstücks verlief bis in die 1960er-Jahre noch eine Verbindungsstraße, die später überbaute Straße 45a, die die Bismarck- mit der Ringstraße verband. Anfang der 1940er-Jahre versammelten sich hier die Kinder der Nachbarschaft und beobachten staunend die Aktivitäten, als schweres Gerät auf der Straße 45a vorfuhr, Arbeiter den Boden aufrissen und der Bau des Betonriesen begann.

Weltkriegsbunker Lauenburger Straße: So war der Bunker aufgebaut

Gedenkveranstaltung des Vereins Berliner Unterwelten
Die Zellen der Schutzbunker waren mit dreistöckigen Betten ausgestattet: Die Aufnahme entstand am 3. Februar 2025 bei der Gedenkveranstaltung des Vereins Berliner Unterwelten zum Auftakt des Gedenkjahres «80 Jahre Kriegsende» in der Bunker- und Tunnelanlage unter der Dresdener Straße zwischen Berlin-Mitte und Kreuzberg. © picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Bei dem eingeschossigen Bunkertyp handelte es sich um eine vergleichsweise kleine Luftschutzanlage: Die Länge und Breite des Bauwerks betrugen rund 32 mal 18 Meter auf einer Baufläche von knapp 580 Quadratmetern. Die Deckenstärke betrug 1,40 Meter; die Wandstärke aus massiven Stahlbeton 1,80 Meter. Zwei seitliche Zugänge führten über Treppen in die unter dem Straßenniveau liegenden Räumlichkeiten des Schutzbauwerks.

Zwei Eisentüren mit Gucklöchern an der Gasschleuse riegelten früher die dahinterliegenden Räume hermetisch ab. Vorbei an Sanitärräumen und der Bunkeraufsicht mit einem Dienstraum mit Meldetechnik für den Bunkerwart führten zwei parallele Gänge mit je sechs Kammern sowie einer Kammerzeile in der Mitte zum hinteren Ausgang. Dort gab es einen größeren Aufenthaltsraum, einen Heizungsraum, einen großen Sandfilter, Lüftungsgeräte – im Notfall konnten sie manuell per Kurbeln bedient werden – und Schutztüren, die die zweite Schleuse des hinteren Notausgangs sicherten.

Im Sanitärbereich befanden sich Toiletten- und Waschräume, außerdem verfügte der Bunker über eine behelfsmäßige Küche. Die 18 Schutzzellen des Bunkers waren als Schlafkammern ausgelegt, in denen jeweils zwei dreistöckige Betten standen. Die Schlüssel für die Schutzzellen wurden bevorzugt an kinderreiche Familien der Umgebung ausgegeben, die für eine geringe Gebühr in dem Bunker übernachten konnten. Bei Fliegeralarm konnten ältere Anwohner oder auch zufällig Schutz suchenden Passanten in größeren Räumen mit Holzbänken unterkommen. Der Einlass wurde durch Luftschutzpersonal geregelt.

Weltkriegsbunker Lauenburger Straße: Anlage rettete Anwohner vor Bombensturm

Schlacht um Berlin/sowjet.Kampfflugzeuge
Schlacht um Berlin: Sowjetische Kampfflugzeuge überfliegen Berlin im Frühjahr 1945.© picture-alliance / akg-images | akg-images

Als sich in den letzten Kriegsjahren die Bombenangriffe auf Berlin verstärkten, wurden bomben-, trümmer- und splittersichere Luftschutzbauten als Zuflucht für die Bevölkerung immer wichtiger. Das Schutzbauwerk in der Lauenburger Straße rettete mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Menschenleben – denn mit den schweren Bombenangriffen, die auch den Südwesten Berlins seit 1943 trafen, gab es auch Einschläge und zerstörte Wohnhäuser in der unmittelbaren Umgebung des Bunkers.

Besonders verheerend war für den Südwesten Berlins der Angriff in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 – die sogenannte Lankwitzer Bombennacht. Ein fehlgeleiteter Angriff, der eigentlich dem Stadtzentrum Berlins galt, bedeutete das Ende des bis dahin bekannten Lankwitz. Ein Hagel aus Sprengbomben, Luftminen und Brandbomben ging über dem Stadtteil nieder. Aus 727 britischen Flugzeugen fielen Bomben; Lankwitz wurde zu 85 Prozent zerstört.

Weltkriegsbunker Lauenburger Straße: Sprengung von Berlins Bunkern nach dem Krieg

Berlin, Mauerstraße / Bunkersprengung 1947
Die Alliierten befahlen die Sprengung der Berliner Bunker, was nicht bei allen gelang Sprengung des Bunkers der Gauleitung der NSDAP in der Mauerstraße (Berlin-Mitte) 1947© picture alliance / akg-images | akg-images

Nach Kriegsende wurde bis 1948 über die Hälfte der Bunker und Luftschutzstollen Berlins im Rahmen der Entmilitarisierung durch die Alliierten abgebaut oder gesprengt. Die Zivilbevölkerung reagierte mit Unverständnis: Schließlich gehörten die Bunker in manchen Stadtteilen zu den wenigen noch intakten kommunalen Bauwerken. In den ersten Nachkriegsmonaten fanden in ihnen ausgebombte Familien, Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Kälteopfer einen Unterschlupf. Für die Beseitigung der Stahlbetongiganten waren Tonnen an Sprengstoff nötig.

Überall in der Stadt detonierten Sprengladungen – doch viele der Betonkolosse hielten den Abrissmaßnahmen stand; manche wurden kurzerhand zugeschüttet oder erhielten eine zivile Funktion als Notunterkunft oder als Lager für Lebensmitteln, Hausrat oder von Mitteln des täglichen Bedarfs. Die gleichbleibenden Temperaturen unter Erde, hinter meterdickem Beton und der Schutz vor Witterung bot sich für diese Zwecke an. Einige der Zivilschutzbunker wurden auch für die Lagerung der Senatsreserve herangezogen.

Weltkriegsbunker Lauenburger Straße: Improvisiertes Parkdeck auf dem Kriegsrelikt 

Für den erhalten gebliebenen Bunker in der Lauenburger Straße interessierten sich nach 1945 wenige. Steglitz war nach Kriegsende zusammen mit den Bezirken Tempelhof, Schöneberg, Zehlendorf, Neukölln und Kreuzberg Teil des US-amerikanischen Sektors der geteilten Stadt geworden. Die US-Militäradministration ließ das leerstehende Bunkerbauwerk an der Lauenburger Straße stehen. Mehr als vier Jahrzehnte lang fristete das in Beton gegossene Weltkriegsbollwerk in Steglitz in den Friedensjahren der Bonner Republik ein Schattendasein.

In dem Wohn- und Gewerbeblock rund um den Bunker hatten sich während der Wirtschaftswunderjahre der Republik in den 1950er- und 1960er-Jahre neue Betriebe angesiedelt, eine Kfz-Reparaturwerkstatt, die Klingbeil KG für Baggerarbeiten sowie mehrere Straßenbaufirmen Baubüros und -hütten. Der Bunker, dessen Eigentümer in den damaligen Adressbüchern der Stadt mit dem „Verwaltungsamt für ehemaligen Reichsgrundbesitz“ angegeben war, durften die Gewerbetreibenden zweckentfremden – zumindest die massive Bunkerschutzdecke, die erst als offene Lagerfläche für Baumaterial diente und seit Anfang der 1980er-Jahre zu einem erhöhten Pkw-Parkdeck umfunktioniert wurde, indem kurzerhand improvisierte Kfz-Rampen an das Bauwerk gestellt wurden.

Weltkriegsbunker Lauenburger Straße: Vandalismus und Verfall am Bunker

Das Innere des Bunkers blieb dagegen fünf Jahrzehnte lang ungenutzt. In den 1980er-Jahren – damals leistete sich der Senat noch einen Rockbeauftragten – wurde von der Stadt geprüft, ob sich der mittlerweile stark verfallene Schutzbau dafür eignen könnte, Musikern und Bands Proberäume zu stellen. In den ehemaligen Schutzzellen hätten Rockbands spielen und ihre Gigs perfektionieren können, ohne dass allzu viele Geräusche aus den meterdicken Betonwänden nach außen gedrungen wären. Doch zu einer Nutzung kam es nicht. Zu hoch wären die Kosten gewesen, um das Gebäude auch nur ansatzweise Instand zu setzen.

Mit den Jahren des Leerstands zeigten sich die Spuren des Verfalls an dem ramponierten Zeugnis des Krieges überdeutlich. Teile der Bausubstanz waren marode, auch wenn die massive Bauweise des Bunkers nie die geringsten Zweifel an der Statik des Bauwerks aufkeimen ließen, griff Nässe die verbliebenen Bunkereinbauten an, deren Teile mit der Zeit vermoderten. Am Boden des Bunkers sammelte sich Schutt, Dreck und Brackwasser, durch die verbliebenen Metallteile fraß sich der Rost und in den Bunkergängen bröckelte der Putz.

Im Inneren des Weltkriegsbunkers fanden sich zwar immer noch phosphoreszierende Inschriften aus der Nazizeit: „Ruhe bewahren!“, „Nicht rauchen!“ und „Nicht drängen! Den Weisungen der Polizei und der Ordner Folge leisten!“, doch ein Publikum hatten die Gebote und Hinweise an den verfallenen Bunkerwänden seit Jahrzehnten nicht gefunden – abseits von wenigen abenteuerlustigen Lost-Place-Jägern, die sich für Erkundungstouren Einlass in die labyrinthischen Gänge des Bunkers verschafft hatten, gab es niemanden der das Bunkerinnere betrat.

Weltkriegsbunker Lauenburger Straße: Rossmann-Filiale ersetzte den Bunkerkoloss

Ende der 1990er-Jahre näherte sich erneut schweres Baugerät der Lauenburger Straße und läutete das Ende des aus der Zeit gefallenen Bauwerks unweit des Friedhofs Steglitz ein. Nicht ohne erhebliche Mühen wurde das massive Stahlbetonskelett des freigelegten Bunkers im Winter 1998 mit Hilfe robuster Maschinen zertrümmert. Zum Einsatz kamen mit armdicken Meißeln versehene hydraulische Rammen, spezielle Bagger, Abbruchhämmer und Betonfräsen. Nach einigen Wochen des Abbruchs war der Weltkriegsbunker an der Lauenburger Straße – mehr als fünfzig Jahre nach Kriegsende – beseitigt und der Baugrund konnte für ein Neubauprojekt vorbereitet werden.

1999/2000 wurde das Bauprojekt abgeschlossen. Auf dem Grundstück befindet sich heute eine Rossmann-Filiale und ein Kundenparkplatz auf ebenjenem Gelände, das einst von dem Steglitzer Weltkriegsbunker eingenommen wurde. An den Betongiganten aus Kriegszeiten und die dramatischen Szenen, die sich bei Fliegeralarm vor den Eingängen und in den engen Schutzzellen abgespielt haben, erinnert vor Ort nichts mehr.