Verwahrlost, gefährlich oder geschlossen: Die meisten Berliner Fußgängertunnel befinden sich in einem erschreckenden Zustand. Das war nicht immer so. Ende des 19. Jahrhunderts waren die ersten Tunnel entstanden, um die immer breiter werdenden Gleisbette passieren zu können. Danach erlebten sie als Verkehrswege für eine fußgängergerechte Stadt immer wieder Phasen großer Beliebtheit – sowohl im Osten als auch im Westen Berlins. Einer der der Tunnel in der City West, der seit den 1970er-Jahren den Übergang an der lebensgefährlichen Ausfahrt des Autotunnels am Adenauerplatz ein Stück weit sicherer machte, war der Fußgängertunnel Lewishamstraße. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zum Fußgängertunnel Lewishamstraße im Überblick:

  • Adresse: Lewishamstraße/Waitzstraße 6, 10629 Berlin-Charlottenburg
  • Geschichte: Mit dem neuen Zuschnitt der Lewishamstraße und der Eröffnung des Straßentunnels unter dem Kurfürstendamm 1972 als Fußgängerunterquerung eröffnet, 2010 stillgelegt; danach Leerstand und Verfall
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place

Wo lag der Fußgängertunnel genau?

Der Fußgängertunnel verband die Sybelstraße mit der Waitzstraße und unterquerte die Lewishamstraße auf der Höhe der Waitzstraße 6 im Ortsteil Charlottenburg des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: G824+V92 Berlin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Areal am besten vom S-Bahnhof Charlottenburg aus (S3, S5, S7, S9). Achtung: Die Tunnelzugänge wurden abgerissen; der Tunnel verfüllt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Fußgängertunnel Lewishamstraße:

Ausgangslage: Fußgängertunnel für die autogerechte Stadt

Die ersten Fußgängertunnel in Berlin entstanden Ende des 19. Jahrhunderts, als die Gleisvorfelder der Bahnhöfe in der Stadt immer größer wurden, eine sichere Überquerung für Passanten nicht mehr möglich schien, und – neben Brücken und Überführungen – auch der Gang in die Tiefe gewählt wurde, um die Verkehrswege voneinander zu trennen und Fußgängern weite Umwege zu ersparen. Der erste Fußgängertunnel Berlins eröffnete 1897. Er führte unter dem Gleisvorfeld des damaligen Stettiner Bahnhofs hindurch und verband die Schwartzkopffstraße mit der Feldstraße. Viele weitere Unterquerungen folgten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Bau von unterirdischen Passagen für Fußgänger mit den Planungen für die autogerechte Stadt im Westteil Berlins in den 1960er- und 1970er-Jahren seinen Höhepunkt. Im Schatten der Abrissbirnen-Politik des von Willy Brandt eingeleiteten ersten Stadterneuerungsprogramms entstanden vom Senat wenig zimperlich durchgesetzte, neue Verkehrsachsen quer durch Berlins Wohnviertel.

Für Westberlin bestimmend waren dabei der Kollektivplan, der Zehlendorf-Plan und der Bonatz-Plan, die ein Netz von Schnellstraßen durch die gewachsene Stadtstruktur vorsahen, und damit Grundzüge des Speer-Plans von 1936 teilten. Erklärtes Ziel: die „freie Fahrt für freie Bürger“ durch die Stadt nach Vorbild Los Angeles. Straßenbahnen, Fußgänger- und Fahrradverkehr wurden dem Primat des motorisierten Individualverkehrs geopfert.

Auch die City West wurde im Zuge der Modernisierung im Zeichen des Automobils durch breite Verkehrsadern zerschnitten. Die Lewishamstraße nördlich des Kurfürstendamms ist Anfang der 1970er-Jahre zusammen mit dem Autotunnel unter dem Adenauerplatz quer durch ein intaktes, gründerzeitlich strukturiertes Quartier trassiert worden.

Die Umgestaltung der Lewishamstraße und des Adenauerplatzes hatte die Verbindung zwischen Sybel- und Waitzstraße unterbrochen, wodurch eine oberirdische Querung am nördlichen Ende des Autotunnels ohne Ampelschaltung kaum noch möglich war. Als Lösung behalfen sich die Stadtplaner mit dem Bau eines Fußgängertunnels, der das getrennte Quartier an diesem Nadelöhr für Fußgänger und Radfahrer wieder miteinander verbinden sollte.

Fußgängertunnel Lewishamstraße: So war die Anlage aufgebaut

1972 waren der knapp 450 Meter lange Autotunnel mit drei Fahrstreifen am Adenauerplatz und die Lewishamstraße fertiggestellt. Im selben Jahr wurde der Fußgängertunnel auf der Höhe der Sybel- und Waitzstraße am nördlichen Ende des Autotunnels eröffnet. Es handelte sich um ein Trogbauwerk mit Abdeckplatte und Treppenanlagen mit metallenen Handläufen. Das Fußgängergeschoss wurde aus Betonfertigteilen gebaut und war funktional gehalten: Boden und Decke sowie die Seitenwände der Zugänge blieben im Beton-Look. Die Wände der knapp 60 Meter langen Tunnelachse in sechs Meter Tiefe unterhalb des Straßenniveaus zierten leicht zu reinigende, weiße Fliesen.

Die Deckenbeleuchtung des Fußgängertunnels mittels einer Reihe von quadratischen Halogenlampen tauchte die Unterführung in schummriges Licht. Die lichte Höhe des Tunnels betrug etwa 2,40 Meter bei einer Breite von sechs Metern. Die Zugänge befanden sich auf der Höhe der Sybelstraße auf der westlichen Seite und zwischen der Waitz- und Lewishamstraße auf der östlichen Straßenseite. Hier führten jeweils zwei orthogonal zum Verbindungstunnel angeordnete Treppenaufgänge mit rostroten Brüstungen aus pulverbeschichteter Stahlblechverkleidung in die Tiefe. Im typischen, vom Pop-Art-Stil beeinflussten West-Berliner Design der 1970er-Jahre markierten gelbe Leuchtkästen mit der Aufschrift „Fußgängertunnel“ die Unterführung.

Lewishamstraße: Vergittert und außer Betrieb seit 2010

Fast vierzig Jahre lang trug das unterirdische Bauwerk an der Lewishamstraße dazu bei, die für Fußgänger sonst kaum passierbare Gefahrenstelle am nördlichen Ausgang des Autotunnels am Adenauerplatz zu entschärfen, dann wurde die in die Jahre gekommene Unterführung geschlossen. Bereits 2004 hatte es einen Antrag der FDP-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf gegeben, mit dem das Bezirksamt dazu aufgefordert werden sollte, sich bei der Senatsverwaltung dafür einzusetzen, den Fußgängertunnel zu schließen und stattdessen die einige hundert Meter entfernte Ampelanlage an der Kreuzung Wilmersdorfer Straße zur Lewishamstraße an den Standort zu verlegen.

Im Dezember 2010 wurde der Fußgängertunnel mit Gittern versperrt. Eine provisorische Maßnahme – wie es damals hieß –, da der Tunnel infolge wiederholten Vandalismus in der Vergangenheit, Bauschäden und der Ansammlung von Müll in einem beklagenswerten Zustand gewesen sei und „die Verkehrssicherheit beeinträchtigte“. Anwohner hätten sich über die Situation beschwert; eine Erhöhung des Reinigungszyklus durch die BSR wäre nicht möglich gewesen. Eine zuvor erfolgte Zählung habe außerdem ergeben, dass der Tunnel ohnehin nur noch von wenigen Personen genutzt worden sei. Tatsächlich war die Unterführung durch Graffiti-Schmierereien, Schäden an den Wandfliesen, ausgefallenen Lampen, Unrat und Müll im Kiez zuletzt als „Horrortunnel“ bekannt.

Ex-Fußgängertunnel Lewishamstraße: Jahrelanger Leerstand und Verfall

Aus der als vorübergehende Schließung angekündigten Maßnahme wurde eine dauerhafte. Jahrelang lag das „wegen Baumängeln“ dahindämmernde Bauwerk in Charlottenburg ungenutzt brach. Während Hunderttausende Autofahrer jährlich unbekümmert über den stillgelegten Lost-Place-Tunnel dahinrasten, mussten sich die Anwohner im Kiez einen Weg zu den nächstgelegenen Kreuzungen schlagen, um die zur unüberwindlichen Hürde gewordene Lewishamstraße zu queren. Zu einer Verlegung der Ampelanlage – wie noch in den ersten BVV-Anträgen vorgeschlagen – kam es nie. Die Obdachsuchenden, die bis 2010 in dem Fußgängertunnel einen temporären Witterungsschutz gefunden hatten, suchten sich neue Schlafplätze an den Brücken des S-Bahnhofs Charlottenburg.

Von 2016 bis 2017 wurde der Autotunnel am Adenauerplatz aufwendig saniert. Bei den grundhaften Instandhaltungsarbeiten im Tunnel wurden Arbeiten an der Fliesenverkleidung, den Fugen und Bauwerksteilen ausgeführt, Asbest im Fugen- und Deckenbereich entfernt, die Brüstungswände instand gesetzt, die Geländer auf den Brüstungen der Stütz-, Trog- und Tunnelportalwände erneuert und erweitert, die Decke mit einer Brandschutzverkleidung versehen, die Tunnelbeleuchtung modernisiert, eine Fluchtwegekennzeichnung eingebaut sowie das Regenwassersammelbecken und Teile der vorhandenen Rasterstrecke wiederhergestellt. Rund 4,9 Millionen Euro wurden für die Instandsetzung bereitgestellt.

Mit der Sanierung des Autotunnels 2016 abgerissen

Einer der kleineren Posten der Investition: die Beseitigung des verwaisten Fußgängertunnels, dessen Zugänge seit sechs Jahren mit Stahlgittern versiegelt waren. Die Eingänge des Tunnels wurden 2016 abgerissen – genauso wie die Treppenanlagen bis zu einer Tiefe von zwei Metern unterhalb der Straßenoberkante. Die übrigen Hohlräume des Tunnels wurden verfüllt. Mit den Abbrucharbeiten endete die Geschichte des Lost-Place-Fußgängertunnels an der Lewishamstraße, ohne dass bis heute ein Ersatz geschaffen wurde.

Immer wieder geriet die Verkehrswegesituation an der Gefahrenstelle deswegen seit der Schließung des Fußgängertunnels in die Diskussion – auch weil es mehrfach zu schweren Unfällen, zum Teil mit Todesfolge, durch ungesichert die Fahrbahn überquerende Fußgänger kam. Im September 2014 kam ein 54-jähriger Polizist im Dienst zu Tode, als er zwei Fußgängergitter überkletterte und auf der viel befahrenen Straße – im Adenauertunnel gilt Tempo 50 – von einem Kleintransporter erfasst wurde. Der Beamte verstarb wenig später im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen.

Gefahrenstelle Lewishamstraße: Kiezinitiative setzt sich für sicheren Übergang ein

Einige Monate zuvor hatte sich die BVV im Februar 2014 mit der Gefahrenstelle auseinandergesetzt. Sowohl die Fraktion der SPD als auch die Grünen, der Piraten und der Linken zeigten sich offen für einen Rückbau des Autotunnels, bei dem es sich um ein „unsägliches verkehrspolitisches Attentat auf die Bewohner des Kiezes“ (Roland Prejawa, Bündnis 90/Die Grünen) handle, mit dem das Viertel „brutal auseinandergerissen“ (Marlene Cieschinger, Linke) worden sei. Statt der Schließung des Autotunnels folgten 2016 die Sanierung und der Abriss des Fußgängertunnels.

Bei einer Bürgerbefragung zum Kiez an der Lewishamstraße 2024 kam erneut die Forderung auf, eine Fußgängerampel zu installieren, da an der nördlichen Tunnelrampe „auch heute etliche Leute über die Fahrbahnen“ liefen und sich „dabei hohen Gefahren aussetzen“. Während der vom ADFC City West, der Bürgerinitiative Kiez Lewisham, dem Netzwerk fahrradfreundliches Charlottenburg-Wilmersdorf und dem Verein Kiezbündnis Klausenerplatz organisierten Fahrraddemo im September 2024 wurde mit einem symbolischen Zebrastreifen an der Lewishamstraße erneut auf die Situation aufmerksam gemacht. Die Veranstalter forderten eine sichere Querungsmöglichkeit mit einer Ampelanlage und perspektivisch die Schließung des Autotunnels.