Hier, an den nördlichen Ufern des Teltowkanals, kann man für einen Moment vergessen, dass man sich in der Hauptstadt befindet. Die verwilderte Brache am Rand des Werksgeländes eines einstigen Industriegiganten Berlins erinnert ein wenig an eine postapokalyptische Welt; eine verfallene Kulisse aus wilder Natur und den Resten industrieller Anlagen, die – verrostet und verlassen – längst keiner Menschenhand mehr dienen. Inmitten eines Dickichts aus Büschen und Bäumen schälen sich die stählernen Skelette einer früheren Industrieanlage aus den Zweigen und Blättern am Kanalufer hervor – samt abgedeckter Ruinen, verfallener Maschinen, umgestürzter Mauern und seltsamer Bassins. Die wichtigsten Infos zu dem Lost Place.

Das sind die Fakten zum ehemaligen Klärwerk Lichterfelde im Überblick:

  • Adresse: Wupperstraße 1, 14167 Berlin-Lichterfelde
  • Geschichte: Errichtet als Kläranlage der 1919 gegründeten Spinnstofffabrik Zehlendorf („Spinne“ genannt); Stilllegung Anfang der 1990er-Jahre
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place

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Wo liegt das ehemalige Klärwerk Lichterfelde genau?

Das Klärwerk befindet sich in einem Wäldchen an der Wupperstraße 1 im Ortsteil Lichterfelde des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Die Google-Koordinaten für das Objekt lauten: C74F+5F Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Gelände am besten mit der Buslinie X10 (Haltestelle Alt-Schönow). Von der Bushaltestation ist es ein etwa achtminütiger Fußweg entlang des Teltower Damms und des Uferwegs bis zu der eingezäunten Anlage. Achtung: Es handelt sich um Betriebsgelände. Unbefugten ist das Betreten verboten. Es ist davon auszugehen, dass die unmittelbare Umgebung der Industrieruine durch Schadstoffe belastet ist und Risiken birgt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des ehemaligen Klärwerks Lichterfelde:

Ausgangslage: Am Anfang stand eine Fehlkalkulation

Zehlendorf – das klang für viele bis zur Eingemeindung 1920 nach Seen, Wäldern und Villen vor den Toren Berlins. Die dörfliche Gemeinde war mit der Eröffnung der Stammbahn, der ersten preußischen Eisenbahn, 1838 ins Bewusstsein der hauptstädtischen Ausflügler geraten. In den grünen Vororten im Südwesten Berlins siedelten sich bevorzugt gutbetuchte Industrielle, Beamte und Künstler an. Große Industrieunternehmen gab es in Zehlendorf kaum. Eine Ausnahme: die Spinnstofffabrik Zehlendorf, von allen „Zehlendorfer Spinne“ oder kurz Spinne genannt.

Die Geschichte der Spinne ging auf ein unternehmerisches Fiasko zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. 1904 hatte die „Elberfelder Papierfabrik AG“ ein Gelände von rund 64.000 Quadratmetern mit der Option für den Kauf von weiteren 50.000 Quadratmetern für ihren neuen Firmenstandort am Rande Berlins erworben. 1906 ging die Fabrik zur Herstellung von Kartonpapieren und später auch photographischen Papieren in Betrieb. Das Firmengelände erstreckte sich grob vom Dahlemer Weg bis zum Stichkanal am Teltowkanal und wurde später noch um Flächen am heutigen Beeskowdamm bis zum Teltower Damm erweitert.

Spinnstofffabrik Zehlendorf: Das Chemiefaser-Netz der Zehlendorfer „Spinne“

Es gab nur ein Problem: Die Aktiengesellschaft hatten den Bedarf an Kartonpapier maßlos überschätzt. Der Berliner Zweig schrieb seit der Gründung rote Zahlen. 1928 trennten sich die Unternehmenszweige in Elberfeld und Berlin. Der Industriestandort am Teltowkanal wurde zur „Schönower Immobiliengesellschaft“ und in den 1930er-Jahren an die „Spinnstofffabrik Zehlendorf AG“ verpachtet. Das Unternehmen war 1919 gegründet worden und nutzte den Papierrohstoff Zellulose für die Herstellung von Viskosekunstseide. Mit der Anbindung einer Färberei und einer Effektzwirnerei begann der Aufstieg der von Wilhelm Wuppermann und Dr. Karl Leuchs gegründeten Firma.

1924 war mit der Produktion von Zellwolle – einem künstlichen Spinnstoff auf der Basis von Zellulose – ein zweites Standbein hinzugekommen, das mit der Autarkiepolitik der Nationalsozialisten in den 1930er-Jahren eine massive Nachfragesteigerung erlebte. Dreißig Jahre lang blieb die Herstellung von Zellwolle das wichtigste Geschäft der Zehlendorfer Spinne, die 1937 das Betriebsgelände am Teltowkanal übernommen hatte und in den nachfolgenden Jahren emsig ausbaute.

Spinnstofffabrik Zehlendorf: Dunkelstes Kapitel während des Krieges

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion in Zehlendorf massiv ausgebaut. Mehr als die Hälfte des am Kriegsende vorhandenen Werkes wurde in dieser Zeit erbaut und mit neuen Anlagen ausgestattet. Ununterbrochen liefen die Maschinen, um die hungrige Kriegsmaschinerie Deutschlands zu beliefern. Außer für die dringend benötigten Uniformen, Wintermäntel und Verbände war Zellwolle in unzähligen Produkten verarbeitet; so spielten Viskose-Spinnfasern unter anderem in der Herstellung von Kordeln, Schnüren, Saugkompressen, Mullbinden und Filtermaterialien bis hin zu Fallschirmen eine Rolle.

Seit Ende der 1930er-Jahre bis zur „Fabrik-Aktion“ 1943 setzte das Werk jüdische Zwangsarbeiter ein. Während des Krieges wurde in der Spinnstofffabrik außerdem ein Außenlager für KZ-Häftlinge eingerichtet, die als Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen in den Fabrikanlagen Schwerstarbeit verrichten mussten. 300 Häftlinge, ab 1942 vor allem sowjetische Frauen aus dem KZ Sachsenhausen, waren in der Spinnstofffabrik eingesetzt. Erst mit der Eroberung Berlins durch die Rote Armee im April/Mai 1945 wurden die Häftlinge aus den mit Stacheldraht umgebenen Holzbaracken an der Wupperstraße befreit.

Spinnstofffabrik Zehlendorf: Gelungener Wiederaufbau in der Nachkriegszeit

Die Fabrikanlagen überstanden die Schlacht um Berlin – bis auf wenige Gebäudeschäden – nahezu unversehrt. Nach Kriegsende ließen die Sowjets große Teile des Werks als Reparationsleistungen demontieren. 80 Prozent aller Maschinen einschließlich der Ausrüstung, der Dampfturbinen sowie der Produktions- und Konstruktionsunterlagen wurden aus Zehlendorf in die Sowjetunion verbracht. Die im US-amerikanischen Sektor liegende Fabrik nahm in der Nachkriegszeit den Betrieb an den zurückgelassenen und veralteten Anlageteilen wieder auf. Doch die Insellage machte dem Unternehmen zu schaffen: Wichtige Absatzmärkte in der mittel- und ostdeutschen Textilindustrie – in Lausitz und Sachsen – waren weggebrochen.

Dennoch gelang der Neustart: In den 1950er-Jahren gab die Spinne die Herstellung von Kunstseide auf; dafür wurde erfolgreich auf die Produktion von Perlon gesetzt – zum Unmut der Anwohner, die sich über häufig auftretende „infame Gerüche“ in der Nachbarschaft beklagten. 1960 wurde das 1400 Mitarbeiter starke Unternehmen vom Chemieriesen Hoechst übernommen. Die Frankfurter ließen in Berlin neue Produktionsanlagen zur Herstellung von Polyesterfasern errichten, die unter dem Markennamen „Trevira“ verkauft wurden.

Spinnstofffabrik Zehlendorf: Niedergang bis in die 1990er-Jahre

Nach einem kontinuierlichen Aufschwung bis Ende der 1960er-Jahre erlebte die Spinne in den nachfolgenden Jahrzehnten eine wechselvolle Firmengeschichte; geprägt von einem harten Konkurrenzdruck auf dem europäischen Chemiefasermarkt, Rohstoffkrisen in den 1970er-Jahren, Rationalisierungsmaßnahmen und Betriebsstillegungen. 1979 wurde der östlich der Wupperstraße gelegene, alte Betriebsstandort verkauft; 1981 waren nur noch 288 Mitarbeiter in der Spinnstofffabrik beschäftigt.

Ende der 1980er-Jahre investierte Hoechst noch einmal in den traditionsreichen Firmenstandort: Für rund 60 Millionen D-Mark wurden zwei hochmoderne Spunbond-Anlagen zur Herstellung von Polyestervliesen angeschafft. Doch bereits Anfang der 1990er-Jahre verlagerte Hoechst die verbliebene Polyesterfaserproduktion nach Brandenburg und gab sie wenig später ganz auf. Der Produktionsstandort an der Wupperstraße wurde 1999 von der amerikanischen Johns Manville Corporation übernommen, die Produkte aus Glasfasern und Vliesstoffen herstellt. Seitdem haben sich viele weitere Firmen auf dem ehemaligen Standort der Spinnstofffabrik niedergelassen, die als zusammenhängendes Werksgelände heute kaum noch zu erkennen ist.

Klärwerk Zehlendorf: Die Überreste der Spinne am Teltowkanal

Auch wenn sich auf dem einst riesigen Werksgelände, das sich vom Teltower Damm bis zur Goerzallee und dem Zehlendorfer Stichkanal erstreckte, kaum noch historische Spuren der Spinne ausfindig machen lassen – weil das Areal bis heute als Industriestandort genutzt wird und mehrfach Erneuerungen und Überbauungen erlebt hat – , so finden sich abgeschieden am Ufer des Teltowkanals noch einige interessante Überbleibsel. Sie stammen aus jenen Tagen, als die Spinne unangefochten das Nordufer zwischen der Knesebeckbrücke und der Einmündung zum Stichkanal beherrschte.

Auf dem vollkommen verwilderten Abschnitt zwischen Teltower Damm und der verlängerten Wupperstraße liegen die verrosteten Überreste eines betriebseigenen Klärwerks. Die heute überwucherten, parallel zueinander liegenden Filterbecken schwemmten in einem mehrstufigen Prozess Chemikalien und andere Verunreinigungen aus den Abwässern der Fabrik. Südlich der rechteckigen Bassins, die Maße von 80 Metern Länge und 30 Metern Breite aufwiesen, waren jeweils drei kleinere Klärbecken angelegt. Wohl Anfang der 1950er-Jahre wurde östlich der vorhandenen Anlage ein weiteres Becken installiert, das auf älteren Karten noch nicht verzeichnet war. Es handelte sich um ein rundes Nachklärbecken mit einem Durchmesser von etwa 35 Metern, in dem halbseitig ein stählerner Steg eingelassen war.

Klärwerk Zehlendorf: Belasteter Boden rund um die Anlage

Außer den Filterbecken durchzog das Areal eine Reihe kleinerer Ziegelkanäle, in denen der Abwasserfluss zwischen den Becken gesteuert werden konnte. Am Rande des Nachklärbeckens finden sich außerdem ehemalige Arbeitsgebäude. In den eingeschossigen Ziegelbauten lagerte Arbeitsgerät. Heute beherbergen die zu Ruinen verfallenen Gemäuer außer Schutt noch einzelne industrielle Einbauten und Maschinen des ehemaligen Klärwerks. Die Anlage ist seit Jahrzehnten stillgelegt und versprüht den typischen Charme eines industriellen Lost Places: Der altgediente Stahl schimmert unter einer Patina aus Rost; die bemoosten Wasserbecken formen – umrankt von Pflanzen – eine Ruinenidylle; dazu gesellen sich mit Graffiti überzogene Gemäuer und verfallene Maschinenteile.

Man sollte sich von der Ruinenromantik der Anlage aber nicht täuschen lassen, der Boden und die Umgebung des ehemaligen Klärwerks Lichterfelde ist mit Giftstoffen belastet. 1984 nahmen Naturschützer erstmals Bodenproben aus den Absetzbecken der Spinnstofffabrik und stellten in den Schlämmen hohe Konzentrationen von Cadmium, Quecksilber, Blei und Zink fest.

Klärwerk Zehlendorf: Und wie sieht die Zukunft aus?

Aktuell dämmert die Fläche des ehemaligen Klärwerks und seiner Anlagen im Schatten des Industrie- und Gewerbeparks an der Goerzallee und der Wupperstraße weiter vor sich hin. Zuletzt erkundigte sich Alexander Kräß (Bündnis 90/Die Grünen) mit einer kleinen Anfrage in der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf 2022 nach der Situation am ehemaligen Klärwerk: Erhöhte Schadstoffwerte wurden im Bereich der westlichen Trockenbeete gemessen, an denen Hemizellulose-Schlämme abgelagert wurden (Blei, Quecksilber, Cadmium, Arsen und Zink) sowie im Bereich der Absetzbecken (Quecksilber, Zink, Cadmium und Blei).

Einzelne Messstellen wiesen erhöhte Werte für Vinylchlorid, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Arsen, Blei, Cadmium, Kupfer und Zink sowie Sulfat auf. Aktuell – so die Antwort 2022 – seien keine konkreten Maßnahmen zur Nutzbarmachung der Fläche geplant. Mit einer Machbarkeitsstudie im Rahmen eines 2015 beschlossenen Projekts, werde aber geprüft, inwieweit eine Teilnutzung des Areals realisiert werden könne. Maßnahmen wurden bis heute nicht ergriffen. Die Zukunft der Jahrzehntelang vernachlässigten Anlage? Weiterhin unklar.

Ein anderes Relikt in der Nähe ereilte inzwischen die Zerstörung. Unmittelbar am Ufer des Teltowkanals stießen Spaziergänger, Wanderer und Entdecker bis vor kurzem auf ein mysteriöses Mauerstück mit Durchlass, welches ehemals wohl durch ein Tor verschlossen war. Bei der Ziegelmauer handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein Stück der Werksmauer, die das Fabrikgelände der Spinne umschloss. Die Mauer befand sich am nördlichen Ufer des Teltowkanals etwa 170 Meter westlich des Zehlendorfer Stichkanals (Google-Koordinaten: C74G+CG6 Berlin). Ende 2023 brachte ein Herbststurm die alte Mauer zu Fall. Die Trümmerteile wurden wenig später durch das Grünflächenamt beräumt, um eine Gefahr durch herumliegende Bruchstücke auszuschließen.