Anders als vielen seiner Zwillingsbauten in Berlin sah man dem Umspannwerk an der Münsterschen Straße in Wilmersdorf sein Hightech-Innenleben kaum an. 1922 für einen der Bewag-Vorgänger, den Elektrizitätswerken Südwest, erbaut, verschwanden Transformatoren und Schaltanlagen hinter der repräsentativen Scheinfassade eines villenartigen Bürgerhauses. Mehrere Jahrzehnte versorgte das Gebäude Betriebe und Anwohner mit Strom, bevor ein modernes Umspannwerk auf dem Nachbargrundstück zur Stilllegung der Anlage führte. Hinter dem Dreiecksgiebel versank das ehemalige Umspannwerk in einen langwährenden Dornröschenschlaf, bevor es in den 2000er-Jahren eine neue Funktion erhielt. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

Auch interessant

Das sind die Fakten zum Umspannwerk Münstersche Straße im Überblick:

  • Adresse: Münstersche Straße 6, 10709 Berlin-Wilmersdorf
  • Geschichte: 1922 nach Plänen des Architekten Otto Hanke als Umspannwerk für die Elektrizitätswerk Südwest AG errichtet; 1938 von der Berliner Kraft- und Licht (Bewag)-AG übernommen, diente das Gebäude später als Lichtlabor für die Straßenbeleuchtung, bevor es 1974 stillgelegt wurde; danach Leerstand
  • Führungen: Das heutige jüdische Gemeinde- und Familienzentrum in dem ehemaligen Umspannwerk ist für die Öffentlichkeit zugänglich und verfügt über ein Berlin-Besucherzentrum. Hier gibt es weitere Informationen zur jüdischen Gemeinde Chabad Berlin
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place. 2007 wurde das leerstehende Umspannwerk zum jüdischen Bildungs- und Familienzentrum mit Synagoge und Tora-Kolleg der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin e.V. umgebaut

Wo lag das Umspannwerk Münstersche Straße genau?

Das Umspannwerk lag der Adresse Münstersche Straße 6 im Ortsteil Wilmersdorf des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: F8V5+G2 Berlin. Das Grundstück kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten vom U-Bahnhof Konstanzer Straße (U7) erreicht werden. Von der U-Bahnstation ist das Gebäude nur einen etwa zweiminütigen Fußweg entlang der Brandenburgischen und Münsterschen Straße entfernt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Umspannwerks Münstersche Straße:

Ausgangslage: Die boomende Elektrifizierung der Hauptstadt

Berlin, Potsdamer Pl.,Elektr.Bel. 1884 - Berlin / Potsdamer Platz / Streetlights - Berlin, Potsdamer Platz, clairage 1884
Gemälde von Carl Saltzmann: Erste elektrische Straßenbeleuchtung am Potsdamer Platz in Berlin (1884). In den 1920er- und 1930er-Jahren galt Berlin als „bestbeleuchtete Stadt der Welt“.© picture-alliance / akg-images | akg-images

Anfang des 20. entwickelte sich Berlin zu einem Hotspot der Elektrizitätswirtschaft und in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren – so titelte die „New York Times“ – zur „best-beleuchteten Stadt der Welt“. Um das glitzernde und leuchtende Wunder an der Spree zu ermöglichen, war eine stetige Erneuerung des nicht selten überlasteten Stromnetzes erforderlich.

Kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert ließ die Berliner Elektrizitätsgesellschaft (Bewag) und ihre Vorgänger in den Randbezirken dafür ein Netz von Umformwerken errichten. Im grünen Umland dauerte es oft länger mit der Elektrifizierung, doch auch in Schöneberg – damals noch eigenständige Stadt vor den Toren Berlins – sprang der Funke um die Jahrhundertwende über und die Grundlagen einer eigenen Stromversorgung für den Südwesten Berlins wurden gelegt.

Elektrizitätswerk Südwest AG: Strom für den Südwesten Berlins

1898 nahm der Magistrat der am südlichen Stadtrand von Berlin gelegenen Gemeinde Schöneberg die Planung für den Aufbau einer eigenen öffentlichen Stromversorgung in die Hand. In Konkurrenz mit Berlin und anderen Gemeinden im Umland sollte die Elektrifizierung Industrien und neue Bewohner in die Vorstadt locken und neben Strom zugleich neue Steuereinnahmen für die Stadtkasse generieren. 1899 fiel die Entscheidung, die Elektrizitätsversorgung nicht in eigener Regie aufzubauen, sondern das Risiko einer privatwirtschaftlichen Gesellschaft zu übertragen. Noch im selben Jahr wurde die „Elektrizitätswerk Südwest AG“ als Tochter der Gesellschaft für elektrische Unternehmungen (Gesfürel) gegründet, die mit dem Aufbau der Infrastruktur für die Stromversorgung Schönebergs begann.

Ein erstes Kraftwerk entstand am heutigen Tempelhofer Weg und – mit der rasant wachsenden Stromnachfrage in den 1910er-Jahren – ein zweites, 1911 in Betrieb genommenes Kraftwerk an der Forckenbeckstraße in Wilmersdorf. Im Verbundbetrieb ermöglichten die Kraftwerke die Stromversorgung von Schöneberg, Wilmersdorf und weiterer, angrenzender Gemeinden zu sichern. Für den sicheren Netzbetrieb wurden Unterstationen und Umspannwerke benötigt, in denen der von den Großkraftwerken gelieferte Starkstrom auf die lokale Verteilungsspannung abgespannt wurde. Eines von diesen, in den 1920er-Jahren errichteten Anlagen war das Umspannwerk an der Münsterschen Straße.

Umspannwerk Münstersche Straße: Das war die Aufgabe der Station

1920 waren mit dem Groß-Berlin-Gesetz Schöneberg und Wilmersdorf in das Stadtgebiet Berlins eingemeindet worden. Damit gingen neue Herausforderungen für die Vereinheitlichung des Stromnetzes einher. Das Umspannwerk an der Münsterschen Straße war Bestandteil des in den 1920er-Jahren aufgebauten 30-Kilovolt-Kabelnetzes, das dem bisherigen Berliner 6000 Volt-Versorgungsnetz überlagert wurde und nun die Verbindung zwischen den Berliner Kraftwerken und den neu errichteten Abspannwerken in den Stadtteilen herstellte. Die höhere Spannung hatte den Vorteil, Übertragungsverluste zu minimieren, musste aber für die Netze vor Ort auf niedrigere Spannungen transformiert werden.

In den neuen Umspannwerken wurde der Drehstrom der städtischen Kraftwerke für industrielle Abnehmer auf 6 Kilovolt abgespannt. Dazu waren riesige Hallen von Transformatoren nötig, die durch Öl und Luft gekühlt werden mussten. In den Werken befanden sich Einrichtungen zur Mess- und Regeltechnik und Schaltanlagen als „Knotenpunkte“, in denen die eigentliche Stromverteilung und das Zusammenfassen von Lasten und Verbrauchern erfolgte. Abnehmer für den Strom waren unter anderem die U-Bahn und die Schwerindustrie. Über weitere Zwischenstationen wurde die Straßenbahn, die Straßenbeleuchtung, Kleinindustrien und Haushalte versorgt.

Umspannwerk Münstersche Straße: So war das Bauwerk konzipiert

Berlin, BEWAG-Umspannwerk Moabit / Foto - -
Die für die Stadt Berlin in den 1920er-Jahren errichteten Umspannwerke waren im Gegensatz zum Umspannwerk Münstersche Straße im Stil meist dem Ziegelexpressionismus verpflichtet. Ansicht der Bewag-Umspannwerks „Leibnitz“ in Moabit, Fotografie um 1928.© picture-alliance / akg-images | akg-images

Die Pläne für das Umspannwerk lieferte der Schöneberger Architekt Otto Hanke. Für das technische Innenleben und die Raumaufteilung war der Chef-Bauingenieur der „Elektrizitätswerke Südwest“ Gerhard Mensch (1880–1940) verantwortlich. Auf einer Grundfläche von knapp 550 Quadratmetern wurde auf dem 4400 Quadratmeter großen Grundstück an der Münsterschen Straße 5–6 ein zweigeschossiges Gebäude errichtet, das als 6-Kilovolt-Umspannwerk 1922 in Betrieb ging.

Anders als viele der zeitgleich in Berlin durch den Bewag-Chefarchitekten Hans Heinrich Müller (1879–1951) errichteten Umspannwerke wurde die Anlage im Wilmersdorfer Wohngebiet nahe dem Preußenpark nicht als expressionistischer Ziegelbau errichtet, sondern im Stil eines städtischen Villenhauses mit weiß verputzter Fassade. Mit der an klassischen Vorbildern orientierten Gestaltung mit flach angelegter Pilasterordnung und Dreiecksgiebel war es möglich, das Gebäude perfekt in die Umgebung aus repräsentativen Wohnhäusern einzugliedern. Die Erscheinung des Bauwerks mit aufwendig gestalteter Schaufassade ließ keinerlei Rückschlüsse auf das komplizierte, technische Innenleben zu.

Umspannwerk Münstersche Straße: 1938 übernahm die Bewag

In einem ebenfalls repräsentativ gestalteten, seitlichen Vorbau befanden sich die Transformatorenkammern – das Herz der Anlage. Mit ihrer Hilfe fand die Wandlung der Netzspannung statt. Die Transformatoren bestanden aus zwei elektrisch voneinander isolierten Spulen aus Kupfer oder Aluminiumdraht, die um einen Eisenkern gewickelt waren. Sobald der Strom durch die erste Spule floss, entstand im Trafo ein Magnetfeld, das in der zweiten Spule einen Stromfluss mit geringerer Spannung erzeugte.

Über Sammelschienen und den angeschlossenen Leitungsanlagen im Schalthaus wurde der Strom weiterverteilt. Die Schaltanlage ermöglichte verschiedene Stromkreise zu bündeln oder voneinander zu trennen. Im Fall einer Störung konnte mittels Trenn- und Leistungsschaltern einzelne Anlagenteile des Umspannwerks abgeschaltet werden, um Folgestörungen oder Schäden am Stromnetz zu verhindern. Im Zuge der Vereinheitlichung der Elektrizitätsversorgung wurde der Betreiber, die Südwest AG, 1938 mit der „Berliner Kraft- und Licht (Bewag)-AG“ fusioniert. Die Anlage in der Münsterschen Straße wurde von der Bewag übernommen.

Umspannwerk Münstersche Straße: Spannung im Ost-West-Konflikt

Bewag Umspannwerk, Mauerstraße
Für die Energieversorgung des isolierten Westberlins musste die Technik der Stromversorgung modernisiert werden: Blick in die Warte des 1928 errichteten Umspannwerks Mauerstraße, Foto, Juli 2000.© picture-alliance / Berliner_Zeitung | Fröhling Mike

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das Gebäude in einer Ruinenlandschaft ausgebombter Häuser. Vier der Nachbargebäude waren durch Bomben getroffen worden. Das Umspannwerk nahm währenddessen keine nennenswerten Schäden und konnte nach dem Krieg nahtlos weiterbetrieben werden. Wilmersdorf gehörte jetzt zusammen mit den Bezirken Charlottenburg, Spandau und Tiergarten zur britischen Besatzungszone der geteilten Stadt, deren Energieversorgung im Kalten Krieg zu einem umkämpften Schauplatz der Blockkonfrontation wurde.

Die Spannungen führten 1948 zur Spaltung der Bewag und gipfelten darin, dass die DDR-Führung am 5. März 1952 kurzerhand die Stromversorgung für den Westteil der Stadt abtrennen ließ. Offizielle Begründung: Die in den Westen führenden Stromleitungen hätten Störungen im ostdeutschen Netz verursacht. In der Folge musste die westliche Teilstadt als „autonomer Inselbetrieb“ ohne Verbindung zu überregionalen Hochspannungsnetzen vollkommen neu gedacht und geplant werden. Es war die Stunde neuer Kraftwerksbauten und dem Ausbau und der Verstärkung der bestehenden Infrastruktur im Westteil der Stadt. In den 1950er-Jahren wurde im hinteren Grundstücksteil am Umspannwerk Münstersche Straße ein dreigeschossiger Ergänzungsbau errichtet, der an den Bestandsbau angrenzte und dessen Baustil aufgriff.

Umspannwerk Münstersche Straße: Forschung für die Straßenbeleuchtung Westberlins

Bis in die 1970er-Jahre fungierte die Anlage in Wilmersdorf als Umspannwerk, Trafostation und später auch als Bewag-Lichtlabor für Straßenbeleuchtung. Messtechniken wurden eingesetzt, um verschiedene Parameter wie Lichtstärke, Energieeffizienz, Leuchtdichte, und Blendungseffekte zu messen und zu analysieren. Die gewonnenen Daten dienten der Entwicklung und Qualitätsprüfung von Licht- und Beleuchtungssystemen im Straßenverkehr.

Fast drei Jahrzehnte lang hatte das Umspannwerk an der Münsterschen Straße nach Kriegsende dabei geholfen, die Stromversorgung des isolierten Westberlins aufrecht zu erhalten und die örtlichen Abnehmer verlässlich mit Energie zu versorgen, bis eine erneute Modernisierung der Netze in den 1970er-Jahren zu seiner Abschaltung führte. Das alte 30/6-Kilovolt-Verteilungsnetz in Westberlin wurde durch ein 110/10-Kilovolt-Spannungsnetz abgelöst.

Die Vorkriegsanlagen aus den 20er- und 30er-Jahren passten nicht mehr zu dem stark verringerten Raumbedarf und den veränderten Anforderungen an die Gebäudetechnik. 1974 ging das Umspannwerk in Wilmersdorf vom Netz, nachdem die Bewag auf dem benachbarten Grundstück Münstersche Straße 5 eine neue platzsparende Anlage hatte errichten lassen. Mit der Inbetriebnahme des modernen Bewag-Werks wurde das ältere Umspannwerk in seiner technischen Funktion aufgegeben: Nachdem die Anlage beräumt worden war, fiel das leerstehende Gebäude – für das die Bewag lange Zeit kein geeignetes Nachnutzungskonzept fand – in einen Jahrzehnte währenden Dornröschenschlaf.

Umspannwerk Münstersche Straße: Lost Place seit den 1970er-Jahren

Eröffnung jüdisches Bildungszentrum
Nach dem Umbau: Das Bildungszentrum der orthodoxen jüdischen Bewegung „Chabad Lubawitsch“ während der Einweihung am 2. September 2007 im Berliner Stadtteil Wilmersdorf.© picture-alliance/ dpa | Wolfgang Kumm

Zwar waren die elektronischen Anlagen zurückgebaut, das Werk vor unerlaubtem Eindringen geschützt und es fand eine Gebäudewartung statt, so dass sich Schäden durch Vandalismus – herausgebrochene Einbauten, vermüllte Böden, Graffiti und Metalldiebstahl wie sie an vergleichbaren Lost Places in Berlin zu finden sind – in Grenzen hielten, dennoch setzte der Verfall der Bausubstanz mit der Zeit zu. Erst lange nach der Wiedervereinigung in den 2000er-Jahren zeichnete sich eine neue Verwendung für die verwaiste Immobilie ab.

Die nicht unter Denkmalschutz stehende Elektrostation wurde im Jahr 2004 von der Szloma-Albam-Stiftung erworben und für neunundneunzig Jahre dem Berliner Zweig der orthodox-jüdischen Organisation „Chabad Lubawitsch“ zur Verfügung gestellt. Der Plan: Auf dem Gelände sollte ein Bildungs- und Familienzentrum mit Synagoge, Kita und Medienzentrum für die wachsende chassidische Gemeinde in Berlin entstehen; endlich konnte damit begonnen werden, der einstige Transformatorenhalle wieder Leben einzuhauchen, wenn auch in vollkommen neuer Gestalt.

Umspannwerk Münstersche Straße: Toraschrein statt Trafozellen

Eröffnung jüdisches Bildungszentrum
Eröffnung und Einweihung der Synagoge und des jüdischen Bildungszentrums 2007. Der nussvertäfelte Gebetsraum bietet Platz für rund 250 Besucher.© picture-alliance/ dpa | Wolfgang Kumm

Für den Synagogenbau wie auch für die Planung des Bildungszentrums gewann der Gründer der Jüdischen Gemeinde Chabad-Berlin, Yehuda Teichtal, den russischen Stararchitekten Sergei Tchoban. Dessen Architekturbüro „Tchoban Voss Architekten“ hatte in Berlin bereits Prestigebauten wie das Multiplexkino „Cubix“, das Döblinhaus am Alexanderplatz, das „DomAquarée“ in Mitte und die „Mall of Berlin“ am Leipziger Platz realisiert. 2005 begannen an der Münsterschen Straße die Umbauarbeiten am ehemaligen Umspannwerk für das neue Zentrum mit 2500 Quadratmetern Nutzfläche.

Nach zwei Jahren Bauzeit konnte die Synagoge und das Bildungszentrum 2007 eröffnet werden: Die Gebäudestruktur und -fassade blieb beim Umbau weitestgehend erhalten, lediglich zur Straße wurde ein repräsentativer Eingang eingerichtet. Die ehemalige Transformatorenhalle wurde zur orthodoxen Synagoge ausgebaut und im Untergeschoss ein traditionelles jüdisches Ritualbad eingerichtet. Seminarräume, eine Bibliothek, ein Raum für Kindergottesdienste, ein Café, ein Judaica-Laden und ein Festsaal mit angeschlossener koscherer Küche bieten seit der Eröffnung des Gemeindezentrums Platz für verschiedenste religiöse und kulturelle Veranstaltungen.

Fünf Millionen Euro betrugen die Baukosten für den Umbau. Bei der Einrichtung handelt es sich um eine der größten jüdischen Bildungszentren in Europa und eine Begegnungsstätte verschiedener Kulturen. Im Februar 2007 wurde mit einer feierlichen Zeremonie die Tora-Rolle eingeführt. Der Einweihung des Zentrums im September 2007 wohnte der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bei.