Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind Bunker wieder zum Thema geworden. In Berlin gab es nach dem Zweiten Weltkrieg noch rund 360 Schutzbauten, die errichtet worden sind, um die Bevölkerung vor Luftangriffen zu schützen. Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung, was aber nicht bei allen gelang. Einer der verfallenen Betonkolosse, der in Westberlin seit Jahrzehnten vor sich hin rottet und an die Schrecken von Krieg und Gewaltherrschaft mahnt: der Flachbunker an der Ruthstraße in Lankwitz. Alle Infos zu dem Lost Place.

Das sind die Fakten zum Flachbunker Ruthstraße im Überblick:

  • Adresse: Ruthstraße 2-6, 12247 Berlin-Lankwitz
  • Geschichte: Anfang der 1940er-Jahren als Luftschutzbunker errichtet; in der Nachkriegszeit von den Alliierten kurzzeitig als Depot genutzt; anschließend Leerstand
  • Bunkertyp: Flachbunker vom Typ 2D mit 18 Kammern; Schutzkapazität für rund 150 Personen
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place

Wo liegt der Bunker genau?

Der Bunker befindet sich an der Adresse Ruthstraße 2–6 im Ortsteil Steglitz des Bezirks Steglitz-Zehlendorf, auf Gelände, auf dem das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf einen Werkhof des Natur- und Grünflächenamtes unterhält. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: C8PQ+2R5 Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit den Buslinien 184, 284 und N84 (Haltestelle Dillgesstraße) zu erreichen. Von der Busstation ist es ein rund vierminütiger Fußweg entlang der Ruthstraße bis zu dem Bunkergrundstück. Achtung: Der Bunker ist nicht öffentlich zugänglich. Es handelt sich um Privatgelände. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Flachbunkers Ruthstraße:

Ausgangslage: Luftschutz-Sofortprogramm für Berlin im Zweiten Weltkrieg

Nachrichtenhelferinnen b. Unterricht.
Vorbereitung auf den Luftkrieg: Unterricht im Selbstschutz mit der Volksgasmaske „VM 37“ in einer Luftschutzschule in Berlin. Foto vom 23. September 1939.© picture alliance / akg-images | akg-images

Als 1940 Luftangriffe der Alliierten erstmals die Reichshauptstadt trafen, reagierte die NS-Führung hektisch mit einem Bunkerbau-Sofortprogramm: Betonbauten schossen in Berlin aus dem Boden. Unter der Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak, Nachrichten- und Kommandobunker.

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In Lankwitz im Südwesten Berlins entstanden eine Reihe von Bunkern in der Nähe der großen Kasernenstandorte: Der Kraftfahrer-Kaserne „Emmichblock“ an der heutigen Malteserstraße und der Kaserne der preußischen Fahrabteilung „Hindenburgblock“ an der Eiswaldtstraße. Sie sollten vorrangig die dort stationierten Soldaten des Flakregiments 12 schützen. In den Wohngebieten der Villen- und Wohnsiedlung am Stadtrand wurden Anfang der 1940er-Jahre außerdem mehrere kleinere Bunker für die Zivilverteidigung gebaut. Einer von ihnen war der Flachbunker an der Ruthstraße.

Flachbunker Ruthstraße: Schutzbau der „ersten Welle“

Der Bunker gehörte zur „ersten Welle“ der während des Bunker-Sofortprogramms von 1940/1941 in Berlin errichteten Schutzbauten. Insgesamt waren es an die 1000 Anlagen, die gebaut wurden, wovon etwa 500 Flachbunker für einhundert bis dreihundert Personen in dicht besiedelten Wohngebieten entstanden. Die Schlüssel für eine Kammer mit jeweils zwei 3-Stockbetten wurde bevorzugt an kinderreiche Familien aus der Umgebung vergeben. Zusätzlich gab es zumeist Aufenthalts- und Sanitärräume sowie Schleusen, Räume für die Bunkertechnik und für das Luftschutzpersonal beziehungsweise den Bunkerwart.

Der Baugrund an der damaligen Marienstraße – sie wurde erst 1960 in Ruthstraße umbenannt – gehörte zum Gelände eines städtischen Pumpwerks, dessen Zugang sich an der Charlottenstraße befand. Im Südosten des Grundstücks wurde ein mehrere Hundert Quadratmeter großes, zuvor unbebautes Gelände für den Bunkerbau bereitgestellt. In dem unterirdischen Schutzbauwerk sollten bei Fliegeralarm Arbeiter des Pumpwerks sowie die Anwohner der umgebenden Wohnsiedlungen Zuflucht finden. Anfang der 1940er-Jahre begannen die Arbeiten an dem Stahlbetongiganten.

Flachbunker Ruthstraße: So war der Bunker aufgebaut

Gedenkveranstaltung des Vereins Berliner Unterwelten
Die Zellen der Schutzbunker waren mit dreistöckigen Betten ausgestattet: Die Aufnahme entstand am 3. Februar 2025 bei der Gedenkveranstaltung des Vereins Berliner Unterwelten zum Auftakt des Gedenkjahres „80 Jahre Kriegsende" in der Bunker- und Tunnelanlage unter der Dresdener Straße zwischen Berlin-Mitte und Kreuzberg. © picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Bei dem Anfang der 1940er-Jahre errichteten Bunker handelte es sich um einen standardisierten Flachbunker vom Typ 2D – auch Mutter-Kind-Bunker genannt. Er verfügte im Inneren über insgesamt 18 Schutzzellen und war mit seiner Stirnseite an der Straßenflucht Ruthstraße ausgerichtet. Die Länge und Breite des Bauwerks betrugen rund 30 mal 18 Meter auf einer Baufläche von gut 500 Quadratmetern. Die Deckenstärke betrug 1,40 Meter; die Wandstärke aus massivem Stahlbeton 1,80 Meter. Mehrere seitliche Zugänge führten über Treppen unter die Erde ins Innere des Schutzbauwerks.

Mächtige Bunkertüren mit Sichtlöchern riegelten jeweils die dahinterliegenden Schutzräume hermetisch ab. Vorbei an Sanitärräumen und der Bunkeraufsicht führten im Inneren zwei parallele Gänge mit je sechs Kammern sowie einer Kammerzeile in der Mitte zum hinteren Ausgang. Dort gab es einen größeren Aufenthaltsraum, einen Sanitärraum, einen Heizungsraum, einen großen Sandfilter, Lüftungsgeräte und Schutztüren, die die zweite Schleuse des hinteren Notausgangs sicherten. Es gab Toiletten, einen Wasserzulauf und einen Generator für Elektrizität.

Flachbunker Ruthstraße: Schutz unter meterdickem Stahlbeton

Bei Luftalarm liefen Familien mit ihren Kindern zu dem Bunker an der Ruthstraße, in dessen schützenden Wänden ihnen – sofern sie einen Berechtigungsschein hatten und sie den Bunker rechtzeitig erreichten – reservierte Schlafräume zur Verfügung standen. Für die älteren Anwohner oder auch zufällig Schutz suchenden Passanten gab es größere Räume mit Holzbänken. Der Einlass wurde durch Luftschutzpersonal geregelt. Wer nach Fliegeralarm die zumeist überfüllten Bunker nicht rechtzeitig erreichte, stand vor verschlossenen Türen. Doch auch im Inneren herrschte häufig beklemmende Todesangst.

Die Rettungswege im Bunker wurden mit im Dunkeln leuchtender Farbe gekennzeichnet. So konnte Fluchtwege auch bei einem Totalausfall der Bunkertechnik noch genutzt werden. Bei nahen Bombeneinschlägen bebten die Bunkerwände, von den Decken rieselte Staub, der durch die engen Gänge waberte und die Elektrik und das Licht fielen für Sekunden aus. Vereinzelt kam es in den Bunkern Berlins durch bloße Überfüllung, Gedränge und Tumulte zu Todesfällen, ohne dass ein Bombentreffer oder das Kriegsgeschehen außerhalb der Bunkerwände hierfür eine unmittelbare Rolle spielte.

Flachbunker Ruthstraße: Anlage rettete Anwohner vor Bombensturm

Luftschutzkeller während des Zweiten Weltkrieges in Berlin, 1943
Einwohner Berlins während eines Luftangriffes in einem öffentlichen Luftschutzbunker im November 1943.© picture alliance / SZ Photo | Scherl

Als sich in den letzten Kriegsjahren die Bombenangriffe auf Berlin verstärkten, wurden bomben-, trümmer- und splittersichere Luftschutzbauten als Zuflucht für die Bevölkerung immer wichtiger. Sirenen, gepackte Koffer und Nächte in dichtgedrängten Schutzbunkern gehörten zum Alltag in der Reichshauptstadt. Der Bunker an der Ruthstraße erhielt während des Bombensturms des Zweiten Weltkriegs zwar keinen direkten Treffer – er rettete aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Anwohnern das Leben, die sich während der ab 1943 verstärkten Bombardements in die betonbewehrten Räume des Stahlbetongiganten flüchten konnten.

Besonders verheerend war für den Südwesten Berlins der Angriff in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 – die sogenannte Lankwitzer Bombennacht. Ein fehlgeleiteter Angriff, der eigentlich dem Stadtzentrum Berlins galt, bedeutete das Ende des bis dahin bekannten Lankwitz. Die zum Verband gehörenden Aufklärungsflugzeuge konnten trotz ihres neuen Radarsystems H2S in dieser Nacht nicht, wie beabsichtigt, das Zentralgebiet Berlins identifizieren und markierten so versehentlich Gebiete der südlichen Reichshauptstadt mit schwebenden Leuchtmitteln, die von den Berlinern umgangssprachlich „Christbäume“ genannt wurden.

Als die Bomberstaffeln die markierten Abwurfstellen erreichten, ging ein Hagel aus Sprengbomben, Luftminen und Brandbomben über Lankwitz nieder. 44 Minuten lang dauerte das Inferno aus der Luft. Aus 727 britischen Flugzeugen fielen die Bomben; Lankwitz wurde zu 85 Prozent zerstört.

Flachbunker Ruthstraße: Letzte Zuflucht in der Schlacht um Berlin 1945

Zweiter Weltkrieg - Suppenküche Berlin 1945
Sowjetische Soldaten der Roten Armee geben aus einer Feldküche warme Mahlzeiten an die Berliner Zivilbevölkerung aus, aufgenommen im Mai 1945.© picture alliance / zb | Agentur Voller Ernst

Im Frühjahr 1945 erreichten Verbände der Roten Armee Berlin und lieferten sich ein Wettrennen um die Einnahme der Stadt. Vom Norden rückte Marschall Georgi Schukow (1896–1974) mit Verbänden der 1. Weißrussischen Front von Marzahn aus in Richtung Innenstadt vor. Im Südwesten drangen Truppen von Marschall Iwan Konew (1897–1973) in das Stadtgebiet vor. Am 22. April 1945 standen erste Einheiten am Teltowkanal. Pioniereinheiten erreichten am Abend Lichterfelde, Marienfeld und Lankwitz und drangen mit Panzern in die Wohngebiete vor.

Trotz des Versuchs von versprengten Wehrmachtssoldaten und NS-Funktionären – im Volksmund wegen ihrer goldbraunen Uniform „Goldfasane“ genannt – Zivilbunker in das Kampfgeschehen miteinzubeziehen und Waffen an die Bunkerinsassen zu verteilen, verlief die Übergabe der Berliner Schutzbunker in der Regel friedlich. Auch im Marienbunker an der Ruthstraße kam es zu keinem Schusswechsel. Zeitzeugen, die sich vor dem Kriegsgeschehen in den Bunker gerettet hatten, schilderten später die dramatische Situation im Bunker.

Angsterfüllt hatten die Bunkerinsassen sich vor dem Ansturm der Rotarmisten in den Zellen zusammengekauert. „Dann kam ein riesengroßer Russe in den Bunker, nahm sich das erstbeste Kind auf den Arm und sagte: ‚Keine Angst, wir tun nichts. Sie sehen, ich habe das Kind auf dem Arm. Wir sind nur Leute, die gut sind, wir wollen nichts Böses.‘“ Das bange Erwarten wich Erleichterung. Danach wurden alle Bunkerinsassen nach Hause geschickt.*

Flachbunker Ruthstraße: Sprengung von Berlins Bunkern nach dem Krieg

Berlin, Mauerstraße / Bunkersprengung 1947
Die Alliierten befahlen die Sprengung der Berliner Bunker, was nicht bei allen gelang Sprengung des Bunkers der Gauleitung der NSDAP in der Mauerstraße (Berlin-Mitte) 1947.© picture alliance / akg-images | akg-images

Nach Kriegsende gehörte Lankwitz als Ortsteil von Steglitz zusammen mit den Bezirken Tempelhof, Zehlendorf, Schöneberg, Neukölln und Kreuzberg zum US-amerikanischen Sektor der geteilten Stadt. Mehr als die Hälfte der Bunker und Luftschutzstollen Berlins wurden im Rahmen der Entmilitarisierung durch die Alliierten bis 1948 abgebaut oder gesprengt. Die Zivilbevölkerung reagierte mit Unverständnis: Schließlich gehörten die Bunker in manchen Stadtteilen zu den wenigen noch intakten kommunalen Bauwerken. In den ersten Nachkriegsmonaten fanden in ihnen ausgebombte Familien, Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Kälteopfer einen Unterschlupf. Für die Beseitigung der Stahlbetongiganten waren Tonnen an Sprengstoff nötig.

Überall in der Stadt detonierten Sprengladungen – doch viele der Betonkolosse hielten den Abrissmaßnahmen stand; manche wurden kurzerhand zugeschüttet oder erhielten eine zivile Funktion als Notunterkunft oder als Lager für Lebensmitteln, Hausrat oder für Mittel des täglichen Bedarfs. Die gleichbleibenden Temperaturen unter Erde und hinter meterdickem Beton boten sich für diese Zwecke an. Auch der Bunker an der Ruthstraße blieb erhalten und wurde in der Nachkriegszeit eine Zeitlang als Depot genutzt, bevor er stillgelegt wurde.

Flachbunker Ruthstraße: Lost Place seit der Nachkriegszeit 

Aus dem Gelände des ehemaligen Pumpwerks wurde in den 1960er-Jahren eine städtische Gärtnerei. Der Weltkriegsbunker auf dem Areal erlebte, außer als Unterstellmöglichkeit für Geräte, keine Verwendung mehr. Jahrzehnte lang fristete das in Beton gegossene Weltkriegsbollwerk im Süden Berlins während der Friedensjahre der Bonner Republik ein Schattendasein.

In den 1980er-Jahren wurde noch einmal erwogen die Liegenschaft im Landesbesitz zu reaktivieren und zu einem Probenraum für Musiker umzufunktionieren – damals leistete sich der Senat einen Rockbeauftragten, der in Westberlin alte Bunkeranlagen auf ihre Eignung als Werkstatträume für Musiker und Bands prüfen ließ. In den ehemaligen Schutzzellen hätten Rockbands ihre Gigs perfektionieren können, ohne dass allzu viel Lärm aus den meterdicken Betonwänden nach außen gedrungen wäre. Doch zu einem Ausbau des Bunkers an der Ruthstraße kam es nicht. Zu aufwendig wäre die Instandsetzung gewesen.

Flachbunker Ruthstraße: Vergessenes Kriegserbe neben Kita und Werkhof

Bis heute verblieb das Weltkriegsbollwerk ein Lost Place in Lankwitz, an dem sich die Zeichen der Zeit inzwischen deutlich bemerkbar machen. Auch wenn die massive Bauweise nie den geringsten Zweifel an der Statik des Bauwerks aufkeimen ließ, macht der Bunker einen ramponierten Eindruck. An der Fassade ranken wildwuchernde Pflanzen empor; der Putz bröckelt und durch die verbliebenen Metallteile frisst sich der Rost.

Heute wird das Gelände rings um die verwaiste Stahlbetonruine vom Natur- und Grünflächenamt des Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf als Werk- und Ausbildungshof genutzt. Die massive Schutzdecke des Weltkriegsrelikt dient als Abstellfläche für Materialien des Werkhofs. Zwischen den vermoosten Lüftungsschächten des Ex-Luftschutzbunkers wurde mit Metallstreben eine Zelthalle aufgespannt.

Ein Nutzungskonzept wurde für das Weltkriegsrelikt im Landesbesitz nicht gefunden, ein Abriss ist kostspielig – und so wird der Bunker weiterhin als behelfsmäßige Abstellfläche auf dem Nachbargrundstück der Kindertagesstätte Ruthstraße dahinbröckeln. Der Sockel des Bunkers, in den sich einst Berliner vor den herannahenden Bomberstaffeln flüchteten und Nächte in Angst um ihr Leben verbrachten, sind verwittert und von tiefen Kerben und Rissen durchzogen. Daran gestapelt: ausrangierte Teile und Baumaterial.

An die dramatischen Szenen, die sich vor den Stahltüren des Bunkers einst im Bombenkrieg abspielten, erinnert heute kaum noch etwas. Erst in jüngster Zeit wurde mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine der Bevölkerungsschutz mittels Bunkeranlagen erneut zum politischen Thema in Deutschland. Die Frage, ob stillgelegte Bunker wieder reaktiviert werden sollen, wird seitdem in den Kommunen und im Bund diskutiert.

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*Zeitzeugenbericht zur Bunkerbefreiung an der Ruthstraße, in: Kunstamt Steglitz (Hrsg.): Alles Neu. 50 Jahre Kriegsende in Steglitz. Berlin 1995, S. 19.