Für alle Fälle: In den Spannungsjahren des Kalten Krieges erlebte der Bunkerbau im geteilten Berlin einen ungeahnten Boom. In Westberlin wurden große Anlagen für den Zivilschutz errichtet – wie die Mehrzweckanlage Kudamm-Karree, die im Ernstfall knapp 3600 Schutzsuchenden offen gestanden hätte; oder alte Weltkriegsbunker wurden modernisiert wie der Hochbunker Heckeshorn, den der Senat als Notfalloperationsbunker bereithielt. Auch Privatleute, Firmen und Bundeseinrichtungen begannen sich auf das Horrorszenario einer Eskalation des Ost-West-Konflikts vorzubereiten – und manche von ihnen, errichteten eigene Schutzanlagen. Einer, der tief unter der Erde verborgenen Schutzräume: der Werksbunker der Wasserwerke in Wilmersdorf. Die wichtigsten Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zum Wasserwerk-Bunker im Überblick:
- Adresse: Eisenzahnstraße 32, 10709 Berlin-Wilmersdorf
- Geschichte: 1964 als Werksbunker auf dem Gelände der damaligen Berliner Entwässerungswerke und Berliner Wasserwerke eingerichtet; in funktionalem Zustand bis in die 2000er-Jahre, danach Verfall
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place. Im Zuge von Neubaumaßnahmen in den 2010er-Jahren abgerissen und zurückgebaut
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Wo lag der Wasserwerk-Bunker genau?
Der Bunker lag an der Eisenzahnstraße 32 auf dem Grundstück der Deutschen Rentenversicherung Bund im Ortsteil Wilmersdorf des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit den Buslinien 115 und N3 (Haltestelle S Hohenzollerndamm) zu erreichen. Von der Bushaltestelle ist es ein rund dreiminütiger Weg bis zu dem Grundstück. Achtung: Der Bunker wurde im Rahmen eines Neubauprojekts restlos entfernt. Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Wasserwerk-Bunkers:
Ausgangslage: Bunkerbau im Berlin der 1960er-Jahre
Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich in Berlin noch rund 360 Bunker, die als Schutzräume vor Bombenangriffen für Hunderttausende ausgelegt waren. Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung, was aber nicht bei allen gelang. In den 1960er-Jahren erfolgte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ein Strategiewechsel: Der Mauerbau 1961 und die Kubakrise 1962 waren frisch in Erinnerung. Die Westalliierten stoppten den Abriss alter Bunkeranlagen, stattdessen erfolgten Instandsetzungen und der Bau neuer Mehrzweckanlagen. Die klassischen Luftschutzbunker wurden durch Atomschutzbunker ergänzt, die größeren Druckkräften und der Verseuchung und Verstrahlung von Gebieten standhalten sollten.

In Westberlin wurden elf erhaltene Weltkriegsbunker modernisiert, darunter der Hochbunker in Heckeshorn, der Tiefbunker in der Nicolaistraße in Steglitz und der Tiefbunker am Blochplatz in Wedding. Mit Abstand am meisten Schutzplätze hätte der bis Ende der 1980er-Jahre sanierte Hochbunker in der Pallasstraße in Schöneberg mit rund 4.800 Schutzplätzen geboten. Neue Mehrzweckanlagen entstanden in Tiefgaragen und Bahnanlagen wie der große Schutzbunker am Kudamm-Karree in Charlottenburg oder die Schutzbauten am U-Bahnhof Siemensdamm in Spandau.
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Wasserwerk-Bunker: Vorbereitungen auf den Katastrophenfall

Im Westteil Berlins standen bis Ende der 1980er-Jahre insgesamt sechszehn Anlagen mit einer Schutzkapazität für 25.000 Menschen bereit – damals rund ein Prozent der Bevölkerung der Stadt. Ob die Anlagen im Ernstfall wirklich das Überleben gesichert hätten, musste zum Glück nie bewiesen werden. Zumindest das Kudamm-Karree hätte nach offiziellen Angaben eine Kernwaffenexplosion in anderthalb Kilometer Entfernung standhalten sollen. Tausende Menschen hätten hier 14 Tage ausharren können – danach wäre die Energieversorgung und damit die Zufuhr von Frischluft ausgefallen.
Abseits der wenigen öffentlichen Schutzräume entstanden während der Bunkerbau-Manie seit den 60er-Jahre auch zahlreiche Privat- und Werksbunker mit unterschiedlichen Schutzgraden. Einer von ihnen: der geheime und massiv geschützte Bunkerbau im zweiten Kellergeschoss der Berliner Entwässerungswerke an der Eisenzahnstraße 32. Das Gebäude und der Schutzraum entstanden 1964 als Erweiterungsbau, der die älteren Bestandsbauten der Berliner Wasserwerke am Hohenzollerndamm 45 ergänzten.
Wasserwerk-Bunker: Gelände gehörte den Wasserbetrieben

Das Areal am Hohenzollerndamm und der Eisenzahnstraße, auf dem der spätere Erweiterungsbau errichtet wurde, gehörte seit den 1930er-Jahren zu städtischen Wasserbetrieben: Erst zur Charlottenburger Wasser- und Industriewerke AG und – nach deren Fusionierung mit den Städtischen Wasserwerken Berlins 1945 – zum Konglomerat der Berliner Wasserbetriebe. Zwischen 1938 und 1939 war nach Plänen des Architekten, Baurats und NSDAP-Mitglieds Carl Theodor Brodführer (1884–1960) das prominente Eckgebäude am Hohenzollerndamm 45 als Verwaltungssitz entstanden.
Infolge der Teilung Berlins nach dem Ende des Krieges musste auch die Wasserversorgung der Stadt neu konzipiert werden. In Westberlin führten mehrere Reorganisationen 1949 zur Trennung von Wasserversorgung, Stadtentwässerung und Abwasserbehandlung. 1964 entstand angrenzend an das 1953 erweiterte L-förmige Dienstgebäude der Berliner Wasserwerke – und mit diesem über eine Passage verbunden – ein aus zwei Baukörpern bestehender, etwa 120 Meter langer Neubau an der Eisenzahnstraße. Träger des sechs- und siebengeschossigen Verwaltungsbaus waren die Berliner Entwässerungswerke. Nur wenigen Planern und Arbeitern bekannt: der massive Schutzbau, den das Gebäude in seinem Untergeschoss verbarg.
Wasserwerk-Bunker: So war die Anlage aufgebaut
Die genauen Spezifikationen des Schutzbaus geben bis heute Rätsel auf. Welcher Personenkreis sollte mit der Bunkeranlage geschützt werden? Wie viele Menschen hätten an dem Standort über welchen Zeitraum ausharren können? Und auf welche Katastrophenszenarien bereiteten sich die Berliner Wasserwerke mit dem Schutzraum vor? Auch wenn die Details des Verwendungszwecks heute im Dunkeln liegen, wies die Ausstattung und die bauliche Ausführung des Schutzbaus mit Generatoren, eigenen Wasserkreisläufen und Luftfiltersystemen darauf hin, dass zumindest zeitweise ein autarker und hermetisch abgeschlossener Betrieb ermöglicht werden sollte.
Der Schutzbau befand sich im zweiten Kellergeschoss des Verwaltungsgebäudes an der Eisenzahnstraße 32. Die Eingänge wurde mit schweren stählernen Schutzraumtüren mit massiver Verriegelung gesichert. Dahinter lag ein Schleusenbereich mit Dekontaminationsdusche, von denen beklemmende Bunkergänge abzweigten, in denen über dem Putz eine verwirrende Vielfalt an Rohrleitungen lagen, die die Versorgung des inneren Schutzbereichs sicherstellten. Fluchtwegzeichen an den Wänden wiesen Schutzsuchenden in der verwinkelten Anlage den Weg.
Wasserwerk-Bunker: Ausgeklügeltes Innenleben sicherte den Schutzraum
Die drei wichtigsten Bereiche im Inneren waren der Batterieraum, der Maschinenraum und der Schutzraum mit Sanitärbereich, Toiletten, Duschen und Küche. Die Generatoren im Maschinenraum – darunter Notstrom-Dieselmotoren der „Daimler Benz AG“ aus dem Werk Marienwerder – sollten den Bunker mit Strom versorgen, sobald die Zuleitung über das Stromnetz nicht mehr möglich war.
Sie lieferten im Zweifel zusammen mit dem Batterieraum die Energie für das Telekommunikationssystem, die Bunkersteuerung und technische Einbauten wie das Heizungssystem und die Klimaanlage, aber auch das ausgeklügelte Lüftungssystem, das über eine zentrale Steuerung und über manuelle Schnellschlussklappen regulierbar war. Die Schnellschlussklappen konnten per Hand, elektrisch oder pneumatisch verriegelt werden und ermöglichten den Schutzraum gasdicht abzuriegeln.
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Wasserwerk-Bunker: Luft- und Wasserversorgung im Katastrophenfall

Die Lüftungsanlage stammte von dem Berliner Maschinenbauunternehmen „Turbon Werke GmbH“, das bis 1975 bestand und sich auf Be- und Entlüftungsanlagen für Industriewerke spezialisiert hatte, Reinräume konzipierte und Sonderventilatoren für die Kernkraftwerke der Bundesrepublik Deutschland herstellte. Im Normalbetrieb wurde Frischluft über Ansaugpumpen an den Notausstiegsschächten des Bunkers zugeführt. Zuluft-Armaturen dienten der gleichmäßigen Verteilung der zuvor über Schutzfilter gereinigten Außenluft.
Mittels spezieller Ansaugpumpen konnte Schutzluft zugeführt werden, die eigens von Gefahrenstoffen bereinigt war. Mit Überdruckventilen wurde die verbrauchte Luft abgeführt. Im Bunker herrschte ein leichter Überdruck, so dass beim Auftreten von Undichtigkeiten schädliche Stoffe nicht unmittelbar in den Schutzraum gelangen konnten. Der Bunker verfügte außerdem über einen eigenen Tiefenbrunnen, mit dem die Wasserzufuhr sichergestellt werden konnte, sobald die Versorgung über das Stadtwassersystem ausfiel.
Wasserwerk-Bunker: Gruseliger Lost Place nach der Wende
Der Verwaltungssitz in der Hohenzollernstraße wurde bis Anfang der 2000er-Jahre von den Berliner Wasserbetrieben als Bürogebäude genutzt. Noch immer zeugt die Bauskulptur einer Wasserträgerin über dem Eckportal von der ehemaligen Nutzung des denkmalgeschützten Gebäudes, das heute zum DRV Bund gehört. Der Bunker an der Eisenzahnstraße wurde wohl wenigstens einige Jahrzehnte in einem funktionalen Zustand gehalten, ohne dass ein Katastrophenfall eintrat. Spätestens mit der Wiedervereinigung 1990, dem Zerfall der Sowjetunion 1991 und dem Ende des Kalten Krieges wurde die Instandsetzung des in die Jahre gekommenen Baukörpers nicht mehr mit Eifer betrieben.
Zuletzt war der Bunker in einem beklagenswerten Zustand: Rost fraß sich durch die Rohrleitungen, Kabel hingen von der Decke, von den meterdicken Betonwänden blätterte der Putz, am Boden sammelte sich knöchel- bis wadentief das Brackwasser. Im Bunker stapelten sich alte Säcke Luftschutz-Filtersand; „atomstaubsicher“ nach DIN-Norm. Statt Schutz boten sich die unterirdischen Gänge nur noch als passable Kulisse für Horror- oder Endzeitfilme an. Ungeachtet seines morbiden Charmes war der Ort aber offenbar versteckt genug, so dass Vandalismus und mutwillige Zerstörung – wie sie an vergleichbaren Lost Places in Berlin vorkommen – unterblieben.
Wasserwerk-Bunker: DRV-Neubau besiegelte das Ende
In den 2000er-Jahren übernahm die Deutsche Rentenversicherung Bund das Gesamtgelände der Wasserwerke an der Eisenzahnstraße und plante hier den Neubau eines Verwaltungsgebäudes. Im Rahmen der Vorbereitungen für die Bauarbeiten wurde das 60er-Jahre Bürogebäude am Standort im Jahr 2012 restlos abgerissen. Das Bauwerk der Wasserbetriebe verschwand – und mit ihm auch der geheimnisvolle Bunker im Erdreich. Bis zur Grundsteinlegung Anfang 2013 war der Baugrund verfüllt und planiert. Heute steht der südlichste der rückwärtigen Flügel des DRV-Neubaus an dem Standort.
Das hellgraue, siebengeschossige Bürogebäude wurde bis 2014/2015 fertiggestellt. Rund 1000 Mitarbeiter haben das Haus bezogen. Neben den Büroarbeitsplätzen sind im neuen Gebäude auch die Druckerei sowie die Post- und Scanstelle der Rentenbehörde untergebracht. Von einem Atomschutzbunker unterhalb der neuen Dienststelle ist nichts bekannt – auch wenn hier ein Schutzraum sehr gut zu Norbert Blüms berühmten Satz „Die Rente ist sicher“ gepasst hätte.
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