Seit einem halben Jahrhundert bildeten sie die Skyline im Südwesten Berlins: die 158 Meter hohen Türme des alten Heizkraftwerks Lichterfelde am Teltowkanal. Seit den 1970er-Jahren wurden rund 100.000 Haushalte im Berliner Westen von dem Kraftwerk mit Strom und Fernwärme versorgt. Doch schon seit mehreren Jahren hatten die drei Türme hoch am Himmel von Lichterfelde keine Funktion mehr und bald werden sie verschwunden sein. Die wichtigsten Infos zu dem Lost Place.

Das sind die Fakten zum alten Heizkraftwerk Lichterfelde im Überblick:

  • Adresse: Ostpreußendamm 61, 12207 Berlin-Lichterfelde
  • Geschichte: 1970 ließ die Bewag das Heizkraftwerk am Hafen Lichterfelde errichten; 1972 ging es in Betrieb; die drei Heizblöcke wurden 1988 und in den 1990er-Jahren schrittweise von Schweröl auf Erdgas umgerüstet; 2016 wurde Block 2 vom Netz genommen und 2019 auch die Blöcke 1 und 3.
  • Führungen: Keine
  • Status: Lost Place. Das alte Heizkraftwerk soll bis 2026 zurückgebaut werden

Wo liegt das alte Heizkraftwerk Lichterfelde genau?

Das Heizkraftwerk Lichterfelde liegt am Teltowkanal an der Adresse Ostpreußendamm 61 im Ortsteil Lichterfelde des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Grundstück am besten mit den Buslinien 112, 184, N84, N88 (Haltestelle Ostpreußendamm / Osdorfer Straße). Von der Haltestelle ist es ein etwa siebenminütiger Fußweg entlang des Ostpreußendamms Richtung Teltowkanal. Achtung: Das Betreten des Heizkraftgeländes ist Unbefugten nicht erlaubt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Kraftwerks Lichterfelde

Ausgangslage: Die Teilung der Stadt nach 1945 trennt auch das Stromnetz

Blick auf das Heizkraftwerk Lichterfelde 2012
Blick auf das Heizkraftwerk Lichterfelde 2012.© picture alliance / ZB | Patrick Pleul | picture alliance / ZB | Patrick Pleul

Anfang des 20. Jahrhunderts versorgten zwei Kraftwerke – das Kraftwerk Moabit und das Großkraftwerk Oberspree – die elektrizitätshungrige Hauptstadt mit Strom. Schon bald entwickelte sich Berlin zu einem Hotspot der Elektrizitätswirtschaft und in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren – so titelte die York Times – zur "best-beleuchteten Stadt der Welt". Um das glitzernde und leuchtende Wunder an der Spree zu ermöglichen, war eine stetige Erneuerung des oft ausgelasteten und nicht selten überlasteten Stromnetzes erforderlich.

Immer mehr Kraftwerke in Berlin und seiner Umgebung schossen aus dem Boden. Dann kam die Zäsur: Mit der Teilung Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1952 auch das Berliner Stromnetz getrennt. In der Folge musste die westliche Teilstadt als "autonomer Inselbetrieb" ohne Verbindung zu übergeordneten Hochspannungsnetzen vollkommen neu gedacht und geplant werden. Es war die Stunde von neuen Kraftwerkstypen im Westen und Süden der Stadt. Eines von ihnen war das Heizkraftwerk Lichterfelde mit seinen drei ikonischen Schornsteinen am Teltowkanal, das seit den 1970er-Jahren die Berliner Haushalte zuverlässig mit Strom und Wärme versorgte.

Altes Heizkraftwerk Lichterfelde: Errichtung in den 1970er-Jahren

In Lichterfelde im Südwesten Berlins prägen Gründerzeitvillen, Alleen und Grünanlagen das Bild. Eine Landmarke, die mit seiner prägnanten Silhouette aus der Vorstadtidylle heraussticht: das Heizkraftwerk Lichterfelde am Ostpreußendamm. Es war ein typischer Kraftwerksneubau im Berlin des Kalten Krieges, als die gesamte Energie Westberlins ausschließlich hier erzeugt werden musste und der vierte Kraftwerksneubau der Bewag nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der Standort am Teltowkanal eignete sich perfekt für das Vorhaben: Zuvor hatte auf der Freifläche nördlich der Straße "Am Hafen" – der späteren Barnackstraße, die auf dem Gelände des Kraftwerks mit dem Neubau überbaut wurde – ein ehemaliges Pumpwerk gelegen. Nördlich des Geländes schloss sich der Hafen Lichterfelde an. Mit dem Bau des Kraftwerks wurde der Damm abgetragen, der den Hafen vom Kanal trennte, und über den ehemals die alte Treidelbahn verlief. Die Anlegestelle rüstete man für die Anlieferung von Heizmaterial um. 1970 begannen die Vorarbeiten auf dem Gelände und 1971 wurde mit der Errichtung des Kraftwerks Lichterfelde begonnen.

Altes Heizkraftwerk Lichterfelde: So war die Anlage aufgebaut

Sicht vom Teufelsberg aus Richtung Kraftwerk Lichterfelde
Sicht vom Teufelsberg aus Richtung Kraftwerk Lichterfelde© imago/Jürgen Ritter | imago stock

Das Kraftwerk Lichterfelde brach während seiner Betriebszeit einige Rekorde: Es war das erste Berliner Kraftwerk mit 150-Megawatt-Blöcken und das einzige ölbefeuerte Kraftwerk der Bundesrepublik Deutschland, das mit einer Rauchgasentschwefelung ausgerüstet wurde. Als Brennstoff kam anfangs Schweröl zum Einsatz, das in Tankschiffen über den Teltowkanal angeliefert wurde. 1972 erfolgte die Inbetriebnahme der Anlage, die in den folgenden Jahrzehnten bis zu 100.000 Haushalte im Westen und Süden Berlins mit Strom und Fernwärme versorgte.

Heizkraftwerke wie in Lichterfelde funktionieren nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung: Wie bei einem klassischen Dampfkraftwerk wird die Energie mit Hilfe eines geschlossenen Wasser-Dampf-Kreislaufes in Elektrizität umgewandelt. Eine Dampfturbine treibt dabei den Generator an. Anschließend wird der heiße Dampf aus der Turbine entnommen und über einen Wärmetauscher in ein Verteilersystem übertragen, das Privathaushalte und Industriebetriebe mit Wärmeenergie versorgt.

Die drei Turbogeneratoren des Heizkraftwerks Lichterfelde gingen zwischen 1972 und 1974 in Betrieb. Aus dem Dampfprozess zur Erzeugung der elektrischen Leistung von 450 Megawatt konnten zusätzlich 651 Megawatt thermische Energie zur Einspeisung in das Berliner Fernwärmenetz ausgekoppelt werden. Kurze Zeit nach Inbetriebnahme hatten die Westberliner ihr Kraftwerk so sehr ins Herz geschlossen, dass es 1975 als Motiv einer 140-Pfennig-Briefmarke der Dauermarkenserie Industrie und Technik verewigt wurde.

Altes Heizkraftwerk Lichterfelde: Modernisierungen und Umstellung auf Erdgas

Das Heizkraftwerk Lichterfelde am Teltowkanal.
Das Heizkraftwerk Lichterfelde am Teltowkanal© picture alliance / Caro | Muhs | picture alliance / Caro | Muhs

Im Jahr 1983 wurden Block 1 und Block 3 als erste und einzige ölbefeuerte Kraftwerke in der Bundesrepublik mit Rauchgasentschwefelungsanlagen (REA) ausgerüstet. Ab Ende der 1980er-Jahre erfolgten weitere Modernisierungen: In den Jahren 1988, 1997 und 1998 wurden die drei Heizblöcke schrittweise von Schweröl- auf Erdgasbefeuerung umgerüstet. Dafür musste das Kraftwerk zuvor über einen zwei Kilometer langen Abzweig an das Hochdruck-Gasversorgungsnetz Berlins angeschlossen werden.

Um den Ausstoß von Emissionen im smogbelasteten Berlin der 1990er-Jahre weiter zu verbessern, wurden die Blöcke 1 und 3 Anfang der 1990er-Jahre modernisiert und mit Entstickungsanlagen nachgerüstet, die Stickstoffoxide aus dem Abgas entfernen konnten. Nach der Umrüstung auf Erdgasfeuerung konnte der Betrieb der Entschwefelung eingestellt werden, der nun überflüssig geworden war.

Altes Heizkraftwerk Lichterfelde: 2019 wurden die letzten Kraftwerksblöcke stillgelegt

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Seit der Übernahme der Bewag in den 2000er-Jahren wurde das Heizkraftwerk von Vattenfall betrieben. Im Rahmen von Modernisierungsprogrammen für Berlin ließ der Konzern seit 2014 ein neues Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerk auf dem Gelände errichten – mit dem Ziel, die Effizienz der Erdgasbefeuerung der Anlage von 70 auf 90 Prozent zu erhöhen und damit rund 170.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einzusparen. Im Vorfeld wurde bereits 2012 mit dem Bau einer Heißwasseranlage begonnen, die die Fernwärmeversorgung des Kraftwerks an kalten Tagen unterstützen soll.

Mit dem Beginn des Neubaus waren die Tage des alten Heizkraftwerks Lichterfelde gezählt. Die drei Türme, die für viele als Landmarke untrennbar mit dem Südwesten Berlins verbunden waren, wird es bald nicht mehr geben. Nach und nach wurde die Anlage in den 2010er-Jahren stillgelegt. Den Anfang machte Block 2, der 2016 außer Betrieb gestellt wurde. Nach der Fertigstellung des neuen Kraftwerks folgten auch die anderen beiden Blöcke, die 2019 abgeschaltet wurden. Das Heizkraftwerk wurde zu einem Lost Place, der auf seinen Abriss wartet.

Altes Heizkraftwerk Lichterfelde: Wie lange wird es die Türme noch geben?

Noch prägen sie das Stadtbild: Die drei Schornsteine vom alten Heizkraftwerk Lichterfelde am Teltowkanal
Noch prägen sie das Stadtbild: Die drei Schornsteine vom alten Heizkraftwerk Lichterfelde am Teltowkanal© dpa | Kay Nietfeld

Nach den Plänen von Vattenfall wird der Rückbau des alten Heizkraftwerkes bis 2026 abgeschlossen sein. Die ersten Rückbaumaßnahmen haben im Oktober 2023 begonnen. Zurückgebaut werden die drei Kesselhäuser und die drei dazugehörigen Schornsteine, das Maschinen- und Pumpenhaus, die Gebäude zur Rauchgasentschwefelung, der Kühlturm 1, der am nächsten zum Teltowkanal liegt, sowie das Ammoniaklager.

Der Abbau der drei für Lichterfelde charakteristischen, hoch aufragenden Kraftwerksblöcke mit den drei aufgesetzten Schornsteinen hat bereits begonnen. Bis 2024 soll der Rückbau der Schornsteine abgeschlossen sein. Zugleich wird auch mit der Entfernung des Kühlturms begonnen. Einzelne Anlagen des alten Heizkraftwerks sollen weiter genutzt werden und bleiben auf dem Areal erhalten: Dazu gehören die Kühltürme 2 und 3, die Kühlwasserbauwerke sowie die Verwaltungs- und Sozialgebäude.