Wohnraum ist in Berlin knapp. Und das nicht erst seit den vergangenen Jahren. In den 1960er-Jahren suchte die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin eine Lösung für die kurzfristige Unterbringung von Arbeitern. In der geteilten Stadt standen nur ungenügend Unterkünfte zur Verfügung. Die Lösung: In Westend wurden an der Reichsstraße in verkehrsgünstiger Lage zwei Türme als Wohnheime hochgezogen: Typische 60er-Jahre Bauten mit viel Beton, funktionaler Fassadenverkleidung und einsehbaren Treppenhäusern mit Fensterfront. Jahrzehntelang dienten die Plattenbauten der kurzfristigen Beherbergung von Arbeitern – dann standen sie leer und drohten im Streit um ihre Nachnutzung zu modernen Ruinen zu verkommen. Die wichtigsten Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

Das sind die Fakten zu den IHK-Türmen in Halensee im Überblick:

  • Adresse: Reichsstraße 53–58, 14052 Berlin-Westend
  • Geschichte: Die Zwillingstürme wurden Mitte der 1960er-Jahren von der IHK Berlin als Arbeiterwohnheim errichtet; bis in die 2010er-Jahre dienten sie für die Kurzzeitvermietung an Handwerker, Arbeiter und Studenten; danach Leerstand
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place. 2023 wurden die Türme im Rahmen eines Neubauprojekts abgerissen

Wo lagen die IHK-Türme genau?

Wegweiser zur Reichsstrasse in Berlin
Die Reichsstraße verläuft vom Theodor-Heuss-Platz zum Spandauer Damm und ist die Haupteinkaufsstraße in Neu-Westend.© picture alliance / zb | Sascha Steinach

Die beiden ehemaligen Gästetürme der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Berlin lagen am Spandauer Damm an der Abzweigung zur Reichsstraße auf einem gut 10.000 Quadratmeter großen Grundstück, das im Osten an die Bebauung an der Gotha-Allee grenzte und im Westen an ein inzwischen abgerissenes Pumpwerk. Die Adresse lautete Reichsstraße 53–58 im Ortsteil Westend des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Grundstück lauten: G7F2+4FG Berlin.

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Grundstück am besten mit der Buslinie M45 (Haltestelle Spandauer Damm / Reichsstraße). Die Busstation liegt direkt an der Grundstücksgrenze. Alternativ kann auch der U-Bahnhof Ruhleben (U2) genutzt werden. Vom Bahnhof benötigt man etwa acht Minuten zu Fuß entlang des Spandauer Damms. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände und aktuell um eine Baustelle. Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der IHK-Türme:

Ausgangslage: Berliner Umbrüche der 60er-Jahre

Berlin, Mauerbau 1961 / Foto - Berlin Wall construction / Photo / c1961 -
Die 60er-Jahre in Berlin waren überschattet vom Mauerbau: Abriegelung der Sektorengrenze zwischen Ost-Berlin und West-Berlin ab dem 13. August 1961 durch Einheiten der Volkspolizei und der NVA. Fotografie von 1961. © picture alliance / akg-images | akg-images / Archiv Boelte

Die 1960er-Jahre in Berlin waren geprägt vom Mauerbau und dem neuen Alltag im Schatten der Mauer. Es war die Zeit des Vietnamkriegs, der Studentenbewegung und der sexuellen Revolution. Ein Jahrzehnt voller Veränderungen und Gegensätze: Heintje und die Beatles; Kennedy-Besuch und Chruschtschow, Minirock und lange Haare. Städtebaulich war Westberlin geprägt vom erstem Stadterneuerungsprogramm: radikale Moderne, Abriss und Neubau.

Für die Industrie Westberlins bedeutete der Ausfall von Pendlern aus dem Umland nach dem Mauerbau einen Arbeitskraftmangel, der durch Rationalisierungsprozesse und angeworbene Arbeiter kompensiert werden sollte. In dieser Situation gewann die Errichtung von kostengünstigen Unterkünften in der Stadt, in der Firmen und Unternehmen kurzfristig Arbeiter unterbringen konnten, für die Wirtschaft an entscheidender Bedeutung und die 1950 im Westteil Berlins als eingetragener Verein wiedergegründete Industrie- und Handelskammer zu Berlin (IHK) sprang mit einem eigenen Projekt ein.

Die Berliner Handelskammer war 1902 als Selbstverwaltungsorgan der Wirtschaft gegründet worden, die die Gewerbetreibenden in Berlin vertrat. In der NS-Zeit hatte sie ihre Eigenständigkeit verloren und war 1943 ganz aufgelöst worden. In der Nachkriegszeit wiedergegründet, hatte sie 1958 den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts erhalten.

IHK-Türme in Halensee: So waren die Wohntürme konzipiert

Als Baugrund wurde ein rund ein Hektar großes Areal im Delta zwischen Spandauer Damm und der Reichsstraße auserkoren. Auf der Freifläche am Rande der Wohnsiedlung an der Gotha-Straße und südlich der Kleingartenanlage „Spandauer Bock“ begannen Anfang der 1960er-Jahre die Bauarbeiten. 1964 waren die beiden in Stahlbetonplattenbauweise errichteten Gästetürme bezugsfertig.

Die beiden Plattenbauten hatten jeweils x-förmige Grundrisse und waren über einen flachen eingeschossigen Verbindungsbau an ihrer Nordseite miteinander verbunden. Der westliche Wohnturm wies dreizehn Geschosse auf, sein östlicher Zwillingbau war ein achtgeschossiges Hochhaus. Bauschmuck, Ornamente und farbliche Akzente: Fehlanzeige, die Grundstücksgestaltung war auf ein Minimum beschränkt. Immerhin: Einige der Zimmer hatten französische Balkons, bodentiefe Fenster mit vorgesetzten Stahlgittern als Absturzsicherung.  Hier ging es klar um die Funktion – und die war es, möglichst günstigen Wohnraum auf Zeit zur Verfügung zu stellen.

IHK-Türme in Halensee: Nur für kurze Unterbringung ausgelegt

Die IHK Berlin hatte auf dem Grundstück die „Wohnheim Reichsstraße GmbH“ gegründet mit dem Ziel, Wohnraum für Arbeitskräfte der Berliner Wirtschaft zu schaffen. Das Arbeiterwohnheim war errichtet worden als Dienstleistung für die Unternehmen West-Berlins, die kurzfristig Personal unterbringen mussten. Handwerker, Bauarbeiter, Studenten und Auszubildende sowie später Geflüchtete, die über einen Aufenthaltstitel verfügen, konnten sich zimmerweise und temporär einmieten.

Das Wohnheim verfügte über 61 Wohnungen mit insgesamt je vier abschließbaren und möblierten Ein-Bett-Zimmern von rund 14 Quadratmetern Größe. Insgesamt konnte das Heim also bei Vollbelegung knapp 250 Personen aufnehmen. Die Wohnungen verfügten jeweils über ein Gemeinschaftsbad und eine Gemeinschaftsküche, später auch über einen Kabelanschluss. Die Bettwäsche wurde gestellt. Bei Auszug musste eine Endreinigung bezahlt werden.

Von Anfang an waren die Häuser nur für eine kurzfristige Unterbringung gedacht, etwa für Arbeiter auf Montage, die Fluktuation der Bewohner entsprechend hoch. Die Miete war auf einen Monat beschränkt. Bei längerem Aufenthalt musste jeden Monat ein neuer Mietvertrag unterschrieben werden. Im Waschkeller befanden sich Maschinen gegen geringe Gebühr.

IHK-Türme in Halensee: Ende der 2010er-Jahre zogen die letzten Mieter aus

Die „Wohnheim Reichsstraße GmbH“ warb zuletzt auf ihrer Internetpräsenz, doch einfach mal eine Weile die Hauptstadt und das Berliner Umland zu genießen, nach einem langen Arbeitstag Kraft zu schöpfen oder als Student neben dem konzentrierten Lernen die Szene von Berlin zu erleben. Immerhin wären die Wege von dem Wohnheim kurz.

„Gutes und preiswertes Arbeitnehmer- und Studentenwohnheim in der attraktiven Flaniermeile Reichsstraße in der Nähe des Berliner Olympiastadions“, hieß es auf der Homepage: „Wir bieten Einzelzimmer zur monatlichen oder auch tageweisen Vermietung an“. Inzwischen war auch der gemeinschaftliche Internetraum durch flächendeckendes WLAN ersetzt.

Mehrere Jahrzehnte lang hatte das Arbeiterheim der Handelskammer sein Versprechen der unkomplizierten und kostengünstigen Unterbringung erfüllt – doch in den 2010er-Jahren wurde nach neuen Verwendungszwecken für die in die Jahre gekommene Immobilie gesucht. Schließlich gehörte das Betreiben von Wohnheimen nicht zum Kerngeschäft der Kammer – und anders als zu Zeiten der Teilung der Stadt gab es nun auch Unterkünfte genug. 2015 lag der Handelskammer ein Beschluss der eigenen Vollversammlung vor, einen Käufer für das Wohnheim zu suchen. Nach und nach wurden die beiden Häuser entmietet. Immer mehr Geschosse standen leer. Nach mehr als 50-jährigem Bestehen wurde das Wohnheim schließlich ganz geschlossen.

IHK-Türme in Halensee: Jahrelanger Leerstand an der Reichsstraße

Spätestens seit den 2010er-Jahren waren die IHK-Hochhäuser dringend instandsetzungs- und sanierungsbedürftig – doch das Verkaufsprozedere zog sich hin. Uneinigkeit bestand unter anderem in der Frage, ob die Immobilie mit der Verpflichtung zur Unterbringung von Flüchtlingen verkauft werden sollte. Ein dahingehender Beschluss wurde 2017 von der Vollversammlung der IHK geändert. Nun fand der Vorschlag eine Mehrheit, das Wohnheim in einen Bieterverfahren an den Meistbietenden zu veräußern.

Mit dem Leerstand der alten Wohnheime mehrten sich die Probleme an dem Objekt. Zu den alterungsbedingten Schäden an der Fassade und der Bausubstanz traten Vandalismus und mutwillige Zerstörung. An der Fassade begann der Putz zu bröckeln, einzelne Fassadenplatten lösten sich, Isolierwolle lag offen zutage und auch die metallene Abdeckleiste am Flachdach löste sich an verschiedenen Stellen. Immer mehr Graffiti-Künstler verewigten sich an der Außenfassade der beiden Wohntürme und in den Innenräumen. Fenster waren eingeschlagen und wurden notdürftig versiegelt. Es musste dringen etwas geschehen, sollten die beiden Türme nicht zu modernen Ruinen verkommen.

IHK-Türme in Halensee: „Maison Westend“ ersetzt die Geistertürme

Nach jahrelangen Leerstand wurden die beiden IHK-Wohnheime 2023 abgerissen: Zuerst der Verbindungstrakt und das westliche Hochhaus und ab Sommer 2023 schließlich auch das dreizehnstöckige Gebäude an der Reichsstraße 58. Die Liegenschaft war im April 2018 veräußert worden. Der neue Investor, die Gesellschaft Lagrande Group Projektmanagement, plante die Bestandsbauten durch eine neue Blockrandbebauung zu ersetzen.

Von den 256 geplanten Wohnungen der „Maison Westend“ sollen 61 in den Besitz der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo übergehen und zum großen Teil als Sozialwohnungen vermietet werden. Anders als die bisherigen Wohntürme soll die Blockrandbebauung an das derzeitige Ende der Wohnbebauung an der Reichsstraße anschließen und den gründerzeitlichen Stil der Häuser aufgreifen. Im Innenhof des neuen Wohnquartiers ist ein öffentlicher Spielplatz geplant. Außerdem plant die Degewo die Einrichtung einer Kindertagesstätte. Die Hochbauarbeiten haben auf dem Gelände im Frühjahr 2024 begonnen.