Verwilderte Ruinen, Nazi-Bunker und ehemalige Kliniken: In Wannsee lassen sie sich noch finden – die Lost Places, für die Berlin seit den Neunzigern bekannt war. Ihre Anzahl ist zwar in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen, mit etwas Ortskenntnis lassen sich die verborgenen Orte, verlassenen Gebäude und verwaiste Industriebauten aber noch ausfindig machen. Hier finden Sie alle wichtigen Fragen und Antworten zu den Lost Places im Ortsteil Wannsee.

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Was zeichnet die Lost Places in Wannsee aus?

Wannsee zählte seit langem zu den exklusiveren Wohnlagen im grünen Speckgürtel Berlins. Die älteste Keimzelle des heutigen Ortsteils im äußersten Südwesten der Hauptstadt bildete das mittelalterliche Dorf Stolpe. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Ufer des Großen Wannsees als Wohnort für das wohlhabende Bürgertum entdeckt – und schnell zum vornehmen Rückzugsort für gestresste Hauptstädter entwickelt.

Beliebte Wohnlage: Wannsee im Südwesten Berlins. Postkarte der Villa Siemens um die Jahrhundertwende
Beliebte Wohnlage: Wannsee im Südwesten Berlins. Postkarte der Villa Siemens um die Jahrhundertwende.© picture alliance / arkivi | - | picture alliance / arkivi | -

Wilhelm Conrad (1822–1899) legte mit seiner Colonie Alsen in den 1860er-Jahren den Startschuss für die Bebauung. Dem Berliner Bankier schwebte ein Gesamtkunstwerk nach dem Muster der neuesten Berliner Villenkolonien vor – aber in einer vom Wasser der Havelseen umspielten Parklandschaft. 1920 wurde die Landgemeinde Wannsee als Teil des Bezirks Zehlendorf nach Berlin eingemeindet. Nach den dunkelsten Kapiteln – als die Wohnlage in der Zeit des Nationalsozialismus als Refugium von NS-Bonzen beliebt war und mit der Wannseekonferenz traurige Berühmtheit erlangte – wurde der Kiez nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit den Bezirken Tempelhof, Steglitz, Schöneberg, Neukölln und Kreuzberg Teil des US-amerikanischen Sektors.

Die Lost Places in Wannsee spiegeln die Zäsuren wieder, die der Ortsteil im Laufe seiner Geschichte erfuhr. Heute stehen nicht nur einige der Villen des Ortsteils mit ihrer interessanten, langjährigen Geschichte leer, sondern auch Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg und ehemalige Krankenhäuser.

Ist es erlaubt, Lost Places in Wannsee zu besuchen?

Gewöhnlich ist es offiziell nicht erlaubt, einen Lost Place zu besuchen. Obwohl die Orte verlassen aussehen, gibt es im Regelfall dennoch Eigentümer oder Verantwortliche, die alleine schon aus Gründen der Sicherheit nicht wollen, dass jemand diese Orte betritt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die spannendsten Lost Places im Stadtteil Wannsee:

Geisterkrankenhaus in Wannsee: Die Lungenklinik Heckeshorn

Verlassen liegt 2015 das Hauptgebäude auf dem Gelände der ehemaligen Lungenklinik im Heckeshorn am Wannsee
Verlassen liegt 2015 das Hauptgebäude auf dem Gelände der ehemaligen Lungenklinik im Heckeshorn am Wannsee.© picture alliance / dpa | Paul Zinken | picture alliance / dpa | Paul Zinken

Leerstehende OP-Säle und verwaiste Behandlungsräume: Die Lungenklinik Heckeshorn ist ein Geheimtipp für alle, die auf der Suche nach geheimnisvollen Lost Places in der Hauptstadt sind. Der Zehlendorfer Architekt Eduard Jobst Siedler entwarf im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums die Anlage für die Reichsluftschutzschule Am Großen Wannsee 80. Hier wurden während der Zeit des Nationalsozialismus Schulungen für Luftschutzwarte aus dem gesamten Reichsgebiet durchgeführt.

Nach dem Krieg wurde zuerst eine Tbc-Behandlungsstation und dann die Lungenklinik Heckeshorn in dem weitläufigen Bauensemble eingerichtet. Die Klinik zählte einst zu den besten Adressen in Deutschland, wenn es um die Behandlung von Lungenerkrankungen ging. Dann zog das Krankenhaus 2007 an einen neuen Standort um – und in den Hallen und Fluren in Heckeshorn gingen die Lichter aus. Die leerstehenden Klinikgebäude in Heckeshorn wurden allerdings zum beliebten Drehort für zahlreiche TV-Produktionen: Unter anderem wurden hier Folgen für den Tatort, SOKO Wismar und die Sat.1-Krankenhausserien „Für alle Fälle Stefanie“ und „Klinik am Alex“ gedreht.

  • Adresse: Am Großen Wannsee 80, 14109 Berlin-Wannsee
  • Geschichte: Zwischen 1938 und 1939 als Reichsluftschutzschule nach Plänen des Architekten Eduard Jobst Siedler (1880 –1949) errichtet; von 1941 bis 1943 Anbau des Hochbunkers Heckeshorn; nach Kriegsende kurzzeitig Kaserne der US-Armee, ab 1947 Städtisches Tuberkulosekrankenhaus Heckeshorn; seit 2004 gehörte die Station zur Helios Kliniken GmbH; 2007 Umzug an neuen Standort; seitdem Leerstand
  • Führungen: Die Tour H des Vereins Berliner Unterwelten führt durch den Hochbunker Heckeshorn – wird allerdings derzeit nicht angeboten.
  • Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09075480
  • Status: Lost Place

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Lost Places in Wannsee: Die Ruine der Teufelsbrücke in Wannsee

Es gibt viele marode Brücken in Berlin, aber nur wenige befinden sich in solch malerischer Umgebung wie die Teufelsbrücke in Wannsee. Die Brücke über eine eiszeitliche Rinne am Rand der Havel diente schon dem Prinzen Karl von Preußen im 19. Jahrhundert als Aussichtspunkt. Sie wurde 1838 nach Plänen von Ludwig Persiusals als rund zwölf Meter hoher Ziegelstein-Viadukt errichtet. Doch seit 2009 ist die denkmalgeschützte Teufelsbrücke in Wannsee eine Ruine: Damals stürzte der mittlere der drei Brückenpfeiler bei einem Unwetter ein. Bis heute ist die provisorisch abgestützte Brückenruine für Besucher gesperrt.

  • Adresse: Fußgängerbrücke im Glienicker Park, etwa 20 Meter nordöstlich des Märchenteichs, Park Klein-Glienicke, Königstraße 36 B, 14109 Berlin-Wannsee. Der Open Location Code für die Brücke lautet C39X+Q8 Berlin
  • Geschichte: 1838 nach Plänen des Architekten Ludwig Persius (1803–1845) errichtet. 2009 stürzte die Brücke teilweise ein und ist seitdem gesperrt
  • Führungen: Führungen im Schloss Glienicke und dem Park werden regelmäßig durch die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg angeboten
  • Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09075491
  • Status: Lost Place

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Lost Places in Wannsee: Die verwilderte Revierförsterei Wannsee

Von der Straße ist das Gebäude kaum noch zu sehen: Die alte Revierförsterei am Ende des Schuchardtwegs in Wannsee liegt versteckt hinter wildwuchernden Dornenhecken, Bäumen und Sträuchern. Die Försterei steht seit der Pensionierung des ehemaligen Försters 2012 und dem Ende der Zwischennutzung durch einen Kunstverein 2017 leer – und das wird sich sobald nicht ändern: Da das Revier aufgelöst wurde, wird kein neuer Forstbeamter in das Haus einziehen. Die Senatsverwaltung für Umwelt plant, ein Waldgesundheitszentrum aus dem seit mehr als zehn Jahren leerstehenden Lost Place zu machen.

  • Adresse: Schuchardtweg 20, 14109 Berlin-Wannsee
  • Geschichte: In den 1950er-Jahren als Haus der Revierförsterei erbaut; bis 2012 als Forsthaus genutzt; nach der Pensionierung des letzten Försters und Umstrukturierung des Forstreviers nutzte ein Kunstverein das Gebäude bis Ende 2017; danach Leerstand
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place

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Lost Places in Wannsee: Der alte Nazi-Hochbunker Heckeshorn

Meterdicke Stahlbetonwände, gefilterte Luft und kein Tageslicht: Mitten auf der idyllischen Wannsee-Insel ließen die Nationalsozialisten einen gigantischen Betonkoloss errichten. Er diente dem Stab der Luftflotte Mitte – ab 1944 „Luftflotte Reich“ – als Befehlsstand. Von hier aus wurde die gesamte Luftverteidigung rund um die Hauptstadt in einem Umkreis von 200 Kilometern geleitet. Nach Kriegsende wurde in dem Hochbunker zeitweise eine Pathologie unterhalten und später ein komplett ausgerüstetes, nie benutztes Bunker-Notfallkrankenhaus – samt Notstromaggregaten, einer großen Schutzluftanlage, Brunnenwasserversorgung, Aufzug und einer Großküche. Genutzt wurde das Krankenhaus nie.

  • Adresse: Rund 50 Meter südlich der ehemaligen Hauptzufahrt der Lungenklinik Am Großen Wannsee 72, 14109 Berlin-Wannsee
  • Geschichte: Zwischen 1941 und 1943 nach Plänen des Architekten Eduard Jobst Siedler (1880 –1949) errichtet; Koordination der Luftverteidigung Berlins bis 1945; zum Ende des Krieges kurzzeitig Standort der Wehrmachtsführung (OKW/OKH); nach Kriegsende amerikanische Sendestation (DIAS) und ab 1948 Funksendestelle der Telefonverbindung nach Westdeutschland; ab 1967 Pathologie der Lungenklinik Heckeshorn; ab 1985 Umbau zum Hilfskrankenhaus und OP-Bunker; seit 1999 Zivilschutzanlage
  • Führungen: Tour H des Vereins Berliner Unterwelten – wird allerdings derzeit nicht angeboten.
  • Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09075480
  • Status: Lost Place

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Lost Places in Wannsee: Der verwilderte US-Grenzkontrollpunkt Checkpoint Bravo

Am alten Checkpoint Bravo wuchert das Unkraut zwischen Beton-Platten. Früher gehörten sie zu einer Autobahn, die Berlin mit Helmstedt verband. An der Grenze zwischen Westberlin und der DDR wurde dort Anfang der 1950er-Jahre ein Kontrollpunkt für den Transitverkehr eingerichtet. Mit dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 wurden DDR-Sicherungsanlagen im Bereich der Autobahn ausgebaut. Die Grenzbefestigung mit Schutzzäunen und Todesstreifen verlief südöstlich der Autobahntrasse.

In dieser baufälligen Baracke wurde Weltgeschichte geschrieben.
In dieser baufälligen Baracke wurde Weltgeschichte geschrieben. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Doch weil die Umgebung der DDR-Führung zu unübersichtlich war, wurde die Autobahnstrecke 1969 stillgelegt und der Checkpoint Bravo an die heutige A115 verlegt. Die eigentlichen Kontrollbauten sind am alten Standort nicht mehr erhalten, dafür Überbleibsel der ehemaligen Autobahn, des Kfz-Sperrgrabens und der ursprünglichen Raststätte Dreilinden.

  • Adresse: Albrechts Teerofen 58, 14109 Berlin-Wannsee. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten 95W9+X8 Berlin
  • Geschichte: 1948/1949 als Kontrollpunkt Nowawes eingerichtet; Ausbau des alten Checkpoints Bravo nach der Berlin Blockade Anfang der 1950er-Jahre; Eröffnung des Kantinengebäudes Dreilinden 1952; Verlegung der Autobahntrasse und Stilllegung des Grenzpunktes 1969
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09065327
  • Status: Lost Place

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Der Zug der Toten: Die Friedhofsbahn in Wannsee

Manche Orte sind bereits seit Jahrzehnten außer Betrieb: Diese Lost Place in Steglitz-Zehlendorf kann man besuchen
Mit der Friedhofsbahn wurden um die Jahrhundertwende Leichen per S-Bahn aus Berlin transportiert. Heute erinnern nur noch Überreste an die alte Bahnstrecke© picture alliance / Caro | Heinrich | picture alliance / Caro | Heinrich

Die 4,2 Kilometer lange Strecke der Friedhofsbahn wurde 1913 zwischen Berlin-Wannsee und Stahnsdorf eröffnet. Die Bahnstrecke diente dem Transport von Verstorbenen zum Südwest- und Wilmersdorfer Friedhof in Stahnsdorf – und erhielt daher ihren makabren Namen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung Berlins wurde der Betrieb mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 komplett eingestellt. Der alte Bahnhof Dreilinden, die einzige Zwischenstation auf der Strecke, wurde 1970 abgerissen. 1976 ereilte den Bahnhof Stahnsdorf dasselbe Schicksal. Auf der gesamten Länge der ehemaligen Strecke haben sich bis heute im Dickicht überwucherte Gleisüberreste der Friedhofsbahn, alte Trassen und verfallene Bahnbauwerke erhalten.

  • Adresse: Ehemalige Bahnstrecke Wannsee–Dreilinden–Stahnsdorf. Gleisüberreste beispielsweise bei C55F+2W Berlin (Open Location Code); Friedhofsbahnbrücke (C54G+6H Kleinmachnow); Überreste der Friedhofsbahn-Kanalbrücke (95XJ+QMQ Kleinmachnow)
  • Geschichte: 1911 wurde mit dem Bau der Strecke begonnen; 1913 fand die erste Fahrt von Wannsee nach Stahnsdorf statt; 1928 Umstellung von Dampf- auf elektrischen Betrieb; mit dem Mauerbau 1961 wurde der Betrieb der Friedhofsbahn eingestellt und die Bahnstationen in den 1970er-Jahren abgerissen
  • Führungen: In der Vergangenheit hat beispielsweise der Verein Berliner Unterwelten Touren zur Friedhofsbahn durchgeführt – momentan werden sie aber nicht angeboten.
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place