Autorennstrecken mitten im Wald, geheimnisvolle Villen und Ex-US-Grenzanlagen: In Nikolassee lassen sie sich noch finden – die Lost Places, für die die Hauptstadt seit den Neunzigern so bekannt war. Ihre Anzahl ist zwar in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen, mit etwas Ortskenntnis lassen sich die verborgenen Plätze, verlassenen Gebäude und verwaiste Ruinen aber noch ausfindig machen. Hier finden Sie alle wichtigen Fragen und Antworten zu den Lost Places im Ortsteil Nikolassee.

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Was zeichnet die Lost Places in Nikolassee aus?

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Ufer des Großen Wannsees als Wohnort für das wohlhabende Bürgertum entdeckt – und schnell zum vornehmen Rückzugsort für gestresste Hauptstädter entwickelt. 1901 gründete die Heimstätten-Aktien-Gesellschaft die damals 104 Hektar große Villenkolonie Nikolassee. Bereits 1910 wurde das Gebiet zu einer selbstständigen preußischen Landgemeinde erklärt. Durch eine gute Verkehrsanbindung wuchs das Prestige-Immobilienprojekt in exklusiver Wohnlage rasch. Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler und Architekten ließen sich bevorzugt in den prunkvollen Villen inmitten des Grüns an der Havel, dem Großen Wannsee und der Havelinsel Schwanenwerder nieder.

1920 wurde die Landgemeinde Nikolassee als Ortsteil des Bezirks Zehlendorf nach Berlin eingemeindet und war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen mit den Bezirken Tempelhof, Steglitz, Schöneberg, Neukölln und Kreuzberg Teil des US-amerikanischen Sektors. Die Lost Places in Nikolassee spiegeln die historischen Zäsuren wieder, die der Ortsteil im Laufe seiner Geschichte erfuhr. Heute stehen nicht nur einige der Villen des Ortsteils mit ihrer interessanten, langjährigen Geschichte leer, sondern auch ausgediente US-Kontrollstationen aus der Zeit des Kalten Krieges, Schießanlagen und Bahnhöfe.

Ist es erlaubt, Lost Places in Nikolassee zu besuchen?

Gewöhnlich ist es offiziell nicht erlaubt, einen Lost Place zu besuchen. Obwohl die Orte verlassen aussehen, gibt es im Regelfall dennoch Eigentümer oder Verantwortliche, die alleine schon aus Gründen der Sicherheit nicht wollen, dass jemand diese Orte betritt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die spannendsten Lost Places im Stadtteil Nikolassee:

Lost Places in Nikolassee: Das geheimnisumwitterte Modell der Avus-Südkurve

Seit mehr als 80 Jahren schlummern tief im Grunewald die Überreste eines einstigen Prestige-Projekts: Das moosbedeckte Beton-Modell der nie gebauten Südschleife der legendären Avus-Rennstrecke, jener Berliner Ikone, in der seit den 1930er-Jahren ein Geschwindigkeitsrekord nach dem anderen gebrochen wurde. Im Krieg fehlten die Mittel die Steilkurve zu realisieren – und nach 1945 in der geteilten Stadt Berlin auch der Wille, die gefährliche Avus weiter zu verlängern.

Die Keeran's Range lag zwischen den Erdwällen der nie vollendeten Südkurve der Avus  unweit des Wannsees
Die Keeran's Range lag zwischen den Erdwällen der nie vollendeten Südkurve der Avus unweit des Wannsees© picture alliance / Günter Bratke | Günter Bratke | picture alliance / Günter Bratke | Günter Bratke

Wer den genauen Standort kennt, kann das Südkurvenmodell im Unterholz des Grunewalds noch ausfindig machen, das als Planungsmodell für die nie vollendete Südkurve errichtet wurde. Der bereits aufgeschichtete künstliche Erdwall für die überhöhte Kurve etwa 200 Meter nördlich des Modells diente der US-Armee nach dem Zweiten Weltkrieg als Teil des Kugelfangs für den Schieß- und Übungsplatz "Keerans Range". Der zusätzliche Schutz war bitter nötig, denn immer wieder trafen verirrte Querschläger Badegäste im knapp zwei Kilometer entfernten Strandbad Wannsee.

  • Adresse: Zwischen Havelchaussee und A115, 14193 Berlin-Nikolassee. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten C6V2+6H Berlin
  • Geschichte: 1940 Sperrung der ursprünglichen Südkehre an der Spanischen Allee; seit Ende der 1930er-Jahre Pläne für eine Steilkurve an der Südspitze auf der Höhe nördlich des Schlachtensees; Bau eines Modells im Maßstab 1:100 und erste Erdarbeiten für die Errichtung der Steilkurve im Forst Grunewald; Aufgabe der Pläne während des Krieges, das Avus-Modell wird zum Lost Place
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place

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Lost Places in Nikolassee: Das einst prunkvolle Landhaus „Carl Duisberg“ auf Schwanenwerder

Blick aus der Luft auf das Inselparadies Schwanenwerder. Die meisten Bewohner haben von ihren Grundstücken aus einen direkten Wasserzugang.
Blick aus der Luft auf das Inselparadies Schwanenwerder. Die meisten Bewohner haben von ihren Grundstücken aus einen direkten Wasserzugang.© Blick aus der Luft auf das Inselparadies Schwanenwerder. Die meisten Bewohner haben von ihren Grundstücken aus einen direkten Wasserzugang | Unbekannt

Schwanenwerder war eines der exklusivsten Immobilien-Spekulationsprojekte der Gründerzeit. Schon Fontane hatte der Sanddüne im Wannsee eine große Zukunft vorhergesagt. Mitte des 19. Jahrhunderts war es dann soweit: Die Halbinsel wurde zum Mythos, eine Nobeladresse ohne Namen an den Klingelschildern und ein großbürgerlicher Traum von Eskapismus. Ende der 1930er-Jahre ließ sich der Schauspieler und Filmregisseur Carl-Ludwig Achaz-Duisberg auf Schwanenwerder nieder. Der schwerreiche Spross einer Industriellenfamilie ließ sich ein reetgedecktes Landhaus an der Adresse Inselstraße 36 errichten. In seiner Nachbarschaft damals: Hauptsächlich SS- und NSDAP-Funktionäre.

Blick auf das Grundstück Inselstraße 36 auf Schwanenwerder
Blick auf das Grundstück Inselstraße 36 auf Schwanenwerder.© Unbekannt | picture alliance / Eventpress | Eventpress Krohn

Nach dem Zweiten Weltkrieg brannte das Landhaus in den 1970er-Jahren an, wurde vom damaligen Eigentümer aber wiederaufgebaut – mit allem Komfort wie innenliegendem Schwimmbecken, Kegelbahn und Weinkeller. Seit 2009 steht die großzügig angelegte Villa an der Inselstraße leer. Bäume, Pflanzen und Büche ranken sich um das verwitterte Villengemäuer. Efeu und Moos bedeckt die zum Hof liegenden Säulengänge und den Zierbrunnen des Anwesens.

  • Adresse: Inselstraße 36, 14129 Berlin-Nikolassee
  • Geschichte: 1939 für den Schauspieler und Filmregisseur Carl-Ludwig Duisberg (1889–1958) errichtet; in den 1970er-Jahren abgebrannt und wiederaufgebaut; seit 2009 Leerstand
  • Führungen: Keine. Das Gebäude ist nicht öffentlich zugänglich.
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place

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Lost Places in Nikolassee: Der US-Kontrollpunkt Checkpoint Bravo an der A115

Brückenbau der Alliierten am Checkpoint Bravo
Brückenbau der Alliierten am Checkpoint Bravo.© Unbekannt | picture alliance / Schoening | Schoening

Kilometerlanger Stau, stundenlange Wartezeiten: Wer von West- und Süddeutschland mit dem Auto nach Berlin fährt, dem fällt noch heute das rote Brückenhaus über die Autobahn an der Stadtgrenze auf. Der Checkpoint Bravo war einer von drei alliierten Grenzübergängen in Berlin. Seit 1969 befand er sich auf der Verlängerung der Avus (heute A115), die zur Transitstrecke zwischen der Bundesrepublik und Westberlin durch DDR-Gebiet führte.

Polizei- und Zollbeamte durchsuchen am 20. Oktober 1977 am Autobahnkontrollpunkt Dreilinden den Kofferraum eines Wagens. Reisende in Richtung Westdeutschland mussten eine Doppelsperre passieren, die Personalien wurden mit Fahndungsunterlagen verglichen. Die Aktion lief im Rahmen der Terroristenfahndung.
Polizei- und Zollbeamte durchsuchen am 20. Oktober 1977 am Autobahnkontrollpunkt Dreilinden den Kofferraum eines Wagens. Reisende in Richtung Westdeutschland mussten eine Doppelsperre passieren, die Personalien wurden mit Fahndungsunterlagen verglichen. Die Aktion lief im Rahmen der Terroristenfahndung.© picture-alliance / dpa | Chris Hoffmann | picture-alliance / dpa | Chris Hoffmann

Der Kontrollpunkt bestand im Wesentlichen aus einem Brückenbauwerk, dem eigentlichen Alliierten Kontrollgebäude, den Verplombungsrampen für den LKW-Transitverkehr und einigen Nutzbauten, die Anfang der 1970er-Jahre südlich des "Kleeblatt"-Autobahnkreuzes entstanden – darunter zwei Tankstellen und die Raststätte Dreilinden. Mit der Wende verloren die Grenzkontrollpunkte schlagartig ihre Bedeutung. Heute werden Teile der Anlage noch vom Zollamt Dreilinden nachgenutzt.

  • Adresse: A115, 14109 Berlin-Nikolassee
  • Geschichte: Zwischen 1968 und 1971 erbaut; 1971 wurde der Kontrollpunkt an der deutsch-deutschen Sektorengrenze eröffnet; nach der Wiedervereinigung 1990 stillgelegt
  • Führungen: Keine
  • Denkmalnummer: Objekt-Nr. 09075573
  • Status: Teilweise Lost Place. Einige Bauten werden vom Zollamt Dreilinden genutzt

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Lost Places in Nikolassee: Die Raststätte Dreilinden am Checkpoint Bravo

Einst sollte die bonbonfarbene Raststätte Dreilinden ein demonstratives Gegenstück zur fahlgrauen DDR-Architektur setzen. Doch zu einer Erfolgsgeschichte wurde das markante Bauwerk nie. Das erdbeerrote Restaurant mit Turm ist 1973 als Gastronomie gebaut worden. Nach der Nutzung als Raststätte hatte das Zollamt dort kurzzeitig seine Büros. Seit 2002 steht das Gebäude leer und ist immer wieder Anlass für Spekulationen.

Knallige Farbenauch im Sanitärbereich. Innenaufnahme der Autobahnraststätte Dreilinden im Jahr 2012
Knallige Farben auch im Sanitärbereich. Innenaufnahme der Autobahnraststätte Dreilinden im Jahr 2012.© picture alliance / Caro | Ponizak | picture alliance / Caro | Ponizak

Nach langem Stillstand ist die Raststätte Dreilinden an der Avus 2023 an das Autohaus König verkauft worden. Für die Entwicklung der maroden Immobilie hat das Familienunternehmen bereits konkrete Pläne vorgestellt. Die einstige Raststätte soll saniert und als Gastronomiebetrieb und Treffpunkt für Automobilbegeisterte neu belebt werden. Zudem sollen Büro-, Meeting- und Eventräume geschaffen werden.

  • Adresse: A115, 14109 Berlin-Nikolassee
  • Geschichte: 1973 als Raststätte Dreilinden eröffnet; wenige Monate später wird das Restaurant geschlossen; Ende der 1970er-Jahre wird noch einmal ein Imbiss im Erdgeschoss eingerichtet; nach der Grenzöffnung wird Dreilinden kurzzeitig von Mitarbeitern des Zollamtes genutzt und dann endgültig zum Lost Place; 2023 wurde die Immobilie von einer Berliner Autohaus-Kette erworben, die eine Sanierung und Wiedereröffnung plant
  • Führungen: Keine
  • Denkmalnummer: Objekt-Nr. 09075573
  • Status: Lost Place

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Lost Places in Nikolassee: Der verwilderte Geisterbahnhof Düppel

Der heutige Geisterbahnhof lag an der ältesten Eisenbahnverbindung Preußens, der Stammbahn zwischen Potsdam und Berlin. Der Bahnhof Düppel schloss Fahrgästen aus dem Süden – aus den wachsenden Siedlungen Kleinmachnow und Düppel – an den Fern- und Vorortverkehr an. Die Betriebsstelle wurde im Mai 1939 eröffnet und war eher klein dimensioniert. Damit durchfahrende Züge ihre Geschwindigkeit nicht verringern mussten, erhielt der Bahnhof zwei Seitenbahnsteige.

Alte Gleise der ehemaligen Stammbahn: Seit 1980 ist der Bahnhof Düppel ein Lost Place in Berlin
Alte Gleise der ehemaligen Stammbahn: Seit 1980 ist der Bahnhof Düppel ein Lost Place in Berlin © ZB | Ralf Hirschberger

Nach dem Krieg wurde er zum Endbahnhof mit Pendelzug und fristete nach dem Mauerbau vollends ein Schattendasein am Rande Westberlins. Von Kleinmachnow in Ostberlin war der auf Westberliner Gebiet gelegene Bahnhof unerreichbar geworden. Und in Westberlin bestand wenig Bedarf an der Fahrstrecke, die nun in unmittelbarer Nähe zum Todesstreifen im Nirgendwo endete. Seit 1980 fuhren die Station keine Züge mehr an. Wer sich heute auf Spurensuche am südlichen Rand von Nikolassee begibt, findet noch verrottete Prellböcke, überwucherte Bahngleise, aus denen Sträucher und Bäume wachsen, verrostete Stahlträger, die aus dem Boden ragen und Fragmente der Bahnsteigkanten des ehemaligen Bahnhofs Düppel.

  • Adresse: Nördlich der Berlepschstraße, Ecke Benschallee, 14163 Berlin-Nikolassee
  • Geschichte: Im Juli 1939 an der Stammbahn Potsdam–Berlin eröffnet; im Juni 1948 auf S-Bahnbetrieb umgestellt; im September 1980 stillgelegt, seitdem teilweise abgetragen und verfallen
  • Führungen: Nein
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Aktueller Lost Place

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