Verwahrlost, gefährlich oder geschlossen: Die meisten Berliner Fußgängertunnel befinden sich in einem erschreckenden Zustand. Das war nicht immer so. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Tunnel, um die immer größeren Gleisbette zu unterqueren. Danach erlebten sie als Verkehrswege für eine fußgängergerechte Stadt immer wieder Phasen großer Beliebtheit – sowohl im Osten als auch im Westen Berlins. Einer dieser Tunnel, der die Stadt für Fußgänger sicherer machen sollte, war der Fußgängertunnel an der Albrechtstraße in Steglitz. Alle Infos zu dem Lost Place.

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Das sind die Fakten zum Fußgängertunnel Albrechtstraße im Überblick:

  • Adresse: Albrechtstraße 139, 12165 Berlin-Steglitz
  • Geschichte: Die Fußgängerunterquerung an der Albrechtstraße wurde mit dem Bau der Westtangente in Steglitz in den 1960er-Jahren gebaut und 1968 eröffnet; 2006 wurde der Tunnel stillgelegt, die Zugänge mit Betonplatten versiegelt und die oberirdischen Eingänge abgerissen
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place

Wo liegt der Fußgängertunnel genau?

Der Fußgängertunnel liegt an der Adresse Albrechtstraße 139 im Ortsteil Steglitz des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: F84F+H6M Berlin. Das Areal erreicht man am besten vom S- und U-Bahnhof Rathaus Steglitz (S1, U9 sowie diverse Buslinien) aus. Achtung: Die Tunnelzugänge sind verschüttet; der Tunnel ist nicht zugänglich. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Fußgängertunnels Albrechtstraße:

Ausgangslage: Westberliner Fußgängertunnel für die autogerechte Stadt

Die ersten Fußgängertunnel in Berlin entstanden Ende des 19. Jahrhunderts, als die Gleisvorfelder der Bahnhöfe in der Stadt immer größer wurden. Eine sichere Überquerung für Passanten schien nicht mehr möglich. Neben Brücken und Überführungen wurde auch der Gang in die Tiefe gewählt, um die Verkehrswege voneinander zu trennen und Fußgängern weite Umwege zu ersparen.

Der erste Fußgängertunnel Berlins wurde 1897 eröffnet. Er führte unter dem Gleisvorfeld des damaligen Stettiner Bahnhofs hindurch und verband die Schwartzkopffstraße mit der Feldstraße. Viele weitere Unterquerungen folgten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Bau mit den Planungen für die autogerechte Stadt im Westteil Berlins in den 1960er- und 1970er-Jahren seinen Höhepunkt. Im Schatten der Abrissbirnen-Politik des von Willy Brandt eingeleiteten ersten Stadterneuerungsprogramms entstanden vom Senat wenig zimperlich durchgesetzte, neue Verkehrsachsen quer durch Berlins Wohnviertel.

Für Westberlin bestimmend waren dabei der Kollektivplan, der Zehlendorf-Plan und der Bonatz-Plan, die ein Netz von Schnellstraßen durch die gewachsene Stadtstruktur vorsahen und damit Grundzüge des Speer-Plans von 1936 teilten. Erklärtes Ziel: die „freie Fahrt für freie Bürger“ durch die Stadt nach Vorbild Los Angeles. Straßenbahnen, Fußgänger- und Fahrradverkehr wurden dem Primat des motorisierten Individualverkehrs geopfert.

Fußgängertunnel Albrechtstraße: Mit dem Bau der Westtangente 1968 eröffnet

Berlin, Deutschland, Blick ueber die leere Stadtautobahn A103 in Berlin-Steglitz
Die A103 in Steglitz südlich der Albrechtstraße mit Blick auf den Steglitzer Kreisel rechts der Stadtautobahn. Der Fußgängertunnel wurde beim Bau des Abschnitts der Westtangente mit angelegt.© picture alliance / Caro | Muhs

Der Fußgängertunnel wurde beim Bau der Westtangente mit angelegt, die Steglitz über die Stadtautobahn A103 mit dem Kreuz Schöneberg und der A100 verband. Weitere Planungen, die Autobahn über die Anschlussstelle Sachsendamm hinaus nach Norden in die Stadtmitte hineinzuführen und mit der geplanten A105 zu verbinden, scheiterten am Widerstand von Bürgerinitiativen.

Nördliche Vorleistungen für die Westtangente waren ein Teilstück der A105 am Kurt-Schumacher-Platz in Reinickendorf: mit einer Länge von einem Kilometer die wohl kürzeste Autobahn der Welt – bis sie nach der endgültigen Aufgabe des Planvorhabens in den 1990er-Jahren zur Autobahnausfahrt der A111 herabgestuft wurde.

Der Bau des südlichen Teilabschnitts der Westtangente von Steglitz nach Schöneberg wurde Mitte der 1960er-Jahre begonnen. An der Albrechtstraße am Steglitzer Kreisel lag einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte. Zwar wurde die in dieser Zeit von der Deutschen Reichsbahn betriebene S-Bahnlinie S1 von Westberliner Kundschaft boykottiert, doch mit dem geplanten Umsteigebahnhof der U9 und der – ebenfalls nie realisierten Geisterbahnlinie – U10, der Haltestelle der legendären Autobahn-Buslinie 84, die die A103 als Schnellverbindung nutzte, und einer Reihe weiterer sich kreuzender Buslinien sollte das Verteilerkreuz am Rathaus Steglitz zu einer Drehscheibe der städtischen Verkehrsplanung werden. Um den fließenden Bus- und Individualverkehr nicht zu behindern, verzichteten die Stadtplaner auf eine Ampelanlage zur Querung der Albrechtstraße und behalfen sich mit dem Bau eines Fußgängertunnels, der 1968 eröffnet wurde.

Fußgängertunnel Albrechtstraße: So war die Anlage aufgebaut

Bauarbeiten zur Neugestaltung des Steglitzer Kreisels haben begonen
Straßenkreuzung an der Kuhligkshofstraße zur Albrechtstraße im Jahr 2000. Der Fußgängertunnel unterquerte die Albrechtstraße an dieser Kreuzung und befand sich angrenzend an die Ladenpassage des S-Bahnhofs Rathaus Steglitz© picture-alliance / Berliner_Zeitung | Wächter Markus

Bei dem Fußgängertunnel an der Albrechtstraße handelte es sich um ein Trogbauwerk mit Abdeckplatte und Treppenanlagen mit metallenen Handläufen. Das Fußgängergeschoss wurde aus Betonfertigteilen gebaut und war funktional gehalten: Boden und Decke sowie die Seitenwände der Zugänge wurden im Beton-Look mit grob gestrahlten Steinplatten verkleidet. Die Wände der knapp 60 Meter langen Tunnelachse in sechs Meter Tiefe unterhalb des Straßenniveaus zierten leicht zu reinigende gelbe Keramikfliesen in zeittypischer Gestaltung der späten 60er-Jahre. Der Boden war mit grauen Steinzeugkacheln im Kreuzverband gepflastert.

Die lichte Höhe des Tunnels betrug etwa 2,40 Meter bei einer Breite von fünf Metern. In die hell gestrichene Betondecke waren in regelmäßigem Abstand Langfeldleuchten zur gleichmäßigen Beleuchtung des Tunnelgangs eingelassen. Zwei großzügig dimensionierte Treppenanlagen führten vom Gehwegniveau hinab zur Tunnelebene. Der nördliche Aufgang befand sich neben dem 1985 geschlossenen Zugangsbauwerk der Haltestelle der Autobahn-Buslinie 84, an dem sich heute ein Durchgang zu den Parkflächen an der Düppelstraße befindet. Der Aufgang an der Südseite wurde ebenfalls von der Autobahnbrücke überspannt und lag angrenzend an die Ladenpassage des S-Bahnhofs Rathaus Steglitz.

Fußgängertunnel Albrechtstraße: Verfall und Vandalismus nach der Installation einer Ampel

Für die Baukosten des mit der Westtangente gebauten Fußgängertunnels in Steglitz stellte der Westberliner Senat 600.000 D-Mark zur Verfügung. Fast ein halbes Jahrhundert lang half die Unterführung dabei, den Fußgängerverkehr sicher unter der stark befahrenen Albrechtstraße hindurchzuführen, auch wenn die Nutzung, nach der Einrichtung einer Ampelanlage an diesem Gefahrenpunkt drastisch zurückging. Mit der Inbetriebnahme einer niveaugleichen, sicheren Überquerungsmöglichkeit war der Tunnel weitgehend funktionslos geworden, wenn man es nicht derart eilig hatte, dass man sich die Rotphase ersparen wollte.

Das in die Jahre gekommene und kaum noch genutzte Bauwerk am S-Bahnhof Steglitz verwahrloste zusehends. Die an einigen Stellen bröckelnden Fliesen waren großflächig mit Graffiti beschmiert worden, Lampen fielen aus, Dreck und Müll sammelten sich in der Unterführung an und die Hygiene in dem bisweilen für die Notdurft zweckentfremdeten Tunnel befand sich in einem fragwürdigen Zustand.

Fußgängertunnel Albrechtstraße: 2006 wurde der Tunnel in Teilen abgerissen und versiegelt

2006 zog der Bezirk Konsequenzen, nachdem bereits im Sommer 2004 Bezirksstadtrat Uwe Stäglin (SPD) in einer Sitzung des Ausschusses für Stadtplanung Abrisspläne für den Tunnel vorgestellt hatte, der „in den letzten Jahren nur noch eine störende Dreckecke war.“ Der Tunnel werde schon lange nicht mehr genutzt, begründete zu Beginn der Rückbaumaßnahmen Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Arbeiten. „Die Fußgänger gehen an der Ampel über die Albrechtstraße“, so Rohland. Deshalb verwahrlose der ungenutzte Tunnel immer mehr. Der Bezirk habe die Senatsverwaltung gebeten, die Unterführung zu schließen, um die Kosten für die Reinigung zu sparen.

Für den Rückbau wurden 120.000 Euro veranschlagt. Dafür sparte sich der Bezirk jährliche Betriebskosten für Reinigung und Beleuchtung von knapp 10.000 Euro. Im Winter 2006 wurde der Tunnel dauerhaft geschlossen. Anschließend wurden die Zugänge und Teile der Treppenanlage abgerissen, die Aufgänge verfüllt und mit Betonplatten versiegelt.

Die Überreste des Tunnels sind noch unterhalb der Albrechtstraße als für die Öffentlichkeit unzugängliche und weitgehend vergessene Relikte erhalten. In einer Auflistung der Senatsverwaltung von 2020 zu den Tunnelbauten Berlins wird der ehemalige Fußgängertunnel an der Albrechtstraße als „Bauwerk nicht unter Verkehr“ geführt, dessen „Bauwerkserhaltung erforderlich“ bleibt.

Wer heute über die Straßenkreuzung an der Albrechtstraße eilt und die Ampelanlage zur Querung der Straße nutzt, wird vor Ort keine sichtbaren Spuren davon bemerken können, dass er über einen unter dem Straßenpflaster im Dornröschenschlaf schlummernden Tunnel aus den 60er-Jahren läuft.