Der BER ist den meisten Deutschen ein Begriff. Was hinter BER II steckt dagegen, ist auch in der Hauptstadt kaum jemandem geläufig. Dabei handelt es sich um einen Reaktor, der mitten in der Nachbarschaft der beschaulichen Wannsee-Insel 46 Jahre lang Atome spaltete, bis er 2019 abgeschaltet wurde und die letzten Uran-Brennelemente ihren Weg ins Abklingbecken fanden. Der Rückbau des Atomreaktors wird sich voraussichtlich über mehr als ein Jahrzehnt hinziehen. Die wichtigsten Infos zu dem Lost Place.
Das sind die Fakten zu Berlins Atomreaktor:
- Adresse: Hahn-Meitner-Platz 1 14109 Berlin-Wannsee
- Geschichte: 1973 in Betrieb genommen als Nachfolgebau für den Forschungsreaktors BER I, der zwischen 1958 und 1972 am selben Standort genutzt wurde; Forschungsbetrieb am Reaktor durch das Helmholtz-Zentrum Berlin bis 2019
- Reaktortyp: Schwimmbadreaktor/Materialtestreaktor (MTR)
- Führungen: Auf dem Gelände des Helmholtz-Zentrums werden regelmäßig Führungen am Tag der offenen Tür und zur Langen Nacht der Wissenschaften angeboten. Außerdem gibt es Führungen für Besuchergruppen nach vorheriger Anmeldung.
- Status: Lost Place. 2019 stillgelegt befindet sich die Anlage aktuell in der Nachbetriebsphase. Der Rückbau wird Jahre dauern
Wo liegt der Forschungsreaktor genau?

Der Forschungsreaktor BER II liegt auf dem Gelände des Helmholtz-Zentrums Berlin für Materialien und Energie (HZB) im Ortsteil Wannsee des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Der Reaktor befindet sich im Gebäude 11 (RE) des Lise-Meitner-Campus. Die Google-Koordinaten für das Objekt lauten: C45H+V46 Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Campus am besten mit der Buslinie 318 (Haltestelle Hahn-Meitner-Platz) zu erreichen. Von der Haltestelle ist es ein etwa siebenminütiger Fußweg bis zum Reaktor. Achtung: Das Gelände ist nicht ohne Anmeldung zugänglich. Hier finden Sie Informationen für Besuchergruppen. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Berliner Atomreaktors:
Ausgangslage: Ein Atomkraftwerk für Berlins strahlende Zukunft

Seit den 1950er-Jahren – die Berlin Blockade 1948/1949 war allen Beteiligten noch frisch in Erinnerung – gab es konkrete Bestrebungen, ein Atomkraftwerk in Westberlin zu errichten. Mit der Teilung Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg war 1952 auch das Berliner Stromnetz getrennt worden. In der Folge musste die westliche Teilstadt als „autonomer Inselbetrieb“ ohne Verbindung zu übergeordneten Hochspannungsnetzen vollkommen neu gedacht werden. Eine Lösung: ein AKW, das auf einen Schlag die Stromversorgung der geteilten Stadt sicherstellen würde.
Der Sicherheitsberater des US-Präsidenten fand die Idee „electrifying“, Oberbürgermeister Willy Brandt unterstützte aktiv den Bau eines Berliner AKWs und so wurden die Weichen gestellt: Die Bewag beauftragte 1961 Siemens mit der Planung für einen 150 Megawatt starken Druckwasserreaktor. Aussichtsreichster Standort war die Wannsee-Insel im Südwesten Berlins – doch zu einem Baubeginn kam es nie. Zu viele offene Fragen begleiteten das Vorhaben. Darunter: Wie hätte man die Westberliner Bevölkerung im Falle eines GAUs durch die DDR evakuieren können? 1974 scheiterte der letzte Vorstoß der Berliner CDU die Metropole doch noch mit einem Atomkraftwerk zu beglücken.

Ein Reaktor befindet sich dennoch auf dem Havel-umspülten Eiland am Wannsee – nur nicht für die Stromerzeugung, sondern für Forschungszwecke. 1956 bestellte die Bundesrepublik zwei Forschungsreaktoren des Typs L-54 mit 50 Kilowatt Leistung bei der US-Firma Atomics International: einer für Frankfurt am Main, der andere für Westberlin. Mit der nachträglichen Genehmigung durch die Alliierte Kommandantur konnte 1958 der Betrieb auf der Wannsee-Insel aufgenommen werden. 1972 musste der Meiler nach einem irreparablen Schaden abgeschaltet werden. Die Pläne für einen Nachfolgereaktor lagen da schon in der Schublade, und als der Altreaktor unter einem Beton-Sarkophag begraben wurde, hatte der neue Meiler seine Tätigkeit bereits aufgenommen.
Berlins Atomreaktor BER II: Bau des Forschungsreaktors in den 1970er-Jahren

1970 wurde mit dem Bau des BER II auf dem Gelände des Hahn-Meitner-Instituts für Kernforschung begonnen. Das Areal befindet sich auf der Wannsee-Insel südlich des Fernmeldeturms auf dem Schäferberg an der Königstraße und des Golfplatzes Wannsee. Heutiger Betreiber ist das Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie am Hahn-Meitner-Platz 1. Der Baugrund des Reaktors befindet sich am südwestlichen Rand des Forschungscampus.
Im Dezember 1973 konnte der Reaktor nach dreijähriger Bauzeit seinen Betrieb aufnehmen. Er hatte zuerst eine Leistung von 5 Megawatt, später 10 Megawatt, wobei er ausschließlich als Neutronenquelle zu Forschungszwecken eingesetzt wurde. Schwierigkeiten bereitete die Bereitstellung von radioaktivem Brennmaterial über das Gebiet der DDR hinweg. Für den Vorgängerbau war die sensible Fracht von gut 26 Liter spaltbarer Lösung mit schwachangereichertem Uran per Transportgefäßen über den Flughafen Tempelhof eingeflogen worden. Der neue Reaktor benötigte Uran-Brennelemente, die unter anderem von der Nukem GmbH bezogen wurden.
Berlins Atomreaktor BER II: So war die Anlage aufgebaut

Beim BER II Forschungsreaktor handelte es sich um einen Schwimmbadreaktor, bei dem der Reaktorkern in einem offenen Wasserbecken platziert ist. In Wannsee befanden sich in der Reaktorhalle zwei elf Meter tiefe Becken. In einem davon ruhte der Reaktorkern auf einem Sockel exakt 7,5 Meter unterhalb der Wasseroberfläche. Das genügte, um praktisch die gesamte emittierte Strahlung der Kernspaltung abzuschirmen.
Das Kühlwasser wurde beim Spaltungsprozess auf bis zu 40 Grad erhitzt. Anders als bei Atomkraftwerken konnte auf Überdruck im Primärkühlkreislauf verzichtet werden. Der Kern enthielt knapp acht Kilogramm spaltbares Uran: 24 Brennelemente mit jeweils 322 Gramm Uran. Dazu sechs Steuerstäbe mit je 238 Gramm Uran, die an Elektromagneten über dem Kern hingen. Der Sinn: Bei einem Notfall wird die Stromversorgung der Magnete automatisch unterbrochen, die Steuerstäbe fallen in den Reaktorkern und stoppen die Kernreaktion.

Das Gebäude des Forschungsreaktors bestand aus drei Hallen: Die Reaktorhalle mit den Kühlwasserbecken. Von dieser Halle aus wurden sämtliche Arbeiten am Reaktorkern durchgeführt – beispielsweise das Umsetzen von Brennelementen. In die Reaktorhalle ragte eine Schaltwarte hinein, von der aus der Reaktor gesteuert werden konnte. Unter der Reaktorhalle lagen die Experimentierhalle und die angrenzende Versuchshalle für die Forschungsteams, die am Reaktor arbeiteten.
Berlins Atomreaktor BER II: Das waren die Forschungsschwerpunkte

Der Reaktor wurde zu keinem Zeitpunkt zur Stromproduktion eingesetzt. Er diente einzig und allein der Forschung. Dank der Neutronen, die die Anlage produzierte, konnten Strukturen sichtbar gemacht werden, ohne dass die Untersuchungsobjekte geöffnet werden mussten, ähnlich wie beim Röntgenverfahren. Genutzt wurde die Strahlung etwa für die Untersuchung von Batterien, Solarzellen, einem Dinosaurierschädel, mittelalterlichen Schwertern und Ölgemälden.
An zwei Orten konnte geforscht werden. In der Reaktorhalle, wo die Neutronen schnell und ungebremst auf das zu prüfende Material stießen, oder in der angrenzenden Experimentierhalle, zu der die Neutronen mit Beryllium-Reflektoren gebündelt über neun Strahlrohre geleitet wurden. Nationale wie internationale Teams bemühten sich um die begehrte Forschungszeit am Reaktor. Die meisten Experimente betrafen Material- und Grundlagenforschungen.
Berlins Atomreaktor BER II: Seit den 1980er-Jahren mehrte sich die Kritik

Ende der 1980er-Jahre wurde der Reaktor noch einmal verbessert. Von 1985 bis 1989 wurde die Reaktorleistung auf 10 Megawatt ausgebaut und der Reaktor 1991 mit besseren Experimentiermöglichkeiten wieder in Betrieb genommen. Bis 1997 wurden dabei hochangereicherte Brennelemente verwendet, dann folgte die schrittweise Umstellung des Reaktors auf schwachangereichertes Uran.
Während seiner Betriebszeit spaltete der Wannsee-Reaktor nicht nur Urankerne, sondern auch immer wieder die Gemüter von Befürwortern und Kritikern. Zwar lag die Leistung des Forschungsreaktors weit unterhalb von AKWs – moderne Kernkraftwerke erreichen Werte von mehr als 1000 Megawatt – doch andere Probleme teilte der Mini-Reaktor mit seinen größeren Pendants: Wohin mit dem radioaktivem Abfall? Bis heute steht in Deutschland kein genehmigtes Endlager für radioaktive Abfälle zur Verfügung. Was passiert im Falle eines Unfalls? Und wie groß sind die Risiken einer Strahlenbelastung in der Umgebung des Reaktors?
1989 stritt sich der rot-grüne Senat um die Betriebsgenehmigung. Erst nach der Wiedervereinigung gab es mit der nächsten Landesregierung wieder Planungssicherheit für den BER II. 2013 kippte das Oberverwaltungsgericht die vorgesehenen Flugrouten vom Flughafen BER über Wannsee, weil die Risiken beim Überfliegen des Reaktors nicht ausreichend geprüft wurden. Im November 2013 musste der Reaktor kurzfristig heruntergefahren werden. Ein seit 2010 bekannter Riss im Kühlsystem hatte sich schneller als erwartet vergrößert. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung verzeichnete zuletzt 80 meldepflichtige Ereignisse für den Reaktor seit Inbetriebnahme.
Berlins Atomreaktor BER II: 2019 wurde der Reaktor stillgelegt
Am Ende waren es weder Sicherheitsbedenken noch ungeklärte Fragen zur Entsorgung radioaktiver Abfälle, die das Aus für den Forschungsreaktor nach 46 Jahren Betriebszeit bedeuteten. Weder die Anti-AKW-Proteste nach Tschernobyl 1986, noch Deutschlands Ausstieg aus der Atomenergie nach dem Fukushima-Gau 2011 entschieden die Debatte um den Atomreaktor an der Spree, sondern schlicht Finanzierungsprobleme.
Der Reaktor war in die Jahre gekommen. Immer häufiger mussten Einzelteile erneuert und neue wissenschaftliche Komponenten aufwändig integriert werden. 2013 entschied der Aufsichtsrat des Helmholtz-Zentrums Berlin als Betreiber, die Anlage stillzulegen. Neutronen würden für die Materialforschung zwar auch künftig gebraucht, aber aus anderen Anlagen, die ohne Uran auskommen.
Eingeschlagene Fenster, wildwuchernde Pflanzen über verrostetem Metallstreben und Graffiti an den Wänden wird man allerdings auch künftig im stillgelegten BER II vergebens suchen: Der Reaktor wird in einem mehrstufigen Prozess geordnet zurückgebaut werden. Im April 2017 ist der Stilllegungsantrag des HZB bei der verantwortlichen atomrechtlichen Genehmigungsbehörde eingegangen. Ende 2019 wurde der Berliner Experimentierreaktor endgültig abgeschaltet.
Die Brennelemente, die bis Dezember 2019 die Neutronen für die Forschung lieferten, wurden nach dem Abschalten des Reaktors in einem Absetzbecken zum Abklingen gelagert und sollen in das Zwischenlager Ahaus verbracht werden. Nach dem derzeitigen Stand der Planungen sollen die Einbauten im Reaktorbecken unter Wasser zerlegt und für die Endlagerung fachgerecht verpackt werden. Anschließend soll das Becken mit speziellen Betonsägen zerlegt werden. Frühestens 2033 könnte das Reaktorgebäude vollständig zurückgebaut sein.


