Das aus roten Ziegeln gemauerte Portal an der Charlottenburger Mollwitzstraße zieht die Aufmerksamkeit sofort auf sich. „Städt. Bürgerhaus“ ist darauf in Frakturschrift zu lesen. Dahinter erstrecken sich die märchenhaft wirkenden Gemäuer des Charlottenburger Bürgerhaus-Hospitals. In seiner hundertjährigen Geschichte als medizinisches Versorgungszentrum hat die ehemalige Klinik viele Umbrüche erfahren, bevor sie 2002 stillgelegt wurde und zu einer von Berlins imposanten Geisterkliniken verfiel: Lange Flure, verwaiste Patientenzimmer, zurückgelassene Ausstattung und ein beklemmender Pathologietrakt versprühten lange Zeit den Charme des Morbiden, den sich kaum ein Jäger von verlorenen Orten in Berlin entziehen konnte. Die wichtigsten Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zum Städtischen Bürgerhaus-Hospital im Überblick:
- Adresse: Sophie-Charlotten-Straße 115, 14059 Berlin-Charlottenburg
- Geschichte: Errichtung des Bürgerhauses 1899 bis 1901 nach Plänen des Charlottenburger Architekten Paul Bratring (1840–1913); Erweiterung des Westflügels an der Sophie-Charlotten-Straße zwischen 1913 und 1915 nach Plänen von Heinrich Seeling (1852–1932); ab 1933 Ausbau des Areals zur Klinik; 1984 Umbenennung in „Max-Bürger-Krankenhaus“; 2001 Übernahme durch den Krankenhauskonzern Vivantes; 2002 Stilllegung der Klinik, danach Leerstand
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09040609
- Status: Ehemaliger Lost Place. 2007 wurde die ehemalige Klinik verkauft und zwischen 2013 und 2016 im Rahmen des Projekts „Joli Coeur“ saniert und zu Wohnraum umgebaut
Wo lag das Städtische Bürgerhaus-Hospital genau?
Das ehemalige Städtische Bürgerhaus-Hospital liegt in unmittelbarer Nähe zum Schlossgarten Charlottenburg auf einem Grundstück, das von der Sophie-Charlotten-Straße, der Mollstraße und dem Heubnerweg begrenzt wird. Das Eingangsportal der ehemaligen Klinik befindet sich an der Mollwitzstraße 12 im Ortsteil Charlottenburg des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Das Grundstück ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln am besten mit der Buslinie 309 (Haltestelle Mollwitzstraße) zu erreichen. Von der Station ist das Hauptportal bereits zu sehen. Alternativ kann auch der S-Bahnhof Westend (S41, S42, S46) genutzt werden. Vom Bahnhof benötigt man zu Fuß rund 10 Minuten entlang des Spandauer Damms und der Sophie-Charlotten-Straße bis zu dem Denkmal. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Städtischen Bürgerhaus-Hospitals:
Ausgangslage: Die medizinische Versorgung Berlins
Bis in das 19. Jahrhundert waren öffentliche Krankenanstalten in erster Linie Versorgungsstätten für die Unterschicht. Wer es sich leisten konnte, rief den Arzt zu sich nach Hause oder ließ sich in luxuriösen Privatkliniken und Sanatorien behandeln. Abhilfe sollte die Einrichtung städtischer Krankenhäuser schaffen, wie das 1874 eröffnete Krankenhaus Friedrichshain – das erste städtische Klinikum in Berlin.
Als städtische Bürgerhäuser entstanden um die Jahrhundertwende zahlreiche Einrichtungen der Wohlfahrt, die vornehmlich chronische Kranke – die so genannten „Siechen” – aufnahmen. Ende des 19. Jahrhunderts konkretisierten sich auch die Pläne für ein Bürgerhaus im damals noch eigenständigen Charlottenburg vor den Toren Berlins. Als Standort wurde ein rund 16.000 Quadratmeter großes Areal nahe des Schlossparks gewählt.
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Städtisches Bürgerhaus-Hospitals: Errichtung in der Kaiserzeit
Den Auftrag für das lukrative Projekt erhielt der renommierte Charlottenburger Architekt Paul Friedrich Bratring (1840–1913), auf dessen Wirken eine Reihe außergewöhnlicher Bauten in dem heutigen Stadtteil zurückgehen – wie das Stadtbad Charlottenburg und die ehemalige Kunstgewerbeschule. Bratrings Entwurf für das Bürgerhaus sah einen hufeisenförmigen Gebäudekomplex vor, der eine große Gartenanlage einschloss, die sich zur Mollwitzstraße hin öffnete.
In den Jahren 1899 bis 1901 wurde der fünfgeschossige Haupttrakt und der Westflügel in Ziegelsichtbauweise errichtet. Die Parkanlage, die vom geziegelten Haupttor an der Mollwitzstraße aus betretbar war, wurde von der Berliner Traditionsgärtnerei Ludwig Späth gestaltet. Dahinter erstreckte sich das rund 180 Meter lange und 11 Meter tiefe Bürgerhaus.
Das Bauwerk mit seiner weiß-roten Fassadenordnung griff Elemente der Schlossarchitektur und der Backsteingotik auf. Die Besucher begrüßte eine kunstvoll gestaltete Front aus unzähligen Giebeln, Gauben und Erkern, Rund- und Spitzbogenfenstern sowie Spitztürmchen in strengsymmetrischer Komposition. Nur ein Defekt durchbrach die Bratring’sche Komposition: Der Ostflügel des Gebäudes am Heubnerweg wurde nie errichtet; die ursprüngliche Konzeption eines eingeschlossenen Parks aus Kostengründen fallengelassen.
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Städtisches Bürgerhaus-Hospitals: Eröffnung des Siechenheims 1901
Das Hauptgebäude wurde im Juli 1901 in Betrieb genommen und zunächst der Charlottenburger Krankenhaus-Deputation – einem Gremium der Stadtverordnetenversammlung – unterstellt, bis 1904 das Krankenhaus Westend eröffnete. Im Jahr 1911 waren 110 Zimmer für 360 Insassen vorhanden. Zwischen 1913 und 1915 wurde der Westflügel des Gebäudes nach Plänen des Architekten und Stadtbaurats Heinrich Seeling (1852–1932) erweitert. Außerdem kam ein hinter dem Haupthaus gelegener, späterer Pathologietrakt hinzu und ein Maschinenhaus östlich davon.
Der Westflügel an der Sophie-Charlotten-Straße diente zuerst als Waisenhaus und erweiterte damit die städtischen Sozialeinrichtungen südlich der Mollwitzstraße an der – neben dem städtischen Pumpwerk und einer Desinfektionsanstalt, in der auch Krankentransportwagen gereinigt wurden – auch das städtische Obdach- und Familienhaus für die Aufnahme von obdachlosen Familien lag. Im Waisenheim im Bürgerhaus konnten 114 betreut werden. Die ärztliche Leitung des Bürgerhauses für „Hospitaliten und Sieche“ unterlag 1915 dem Anstaltsarzt und Chirurgen Dr. Erich Schenk. Für die Verwaltung war die in der Anstalt lebende Oberin M. Schmidt zuständig.
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Städtisches Bürgerhaus-Hospitals: Umbau zur Klinik ab 1933
Der gesamte Komplex, der bis dahin der städtischen Armenfürsorge zugehörte, wurde ab 1933 als Städtisches Bürgerhaus-Hospital zur Nutzung als Krankenhaus umgewidmet und die Kapazität des Hauses ausgebaut: 1935 hielt die Klinik 642 Betten bereit, im Jahr 1941 waren es 738 Krankenbetten für die Behandlung von Patienten. Während der Luftangriffe der Alliierten auf Berlin, die die Innenstadt und die Außenbezirke insbesondere ab 1943 schwer trafen, wurde auch das Krankenhaus an der Mollwitzstraße beschädigt. Weil die Umlagerung der bettlägerigen Patienten bei Bombenalarm die Belegschaft überforderte und oft zu viel Zeit in Anspruch nahm, wurden sie ab 1944 auf Dauer in den Luftschutzkellern der Klinik untergebracht.
Ende April 1945 befreite die Rote Armee bei den erbitterten Kämpfen um die Innenstadt auch das Areal um das Schloss Charlottenburg und die Klinik. Die noch benutzbaren Kliniktrakte wurden nach Kriegende für rund drei Wochen von den Sowjets als Kaserne und Lazarett genutzt, bevor die Westalliierten die Stadt erreichten und Charlottenburg zusammen mit den Bezirken Spandau, Tiergarten und Wilmersdorf zum britischen Sektor der geteilten Stadt wurde.
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Städtisches Bürgerhaus-Hospitals: Innovativer Standort als Klinik für Geriatrie
Zwischen 1945 bis 1955 wurde die kriegsbeschädigte Anlage der Bürgerhaus-Klinik wiederaufgebaut und als Krankenhaus in Charlottenburg geführt. 1960 verfügte das Städtische Bürgerhaus über 550 Betten und wurde danach schrittweise zu einer Spezialklinik für Geriatrie umgebaut. 1975 wurde das Bürgerhaus, inzwischen Städtisches Krankenhaus für Chronisch- und Alterskranke Charlottenburg, mit den Städtischen Krankenhäusern Wilmersdorfs zusammengeschlossen und 1984 mit seinen fünf Standorten zu Ehren des Internisten und Altersforschers Max Bürger (1885–1966) in „Max-Bürger-Krankenhaus” umbenannt. Sein 1947 erschienenes Buch „Altern und Krankheit“ zählt bis heute zu den Standardwerken der Gerontologie.
Der Berliner Krankenhauskomplex entwickelte sich zu einem der führenden Einrichtung in der Therapie älterer Menschen. Immer wieder gingen von hier aus Innovationen in der geriatrischen Behandlung, der Rehabilitation und Krankheitsprävention sowie der Erforschung von Alterungsprozessen aus. So gab es im Max-Bürger-Krankenhaus beispielsweise einen der ersten Streichelzoos zur Unterstützung von therapeutischen Maßnahmen. Das Areal des Streichelzoos lag im Park im Bereich des unvollendeten Ostflügels am Heubnerweg.
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Städtisches Bürgerhaus-Hospitals: Leerstand und Verfall seit 2002

2001 übernahm Berlins kommunaler Krankenhausbetreiber Vivantes den Komplex als Klinik für Geriatrie und verlagerte die Abteilungen im Folgejahr in das Wenckebach-Krankenhaus am Metzplatz in Tempelhof. Nach einhundert Jahren im Dienste der kommunalen medizinischen Versorgung gingen an der Mollwitzstraße 2002 die Lichter aus. Nach dem Umzug aller Stationen stand das traditionsreiche Bürgerhaus leer. Jahrelang konnten die Anwohner bei dem langsamen Verfall des einst stolzen Klinkerbaus nahe des Schlossparks zusehen. Witterung und Vandalismus hinterließen ihre Spuren. Das Bauwerk drohte zu einer modernen Ruine zu verfallen.
Zuletzt war das Städtische Bürgerhaus in einem beklagenswerten Zustand. Nach mehr als zehn Jahren Leerstand verkam das ehemalige Krankenhaushaus hinter der verwilderten Parkanlage zu einer maroden Geisterklinik, die sich nur noch als Kulisse für Horrorfilme anbot oder für unerschrockene Stadtabenteurer, die dem morbiden Charme des verlorenen Ortes mit seiner reichen medizinhistorischen Vergangenheit hinterherjagten.
Die langen Krankenhausflure, an denen sich Schutt am Boden ansammelte, die staubbedeckten Patientenzimmer, die hochaufragende Klinikkapelle mit ihren imposanten Holzeinbauten, die Diensträume der behandelnden Ärzte, in denen sich noch zerfledderte Akten fanden, und die halbzerstörten Behandlungs- und Funktionsräume – überall verliehen die Zeichen des Verfalls dem Ort einen Anstrich des Geheimnisvollen.
Städtisches Bürgerhaus-Hospitals: Lost Place mit Pathologietrakt
Putz blätterte von den Wänden; in den Fluren sammelte sich eingestürzter Trümmer der Wände und Zwischendecken. Kabel hingen aus dem Mauerwerk und Fliesen und Fenster waren eingeschlagen. Überall wurden die Wände mit Graffiti beschmiert. Rost fraß sich durch die eisernen Träger, Rohre und Einbauten; dazwischen: Medizinisches Gerät, Krankenhausschilder, Hinweise und Wegzeichen, die längst keiner Menschenseele mehr die Richtung wiesen, stehengebliebene Uhren in den Klinikfluren, Krankenhausbetten und Operationslampen, defekte Sprechanlagen und stillstehende Maschinen im Geräte- und Heizungshaus.
Unmittelbar an der Sophie-Charlotte-Straße nördlich des Westflügel befand sich das aufgegebene Verwaltungsgebäude I und hinter dem Mittelrisalit des Haupthauses die verlassenen Diensträume des Verwaltungsgebäudes II. Wer sich in die Kellergemächer der verwaisten Klinik traute, stieß dort auf die Räumlichkeiten der zurückgelassenen Röntgen- und Strahlenabteilung des Krankenhauses. Der gruseligste Ort der Lost Place-Klinik: der düstere Raum für Totenaufbahrungen und der geflieste Pathologietrakt im Nebengebäude am Heubnerweg.
Städtisches Bürgerhaus-Hospitals: Große Pläne für die Ex-Klinik

2007 verkaufte Vivantes das ehemalige Bürgerhaus und die ebenfalls leerstehende Frauenklinik nördlich davon an der Pulsstraße an ein britisches Immobilienunternehmen. Die „Comer Homes Group“ plante auf dem rund 40.000 Quadratmeter großen Gelände zwischen Mollwitz- und Pulsstraße das Neubauquartier „Gartenresidenz Charlottenburg“ entstehen zu lassen. Das denkmalgeschützte Städtische Bürgerhaus sollte in diesem Zuge saniert und umgebaut und in einem späteren Bauabschnitt durch Neubauten ergänzt werden.
Rund 100 Millionen Euro veranschlagten die Briten für das Projekt, bei dem die leerstehende Geisterklinik in ein exklusives Wohnquartier im Herzen Charlottenburgs verwandelt werden sollte. Den Investoren schwebten luxuriöse Eigentumswohnungen in einer Gated Community mit „24. Std. Security-Service“ vor, der die Bewohner in ihrer Parkanlage mit Wellness-Bereich schützen sollte. Doch außer dem Einbau riesiger Stahlträger, die dem geplanten Swimmingpool im Erdgeschoss des Klinkerbaus die nötige Stabilität verleihen sollte, tat sich wenig. Es bedurfte noch Jahre des Stillstandes – und eines weiteren Eigentümerwechsels – bis die Sanierung endlich in Angriff genommen wurde.
Städtisches Bürgerhaus-Hospitals: Sanierung in den 2010er-Jahren
2012 wurde das Grundstück an den Immobilienfonds Activum SG Capital Management mit Sitz in Jersey veräußert. Ab 2013 rollten die Bagger auf das Gelände, das Bürgerhaus wurde eingerüstet, neue Zwischenwände für die Eigentumswohnungen eingezogen, Aufzüge installiert und die alte Bausubstanz denkmalgerecht saniert. Der einst von Bratring vorgesehene Ostflügel am Heubnerweg entstand als Neubau und vervollständigte damit die Hufeisenform der Anlage.

Die hinter dem Bürgerhaus gelegenen Verwaltungsgebäude wurden abgerissen, genauso wie das Maschinenhaus und die Pathologie; der Park, das Eingangsportal und das Bürgerhaus minutiös instandgesetzt – ab 2015 erstrahlte die rote Backsteinfassade des Bauwerks wieder im alten Glanz. Im denkmalgeschützten Altbestand wurden 160 Wohnungen realisiert und 36 weitere Wohnungen in dem angrenzenden Neubauflügel. In einem zweiten Bauabschnitt wurde das Areal nördlich des Bürgerhauses an der Pulsstraße mit fünfzehn sechs- bis siebengeschossigen Stadt- und Gartenhäusern bebaut. Bis Anfang 2022 waren die letzten Wohnungen bezugsfertig und das Bauprojekt rund um das alte Bürgerhaus abgeschlossen.


