Bevor die Alliierten die Trümmer Berlins zum Teufelsberg aufschütten ließen, war der Karlsberg eine der höchsten Erhebungen im Grunewald – nur übertroffen vom Havelberg. Bekrönt wurde der Aussichtspunkt seit 1899 vom Kaiser-Wilhelm-Turm, später in Grunewaldturm umbenannt – von Beginn an eine Attraktion und Besuchermagnet allererster Güte. „Im Laufe der ersten acht Monate nach seiner Eröffnung wurde der Turm von 91.000 zahlenden Personen bestiegen,“ weiß 1902 H. Berdrows Standard-Wanderführer „Der Grunewald“ zu berichten. Dreimal mehr als erwartet.

Bis heute ist der zu Ehren Wilhelm I. – preußischer König und erster deutscher Kaiser – errichtete Turm ein beliebter Anziehungspunkt am Ufer der Havel. Doch in jüngster Vergangenheit standen die Besucher nicht selten vor verschlossenen Toren. Jahrelang musste der Backsteinbau nach einer Überprüfung seiner Wandeltreppe wegen maroder Bausubstanz baufällig geschlossen bleiben. Der Ausfall belastete auch die Pächter des Ausfluglokals an seinem Fuße. Die wichtigsten Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

Das sind die Fakten zum Grunewaldturm im Überblick:

  • Adresse: Havelchaussee 61, 14193 Berlin-Grunewald
  • Geschichte: Zwischen 1897 und 1899 als Ehrenmal für den preußischen König und deutschen Kaiser Wilhelm I. nach Plänen des Architekten Franz Schwechten (1841–1924) errichtet; 1953 umfangreich saniert; ab 2007 wegen Baufälligkeit geschlossen
  • Führungen: Der Grunewaldturm ist zugänglich. Hier erhalten Sie mehr Informationen zu aktuellen Öffnungszeiten und Eintrittspreisen
  • Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09046482
  • Status: Ehemaliger Lost Place. Ende 2011 wurde der Turm nach grundlegender Sanierung wiedereröffnet. Nach Insolvenz des Pächters 2019 im Folgejahr erneut wiedereröffnet.

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Wo liegt der Grunewaldturm genau?

Der Turm liegt an der Havelchaussee 61 im Ortsteil Grunewald des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: F5HW+7P Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Turm am besten mit der Buslinie 218 (Haltestelle Grunewaldturm) zu erreichen, der als Ausflugslinie im Stundentakt zur Pfaueninsel pendelt. Von der Station ist es ein etwa zweiminütiger Fußweg bis zum Fuße des Turms. Am Grunewaldturm befinden sich Parkplätze. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Grunewaldturms:

Ausgangslage: Huldigung an die Hohenzollern im Landkreis Teltow

Berlin, Grunewaldturm / Bildpostk.1905
Lagekarte des damals noch im eigenständigen preußischen Landkreis Teltow auf dem Karlsberg errichteten Kaiser-Wilhelm-Turms. Bildpostkarte um 1905.© picture-alliance / akg-images | akg-images

Mitten im Forst des Grunewald überragt ein roter Backsteinbau meterhoch die umgebenden Baumwipfel. Seinen Ausgang nahm das Berliner Wahrzeichen im Stil der märkischen Backsteingotik mit einem Beschluss im Kreistag Teltow – das damals noch vor den Toren Berlins lag. Der Landrat Ernst Leberecht von Stubenrauch (1853–1909), der auch als Initiator des Teltowkanals gilt, unterbreitete 1897 den versammelten Kreisräten den Vorschlag, dem Hohenzollerngeschlecht ein Denkmal zu setzen. Genauer: Eine posthume Ehrung für den einhundert Jahre zuvor geborenen preußischen König und ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. (1797–1888), der neun Jahre zuvor verstorben war.

Kein ungewöhnliches Unterfangen im kaiserzeitlichen Deutschen Reich, dessen Kreis- und Landtage sich mit architektonischen Huldigungen und Anbiederungen an das regierende Adelsgeschlecht einen regelrechten Überbietungswettkampf lieferten. Da wollte Teltow nicht nachstehen. Der Kreistag beschloss den Bau eines prunkvollen Turms, dessen Grundsteinlegung noch im selben Jahr erfolgte. Als Ort wurde der sich 78 Meter über den Meeresspiegel erhebende Karlsberg im Grunewald auserkoren.

Grunewaldturm: Errichtung und Einweihung Ende des 19. Jahrhunderts

Berlin, Grunewaldturm / Fotopostk.1905
Der 1897 errichtete Kaiser-Wilhelm-Turm im Grunewald. Fotopostkarte von 1905© picture-alliance / akg-images | akg-images

Als Architekt verpflichtete der Landkreis den zu jener Zeit sehr gefragten Baumeister Franz Schwechten (1841–1924). Der Königliche Baurat hatte bereits mit zahlreichen beeindruckenden Bauten auf sich aufmerksam gemacht – darunter: das Merseburger Ständehaus, die Schultheiss-Brauerei in der Schönhauser Allee und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg. Für den Aussichts- und Gedenkturm im Grunewald legte Schwechten Pläne im Stil der sogenannten märkischen Backsteingotik vor, die von mittelalterlichen Burgen- und Kirchenbauten inspiriert war.

Die Verwendung zahlreicher schmückender Zierelemente wie Zinnen, Spitzbogenfenster und Türmchen verliehene dem Bauwerk am Ufer der Spree eine entrückte, märchenhafte Wirkung. Nachdem der Baugrund bereitet, die Kuppe des Karlsbergs gerodet und planiert sowie ein Kiesfundament geschaffen worden war, begannen noch 1897 die Bauarbeiten. Zwei Jahre später wurde der Turm am 9. Juni 1899 feierlich eingeweiht. Nur ein Glückwunschtelegramm sorgte für Verwirrung. Kaiser Wilhelm II. gratulierte zur Fertigstellung des „Kaiser-Wilhelm-Turmes“ und verkürzte damit die eigentliche Widmung an König Wilhelm I. Der Name blieb haften – bis der Berliner Senat 1948 den Turm verbürgerlichte und kurzerhand zum Grunewaldturm erklärte.

Grunewaldturm: So war der Turm konzipiert

Grunewald-Turm in Berlin
Zum Gedächtnis an Kaiser Wilhelm I. ließ der ehemalige preußische Landkreis Teltow, zu dem das Grunewaldgebiet bis 1920 gehörte, das 55 Meter hohe Bauwerk aus roten Backsteinen errichten.© picture-alliance/ dpa/dpaweb | Daniel Karmann

Der im quadratischen Grundriss ausgeführte, 55 Meter hohe Grunewaldturm erhebt sich auf einer vier Meter hohen sandsteinverblendeten Basis aus rötlichem Rochlitzer Porphyr, zu der eine breite Freitreppe hinaufführt. Das Sockelgeschoss des Turmes birgt eine Gedenkhalle, zu der sich ein großes Portal von der Ostseite der umlaufenden Basis hin öffnet. Der untere Teil des Bauwerks wird durch ein Geschoss mit vier Treppentürmchen abgeschlossen. Darüber steigt der sich verjüngende, mit Weihinschriften und Wappen versehene Turmschaft auf. Im Inneren mündet eine eiserne Treppenanlage nach 204 Stufen in die als Aussichtsplattform dienende offene Halle in 36 Metern Höhe, die einen fantastischen kilometerweiten Ausblick über die Havel und den Grunewald bietet. Bei gutem Wetter schaut man von hier oben bis nach Potsdam.

Die Ausstattung der Ehrenhalle wurde Anfang des 20. Jahrhunderts ergänzt. Im Zentrum der Halle befindet sich ein überlebensgroßes Standbild Wilhelms I., das von Ludwig Manzel (1858–1936) 1902 geschaffen wurde. Der Bildhauer und Eisengießer formte ebenfalls die Eisenguss-Reliefplatten in den Ecken der Gedenkhalle. Sie zeigen die Feldherren Roon, Moltke, Bismarck und Prinz Friedrich Karl. An der Decke der kuppelgekrönten Gedenkhalle befinden sich neobyzantinischen Mosaiken aus der Werkstatt Puhl & Wagner. Es handelt es sich um ein Frühwerk des Kirchenmalers August Oetken (1868–1951). Die Inschriften an den Turmaußenseiten lautet: „Koenig Wilhelm I. zum Gedaechtniss“ an der Ostseite und „Der Kreis Teltow baute mich 1897“ an der Westseite. Darüber befinden sich Wappen: Das der Havel zugewandte Wappen zeigt den roten brandenburgischen, das dem Wald zugewandte den schwarzen preußischen Adler.

Grunewaldturm: Beliebtes Ausflugslokal am Fuße des Turms

Berlin, Luftaufn. Grunewaldturm, Umgebung / Fotopostkarte
Ansicht des Turms und der Umgebung. Luftaufnahme, nach 1934.© picture alliance / akg-images | akg-images

Früh etablierte sich an der Besucherattraktion im Grunewald eine Schankwirtschaft, die durstige und hungrige Wanderer nach ihren Uferpartien an der Havel oder Ausflügen im Grunewald versorgte. Im Winter konnte an den Abhängen der Umgebung gerodelt und sogar Ski gefahren; im Sommer der Blick vom Turm genossen werden. Der Aufstieg für Kinder blieb mit Kosten von 5 Pfennig für das Ticket überschaubar. Auf der überdachten Terrasse oder im Garten servierte der Pächter des Turm-Restaurants Bier und Kaffee, im Schankraum wurden Speisen serviert. Auch Ausflugsboote und Bustouren steuerten in den 1920er-Jahren „Saewerts“-Turmgaststätte an, die mitsamt des „Kaiser-Wilhelm-Turms“ seit dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 auf hauptstädtischem Boden lag.

Im Zweiten Weltkrieg nicht nennenswert beschädigt, setzte sich der Schankbetrieb auch in der Nachkriegszeit fort. Der Ortsteil Grunewald gehörte jetzt zum britischen Sektor. Von der Aussichtsplattform des seit 1948 Grunewaldturm genannten Bauwerks konnte man das Treiben im sowjetischen Sektor und später der DDR überblicken. 1953 wurden größere Instandsetzungen am Grunewaldturm vorgenommen – deren Mängel und grundlegende Fehler in der Planung und Bauausführung sich erst Jahrzehnte später offenbaren sollten.

Grunewaldturm: Alte Tradition des Vier-Fenster-Blicks

Winterwetter - Berlin
Schon bessere Zeiten erlebt: In den 2000er-Jahren wurde der Turm zur Endlosbaustelle. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Paul Zinken

Mehr als fünf Jahrzehnte lang blieb der frischsanierte Turm und sein pächtergeführtes Restaurant beliebter Anlaufpunkt für erholungssuchende (West-)Berliner und erlebnishungrige Besucher der Spreemetropole. Der Biergarten am Fuße des Turms erweiterte sich nach den Zeitbedürfnissen. Spätestens seit den 1980er-Jahren fanden Besucher hier auch eine Minigolfanlage, auf der man unter den wachsamen Augen der Statue Wilhelms I. einlochen durfte. Bot sich Seglern auf der Havel der sogenannte Vier-Fenster-Blick, bei dem alle Fenster des Turms – die hinteren durch die vorderen – zu sehen sind, wurde nach alter Tradition angestoßen.

In den 2000er-Jahren offenbarten sich dann die alten Bausünden an Berlins Wahrzeichen im Wald. Bei einer Routinebegehung im Zuge eines Gutachtens zum Denkmalschutz des Turms 2007 wurde der Senatsbehörde schwere Schäden am Treppenaufgang gemeldet, die auf eine fehlerhafte Treppenkonstruktion zurückgingen. Sie sei falsch eingebaut und erzeuge „Gewölbedruck“. Die Turmsanierung 1953 habe diesen „grundlegenden Fehler“ außer Acht gelassen. So wurden die 204 Stufen zur Aussichtsplattform allmählich zum Sicherheitsrisiko. Risse zogen sich durch die Betonböden der Stufen, die Eisenverankerungen machten einen maroden Eindruck.

Wird das Bauwerk zur Endlosbaustelle? Mängelliste reißt nicht ab

Aussicht
Das marode Treppenhaus zur Aussichtsplattform, die einen atemberaubenden Ausblick über Berlins Südwesten bot, wurde zum Sicherheitsrisiko© picture alliance / dpa | Lukas Schulze

Der Turm wurde im Oktober 2007 geschlossen. Das Ziel: eine schnelle Sanierung des Treppenhauses und Wiedereröffnung im Frühjahr 2008. Gerade rechtzeitig, um den von den Berliner Forsten just an den neuen Pächter Björn Hansow vergebenen Grunewaldturm samt Restaurant und Biergarten an seinem Fuße einen guten Start zu ermöglichen. Daraus wurde nichts. Die 2007 einsetzende Sanierung des denkmalgeschützten Baus offenbarte immer neue Baumängel. Die Liste der festgestellten Defekte riss nicht ab.

Die Standsicherheit der Treppe und der Brandschutz im Treppenaufgang waren nicht gewährleistet. Aus der Turmfassade lösten sich Klinkerteile und fielen auf die Terrasse herab. Die Fassade musste eingerüstet und saniert werden, die Turmkrone auf einer Länge von rund acht Metern vollständig abgetragen und neu wiederaufgebaut werden. Am Terrassenboden führten Undichtigkeiten bei Regen zu Wassereinbrüchen im darunterliegenden Sockelgeschoss. Überall, wo Sachverständige und Ingenieure zu lange hinschauten, fielen neue Sicherheitsmängel, Bauschäden oder unsachgemäße Überbauungen auf, wie an der Terrasse, an der die historischen Böden mit Betonplatten und Abdichtschichten überdeckt worden waren.

Grunewaldturm: Turm schließt erneut – Pächter geht in die Insolvenz

Erschwerend kam hinzu, dass der Turm seit Anfang der 1990er-Jahren als Mobilfunkstandort genutzt worden war. Die dafür vorhandene Technik musste ebenfalls erneuert und die generelle Funktionsfähigkeit während der Sanierung gewährleistet bleiben. Die Elektroschränke aus dem Treppenaufgang verlegte man in das Sockelgeschoss. Der Antennenwald auf der Turmkrone wurde neu geordnet und reduziert. Zu Ostern 2011 – drei Jahre nach dem ursprünglich angepeilten Fertigstellungstermin – konnten die ersten Besucher den runderneuerten Grunewaldturm wieder besteigen.

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Doch für den Restaurantbesitzer riss der Ausfall durch ausbleibende Turmbesucher in den ersten Jahren seiner Pacht eine Lücke in die Finanzplanung. Im Herbst 2019 standen Besucher erneut vor verschlossenen Toren. Statt die Aussicht von der Turmplattform genießen und die Speisekarte im Grunewaldturm-Restaurant inspizieren zu können, fanden sie einen Zettel angehangen, mit dem sich das Team für zehn Jahre Treue bei den Gästen bedankte. Im Biergarten standen Stühle herrenlos herum. Dazwischen lag ein zurückgelassener Sonnenschirm verloren herum. Der Betrieb hatte Insolvenz angemeldet – und auch der Grunewaldturm konnte nicht bestiegen werden, weil das Restaurant diesen mit bewirtschaftet und die Eintrittskarten verkauft hatte. Würde der Turm erneut auf Dauer gesperrt zu einem verlorenen Wahrzeichen Berlins verkommen?

Grunewaldturm: Wie sieht es aktuell um den Turm aus?

Berlin
Biergarten und Restaurant schlossen 2019 nach Insolvenz des Pächters, konnten aber bereits 2020 wieder unter neuer Führung geöffnet werden© picture alliance / imageBROKER | Schoening

Die Berliner Forsten als Vermieter des Turms sowie des Restaurants reagierten schnell. Im Januar 2020 konnte ein neuer Pächter für das historische Ensemble gefunden werden und bereits zu Ostern desselben Jahres der Betrieb am Turm wiederaufgenommen werden. Seitdem beherbergt der Kaisergarten am Grunewaldturm mit Bistro und Biergarten einkehrende Besucher und auch der Grunewaldturm kann wieder erkundet und bestiegen werden. Das Restaurant am Grunewaldturm hat eine kleine, aber feine Speisekarte mit regionalen Spezialitäten. Zu den Sommermonaten wird der Biergarten geöffnet und lockt Ausflügler an den Fuß des alten „Kaiser-Wilhelm-Turms“ – gute Nachrichten für das beliebte Denkmal, das seine jüngste Pannenserie vorerst überstanden zu haben scheint.