Bröckelnde Fassaden, Spinnweben im Inneren und überwucherte Backsteinmauern: Ganz in der Nähe des Bahnhofs Charlottenburg verkam ein langgestrecktes Bahngebäude zu einem von Berlins verlorenen Orten. Jahrzehntelang hatte der Klinkerbau aus den 20er-Jahren die Stromversorgung an der Ringbahn sichergestellt – und dabei alle Umbrüche, in der von Umbrüchen reichen Geschichte der Stadt überdauert; bis das Kleingleichrichterwerk Charlottenburg in den 1980er-Jahren nicht mehr benötigt und stillgelegt wurde. Lange Zeit lag die Zukunft des langsam verfallenden Gebäudes der Deutschen Bahn im Dunkeln, bis sich ein österreichischer Kunsthändler den alten Gemäuern annahm. Die wichtigsten Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zum Kleingleichrichterwerk Charlottenburg im Überblick:

  • Adresse: Gervinusstraße 34, 10629 Berlin-Charlottenburg
  • Geschichte: Errichtung des Werks zwischen 1927 und 1928 nach Plänen des Regierungsbaumeisters und Bahnbeamten Richard Brademann (1884–1964) als eines der Kleingleichrichterwerke des „Regelbautyps Ringbahn“ zur Stromversorgung der Berliner Stadt- und Ringbahn; Ende der 1980er-Jahre außer Betrieb genommen; danach Leerstand
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09096168
  • Status: Ehemaliger Lost Place. Zwischen 2006 und 2008 wurde das Gleichrichterwerk zu einer Ausstellungshalle umgebaut und seitdem als „Kunsthalle Koidl“ genutzt

Wo liegt das Kleingleichrichterwerk Charlottenburg genau?

Das ehemalige Kleingleichrichterwerk liegt an den Gleisen der Stadtbahn zwischen dem S-Bahnhof Charlottenburg und dem S-Bahnhof Westkreuz. Der Ziegelbau steht heute direkt angrenzend zur Parkfläche eines Lidl-Einkaufzentrums; die Adresse lautet Gervinusstraße 34 im Ortsteil Charlottenburg des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann das Objekt am besten vom S-Bahnhof Charlottenburg (S3, S5, S7, S9) erreicht werden. Von der Station benötigt man zu Fuß rund fünf Minuten entlang der Droysen- und Gervinusstraße bis zu dem Grundstück. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Kleingleichrichterwerks Charlottenburg:

Ausgangslage: Berlin arbeitete an der Nahverkehrsrevolution

F.Skarbina,Gleisanlagen i.Norden Berlins - -
Um die Jahrhundertwende begannen die ersten Versuche die dampfbetriebenen Stadt- und Vorortbahnen auf elektrischen Betrieb umzustellen. Es sollte noch Jahrzehnte vergehen bis Berlins revolutionäres S-Bahnnetz die Dampflok überflüssig machte. Gemälde „Gleisanlagen im Norden Berlins“ von Franz Skarbina, um 1895. (Gleisanlagen der Ringbahn am S-Bahnhof Weißensee, heute Greifswalder Straße, Blick von der Brücke an der Kniprodstraße).© picture alliance / akg-images | akg-images

Wer hat es erfunden? Natürlich Berlin. Seit Anfang der 1930er-Jahre steht die S-Bahn – übrigens wohl ein Kürzel für Stadtschnellbahn – zusammenfassend für das elektrisch betriebene Netz der Berliner Stadt-, Ring- und Vorortbahnen. Bis zur ersten Fahrt auf elektrischen Schienen war es ein weiter Weg, begleitet von zahlreichen Geburtswehen.

Bereits seit der Jahrhundertwende waren verschiedene Streckenabschnitte der dampfbetriebenen Bahn in Berlin probeweise elektrifiziert worden. Die Modernisierung wurde durch den Ersten Weltkrieg zunächst unterbrochen, aber zum Ende des Jahres 1919 wiederaufgenommen. 1921 fiel die endgültige Entscheidung für den künftigen elektrischen Betrieb der Bahnen. Sie hatten den Verkehr für eine pulsierende Metropole zu bewältigen, die nach dem Groß-Berlin-Gesetz 1920 vier Millionen Einwohner zählte.

Kleingleichrichterwerk Charlottenburg: Strom für die dritte Schiene

Für den Betrieb der S-Bahn entschieden sich die Verantwortlichen für ein 800 V-Gleichstromsystem, wobei die Stromzuführung über eine dritte Schiene neben den Gleisen erfolgte. Als erste elektrifizierte Strecke wurde im August 1924 die Verbindung nach Bernau eingeweiht – das Datum gilt als „Geburtsstunde“ der Berliner S-Bahn.  

In den folgenden Jahren folgte die Elektrifizierung der Stadt- und Ringbahn sowie einiger der Vorortstrecken. Damit einher ging ein beispielloses Bauprogramm: Der von den Berliner Kraftwerken und Abspannwerken bezogenen Starkstrom musste für die Bedürfnisse des S-Bahnbetriebs angepasst werden. Eines der zwanzig Gleichrichteranlagen, die die Aufgabe zu stemmen hatten: das Kleingleichrichterwerk Charlottenburg an der Gervinusstraße.

Kleingleichrichterwerk Charlottenburg: Baupläne von Bahn-Architekt Brademann

Der dichte Zugverkehr der Ringbahn erforderte eine gleichmäßige Stromversorgung, die wegen der hohen Leitungsverluste durch ein dichtes Netz von Gleichrichterwerken in Abständen von wenigen Kilometern entlang der S-Bahnstrecken gesichert werden musste. Die Entwürfe für die Bauwerke übernahm Richard Brademann (1884–1965), seit 1920 leitender Architekt der Reichsbahndirektion Berlin.

Da die Funktion und Ausrüstung der Unterwerke immer gleich waren, entwarf Brademann in Abstimmung mit den Bahn-Elektroingenieuren für die Unterwerke einen standardisierten Bautyp, den „Regelbautyp Ringbahn“, der auch die Blaupause für das Bahngebäude an der Charlottenburger Gervinusstraße wurde. Vor Baubeginn gehörte der schmale Streifen an der Ringbahn, deren Eigentümer die Reichsbahn war, zu einer größeren Parkanlage, die den Bahnhof Charlottenburg säumte. 1927 begannen – unter den sicher neugierigen Blicken der Bewohner des gründerzeitlichen Kiezes auf der gegenüberliegenden Straßenseite – die Bauarbeiten: Die Baufläche wurde gerodet und planiert und nach nur wenigen Monaten Bauzeit nahm das Kleingleichrichterwerk Charlottenburg 1928 seinen Dienst auf.

Kleingleichrichterwerk Charlottenburg: Das war die Aufgabe der Anlage

Die Gleichrichteranlage in Charlottenburg gehört zu den Kleingleichrichterwerken, die für die Stromversorgung der einzelnen Streckenabschnitte der Berliner Stadt- und Ringbahn in leicht unterschiedlicher Bauweise seit den 1920er-Jahren an insgesamt zwanzig Standorten errichtet wurden.

In den ferngesteuerten Anlagen wurde der von den Schaltanlagen übernommene 30.000 Volt-Drehstrom mittels Trafos auf 800 Volt-Spannung transformiert und dann in Gleichrichtern in Gleichstrom umgewandelt. Mit der Energie wurden die einzelnen Speiseabschnitte bis zum jeweils nächsten Unterwerk versorgt.

Kleingleichrichterwerk Charlottenburg: So war das Bauwerk konzipiert

Wegen der Struktur der meisten Baugrundstücke – schmale Streifen zwischen oder am Rande der Gleisanlagen – wählte Brademann eine lang gestreckte Bauform als Grundriss für die eingeschossigen, mit Klinkern verkleideten Gleichrichterwerke. In Charlottenburg richtete er die rund 30 Meter lange Längsseite, des lediglich fünf Meter breiten Gebäudes, an der Straßenflucht aus. In einem erhöhten Mittelteil lag die 30.000 Volt-Sammelschiene.

Rechts und links davon befanden sich in den symmetrisch gestalteten, zweifach abgestuften Gebäudeflügeln jeweils Sammelschienentrakte, Ölschalter und Transformatoren; ganz außen waren die Gleichrichter und Trennschalter untergebracht. Die Lüftungskanäle der Transformatoren- und Ölschalterzellen wurden durch die leicht erhöhten Dachaufbauten in den Mittelteil geführt, wo die erhitzte Luft über die an den vier Ecken angeordneten Lamellen entweichen konnte.

Die klare horizontale Gliederung des Baukörpers wurde von Brademann noch durch Klinkerverzierungen an der Fassade, Sockel- und Traufgesimse unterstrichen. Mittels der doppeltürigen Stahltore an den Gebäudeflügeln konnten die Gleichrichtersätze einzeln von außen – für Wartungs- oder Löscharbeiten – erreicht werden. Die rückwärtig zu den Gleisen liegende Gebäudeseite war noch einfacher gehalten: Hier dominierten ein zentrales Stahltor und vier symmetrisch angeordnete Fensteröffnungen die Ansicht.

Kleingleichrichterwerk Charlottenburg: 30.000 Volt-Anlage weiter in Betrieb

S-Bahn-Boykott in Berlin 1961
Nach dem Mauerbau riefen Politik und Gewerkschaften in West-Berlin zum Boykott der S-Bahn auf. Mit Erfolg: Die Passagierzahlen brachen nach 1961 dramatisch ein. Die Verluste, die Ost-Berlin zu tragen hatten, beliefen sich in den 1970er-Jahren auf jährlich 100 Millionen Mark und mehr.© picture-alliance/ dpa | Konrad Giehr

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kleingleichrichterwerk Charlottenburg nicht nennenswert beschädigt. Nach Kriegsende lag es zwar im britisch kontrollierten Sektor, betrieben wurde es aber – wie alle Einrichtungen der S-Bahn in Westberlin bis 1984 – durch Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn. An Feiertagen fuhren über die Schienen Züge mit DDR-Flagge.

Die Ringbahn Berlins war im Juni 1945 nach provisorischen Wiederherstellungen von Gleisen und Bahnhöfen teilweise eingleisig wieder in Betrieb genommen worden. Ab dem Winter 1946 war der gesamte Ring mit Einschränkungen wieder befahrbar – das Gleichrichterwerk Charlottenburg spielte für den Antrieb der S-Bahnen aber keine Rolle mehr. Es wurde bereits kurz nach dem Krieg nicht mehr für die Erzeugung von Traktionsstrom für die Bahnschienen genutzt. Gleichwohl blieb das Gebäude ein wichtiger Bestandsteil des Stromnetzes der Bahn. Das Werk diente bis Mitte der 1980er-Jahre als Stromverteilungsknoten im Mittelspannungsnetz (30 Kilovolt).

Kleingleichrichterwerk Charlottenburg: Der S-Bahn-Ring wurde zerschnitten

Auf Berlins Ringbahn hatte sich bis dahin viel verändert: Mit dem Mauerbau Anfang der 1960er-Jahre waren alle Ost-West-Verbindungen Berlins jäh gekappt worden. Gegen Mitternacht des 13. August 1961 hatte DR-Direktionspräsident Otto Arndt der Leitstelle mitgeteilt, dass der Verkehr mit Westberlin sofort einzustellen sei. Noch in der Nacht wurden Eingänge zugemauert, Stromschienen abgebaut und Gleisstücke herausgesägt. Ganze Stationen wurden zu Berliner Geisterbahnhöfen.

Die Ringbahn wurde durch die Berliner Mauer zerschnitten und kam nach dem Reichsbahnerstreik 1980 auch auf ihrem bis dahin noch fahrenden Teilabschnitt in Westberlin zum Erliegen. Im Januar 1984 übernahm die BVG das westliche S-Bahn-Netz und damit auch viele der dortigen Funktionsbauten von der DDR-Reichsbahn. Zehn Jahre später erfolgte nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1994 die Fusion der (West-)Deutschen Bundesbahn und der (Ost-)Deutschen Reichsbahn zur Deutschen Bahn AG, die die S-Bahn von der BVG übernahm. Nach und nach wurden die Verbindungen und Geisterbahnhöfe wieder in Betrieb genommen; bis zur vollständigen Schließung des S-Bahnrings dauert es aber noch bis zum Juni 2002.

Kleingleichrichterwerk Charlottenburg: Lost Place seit Mitte der 1980er-Jahren

Berlin, S-Bahnhof Jungfernheide / Foto - Berlin / S-Bahnhof Jungfernheide / Photo -
Nach dem Reichsbahnerstreik 1980 legte die DDR-Reichsbahn viele Westberliner Bahnhöfe komplett still, die – wie der hier fotografierte S-Bahnhof Jungfernheide an der Ringbahn – zu Geisterbahnöfen verkamen. Foto, 1991.© picture-alliance / akg-images / Florian Profitlich | / Florian Profitlich

Nach der Übernahme durch die BVG 1984 wurde das Kleingleichrichterwerk in Charlottenburg nicht mehr als Funktionsbau des Bahnstromnetzes benötigt. Die 30.000 Volt-Anlage ging vom Netz, seitdem dämmerten die Transformatoren, Öl- und Trennschalter in dem stillgelegten Gemäuer vor sich hin, bevor das Gebäude Ende der 1980er-Jahre durch die BVG leergeräumt wurde. Seines technischen Innenlebens weitgehend beraubt versank das markante Gleichrichterwerk an der Gervinusstraße in einen jahrelangen Dornröschenschlaf.

Generationen von Spinnen webten im verlassenen Inneren ihre Netze; am Boden sammelten sich neben den Rückständen von Öl Lagen von Staub und Dreck und durch die verbliebenen Eisenteile fraß sich rotbrauner Rost. An den Stahltoren blätterte der Lack und das Mauerwerk der Fassade begann zu bröckeln. Ohne geeignetes Nachnutzungskonzept drohte das denkmalgeschützte Bauwerk zu einer modernen Ruine zu verfallen. Mehr als fünfzehn Jahre sollten vergehen, bevor dem Lost Place am Bahnhof Charlottenburg neues Leben eingehaucht wurde.

Kleingleichrichterwerk Charlottenburg: Transformation zur Kunsthalle Koidl

Mitte der 2000er-Jahre interessierte sich der österreichische Unternehmer und Kunsthändler Roman Maria Koidl für die leerstehende Bahnimmobilie. Ihm schwebte die Sanierung des Gleichrichterwerks vor – verbunden mit der Umnutzung als Ausstellungshalle für Kunstsammlungen. 2006 begannen die Arbeiten am dem verfallenen Kleingleichrichterwerk Charlottenburg. Äußerlich blieb das denkmalgeschützte Gebäude weitgehend im Originalzustand erhalten: Nur die Stahltore an der Front und den Seiten des Gebäudes wurden durch holzeingefasste hohe Fenster ersetzt.

Im Inneren ist eine durchgehende, rechteckige Halle entstanden, die mittels zweier Stellwände in kleinere Teilbereiche aufgeteilt werden kann. Im Juni 2008 wurde die Kunsthalle Koidl feierlich eröffnet. Seitdem werden in dem Ex-Gleichrichterwerk in einmaliger Kulisse Ausstellungen gezeigt, die Sammlungen zeitgenössischer Kunst präsentieren. Der Ausstellungsschwerpunkt liegt auf Kunstwerken, die bisher selten oder nie öffentlich zugänglich waren. Hier finden Sie mehr Informationen zur Kunsthalle Koidl und den derzeitigen Ausstellungen.