Alle Teller und Tassen sind abgeräumt, keine Kerzen stehen mehr im Weg. Jetzt liegen auf der langen Tafel im Aufenthaltsraum Möhren, Salatblätter und Gurkenstückchen. Ingrid Stoboy nimmt mit acht Mitbewohnern am Tisch Platz. Die 86-Jährige freut sich schon seit Stunden auf das, was nun kommt - denn im nächsten Moment wuseln fünf Meerschweinchen und sechs Kaninchen über das weiße Tischtuch. Zweimal in der Woche gibt es im Seniorenheim Lentzeallee in Schmargendorf die "Tierrunde". Aus dem hauseigenen Streichelzoo werden die Vierbeiner in den Aufenthaltsraum gebracht und von den Senioren beobachtet, gestreichelt, gefüttert. Die Tiere halten überhaupt nicht still, sie bewegen sich kreuz und quer über die Tischplatte. Begleitet wird das Schauspiel vom ständigen Quieken der Meerschweinchen und den erstaunten Ausrufen der Senioren. "Der ist ja süß!", "Guck mal, die denken nur ans Fressen!" und "Du brauchst nicht zu quieken! Komm, hier haste was!" ist zu hören.
Am Kopfende der Tafel sitzt heute Charlotte Grimm. Die 90-Jährige leidet unter Alzheimer. Seit sie regelmäßigen Kontakt zu den Meerschweinchen und Hasen hat, spricht sie wieder und lächelt sogar ab und zu.
Ein Lamm machte den Anfang
Tiere gehören im Seniorenheim Lentzeallee zum Konzept. Das Leben mit Vierbeinern hat dort Tradition: Eine frühere Pflegedienstleiterin zog vor einigen Jahren ein Lämmchen mit der Flasche groß, das täglich durch die Räume des Hauses lief. Seine eigenen Haustiere mitzubringen ist im Seniorenheim Lentzeallee ebenfalls erlaubt. Natürlich nur, wenn die Bewohner sie selbst versorgen können. Da die meisten nicht mit einem Hund spazieren gehen könnten, ist dieses Angebot jedoch beschränkt. Zurzeit lebt ein Wellensittich bei einer Bewohnerin, demnächst zieht jemand ein, der eine Katze mitbringt.
"Es ist aus der tiergestützten Therapie bekannt, dass regelmäßiger Kontakt mit Tieren sehr hilfreich sein kann, wenn es darum geht, Ressourcen zu erhalten", sagt Oliver Peters, Oberarzt der Gerontopsychiatrie an der Charité, Campus Benjamin Franklin. Häufig ist es Vereinsamung, an der alte Menschen leiden. "Viele Menschen werden von ihren Angehörigen selten besucht. Tiere können hier eine wichtige Rolle spielen", sagt Oliver Peters. "Heimbewohnern fällt es oft schwer, eine Bindung zu anderen Menschen einzugehen. Das geht mit Tieren viel leichter."
Seit 1996 gibt es das Tierhaus in der Senioreneinrichtung am Wilden Eber mit Unterstützung des Vereins "Leben mit Tieren e.V." Früher befand sich an derselben Stelle ein Schachspielfeld, dann machten Sponsoren den Bau eines Außengeheges und eines Stalles möglich. Seitdem gibt es für die alten Menschen täglich einen guten Grund für einen Spaziergang. Und inzwischen leben dort nicht nur Kleintiere, sondern auch die drei Kamerunschafe Susi, Strolch und Lucy, die Thüringer Waldziege Maggie sowie die beiden Esel Justus und Willi, die mit ihren Rufen den kleinen Zoo in der Umgebung bekannt gemacht haben. Sehr begehrt sind die Zimmer, die zum Gehege hinausgehen - auch wenn es dort manchmal ein wenig nach Mist riecht. Das spielt für die meisten Bewohner jedoch keine Rolle. Denn ihnen ist wichtig: Am Gehege ist immer etwas los. Vor allem vormittags. Der kleine Zoo am Wilden Eber ist öffentlich zugänglich, täglich kommen Kindergartengruppen vorbei, um sich die Tiere anzusehen. Meistens sind dann auch viele Heimbewohner draußen und freuen sich über den Besuch der Kleinen.
Treffen der Generationen
"Bei uns treffen die Generationen aufeinander. Wer körperlich in der Lage ist, geht gerne hinaus", sagt Andrea Wagner, Pflegedienstleiterin des Seniorenheimes. "Unsere Bewohner sind immer aufs Neue begeistert, die Kinder mit den Tieren zu sehen. Und viele wollen keine Fütterung versäumen und sogar mithelfen." Die beiden Esel Justus und Willi erkennen bereits manche der Heimbewohner wieder und begrüßen sie freudig.
Andrea Wagner weiß, welche Wirkung Tiere auf alte Menschen haben können. Die Betreuungsassistenten und Demenzbegleiter, die im Haus beschäftigt sind, nehmen regelmäßig kleine Tiere zur Einzeltherapie mit auf die Zimmer. "Sie ermöglichen unter anderem den Kontakt zu Menschen, die sich bisher niemandem öffnen konnten", sagt sie. "Wir beobachten auch, dass sie Angst oder Scham leichter überwinden." Ob jemand dement ist oder nicht, spiele hierbei keine große Rolle. "Aber es ist zu sehen, dass Demenzkranke plötzlich klare Worte finden für Dinge, die sie bisher nicht zuordnen konnten."
Alle Tiere, die in Kontakt mit den Pflegebedürftigen kommen, besitzen ein tierärztliches Attest: Sie müssen gesund sein und dürfen natürlich keine Krankheiten übertragen.
Besonders beliebt ist der Bearded Collie Charles. Er gehört einer Ergotherapeutin, die mit seiner Hilfe schon manchen verschlossenen Bewohner erreicht hat, der sein Zimmer nicht verlassen wollte. "Einmal hat Charles sich von einem alten Herrn an der Leine hinausführen lassen", erzählt Andrea Wagner. "So haben wir den Mann in die Gemeinschaft integrieren können." Ein anderes Mal legte sich Besuchshund Barney, ein 35 Kilogramm schwerer Labrador, auf eine Heimbewohnerin, die, wie unter Zwang, nicht aufhören konnte zu rufen und zu schreien. Durch die Berührung und das Gewicht fing sie plötzlich an zu sprechen und verlangte nun regelmäßig nach Barney.
Um ihre Körperbalance zu trainieren, sitzen die alten Menschen oft auf Gymnastikhockern und werfen für Charles Bälle. So wird die Bewegungstherapie für die Bewohner zum besonderen Spaß. Und die meisten Senioren bekommen nicht genug: "Ich könnte hier alle Tiere knuddeln, ich würde sie am liebsten mit auf mein Zimmer nehmen", sagt Inge Tadajewsky (82). "Tiere geben einem so viel zurück. Und schließlich sind sie ein Stück vom Leben."

