Mitten im Forst des Grunewalds bauten die US-Amerikaner Anfang der 1950er-Jahre hinter stacheldrahtbewehrten Zäunen Sendemasten auf, versenkten massive Stahlbetonblöcke als Anker im Boden und errichteten ein gut 20 mal 17 Meter großes Gebäude, vor dem bald die amerikanische Flagge wehte. Wer sich dem streng bewachten Areal am Fuße des Teufelsbergs näherte, musste sich auf Passkontrollen einstellen, konnte dafür aber Swing, Jazz und Rock ’n’ Roll hören. Per Lautsprecher beschallten die Amerikaner den umliegenden Wald mit dem Programm des Soldatensenders AFN. Niemand sollte Belauschen können, woran die Geheimdienstler in „Site 4“ arbeiteten. Die wichtigsten Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
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Das sind die Fakten zur US-Militäranlage „Site 4“:
- Adresse: Im Jagen 87, 14193 Berlin-Grunewald
- Geschichte: Anfang der 1950er-Jahre wurde das Areal im Grunewalder Forst von der US-Armee beschlagnahmt und zur Militäranlage „Site 4“ ausgebaut; von US-Geheimdiensten als Abhör- und Funkpeilstation genutzt; mit dem Abzug der US-Amerikaner in den 1990er-Jahren wurde die Militäranlage aufgegeben
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place. In den 1990er-Jahren wurde das Areal von den Berliner Forsten als Trockenrasenbiotop im Wald renaturiert
Wo lag die US-Militäranlage „Site 4“ genau?
Das Gelände der US-Militäranlage „Site 4“ liegt im Grunewalder Forst zwischen der A115 und dem Teufelssee im Forstabschnitt Jagen 87. Das Areal gehört zum Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten F6PR+263 Berlin. Etwa anderthalb Kilometer nördlich von der Anlage liegt der Teufelsberg mit den Überresten der US-Abhörstation. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, sollte vom S-Bahnhof Grunewald (S7, Bus 186, 349 und M19) mit einem Fußweg von rund 30 Minuten rechnen. Vom Parkplatz Pappelplatz sind es rund 20 Minuten durch den Forst. Achtung: Es handelt sich nach der Verordnung zum Schutz der Landschaft des Grunewalds 2017 um ein Landschaftsschutzgebiet. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der US-Militäranlage „Site 4“:
Ausgangslage: Stationierung der US-Armee im Südwesten Berlins

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bezogen die US-Amerikaner ihre Quartiere im Südwesten des geteilten Berlins. An der Clayallee in Dahlem – vormals Kronprinzenallee – lag der Sitz des Stadtkommandanten; in Lichterfelde West ein US-Militärbahnhof. Den Grunewald teilten sich die GIs mit den Briten, die die nördlichen Areale in Charlottenburg-Wilmersdorf für sich beanspruchten. Doch auch hier entstanden einige Einrichtungen unter der Kontrolle der US-Armee. Das lag daran, dass dem Teufelsberg – einem hoch über alten Nazibauten aufgeschütteten Trümmerberg – ein besonderer Status zukam.
Die Briten hatten früh erkannt, dass sich die 120 Meter hohe Erhebung für die militärische Aufklärung anbot. Mit Funkeinheiten am Teufelsberg überwachten sie seit den 1950er-Jahren den Flugverkehr des Warschauer Paktes und lauschten mittels Horchfunkern in den Fernmeldeverkehr der DDR mit Moskau hinein. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961, die den Kontakt zu ihren Agenten „in der Kälte“ erschwerte, gewann die funkelektronische Aufklärung noch an Bedeutung. Briten und Amerikaner einigten sich auf eine gemeinsame Nutzung und die US-Armee begann mit dem Bau der „Field Station Berlin“ – der Abhörstation auf dem Teufelsberg. „The Hill“, wie GIs die streng bewachte Einrichtung tauften, wurde hauptsächlich vom US-Geheimdienst NSA betrieben und war Teil des weltweiten Überwachungsnetzes Echelon der Five-Eyes-Staaten. Berlins Spionagehochburg auf dem Teufelsberg war eine der wichtigsten Abhörstationen im Kalten Krieg.
Heute besichtigen Tausende die Ruine auf dem Teufelsberg, die zu einer der Top-Attraktion unter den Lost Places Berlins geworden ist. Weniger bekannt sind die vielen Versorgungseinrichtungen am Fuße des Bergs. Eine von ihnen: die streng geheime „Site 4“ etwa anderthalb Kilometer südlich des Teufelsbergs. Was passierte in der Anlage der US-Armee, die aus Gründen der Abhörsicherheit den Wald um sie herum weitläufig mit AFN-Musik beschallte?
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US-Militärstandort „Site 4“: Kahlschlag im Wald nach der Berlin Blockade

Auf heutigen Satellitenbildern des Grunewalds erkennt man die Freifläche im Jagen 87 noch recht gut, die einst von der US-Armee in den Wald geschlagen wurde, um den Baugrund für die Militäranlage namens „Site 4“ zu schaffen. Sie umfasst rund 55.000 Quadratmeter, war aber noch weiträumiger, ungefähr auf einer eingeschlossenen Fläche von 10 Hektar im südlichen Teil des Forstreviers umzäunt. Das Gebiet war bis etwa zur Jahrhundertmitte bewaldet. Seine Abholzung erfolgte vermutlich in den Jahren um 1948/1949 – der Zeit der Berlin-Blockade.
Straßenkarten Berlins verzeichneten das Areal, das an den Forstwegen Verbindungschaussee im Süden und Neumann-Weg im Norden lag, als Schweinemästerei: ein Tarnname, von dem sich die militärische Aufklärung der DDR nicht einen Moment lang täuschen ließ. Zu dicht lag das Gelände an der brisanten Abhörstation der Briten, die später – in den 1960er-Jahren – von der US-Armee zum Spionagezentrum Teufelsberg ausgebaut wurde. Zu dicht auch an den Munitionsdepots Dachsberg und Grunewald sowie dem Sprengplatz Grunewald im Jagen 65. Geschützt im Wald bauten sich die Amerikaner ein ganzes Netzwerk an Militärstandorten auf, deren Aufklärung für die DDR-Führung vom höchsten Interesse war.
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US-Militärstandort „Site 4“: So war die geheime Anlage konzipiert
Anfang der 1950er-Jahre rollten die Bautrupps mit schwerem Gerät vorbei an den Sportplätzen am Birkenplatz, der Waldkirche und der Rodelbahn südlich des Teufelssees, die in den 1970er-Jahren nach tödlichen Unfällen gesperrt wurde. Ihr Auftrag: Mitten im Wald, auf der zuvor freigeschlagenen Lichtung, eine getarnte Sendeanlage zu errichten. Betonfundamente für die Sendemasten wurden gelegt, Anker für die Abspannungseile im Boden versenkt, das Gelände umzäunt, ein patrouilliertes Eingangstor sowie mehrere Lagerbarracken und ein großes Kommandogebäude an der südöstlichen Ecke des Areals errichtet.
Die Funktionsgebäude waren vom übrigen Gelände durch eine zweite Umzäunung abgetrennt. Die Militäranlage verfügte über eine eigene Klärgrube; die Stromversorgung sicherte die Bewag sowie Notstromaggregate. Im eingezäunten Freibereich abseits der Funktionsgebäude wurde ein Antennenfeld installiert. Die Sicherung des Gesamtgeländes übernahm das paramilitärische Wachbataillon „6941st Guard Battailion“. Posten kontrollierten den Zugang am Eingangstor und unternahmen Patrouillen über das Gelände. Um die Abhörsicherheit – und möglicherweise auch die Moral – zu steigern, lief auf eigens installierten Lautsprechern permanent das Programm des amerikanischen Soldatensenders AFN, so dass niemand hören konnte, was drinnen vor sich ging.
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US-Militärstandort „Site 4“: Geheimdienst-Horchposten in Südberlin
Mehr als vier Jahrzehnte lang wurden in der Militäranlage Informationen gesammelt und ausgewertet. Der Standort war von der United States Army Security Agency (ASA) betrieben worden, einem Geheimdienst der elektronischen Aufklärung der US-Armee, der zwischen 1945 und 1977 bestand. Das Spezialgebiet der ASA war das Auffangen und Auswerten von Feindnachrichten, die Kryptologie sowie die Armeekommunikation. Das Motto der Einheit: Vigilant Always – zu Deutsch: immer wachsam. Nach 1977 unterstand die „Site 4“ dem nachrichtendienstlichen Sicherheitshauptkommando der US-Armee (INSCOM).
Mehrere Quellen geben an, dass mit dem Antennenfeld von „Site 4“ Morsecode abgefangen und entschlüsselt wurde. Doch Details des nachrichtendienstlichen Aufgabenbereichs der Geheimanlage bleiben bis heute im Dunkeln. In US-Dokumenten wird sie schlicht als „Signal Facility“ (Signalanlage) geführt. Bekannt ist, dass die „Site 4“ mit einem Erdkabel mit der oberhalb stationierten Field Station verbunden war. Dort wurden auch Nachrichten der anderen Spionageeinrichtungen wie der Radaranlage Marienfelde und dem Horchposten am Flughafen Tempelhof gesammelt und die Erkenntnisse an das NSA-Hauptquartier im US-amerikanischen Fort Meade, Maryland, per Richtfunk oder Satellitenverbindung weitergegeben. Ein für den amtlichen Gebrauch angefertigter Stasi-Bericht von 1985 zeigt, dass die NVA recht genau über die Anlage im Grunewalder Forst Bescheid wusste. Dort heißt es, dass der amerikanische Geheimdienst in der Operationsbasis Grunewald „Site 4“ Lagerräume unterhält und ein Antennenfeld für die Funkpeilung im Hochfrequenzbereich.
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US-Militärstandort „Site 4“: Abzug der US-Armee in den 1990er-Jahren
Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wurde die Abhörstation von den amerikanischen Streitkräften aufgegeben. Alle elektronischen und baulichen Elemente der einstigen Abhörstation erfuhren Anfang der 1990er-Jahre einen Rückbau. Das eingeschossige Kommandobauwerk wurde abgerissen, die Sendeantennen demontiert oder unbrauchbar gemacht. 1994 wurde die Berlin Brigade durch US-Präsident Bill Clinton deaktiviert und die verbliebenen Militärs aus Deutschland abgezogen.
Noch bevor die letzten US-Soldaten die Hauptstadt verließen, war das Areal im Jagen 87 am 30. Januar 1992 an die Berliner Forsten rückübertragen worden. Wie bei so vielen ehemaligen Einrichtungen der US-Armee stellte sich die Frage, wie Berlin mit den Relikten des Kalten Krieges umgehen sollte. Die Brache im Wald war durch die jahrzehntelange Nutzung als Militärgelände geprägt. Statt Geheimdienstlern tummelten sich nun seltene Erdflechten auf der Lichtung und das Gebiet wurde stückweise von der Natur zurückerobert. Nach ersten ökologischen Untersuchungen in den 1990er-Jahren wurde eine Renaturalisierung des Areals als lichter Waldabschnitt und Trockenrasengebiet durch die Forstbehörde angestrebt.
US-Militärstandort „Site 4“: Überreste der alten Station im Wald

Noch heute finden sich Überreste der früheren ASA-Anlage auf dem Gelände: Verwitterte und mit Moos überwachsene, massive Betonblöcke, die als Bodenanker, der Stabilisierung der Antennenmaste dienten. Vereinzelt stehen noch Holzmaste mit verrosteten Eisenankern, andere verrotten langsam, nachdem sie abgesägt wurden, im Unterholz. Hier und da finden sich Metallrohre, die aus dem Boden ragen. Längst keiner Aufgabe mehr dienend überzieht sie eine dicke Patina aus Rost. Steinblöcke am Wegesrand, verwittertes Holz, Eisenanker, gefallene Holzmasten und einige wenige aufragende Überbleibsel sind das Einzige, was an die einst mysteriöse „Site 4“ im Grunewald erinnert, die von Deutschen nur im Ausnahmefall und mit besonderer Genehmigung betreten werden durfte.
Heute suchen hauptsächlich Spaziergänger und Fans der FKK-Kultur auf dem einstigen Militärgelände Erholung. Doch vor einigen Jahren erinnerte ein Bodenfund daran, dass das Gelände über Jahrzehnte vom Militär und Geheimdienstlern beansprucht worden war. Eine leere und halb verrottete Munitionskiste ragte 2018 am Wegesrand halb aus dem Boden. Zweihundert 7.62 Millimeter-Geschosse waren darin einst gelagert worden und dienten wohl als Ausrüstung bei einem der zahlreichen Manöver, die die US-Armee im Grunewald abhielt. Wer das teilweise noch eingezäunte und unter Naturschutz stehende Gebiet durchwandert, sollte also seine Augen offenhalten: Man kann nie wissen, worüber man stolpert.



