Am Sonntag werden in Wilmersdorf das neue Bildungszentrum "Szloma-Albam-Haus" und das "Rohr Chabad Familienzentrum" - ein Haus der jüdisch-orthodoxen Organisation Chabad Lubawitsch - eröffnet. Die Berliner Morgenpost widmet dem weltweit beachteten Ereignis eine Serie. Der Polizist bewacht das Tor und hat zwischen 22 Betonpollern vor dem Eingang Stellung bezogen. Er lässt nur hinein, wer auch von innen hereingebeten wird. "Sie können sich ja wohl denken, dass das hier bewacht wird", sagt der Polizist. Ein Vorgang, der zur Normalität öffentlichen jüdischen Lebens in Deutschland gehört. Auch hier, mitten in Berlin, Münstersche Straße 6 in Wilmersdorf. Ein Ort, der am Sonntag weltweit Aufmerksamkeit genießt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Israel Meir, der ehemalige Oberrabbiner des Staates Israel, Botschafter aus aller Welt und Berlins Innensenator Ehrhart Körting werden in die Münstersche Straße kommen.
Denn hier wird das neue jüdische Bildungszentrum "Szloma-Albam-Haus" und das "Rohr Chabad Familienzentrum", ein Haus der jüdisch-orthodoxen Organisation Chabad Lubawitsch, eröffnet. "Das jüdische Zentrum ist das erste in Deutschland, das nach dem Krieg hauptsächlich aus privaten Spenden finanziert wurde", sagt Rabbiner und Direktor des neuen Zentrums, Yehuda Teichtal. "Das ist ein Zeichen dafür, dass sich jüdisches Leben aufbaut und eine lebendige Zukunft haben wird." Teichtal kam vor elf Jahren aus New York nach Berlin. Geschickt hatte den damals erst 24-Jährigen die Organisation Chabad Lubawitsch, damit er in Berlin wieder jüdisches Leben aufbaue. Das ist dem Rabbiner gelungen und bringt ihm selbst bei seinen Kritikern aus dem eher liberalen Judentum hohe Anerkennung ein. Nicht ohne Grund wird Teichtal auch schon mal "Power-Rabbi" genannt. Und der Zulauf insbesondere osteuropäischer Juden beweist, dass Teichtal den Nerv der Zuwanderer getroffen hat.
Synagoge vor einem Jahr eingeweiht
Bereits im vorigen Jahr konnte er in der Villa an der Münsterschen Straße, die einst ein Umspannwerk der Bewag war, eine Synagoge und damit das neunte jüdische Gotteshaus in Berlin eröffnen. Die Szloma-Albam-Stiftung, die jüdisches Leben im Bereich der Bildung in Deutschland unterstützt, hatte den Kauf des Bewag-Gebäudes mit ermöglicht. Großzügige Spenden kamen auch von der New Yorker Familie Rohr sowie vielen andern. Für den Synagogenbau wie auch die Planung des Bildungszentrums gewann Teichtal den russischen Stararchitekten Sergei Tchoban. Dort, wo im Bewag-Haus einst die Trafostation war, erstreckt sich jetzt auf zwei Etagen die Synagoge mit 250 Plätzen. Sie ist mit Nussbaumholz getäfelt und verfügt über ein besonderes Lichtkonzept. "Hier wurde damals von der Bewag Licht gemacht, nun machen wir hier Licht", sagt Rabbi Teichtal - ein Bonmot, das er gern zum Besten gibt. Fünf Millionen Euro betragen die Baukosten für das gesamte Zentrum. 3,7 Millionen Euro kamen bereits über Spenden und Mittel der Lotto-Stiftung zusammen. Der Rest muss noch gesammelt werden, sagt Teichtal. Richtfest wurde im April des vergangenen Jahres gefeiert.
Zwei Jahre zuvor war der Grundstein gelegt worden für das Zentrum mit 2500 Quadratmetern Nutzfläche. "Berlin ist wieder ein Magnet jüdischen Lebens", hatte die damalige Bürgermeisterin Karin Schubert (SPD) anlässlich der Grundsteinlegung gesagt. Mittlerweile sind dreieinhalb Jahre vergangen.
"500 Menschen kommen pro Woche zu uns", sagt Teichtal. Von den 25 000 bis 30 000 Menschen jüdischen Glaubens in Berlin seien 10 000 in irgendeiner Weise mit Chabad Lubawitsch verbunden. 28 Angestellte hat die Organisation in Berlin. "People helping people" oder "Atmosphäre mit Herz" nennt Teichtal den Geist seines Hauses, das auch Nicht-Juden offen stehen soll und neben aller Religiosität auch ein Haus der Begegnung verschiedener Kulturen und Generationen sein will. Bildung, soziales Engagement und Integration stehen ganz oben auf der Agenda von Teichtal, die zu allererst sein Glauben bestimmt. Tradition ist ihm unbedingt wichtig. "Doch die Verpackung ist modern", sagt er. So gehören neben Synagoge und einem Gotteshaus extra für Kinder auch eine Armenküche und Ferienlager wie auch ein Computer Learning Center, Bibliothek, Mediathek und Seminarsaal zu den Angeboten des Zentrums. Darüber hinaus gibt es ein koscheres Restaurant, einen Judaica-Laden, die Jugend-Lounge für Teenager sowie einen Kinderspielplatz und Garten. Nicht zu vergessen die Mikwe, ein traditionelles Ritualbad für Frauen - allerdings hochmodern im Fünf-Sterne-Segment mit Wellnessbereich.
Auch an Touristen hat Teichtal gedacht. "Berlin Jewish Tourist Welcome Center" nennt es Teichtal. "Hier können sich Besucher über jüdisches Leben in Berlin informieren." Mit Eröffnung des Zentrums gewinnt Berlin eine weitere - orthodoxe - Facette jüdischen Lebens auf dem Weg zur Normalität. Die Betonpoller an der Münsterschen Straße aber werden vorerst bleiben und weiterhin zum Alltag der Nutzer des neuen jüdischen Zentrums gehören. Zur Eröffnung am Sonntag um 12 Uhr werden nicht nur der Bundesaußenminister, der ehemalige Oberrabbiner des Staates Israel und Berlins Innensenator erwartet. Kommen werden auch Rabbiner und Gemeindevorsitzende aus aller Welt. Im Anschluss sind ein Straßenfest und ein Open-Air-Konzert mit dem weltberühmten jüdischen Sänger Avraham Fried geplant.
Lesen Sie morgen: "Chabad Lubawitsch - eine Bewegung orthodoxer Juden".


