Berlin ist die Hauptstadt der Architekten. In großen Büros, aber auch in kleinen Teams arbeiten die Männer und Frauen, die das Gesicht unserer Stadt und vieler anderer Metropolen weltweit prägen. Sie schaffen innovative und traditionelle Bauten, sie mischen Stile und entwickeln ihren eigenen Stil, sie denken funktional und repräsentativ. Die neue Serie der Morgenpost präsentiert einige der herausragenden Architekten der Stadt - Menschen, deren Namen nicht immer vertraut sind, aber deren Werk Tag für Tag besichtigt, bewertet und bewundert werden kann. Heute stellen wir Sergei Tchoban vor.
Ein ungemütlicher Morgen, es regnet und ist kalt. Gefühlte Wartezeit: ewig. Irgendwann hält ein Taxi und Sergei Tchoban steht vor uns. Viel zu spät, aber von Hetze keine Spur. "Ich musste etwas Wichtiges regeln und später noch mal zu einem Amt. Wir haben nicht viel Zeit, aber Sie können nachher mitkommen und wir sprechen im Taxi weiter", entschuldigt sich der Architekt für seine Verspätung. Sagt er und geht schnell voran.
Mit seiner Körpergröße entsprechenden Riesenschritten führt Tchoban uns in die Synagoge, die sich in dem unscheinbaren ehemaligen Umspannwerk an der Münsterschen Straße in Wilmersdorf verbirgt.
Nur keine Zeit verlieren. Die ist spürbar knapp bemessen im Alltag des zwischen Moskau und Berlin pendelnden Architekten, der an der Spree bekannt wurde mit Gebäuden wie dem Cubix-Kino und dem Dom-Aquarée oder mit der behutsamen Grunderneuerung des denkmalgeschützten Berolina-Hauses am Alexanderplatz. Zurzeit macht Tchoban von sich reden mit dem "Federation Tower", das mit 354 Metern künftig höchste Haus Europas, das er mit Peter Schweger in Moskau baut. Doch zurück nach Berlin.
Dass wegen der Verspätung des Planers jetzt auch unser Fotograf im wahrsten Sinne des Wortes blitzschnell zur Sache kommen muss, scheint Tchoban zu gefallen. "Sie sind sehr gut", lobt er ihn lächelnd, der in Windeseile das Objektiv auf seine Kamera montiert und Tchoban ins Visier nimmt. "Den Arm bitte nach rechts!" Kein Problem, die klare Ansage wird sofort erfüllt. Die Bilder sind im Kasten. Jetzt geht es - kurz, denn die Zeit drängt - um das Projekt, das dem viel beschäftigten Architekten "sehr am Herzen liegt", wie er überzeugend betont: der Umbau des Umspannwerks für das neue Jüdische Bildungs & Familien Zentrum Chabad Lubawitsch.
Herzstück des noch nicht ganz fertigen, aber teilweise schon genutzten neuen Zentrums, das nach den Worten Tchobans das Jüdische Leben in Berlin stärken werde, ist die Synagoge. In der ehemaligen Schaltzentrale, in der früher Hochspannung herrschte, hat Sergei Tchoban einen Raum der Ruhe, der Wärme und des Lichts geschaffen. Gestaltet in der für ihn typischen klaren modernen Linie.
Er habe sich geehrt gefühlt, als "Rabbi Teichtal mich fragte, ob ich dieses Zentrum planen wolle", sagt der sonst selbstbewusste Architekt fast schon ein wenig demütig und führt uns gleich in das Büro des orthodoxen Rabbi Yehuda Teichtal. Hier scheint der Zeitdruck vergessen. Die beiden Männer begrüßen sich herzlich. Rabbi Teichtal lobt erst einmal "diesen wunderbaren Architekten" für dessen Engagement im Sinne dieses Hauses, das nur mit Spenden realisiert wird.
"Ich bin zwar selbst kein praktizierender Jude, die jüdische Kultur aber war ein ganz wesentlicher Bestandteil meiner Kindheit und ist ja auch grundsätzlich von großer Bedeutung", erläutert Sergei Tchoban später im Taxi seine Begeisterung für dieses Projekt.
Das Klingeln von Tchobans Handy unterbricht immer wieder unser Gespräch. Mit dem Wechsel in seine Muttersprache Russisch wird Tchoban lauter. "Fahren Sie doch endlich schneller", weist er den Taxifahrer an. Der drückt aufs Tempo und schweigt. "Wo waren wir stehen geblieben?" Wie ein Schauspieler auf die Stichworte einer Souffleuse reagiert, reichen auch Tchoban zwei Worte - "Ihre Familie" -, schon ist er wieder im Thema. Er verdanke seiner Großmutter viel. "Sie hat mein künstlerisches Talent erkannt und dafür gesorgt, dass ich das Kunstlyzeum in St. Petersburg besuchen konnte." Er habe von der fünften bis zur elften Klasse dort im Schwerpunkt Kunst studiert, erinnert sich Sergei Tchoban an seine Jugend, in der er wahnsinnig viel gemalt und gezeichnet habe. Fasziniert von der Hinterhof-Atmosphäre in den Büchern von Dostojewski, dem St. Petersburger Schriftsteller schlechthin, illustrierte Tchoban Bücher und ist auch heute noch ein Künstler und Sammler der Handzeichnungen.
Seine Faszination für Häuser und andere Gebäude aber war, wie er sagt, noch stärker. Und so begann der Sohn eines Physikers und einer Ingenieurin für Turbinenkraftwerke, Architektur zu studieren.
Dass er 1992 nur wenige Jahre nach seinem Diplom von St. Petersburg nach Deutschland übersiedelte, begründet der Architekt rückblickend mit den "damals mangelnden Arbeitsmöglichkeiten" in seiner Heimat. Eine Situation, die heute, 14 Jahre später, kaum vorstellbar scheint. Zwei bis drei Tage die Woche in Berlin, zwei bis drei Tage in Moskau oder in anderen seiner Wirkungs-"Städten": Tchoban ist immer unterwegs.
Ein Interview im Taxi scheint für den unermüdlichen Arbeiter da ganz selbstverständlich. Am Ziel angekommen, springt Tchoban aus dem Auto. Er sei gleich wieder da, ruft er und lässt eine verdutzte Reporterin zurück.
Zeit scheint relativ. Nach 20 Minuten Warten kehrt die Reporterin in die Redaktion zurück. Dort angekommen, entschuldigt sich kurz darauf eine Mitarbeiterin Tchobans für das so ungeplante und abrupte Ende des Gesprächs. Herr Tchoban freue sich auf ein neues Treffen. Dann habe er auch Zeit.
Eine Woche später. Im Büro des Architekten in einem der sanierten Altbauten der Hackeschen Höfe. Auch heute ist sein Terminkalender wieder voll, aber Sergei Tchoban nimmt sich wirklich Zeit. Doch diesmal - Ironie des Schicksals - bleibt der Reporterin nur wenig, im aktuellen Tagesgeschehen hat eine andere Geschichte Vorrang. So reicht es gerade für die sechs Fragen, die wir allen in dieser Serie vorgestellten Architekten stellen.
Für Tchoban kein Problem, es gibt genug zu tun...
Die Serie im Internet:

