Vor 70 Jahren

Das Ende der Berlin-Blockade: Zeitzeugen berichten

Vor 70 Jahren, am 12. Mai 1949, lösten die Sowjets die Abriegelung der Westsektoren Berlins. Zwei Zeitzeuginnen erinnern sich.

Berlin. Am heutigen Sonntag wird auf dem Tempelhofer Feld ein besonderer Jahrestag gefeiert. Vor genau 70 Jahren, in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai 1949, wurden die Westsektoren Berlins wieder mit Strom versorgt, kurz darauf wurde die vollständige Blockade der Verkehrswege zu Land und Wasser aufgehoben. Die Stadt atmete auf. Es gab wieder Waren in den Schaufenstern, am Pariser Platz konnten die Interzonenbusse in den Westen starten.

Das Ende der Blockade war der Sieg einer bedingungslosen Unterstützungspolitik seitens der Amerikaner, mit der die sowjetische Besatzungsmacht wohl kaum gerechnet hatte - und deren Folgen in Gestalt der Gegenblockade und des Handelsembargos mit den Westzonen sie sich schließlich auch gar nicht mehr leisten konnte.

Blockade dauerte 322 Tage

Vorausgegangen war eine der spektakulärsten Rettungsaktionen der Menschheitsgeschichte. Nachdem die Westsektoren im Frühjahr 1948 durch sowjetische Interventionen in ihrer Versorgung immer wieder eingeschränkt worden waren, kam der Waren- und Güterverkehr nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 ganz zum Erliegen. Die Blockade Berlins hatte begonnen, sie sollte 322 Tage dauern und als „erste Schlacht des Kalten Krieges“ in die Geschichte eingehen.

280.000 Flüge erreichten die Westsektoren

Dass die enorme logistische Kraftanstrengung der Luftbrücke - insgesamt erreichten etwa 280.000 Flüge die Westsektoren und brachten mehr als zwei Millionen Tonnen lebenswichtiges Material dorthin - überhaupt umgesetzt wurde, ist dem Einsatz des amerikanischen Militärgouverneurs Lucius D. Clay zu verdanken - hatte doch sein Kollege Brian Robertson dafür plädiert, die Besetzung Berlins zugunsten gesamtdeutscher Wahlen ganz aufzugeben.

Dass sie so reibungslos funktionierte, war wiederum eine Leistung des amerikanischen Generalleutnants William H. Tunner. Dieser hatte bereits im Zweiten Weltkrieg die US-Luftbrücke über den Himalaya zwischen Indien und China organisiert, die immerhin 42 Monate währte.

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“: Das Zitat des Berliner Oberbürgermeisters Ernst Reuter aus seiner Rede am 9. September 1948 in Gegenwart von Hunderttausenden von Menschen hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Die Welt sah hin und lernte: Der Berliner lässt sich nicht so leicht unterkriegen, in keiner Situation. Das gilt es heute zu feiern.

Der Vater brachte regelmäßig Care-Pakete mit

Vera Mitschrich sah als Kind, wie Süßigkeiten vom Himmel fielen

Mit einem fröhlichen „Welcome“ begrüßt Vera Mitschrich den Gast, „sagen Sie einfach Vera, so nennen mich alle“. An den weißen Wänden der sauberen Wohnung hängen Fotos von ihr und Veteranen der Luftbrücke, auch ein aktueller Offizier der US-Airbase Erbenheim bei Wiesbaden posiert in Paradeuniform neben der schlanken Frau, der man die 75 Jahre einfach nicht abnehmen will.

Am Revers des perfekt sitzenden, marineblauen Hosenanzugs leuchtet ein silbernes Abzeichen mit dem Luftbrückensymbol, das in Groß aus Beton gegossen am Tempelhofer und Frankfurter Flughafen an die einzigartige Hilfsaktion der Alliierten zwischen 26. Juni 1948 und 12. Mai 1949 erinnert. Darüber schimmert eine US-Flagge.

Vera Mitschrich, geborene Balke, ist aufgeregt. Sie wird den bekanntesten Veteranen der Luftbrücke, den mittlerweile 98-jährigen Gail Halvorsen treffen und am nächsten Tag an einem Empfang im Roten Rathaus mit dem Regierenden Bürgermeister teilnehmen. Die gebürtige Friedenauerin ist ein Berliner „Candy Girl“. In den USA stehen sie für West-Berliner Kinder, für die zuerst Gail Halvorsen kleine Fallschirme mit Süßigkeiten aus den Rosinenbombern warf, bevor er in Tempelhof landete.

Nur noch bruchstückhafte Erinnerungen an die Luftbrücke

Geboren wurde Vera Balke im Dezember 1943 in Friedland in Mecklenburg, 175 Kilometer nördlich von Berlin-Friedenau. Nach Friedland hatte sich ihre Mutter mit Vera und der sieben Jahre älteren Schwester Gertraud vor den immer heftiger werdenden Angriffen alliierter Bomberstaffeln in Sicherheit gebracht.

Wenige Wochen nach der Kapitulation kehrten die weiblichen Mitglieder der Familie in die Wohnung an die Büsing-/Ecke Odenwaldstraße zurück. An die Blockade hat Vera Mitschrich nur bruchstückhafte Erinnerungen, „ich war ja noch keine fünf Jahre alt.“ Im Hof hätten die Menschen Kaninchen gehalten, an den Fassaden voller Einschusslöcher wuchsen Bohnen. Hoppse und Triesel (Kreisel) hätten die Kinder gespielt. Streng verboten sei gewesen, in den Ruinen kriegszerstörter Häuser zu spielen. „Davon gab es einige in unserem Kiez“, erinnert sich die jetzt in Frohnau lebende Frau.

Ende 1947 war der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, mit einer schweren Beinverletzung. Sehr wenig zu essen habe es gegeben, bis der Opa eine Anstellung als Fahrer bei den Amerikanern in Lichterfelde bekommen hätte. „Da gab es dann etwas, was wir bis dahin gar nicht kannten: weißes Toastbrot.“

Care-Pakete enthielten diverse Nahrungsmittel

Regelmäßig habe der Vater Care-Pakete mitgebracht. Etwa 100 Millionen Nahrungsmittelpakete der Cooperative for American Remittances to Europe wurden in der Nachkriegszeit verteilt. Nach West-Berlin gelangten sie über die alliierte Luftbrücke. Neben rund zwei Kilo Fleisch, Speck, Leber, Corned Beef in Dosen enthielten die Pakete auch Zucker, Honig, Schweineschmalz, Ei- und Milchpulver, Kaffee und Trockenkartoffeln.

„Die Trockenkartoffeln schmeckten uns gar nicht“, sagt Vera Mitschrich, „dafür umso mehr die Schokolade. Die hat meine Mutter immer wieder aufs Neue irgendwo in der Wohnung versteckt, bis wir wussten, wo. Dann musste sie ein neues Versteck suchen.“ Um die Kaugummis länger genießen zu können, wurden sie mit dem Daumen „auf einer Untertasse plattgedrückt und gezuckert. Kann sich heute keiner mehr vorstellen.“

Irgendwann im Spätsommer 1948 kam Schwester Gertraud aufgeregt angerannt und zeigte in den Himmel. Dort flogen seit Ende Juni im Minutentakt die Flugzeuge mit Hilfsgütern in geringer Höhe zur Landung auf dem nahen Tempelhofer Flughafen ein. Doch diesmal warf die Besatzung eines Flugzeugs bereits vor der Landung Mini-Fallschirme aus der Kanzel. „Daran hingen kleine Tafeln Hershey‘s Creamy Milk Chocolate. Geschmacklich war das für uns das Paradies auf Erden“, schwärmt Vera Mitschrich. Die Kinder waren aus dem Häuschen, sogar der invalide Vater musste beim Einsammeln von erreichbaren Ästen helfen. Bald wussten die Kinder, wenn die Maschinen beim Anflug mit den Flügeln wackelten, dann regnete es Süßes.

Der Pilot sah die winkenden Kinder am Boden

Auf die Idee mit den Schokoladenfallschirmen war Pilot Gail Seymour Halvorsen gekommen. Der hatte auf den Schuttbergen vor dem Tempelhofer Flughafen winkende Kinder gesehen und wollte etwas nur für sie mitbringen. Nachdem die Militärführung von der Idee anfangs nicht begeistert war, führte positive Berichterstattung zuerst in Berlin, dann in Deutschland und schließlich in den USA, zum Umdenken. Tausende Amerikaner spendeten Süßigkeiten, bis zum Ende der Blockade warfen Flugzeugbesatzungen beim Landeanflug rund 23 Tonnen Süßigkeiten ab. „So entstand der Name Rosinenbomber, auf Englisch ,Candy Bomber’“, erzählt Vera Mitschrich.

1999 lernte sie Gail Halvorsen während der Feierlichkeiten auf dem Tempelhofer Flughafen persönlich kennen. „Ein wunderbarer Mann“, schwärmt sie. Seither halten sie regelmäßig Kontakt. 98 Jahre alt ist der Veteran inzwischen. 2013 wurde eine Sekundarschule in Zehlendorf nach Halvorsen benannt, der zwischen 1970 und 1974 Kommandant des Flughafens Tempelhof war. „Meine Mutter hat immer gesagt: Hoffentlich können wir den Amerikanern etwas zurückgeben und uns für diese großartige Hilfe während der Blockade bedanken“, sagt Vera Mitschrich.

Freundschaft zwischen West-Deutschland und der USA entstand

Sie erinnert sich auch an Abstürze von Maschinen während der Luftbrücke, „einer ganz in der Nähe von uns, in der Handjerystraße.“ Sie ist sicher, dass neben den tausenden Transportflügen während der Berlin-Blockade „insbesondere die Kinder-Aktion von Gail Halvorsen und seinen Kameraden dazu beigetragen haben, dass nach dem Krieg eine Freundschaft der Völker West-Deutschlands und der USA entstehen konnte.“ Sie selbst hat viele Jahre ihre in Florida lebende Schwester besucht, die einen Captain der US-Army geheiratet hatte. Seit dem Tod der Schwester besucht sie regelmäßig ihren Neffen in den USA. Vor einigen Jahren wurde sie Ehrenmitglied der Luftbrücken-Gesellschaft.

Was Vera Mitschrich bedauert, ist, dass zum Jubiläum keine Rosinenbomber in Berlin landen werden. „Das war zum 60. und zum 50. Jahrestag kein Problem, zum 60. hatte Gail Halvorsen sogar noch einmal Fallschirme mit Schokolade abgeworfen. Unverständlich, warum es dieses Jahr nicht geht.“

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Seit der Luftbrücke ist immer ein großer Vorrat im Keller

Hannelore Noack wurde 1949 aus Berlin nach Bayern ausgeflogen

„Aber sofort Platz, Struppi“, sagt Hannelore Noack. Der vierjährige Mischlingsterrier unternimmt im Wohnzimmer eines Hermsdorfer Reihenhauses nach kurzer Riechattacke noch einen Schmuseversuch, dann geht es ab ins Körbchen. „Gute Erziehung ist alles“, sagt die resolute Frau und fährt sich mit der Hand durch die kurzen grauen Locken. Sie trägt eine weiße Bluse und Bluejeans, am linken Handgelenk leuchtet der Notalarmknopf. „Gesundheitlich is nüscht“, berlinert sie und wischt mit der Hand über den Tisch.

Trauriger Abschied vom Hund Moppi

Seit ihrem siebten Lebensjahr hatte die 79-Jährige gebürtige Weddingerin einen Hund. „Mein erster hieß Moppi, den habe ich geliebt. Auch ein Terrier.“ Ende März 1949 musste sich die Erstklässlerin unter Tränen von Moppi verabschieden. Das Jugendamt Wedding hatte sie ins Kinderheim Haus Rheinland an den Tegernsee nach Bayern geschickt.

„Es gab Probleme mit meinem Stiefvater, die Versorgungslage war katastrophal. Da hat mein zehn Jahre älterer Bruder dafür gesorgt, dass ich nach West-Deutschland kam“, berichtet sie. Ob die Verschickung im Rahmen der „Operation Storch“ geschah, bei der während der Blockade rund 14.000 Berliner Kinder vorübergehend in die Westsektoren ausgeflogen wurden, weiß Hannelore Noack nicht.

„Es war an einem Freitag. Ich verabschiedete mich von Moppi. Meine Mutter brachte mich zur Sammelstelle am Rathaus Wedding. Von dort ging es mit einem Doppelstöcker von der BVG mit anderen Kindern nach Gatow, zum Militärflughafen der Briten“, erinnert sich Hannelore Noack. Auch dort landeten wie in Tempelhof im Minutentakt Rosinenbomber, in der Regel Douglas C-47, genannt Dakota.

Manieren wurden im Kinderheim beigebracht

„Wir nahmen auf Pritschen längs der Bordwand Platz und waren mächtig aufgeregt“, erzählt die Zeitzeugin. Nach rund einer Stunde landete die Maschine mit der wertvollen Fracht in Lübeck. Von da ging es per Zug nach München und weiter mit dem Bus ins Kinderheim am Tegernsee. „Dort wurden uns allen Manieren beigebracht, egal ob man schon welche hatte oder nicht“, erzählt die Rentnerin schmunzelnd. Für den Unterricht stand für 40 Kinder genau ein alter Dorfschullehrer zur Verfügung, geschlafen wurde in Zimmern mit fünf Stockbetten. „War trotz der Strenge eine gute Zeit, die mich geformt hat“, stellt Hannelore Noack rückblickend fest.

Unvergesslich: Der Geschmack der ersten Banane

Vor sich auf dem Tisch liegt sorgsam verschnürt ein kleiner Stapel Briefe. Die Korrespondenz hatte ihre Mutter gesammelt. Zärtlich streicht Hannelore Noack über das Papier und liest aus einem Brief vor. „Warum schreibt ihr nicht öfter?“ Da habe die Mutter gleich geschrieben. Auch, dass es Moppi gut geht. Am 30. August ging es nach rund fünf Monaten wieder zurück nach West-Berlin, diesmal mit dem Zug. „Als ich nach Hause kam, hatte ich ein kleines Schwesterchen. Meine Mutter überraschte mich mit der ersten Banane meines Lebens. Den Geschmack werde ich nie vergessen“, erzählt sie.

Versteck im Humboldtbunker

Was sie auch nie vergessen wird, sind die Erlebnisse als Kleinkind in Berlin in den letzten Kriegsjahren. Die Eltern hatten eine Samenhandlung und eine kleine Baumschule direkt gegenüber des Humboldthains in Gesundbrunnen. „Wir wohnten in der Eulerstraße, zehn Fußminuten entfernt. Als die Luftangriffe heftiger wurden, sind wir oft in den Humboldtbunker.

Man kann sich nicht vorstellen, wie viele Menschen sich da drängten. Tausende. Wenn wir es nicht geschafft haben, und der Bunker zu voll war, suchten wir in den U-Bahntunneln Schutz.“ Am schlimmsten sei die Rückkehr auf die Straße nach den Angriffen gewesen. Zerbombte Häuser, Brände, Tote und Verletzte.

Wenn sie ihren Enkeln heute davon erzählt, könnten die gar nicht verstehen, wie man das psychisch unbeschadet überstehen konnte. „Meine Mutter hat mich beschützt, die war eines von zehn Kindern aus Prenzlauer Berg, patent, resolut. Wir haben immer gesungen. Gassenhauer wie „Heut geh ich zu der Frieda, und morgen geh ich wieder“. Oder Bolle. Als eine Bombe ohne zu explodieren quer durch unsere Wohnung gekracht ist, hat sie Bilder vor die Löcher in den Wänden gehängt.“

An ihren Vater erinnert sich Hannelore Noack nur von einem einzigen Frontbesuch. „Er hatte Brötchen gekauft und den Tisch mit Kerzen dekoriert.“ Ende 1944 ist er in Belgrad an Kriegsverletzungen gestorben. Als der Krieg vorbei war, hatte die Mutter die Tochter immer an der Hand, „als Schutz. Sie wissen ja, was in Berlin in den ersten Wochen los war“, sagt Hannelore Noack in einem Ton, der Nachfragen verbietet.