Stahlbetontrümmer, überwucherte Zugänge und unterirdische Tunnel: Großveranstaltungen im Olympiapark wie die Europameisterschaft 2024 ziehen Tausende Feierlustige in das Olympiastadion. Kaum ein Fußballfan dürfte wissen, dass kaum 500 Meter von den Zuschauerrängen entfernt die Überreste eines im Dickicht verborgenen Weltkriegsbunkers verrotten. „Herold 1“ am Rande des Reichssportfeldes diente der Luftverteidigung der Reichshauptstadt – bis sich der Führungsstab in einem Bunkerneubau auf der Wannseeinsel verschanzte und die Verteidigung von Volk und Führer auf dem Reichssportfeld zu einem Himmelfahrtskommando für die Hitlerjugend wurde. Die wichtigsten Infos zu dem Lost Place.

Das sind die Fakten zum Bunker „Herold 1“

  • Adresse: Am Gretel-Bergmann-Weg, 14053 Berlin-Westend
  • Geschichte: Anfang der 1940er-Jahre als militärischer Bunker für den Stab der „Luftflotte Mitte“ am Rand des Reichssportfeldes errichtet; zwischen 1941 und 1944 als Stabsgefechtsstand, Drahtnachrichten- und Luftmeldesammelstelle genutzt; nach dem Krieg 1947 gesprengt
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place

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Wo liegt der Bunker „Herold 1“ genau?

Lageplan des Olympiaparks: Herold 1 liegt nördlich der Ex-Villa des „Reichssportführers“ (8).
Lageplan des Olympiaparks: Herold 1 liegt nördlich der Ex-Villa des „Reichssportführers“ (8).

Der Bunker liegt nördlich des Gretel-Bergmann-Wegs am Rand des Olympiaparks im Ortsteil Westend des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: G68J+WVV Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Gelände am besten vom S-Bahnhof Olympiastadion (S3, S9) oder vom U-Bahnhof Olympia-Stadion (U2) zu erreichen. Von beiden Stationen benötigt man zu Fuß etwa 23 Minuten bis zum Areal des Bunkers. Achtung: Die Zugänge zum Bunker sind abgezäunt. Das Betreten ist nicht erlaubt und birgt Gefahren. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Bunkers „Herold 1“:

Ausgangslage: Vorbereitung auf den Luftkrieg um Berlin

Ukraine-Konflikt - Schutzräume in Deutschland
Grundlegend unterscheiden sich Bunker danach, ob ihre Schutzräume unterirdisch liegen (Tiefbunker) oder ob sie über der Erde errichtet werden (Hochbunker).  Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich in Berlin noch rund 360 Bunker. Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung.© picture alliance / greatif | Marita Gaul

Der erste Luftangriff auf Berlin im Zweiten Weltkrieg fand in der Nacht vom 7. auf den 8. Juni 1940 durch ein einzelnes französisches Flugzeug statt. Im August 1940 folgten die ersten gestaffelten Angriffe der britischen Royal Air Force auf die Hauptstadt des Dritten Reichs. Als die ersten Fliegerbomben die Reichshauptstadt Berlin trafen, reagierte die NS-Führungsriege nervös. Auf persönlichen Befehl des Oberkommandierenden und Reichskanzlers Adolf Hitler wurde hektisch mit den Vorbereitungen für ein Bunkerbau-Sofortprogramm begonnen.

Unter Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker-Entwurfsskizzen für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak, Nachrichten- und Kommandobunker. Einer der Militärbunker: der Bunker „Herold 1“ im Nordwesten des Reichssportfeldes. Wenige Jahre zuvor war das Sportfeld in Westend noch Austragungsstätte der Sommerspiele 1936 gewesen, in dessen internationalem Glanz das NS-Regime die überlegene deutsche Friedfertigkeit zur Schau gestellt wissen wollte und Leni Riefenstahls konturreiche Bewegtbilder die Blaupause des neuen Übermenschen formten. Jetzt war der Krieg in der Hauptstadt angekommen, das „Fest des Friedens“ längst Geschichte und das Reichssportfeld nur ein weiterer Ort im Zuge des Ausbaus Berlins zu einer Festung.

„Herold 1“: Randbebauung am Reichssportfeld bis zum Zweiten Weltkrieg

H. v. Tschammer besichtigt HJ-Lager / Foto
Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten (links) bei den Sommerkampfspielen der Hitlerjugend 1940.© picture alliance / akg-images | akg-images

Am Rand des Berliner Ortsteils Westend erstreckt sich eine der monumentalsten Sportanlagen Europas: Das Ensemble wurde größtenteils anlässlich der Olympischen Spiele 1936 nach Entwürfen des Architekten Werner March (1894–1976) fertiggestellt – die ursprünglichen Planungen reichten bis in die Zeit der Weimarer Republik zurück, als sich Berlin als Austragungsort der Spiele bewarb. Neben dem Olympiastadion umfasst das 130 Hektar große Areal ein früheres Aufmarschgelände (Maifeld) sowie eine Freilichtbühne (heutige Waldbühne).

Den nördlichen Abschluss bildete das Deutsche Sportforum mit dem Haus des Deutschen Sports und dem Friesenhof im Nordosten sowie einem in der ursprünglichen Planung für Sportlerinnen reservierten Frauenbezirk am Westende des Forums. Das zentrale Bauwerk hier war das Annaheim, auch Frauenheim genannt. Westlich davon lag ein kleines Amphitheater namens Tanzring. Nach den Spielen wurde das Theater eingeebnet und wich dem Bau der Dienstvilla des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten (1887–1943), die bis 1938 fertig gebaut wurde. Als Villa im Olympiapark lässt sich der zweigeschossige Villenbau heute mieten.

„Herold 1“: Stabsgefechtsstand des Luftwaffenbefehlshabers Mitte

Vermutlich ursprünglich zur Nutzung durch den NS-Sportfunktionär und seiner Familienangehörigen gedacht, wurde Anfang der 1940er-Jahre ein Schutzbunker in unmittelbarer Nähe zur Dienstvilla des Reichssportführers errichtet. Spätestens bis 1941 wurde die Anlage für militärische Zwecke umgerüstet und erweitert. „Herold 1“ war der erste einer Reihe von gleichnamigen Kommandobunkern, die den Stab des „Luftwaffenbefehlshabers Mitte“ – ab 1944 „Luftflotte Reich“ – beherbergten.

Die Luftwaffen-Kommandobehörde war im März 1941 aus der Vereinigung der Befehlsstände der Luftverteidigung in den Luftgauen III und IV hervorgegangen. Ihre Hauptaufgabe war die Aufklärung und Bekämpfung feindlicher Flugzeugverbände. Aus dem Lage- und Einsatzzentrum wurde die Luftverteidigung von Berlin, der Einsatz von Jagdfliegern und die Flakverteidigung, in einem Radius von 250 Kilometern um die Reichshauptstadt herum gesteuert und koordiniert. Im Laufe des Krieges wurden der Behörde immer mehr Kompetenzen und Territorien zur Luftverteidigung übertragen.

„Herold 1“: Platzmangel in der Bunkeranlage am Olympiastadion

Grundsteinlegung Reichsluftschutzschule - Air Force General Milch / Berlin / 1938 -
Grundsteinlegung zur Reichsluftschutzschule in Berlin-Wannsee durch den NS-Kriegsverbrecher und General der Flieger, Erhard Milch, im Jahr 1938. An dem Standort entsteht seit 1941 der Nachfolgebunker „Herold 2“ als Hochbunker.© picture-alliance / akg-images | akg-images

Der erste Gefechtsstand war klein dimensioniert. Dafür bot das Reichssportfeld den Standortvorteil eines permanenten Stationsnetzes mit reicher Verkabelung und Drahtverbindungen. Bis Ende Oktober 1940 wurde der provisorisch vom Luftnachrichten-Regiment 101 auf dem Reichssportfeld eingerichtete Gefechtsstand bezogen. In einer Bunkeranlage am Friesenhof befand sich die Nachrichtenzentrale und Hauptkurierstelle, der Gefechtsstand des Stabes zunächst in vollkommen unzureichenden Räumlichkeiten im Frauenheim – bevor er in den fertiggestellten Luftschutzbunker des Reichssportführers verlegt werden konnte.

In dem Bunker befanden sich neben der gesamten Drahtnachrichtenanlage zur Kommunikation, eine große Luftmeldesammelstelle zur Auswertung eigener und feindlicher Luftlagemeldungen, Dienste zur Auswertung der Funk- und Radaraufklärung, die Anfänge einer „Korfu“-Aufklärung – die Daten von Horchempfängern auswerteten, die auf Bordradarsignale anfliegender Bomber ansprachen – sowie die eigentlichen Gefechtsstände. Schnell wurde klar, dass auch der weitverzweigte Stahlbeton-Koloss am Reichssportfeld nicht ausreichend Platz bot, um den wachsenden Anforderungen des Luftwaffen-Gefechtsstandes im Krieg genügend Raum zu bieten.

„Herold 1“: Der Luftflottenstab verlässt das Reichssportfeld

Der Stab des Luftflottenkommandos hatte in Westend kaum seine Diensträume bezogen und mit der Arbeit begonnen, als 1941 der Bau eines Nachfolgebunkers veranlasst wurde. Mit „Herold 2“ sollte auf dem Gelände der ehemaligen Reichsluftschutzschule ein sechsgeschossiger Betonkoloss als Hochbunker entstehen, der sowohl die Gefechtsstände als auch die Nachrichtenzentrale aufnehmen sollte. Doch seine Fertigstellung dauerte an. Drei Jahre lang wurde die Luftverteidigung noch in den teils oberirdisch, teils unterirdisch gelegenen, beklemmenden Bunkerbauwerk in Westend organisiert.

Als der Umzug im Frühjahr 1944 erfolgte und der gesamte Luftflottenstab vom Reichssportfeld auf die Wannseeinsel verlegt wurde, war der Himmel über Berlin und dem Rest des selbsterklärten „tausendjährigen Reiches“ längst fest im Griff alliierter Jagd- und Bombergeschwader. Den verheerenden Luftangriffen auf Berlins Innenstadt und seiner Randbezirke hatte die Luftverteidigung kaum etwas entgegenzusetzen. In den letzten Kriegsmonaten organisierte die „Luftflotte Reich“ hauptsächlich ihre eigene Flucht: Im Frühjahr 1945 wurde der Stab noch fünfmal an die Standorte „Herold 3“ bis „Herold 8“ innerhalb des schrumpfenden Reichsgebiets verlegt.

„Herold 1“: Vom Bunkerbau bleiben Trümmer und Ruinen

Luftbrücke zur Versorgung West-Berlins
Die Alliierten übernehmen. Von 1945 bis 1994 war das nördliche Olympiagelände von britischen Truppen besetzt; ab 1952 Sitz des britischen Hauptquartiers in Berlin. © picture-alliance/ dpa | dpa

Ende April 1945 erteilte Adolf Hitler dem Reichsjugendführer Artur Axmann persönlich den Befehl, mit seiner HJ-Division den Havelübergang und das Reichssportfeld samt dem leerstehenden Ex-Luftwaffenbunker unter allen Umständen gegen die heraneilende Rote Armee zu verteidigen. Es war ein Himmelfahrtskommando: Als sich der Rauch über dem Reichssportfeld lichtete, war das Areal übersät von Bombentrichtern. Mauerteile waren herabgestürzt – überall lagen leere Munitionskisten, ausgebranntes Gerät, Barrikaden und Leichen.

Nach dem Abzug der Sowjets besetzten die Briten Anfang Juli 1945 das Reichssportfeld, das jetzt im britischen Sektor der geteilten Stadt lag. 1952 verlegte die britische Militärregierung ihr Hauptquartier in das Areal des Sportforums und nutzte den nördlichen Teil des Olympiageländes bis zum Abzug der Alliierten 1994 für ihre Zwecke. Die Bunkeranlage „Herold 1“ war 1947 von britischen Spezialkommandos gesprengt worden.

„Herold 1“: Weltkriegsruine seit mehr als 70 Jahren

Seitdem dämmerte die gesprengte Beton-Bunkerruine als eine von vielen Berliner Weltkriegsrelikten weitgehend unbeachtet am Rande des Olympiageländes vor sich hin. Das Sportfeld wurde währenddessen nach und nach wiederhergestellt. 1949 hatten die Alliierten Teile des Geländes wieder für die Öffentlichkeit freigegeben: darunter das Olympiastadion, die Waldbühne und das Schwimmstadion. Jahrzehntelang konnten sich die Berliner im Sommerbad des ehemaligen Olympia-Schwimmstadions an heißen Sommertagen Abkühlung verschaffen, bei den sportlichen Erfolgen und Misserfolgen von Hertha BSC im benachbarten Stadion mitfiebern, legendären Auftritten in der Waldbühne beiwohnen und auf den wiederhergestellten Sportanlagen trainieren, derweil die geborstenen Stahlbetonblöcke, verschütteten unterirdischen Bunkergänge, Trümmer und Ruinen nördlich des Gretel-Bergmann-Wegs niemanden mehr zu interessieren schienen.

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Im Laufe der Jahrzehnte verschwanden sie hinter einem Dickicht von Ranken und Zweigen; in den aufgerissenen Betonwänden nisteten Vögel und andere Tiere, die Fragmente der Weltkriegsruine wurden von der Natur zurückerobert – buchstäblich erfüllte sich hier der latente Schlussstrich-Wunsch der nachkriegsdeutschen Gesellschaft Gras über die Sache wachsen zu lassen. Bis heute liegen die Überreste von „Herold 1“ als Weltkriegstrümmer am Rande des Olympiaparks – nur die Zugänge wurden mit Zäunen abgesichert. Künftig könnte die Ruine sogar näher an die feiernden Hertha-Fans heranrücken – je nachdem wie die Frage nach dem Neubau eines reinen Fußballstadions für Hertha BSC und seines Standortes entschieden wird.