Museen

Das Vermächtnis der Leni Riefenstahl

Staatlichen Museen geben ersten Einblick in großen Nachlass der Filmemacherin

Foto: jörg Krauthöfer

„H–Z“ steht auf dem weißen Aktenrücken, ein goldenes Sternchen ist darunter geklebt. Als Ludger Derenthal den Ordner mit besonderen Korrespondenzen von Leni Riefenstahls in die Hand nimmt, ist das für einige Sekunden eine merkwürdige Situation. Sind Briefe von Hitler dort abgeheftet? Derenthal, Leiter der Museums für Fotografie, hat noch keine gesichtet. Sagt aber nichts, meint er. Bislang fehlt ihm noch der Überblick über den Nachlass der Filmemacherin und Fotografin, er weiß nicht, was sie an Dokumenten über den Zweiten Weltkrieg hinüber gerettet hat. „So wie wir sie kennen: Wenn sie einen Brief von Hitler hatte, dann hat sie den nicht weggeworfen“, sagt Derenthal.

Riefenstahl musste Jahrzehnte mit dem Vorwurf leben, sie habe sich den Nationalsozialisten mit ihren heroischen, makellosen Menschen-Bildern in den Dienst der Propaganda Hitlers gestellt. Sie selbst spielte die Naive, rechtfertigte sich stets mit ihrer Foto-Ästethik oder ihrer Pflicht zur Dokumentation. Bei den Staatlichen Museen weiß man: Dieser Nachlass ist mit einer ganz besonderen Verantwortung verbunden – die kritische Aufarbeitung ihrer Rolle im Nationalsozialismus wird eine zentrale Rolle spielen.

700 Kisten mit Dokumenten und Fotos

Derenthal ist bei den Staatlichen Museen der Hüter des Nachlasses der umstrittenen Diva. Über 700 Umzugskisten sind Zeugen ihres 101 Jahre langen Lebens. Dazu gehören: Filme, Manuskripte, Briefe, Dokumente, Kleider, auch Ethnologica wie Speere und Kalebasen von ihren Afrikareisen sind dabei. Presseausschnitte verwahrte sie, auch die kritischen nach 1945, wie Derenthal vermutet, schließlich gehörten auch diese zu ihrem Leben. Tagebücher seien nicht dabei, aber Terminkalender mit entsprechenden Eintragungen. Noch lagert alles im Depot, wartet auf Archivierung und Aufarbeitung.

Derenthal gibt an diesem Morgen einen kleinen Einblick in den Nachlass. Mit weißen, weichen Schutzhandschuhen öffnet er ein schmales Kistchen mit einem im hellgrünen Muster bedruckten Deckel. „L.R. Porträts“ steht auf einem daran befestigten Klebezettel. Mit Bedacht nimmt er einzelne Schwarz-Weiß-Fotos heraus: Leni Riefenstahl als Darstellerin im Film „SOS Eisberg“, mit Filmrolle in der Hand, mit Sonnenhut. Mal frontal, mal im markanten Profil, eine schöne Frau. Er packt ein zweites in Seidenpapier eingeschlagenes Konvolut aus. Ihre Aufnahmen der Nuba in Afrika: Kampfszenen, Tänze und Porträts. So wie sie in den 30er-Jahren die Körper der Olympioniken mit der Kamera zelebriert hatte, so feierte sie in den 70er-Jahren Kulte und Körper der Einheimischen.

Die graue Schublade „309“, die Derenthal dann öffnet, versammelt Dokumente zu ihrem legendären „Olympia“-Film. „Super Originalfotos, bitte nicht anfassen“ mahnt ein Schild. Von den vielen an dem Projekt beteiligten Kameraleuten und Fotografen finden sich hier Kontaktabzüge, ein Exposé von Willy Zielke, Programmhefte und Freigabebescheinigungen.

Eins wird bei diesem ersten Blick in die „bunte Kiste“ klar, Riefenstahl war eine besessene Sammlerin. Das Berliner „Bergungsteam“, das ihren Nachlass in Pöcking bei München sichtete, fand ein von oben bis unten vollgestopftes Haus vor, in dem die Filmemacherin alles zusammengetragen hatte, was ihr Leben und Werk dokumentiert. Sogar im Dach verwahrte sie 30 Kisten, die per Flaschenzug nach unten befördert werden mussten. Hauptaufgabe war, den Besitz so zusammenzupacken, wie sie ihn zu Lebzeiten „zusammengehalten“ hatte.

Die Schenkung stammt von der ehemaligen Sekretärin

In einer Blitzaktion von nur einer Woche hatte das Team der Staatlichen Museen Ende 2017 den gesamten Nachlass in der Villa am Starnberger See gesichtet. Die Schenkung, die von Riefenstahls ehemaliger Sekretärin Gisela Jahn stammt, sollte schnell abgewickelt werden. Sie musste das Haus zügig verkaufen. Jahn ist Alleinerbin, nachdem Riefenstahls Ehemann Horst Kettner 2016 verstorben war. Ihr Wunsch war es, dass der Nachlass in ihre Heimatstadt Berlin geht, Jahn wusste das. Und so ist es geschehen.

Ludger Derenthal sagt selbst, dass er erst am Anfang steht, nicht genau sagen kann, wie viele Jahre es braucht, um diesen Nachlass komplett aufzuarbeiten. Im Vergleich zu Marlene Dietrich sei er zwar vergleichsweise klein, bei Dietrich dauerte es acht Jahre. Das Forschungsteam soll aus Filmexperten, Restauratoren und Historikern bestehen. Geldgeber aber fehlen noch. „Riefenstahl ist eine große Figur der Film- und Fotogeschichte“, sagt Rainer Rother, der künstlerische Direktor der mitbeteiligten Deutschen Kinemathek. „Jeder Cent, den wir in die Aufarbeitung stecken, wird sich lohnen.“