120 Jahre Morgenpost

Olympia 1936: Die Spiele der Propaganda

Während der Olympischen Spiele 1936 präsentierte sich Nazi-Deutschland friedfertig. Andere Länder drohten mit Boykott.

Nachkolorierte zeitgenössische Bilder, Leichtathlet Jesse Owens

Nachkolorierte zeitgenössische Bilder, Leichtathlet Jesse Owens

Foto: Ullstein Bild+Histopics

Berlin. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Olympia 1936.

Die Spiele standen im Zeichen des Friedens. Den Eindruck musste derjenige gewinnen, der am 2. August 1936 in der Berliner Morgenpost über die Eröffnung der elften Olympischen Sommerspiele in Berlin las: "Mit nichts hätte der Führer besser dokumentieren können, dass in Deutschland der Friedenswille der Völker eine sichere und feste Heimstätte hat, als mit der glanzvollen Durchführung der Festspiele 1936." Als der Staffellauf, mit dem das olympische Feuer ins Stadion kam, am Ziel war und die Flamme entzündet wurde, da sei es gewesen, "als scheine die Sonne über glücklichen, freien und besseren Menschen und Völkern". Der "Aufbauwille für den Frieden" sei dokumentiert worden von einem "geschlossenen, einigen Volk in der Reichshauptstadt und in Deutschland, Millionen von Menschen, deren Herzen im Gleichklang schlagen für die Nation und den Frieden in der Welt."

Die Olympischen Spiele waren auch 1936 in Berlin ein fröhliches Fest für den Sport, für die - meisten - Bewohner der Reichshauptstadt und die vielen Tausend Gäste aus dem In- und Ausland. Sie hinterließen mit dem Olympiastadion ein ästhetisch ansprechendes Baudenkmal. Doch man musste damals nicht besonders tief blicken, um zu erkennen, wie sie politisch missbraucht wurden, wie Friede und Einigkeit eine Fassade der Lüge abgaben. Was das "geschlossene, einige Volk" angeht, so war erst Tage vorher nur ein paar Kilometer nördlich in Sachsenhausen ein besonders großes Konzentrationslager fertiggestellt worden, eines von inzwischen vielen im Reich. Für all jene, die bei der Einigkeit nicht mitmachen wollten - oder die dort nicht erwünscht waren. Und beim Jubel über den Frieden kam natürlich nicht zur Sprache, dass im Rahmen der Heereskonzeption "Erhöhung der Angriffskraft" ausgerechnet im Olympia-Monat das "Augustprogramm 1936" in Kraft trat, und dabei die Planungen für die Zahl der Divisionen um gut 50 Prozent angehoben wurden. Hitler und Goebbels hatten befohlen, dass während der Olympischen Spiele der braune Anstrich des Reiches als Schokoladenseite erstrahlen sollte.

Gleichschaltung der Presse - auch der Morgenpost

Die Morgenpost konnte sich all dem nicht entziehen, sie wollte es in dem Moment auch gar nicht mehr. Der Chefredakteur war jetzt "Schriftleiter", eingesetzt durch neue Verlagsherren von Goebbels Gnaden. Die Redaktion musste mit den Nazi-Wölfen heulen - die während der Spiele demonstrativ im Schafspelz promenierten. Noch hieß das Mutterhaus Ullstein Verlag. Doch die Verlegerfamilie wurde schon 1934 zum Rückzug gezwungen, gegen Bruchteile des Unternehmenswertes als Entschädigung. Das Haus war in "arischen" Besitz übergegangen, ab 1937 hieß es "Deutscher Verlag" und war in das Unternehmen Franz Eher Nachfahren GmbH eingegliedert, den Zentralverlag der NSDAP, kontrolliert von Max Amann, NSDAP-Reichsleiter für die Presse.

Zum Entsetzen von Hermann Ullstein hatte sich ihm am Tag der Machtergreifung durch die Nazis gezeigt, dass in der Berliner Morgenpost auch in den Jahren davor bereits eine nationalsozialistische Zelle existiert hatte, auch wenn sich dies in der Berichterstattung nicht niedergeschlagen hatte, es hatte sich bei den Mitgliedern eher um "Schläfer" gehandelt. In seinem Buch "Zeitungsstadt Berlin" zitiert Peter de Mendelssohn den damaligen Morgenpost-Verleger mit dessen Erinnerung an ein Gespräch mit einem Mitarbeiter gleich im März 1933. Der Redakteur habe sich plötzlich in Nazi-Tiraden ergangen und stolz erklärt, dass er seit 1923 Parteigenosse sei. "Und trotzdem haben Sie ruhig weiter in diesem demokratischen Verlagshaus gearbeitet?", fragte Ullstein. "Seine Antwort war ein Hohngelächter. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Jetzt, und erst jetzt, wurde mir klar, dass wir seit Jahren von Feinden umgeben waren." Die Presse gehörte dann zu den ersten gesellschaftlichen Bereichen, die gleichgeschaltet wurden.

Während der Olympischen Spiele befleißigte sich die Morgenpost nicht nur des vorgegebenen Tonfalls, unterließ dabei aber auf höchsten Befehl allzu plumpe antisemitische Propaganda (analog dazu, dass plötzlich landesweit für die festlichen Wochen die Schilder "Kauft nicht bei Juden!" aus der Öffentlichkeit verschwunden waren, um das Reich als weltoffen zu präsentieren).

Boykottdrohungen für Olympia

Täglich gab es viele Sonderseiten über die Sportwettkämpfe. Am Verlagshaus in der Kochstraße war auf einer riesigen Anzeigentafel der jeweils aktuelle Medaillenspiegel zu sehen. Was leicht fiel, lagen doch die deutschen Sportler die gesamten Spiele hindurch vorn. Bis zum Schluss, mit 33 Goldmedaillen weit vor den zweitplatzierten USA (24-mal Gold). Was den Nationalsozialisten zupass kam: Die Spiele waren die ersten, die von den Medien durch Originalübertragungen begleitet wurden, über Kurzwelle hinaus in alle Welt, mit der Premiere fürs Fernsehen (wobei es noch kaum Empfangsgeräte gab). Das Volk konnte mitgerissen, spielerisch auf einen kämpferischen Tonfall eingestimmt werden, "Sieg Heil" am Barren und im Gewichtheben. Über dem Stadion kreuzte das Luftschiff Hindenburg mit dem Hakenkreuz, und Leni Riefenstahl huldigte in ihren Film "Olympia" dem arischen Körper.

Die Friedensbeteuerungen des Reiches, über die Morgenpost und alle anderen Medien verlautbart, wie ebenso die - allzu vordergründigen - Zugeständnisse an die Juden hatten auch damit zu tun, dass die Vorbereitung der Spiele unter dem Damoklesschwert internationaler Boykottdrohungen stattgefunden hatte. Am bedeutendsten wäre wohl das Fernbleiben der USA gewesen, was auch fast geschah. Doch der nationale Olympiachef Avery Brundage sorgte durch geschicktes Taktieren für Amerikas Teilnahme - und obendrein, zur Freude des Reiches, auch noch für eine judenfreie Mannschaft (worauf Deutschland im Vorfeld selbst verzichtete, dann aber praktisch doch durchzog, bis auf die "Halbjüdin" Helene Meyer, die im Fechten eine Silbermedaille gewann). Dennoch wählte das Internationale Olympische Komitee 1952 Brundage zu seinem Präsidenten und behielt ihn bis zum Jahr 1972.

Als dann die olympische Flamme erloschen war, da ging dann, frei von allen Boykottbefürchtungen, die Hetze gegen Juden und alle anderen Feindbilder der Nazis von Neuem los, grausamer, menschenverachtender. So, wie es in den Heimen die Hitlerjugend schon vorher besang: "Nach der Olympiade / schlagen wir die Juden zu Marmelade." Nicht mal richtig Deutsch konnten die Nachwuchsnazis damals. Der Begriff "Olympiade" bezeichnet nicht die Spiele selbst, sondern die vier Jahre zwischen ihnen.

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