Auf einem Berliner Wohngrundstück in Lankwitz halb vergraben im Erdreich des Hinterhofes dämmerte jahrzehntelang eine Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkrieges vor sich hin: Es handelte sich nicht um eine Bombe; nicht um einen vergessenen Blindgänger, der über Berlin abgeworfen wurde und nicht detonierte, sondern um ein massives Stahlbetonbauwerk, das den Anwohnern Schutz bieten sollte. Der Weltkriegsbunker war lange Zeit ein mehr oder minder unbeachtetes Kuriosum – bis er einem Neubauprojekt im Wege stand. Die wichtigsten Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zum Flachbunker Kurfürstenstraße:
- Adresse: Kurfürstenstraße 29a, 12249 Berlin-Lankwitz
- Geschichte: Anfang der 1940er-Jahren als Luftschutzbunker errichtet; nach dem Zweiten Weltkrieg zwischenzeitlich als Depot für Filmrollen genutzt; später Lagerstätte für Lebensmittel der Senatsreserve; nach 1989 Leerstand
- Bunkertyp: Flachbunker vom Typ 2D mit 18 Kammern; Schutzkapazität für rund 300 Personen
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place
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Wo lag der Flachbunker Kurfürstenstraße genau?
Der Bunker lag in der Kurfürstenstraße 29a im Ortsteil Lankwitz des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit der Buslinie M11 (Haltestelle Jägerstraße) zu erreichen. Von der Bushaltestelle ist es ein rund fünfminütiger Weg entlang der Lorenz- und Frobenstraße bis zu dem Grundstück. Alternativ kann auch die S-Bahnstation Lichterfelde Ost (S25, S26) genutzt werden, von der man etwa elf Minuten zu Fuß bis zu dem Anwesen benötigt. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Von dem Bunker sind keine Überreste mehr am Standort vorhanden. Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Flachbunkers Kurfürstenstraße:
Ausgangslage: Berlin verschanzt sich hinter Stahlbeton
Als die ersten Fliegerbomben der Alliierten 1940 die Reichshauptstadt Berlin trafen, reagierte die NS-Führungsriege nervös. Auf persönlichen Befehl des Oberkommandierenden und Reichskanzlers Adolf Hitler wurde hektisch mit den Vorbereitungen für ein Bunkerbau-Sofortprogramm begonnen. Unter Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker-Entwurfsskizzen für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak, Nachrichten- und Kommandobunker.
In den Wohngebieten der Villen- und Wohnsiedlung Lankwitz am Stadtrand begannen noch Anfang der 1940er-Jahre die Erdarbeiten. Auf freien Arealen und Grundstücken wurden Zivilschutzbunker gebaut, die je nach verfügbaren Bauland 100 bis 500 Personen Schutz vor Bombenangriffen bieten konnten. Bald durchzog nördlich und südlich der Spree ein Netz aus Hoch- und Tiefbunkern die Nachbarschaften. Einer der Schutzbauten: der Flachbunker an der Kurfürstenstraße 29a in Lankwitz.
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Flachbunker Kurfürstenstraße: Der Krieg kommt zur Familie Görwitz
Das Grundstück an der Kurfürstenstraße gehörte seit Anfang des 20. Jahrhunderts der Familie Görwitz. Sie waren Teilhaber der Firma „Horn & Görwitz“, die seit 1898 im Bereich der Entwicklung von Schreibmaschinen für den Telegraphenbetrieb tätig waren. Oskar Görwitz hatte so lange an einer aus den USA importierten Schreibmaschine getüftelt, bis diese nicht nur Buchstaben zu Papier brachte, sondern zugleich einen lochgestanzten Streifen für den Telegraphen auswarf. So konnte ein zusätzlicher Arbeitsgang komplett entfallen. Als Görwitz mit dieser Erfindung bei der Reichspost vorstellig wurde, griff die sofort zu. Damit hatte der Erfinder und sein Geschäftspartner Willi Horn einen Großkunden und auf einen Schlag volle Auftragsbücher.
In der Kurfürstenstraße 29 lag das 1888 erbaute Haus der Familie Görwitz im vorderen Teil des ausgedehnten Grundstückes, das insgesamt mehr als 7000 Quadratmeter umfasste. Hinter dem Wohnhaus hatte Frieda Görwitz, die Ehefrau Oskars – sie war nicht ganz unbeteiligt an der Fleurop-Gründung – während des Ersten Weltkriegs Gewächshäuser errichten lassen und war mit dem Verkauf der von ihr gezogenen Zuchtblumen sehr erfolgreich. Als die nach dem Führer-Erlass 1940 ausschwärmenden Beamten Albert Speers nach Baugrund für öffentliche Bunkeranlagen suchten, geriet auch die Kurfürstenstraße in Lankwitz und das Grundstück der Familie Görwitz ins Visier der Bunker-Erbauer. Doch Oskar Görwitz wollte nicht verkaufen. Er bot einen Pachtvertrag an – ausreichend Fläche, um dort einen Zivilbunker samt Zugangsweg zu errichten – und die NS-Behörden willigten ein.
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Flachbunker Kurfürstenstraße: So war die Anlage aufgebaut
Bis 1941 wurde der Zivilbunker fertiggestellt. Der Bunkerbau ragte etwa zwei Meter aus dem Boden heraus und war an seinen zwei erhöhten Ein- und Ausgängen und an den aus den Boden ragenden Lüftungsschächten zu erkennen. Durch den Eingang ging es eine steile Treppe hinab in den Bunker. „Ruhe bewahren, nicht drängen“ stand in fluoreszierenden Buchstaben an der Wand.
Eine dicke Eisentür mit Sichtloch riegelte ehemals die dahinterliegenden Schutzräume hermetisch ab. Vorbei an Sanitärräumen und der Bunkeraufsicht führten zwei parallele Gänge mit je sechs Kammern sowie einer Kammerzeile in der Mitte zum hinteren Ausgang. Dort gab es einen größeren Aufenthaltsraum, einen Sanitärraum, einen Heizungsraum, einen großen Sandfilter, Lüftungsgeräte und Schutztüren, die die zweite Schleuse des hinteren Notausgangs sicherten. Es gab Toiletten, einen Wasserzulauf und einen Generator für Elektrizität. Die Rettungswege im Bunker wurden mit im Dunkeln leuchtender Farbe gekennzeichnet. So konnten Fluchtwege auch bei einem Totalausfall der Bunkertechnik noch genutzt werden.
Die Länge und Breite des Bauwerks betrugen rund 30 mal 16 Meter auf einer Baufläche von 480 Quadratmetern. Die Deckenstärke betrug 1,40 Meter; die Wandstärke aus massiven Stahlbeton 1,80 Meter. Der 18-Kammer-Bunker gehörte zur ersten Welle der in Berlin errichteten Bunkerbauten. Insgesamt waren es an die 1000 Anlagen, von denen 500 Flachbunker in dicht besiedelten Wohngebieten gebaut wurden. Die Schlüssel für eine Kammer mit jeweils zwei 3-Stockbetten wurde meist an kinderreiche Familie aus der Umgebung vergeben.
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Flachbunker Kurfürstenstraße: Schutzanlage rettete Anwohner vor Bombensturm
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit rettete das Schutzbauwerk in der Kurfürstenstraße während des Zweiten Weltkriegs Menschenleben – denn mit den schweren Bombenangriffen, die auch den Südwesten Berlins seit 1943 trafen, gab es auch Einschläge und zerstörte Wohnhäuser in der unmittelbaren Umgebung des Bunkers.
Besonders verheerend war für den Südwesten Berlins der Angriff in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 – es war die sogenannte Lankwitzer Bombennacht. Ein fehlgeleiteter Angriff, der eigentlich das Stadtzentrum Berlins treffen sollte, bedeutete das Ende des bis dahin bekannten Lankwitz. Ein Hagel aus Sprengbomben, Luftminen und Brandbomben ging über dem Stadtteil nieder. Aus 727 britischen Flugzeugen fielen Bomben; Lankwitz wurde zu 85 Prozent zerstört.
In den Bombennächten zerstört wurden in der Nachbarschaft des Bunkers unter anderem mehrere Wohnhäuser in der Froben- und Derfflingerstraße, eine Häuserzeile in der angrenzenden Lorenzstraße und mehrere Wohnblöcke in der Kurfürstenstraße selbst. Der Bunker überstand die Fliegerangriffe ohne nennenswerte Schäden – und mit der Befreiung Südwestberlins durch die Rote Armee im April 1945 war der Spuk auch im Kiez rund um die Kurfürstenstraße mit einem Mal zu Ende.
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Flachbunker Kurfürstenstraße: Was tun mit dem Weltkriegsrelikt?
In der Nachkriegszeit wuchs buchstäblich Gras über die Sache. Für den Hinterhof-Bunker interessierten sich wenige. Am Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich in Berlin noch rund 360 Bunker, die als Schutzräume vor Bombenangriffen für Hunderttausende ausgelegt waren. Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung, was aber nicht bei allen gelang.
Einige der Bunker erlebten in den 1960er-Jahren noch einmal ein Revival. Sie wurden angesichts der Spannungen des Kalten Krieges in das Zivilschutzprogramm des Bundes aufgenommen, saniert und für die neuen Aufgaben mit neuer Bunkertechnik ausgestattet. Andere fristeten eher ein Schattendasein, wurden nicht selten mit Sand aufgeschüttet und vermoderten langsam im Erdreich Berlins oder sie wurden wenigstens zum Teil erhalten und als Lager- und Stauraum genutzt. Letzteres wiederfuhr dem Flachbunker in der Kurfürstenstraße.
Flachbunker Kurfürstenstraße: Konserven und getrocknete Aprikosen für den Notfall
Der Bunker diente in der Nachkriegszeit zunächst als Aufbewahrungsraum für Filmrollen und wurde – nachdem die Berliner Blockade 1948/1949 und die Luftbrücke allen Verantwortlichen unumstößlich die Dringlichkeit aufgezeigt hatte, in Westberlin Vorräte für die Bevölkerung bereitzuhalten, in das Programm der Senatsreserve aufgenommen.
Die einst gehorteten Vorräte im Wert von 2 Milliarden D-Mark waren immens: Dazu gehörten 189.000 Tonnen Getreide, 44.000 Tonnen Fleisch, mehr als 25 Millionen Zigarren, 96 Tonnen Senf, reichlich Rollen an Klopapier, Nachttöpfe, 4 Millionen Glühlampen und 19 lebende Rinder. Auch Kinderwagen, Schuhe, Fahrräder und Baby-Badewannen hatte der Senat für den Krisenfall eingebunkert. In dem Lankwitzer Bunker wurde in großen Mengen unbelichtetes Filmmaterial, Milchpulver und getrocknete Aprikosen eingelagert. Regelmäßig wurden die Lagerbestände geprüft und je nach Bedarf ausgetauscht. Die Altbestände gingen preisgünstig in den Verkauf. In Kochbüchern fanden sich Senatsreserven-Rezepte.
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Flachbunker Kurfürstenstraße: Lost Place nach der Wiedervereinigung
Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Ende des Kalten Krieges wurde die Senatsreserve aufgelöst. Spätestens jetzt wurden auch keine Aprikosen mehr für den Fall sowjetischer Aggressionen im Hinterhof der Kurfürstenstraße eingelagert. Der alte Weltkriegsbunker wurde zu einem Lost Place, dessen Baumaterial zusehends verfiel.
Am Bunkerzugang verrostete langsam das schwere, eiserne Zugangsgitter, Moos überzog die alten Betonwände und der schmale Weg zu dem Schutzbau, den ein mit einer Kette gesichertes Holzgattertor an der Kurfürstenstraße sicherte, begann von Pflanzen und Ranken zugewuchert kaum noch passierbar zu sein. Im Inneren griff Nässe die verbliebene Bunkertechnik an und ließ Teile der Einbauten mit der Zeit vermodern. Der Flachbunker Kurfürstenstraße verwandelte sich in der Zeit, in der er nicht mehr genutzt wurde, in eine moderne Ruine. Er wurde zu einem verwunschenen Gartendenkmal, das sich die Natur allmählich zurückeroberte.
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Flachbunker Kurfürstenstraße: Der Bunker weicht dem „Kurfürsteneck“
Der Flachbunker in Lankwitz fristete einen Dornröschenschlaf, bis er einem Neubauprojekt Mitte der 2010er-Jahre im Weg stand. Die nordöstliche Häuserblockzeile Derfflingerstraße Ecke Kurfürstenstraße war verkauft worden. Auf der Grundstücksfläche sollte das Neubauprojekt „Kurfürsteneck“ entstehen: 43 Wohnungen in zwei dreistöckigen Mehrfamilienvillen. 2015 begannen die Rodungsarbeiten im hinteren Bereich des Grundstücks, auf dem sich der Weltkriegsbunker befand. In diesem Teil planten die Bauherren einen begrünten Gartenbereich und eine Tiefgarage für die künftigen Bewohner.
Als das Wildwuchsparadies rund um den Bunker verschwunden war und sich 2016 Arbeiter mit Presslufthammern und schweren Gerät an die Beseitigung des tonnenschweren Hindernisses machen wollten, reagierte der Verein „Berliner Unterwelten“ auf den drohenden Verlust. Zwar stand der Bunker nicht unter Denkmalschutz, doch von den einstigen zahlreichen Flachbunkern in Berlin waren nicht mehr allzu viele übriggeblieben. Bis 2018 wurde das Wohnprojekt fertiggestellt. Von dem einstigen Weltkriegsbunker ist an der Kurfürstenstraße, zumindest oberflächlich, keine Spur mehr vorhanden.
Flachbunker Kurfürstenstraße: Geborgene Exponate sind an der Teichstraße ausgestellt
Den Berliner Unterwelten ist es zu verdanken, dass sich heute noch Teile des Lost Places erhalten haben und besichtigt werden können. Buchstäblich in letzter Minute – nachdem die Arbeiter 2016 bereits seit Tagen versucht hatten, sich durch den meterdicken Beton zu fräsen – gelang es den Vereinsmitgliedern, einige verblieben Einbauten des Schutzbaus wie Türen, Rahmen, einzelne Gitterplatten der Lüftungstürme sowie den gut erhaltenen Bunkerofen zu sichern.
Außerdem konnte als weiteres Großexponat die Abwasserhebeanlage des Flachbunkers geborgen werden. Sie wurde in der Freiluftausstellung im Museum im Alten Wasserwerk ausgestellt, bevor sie 2019 ihren Weg als Exponat in die Außenausstellung des Vereins Berliner Unterwelten am ehemaligen OP-Bunker an der Teichstraße in Reinickendorf fand. Auf aufgestellten Informationstafeln finden sich Details zu der Bergung von Exponaten aus dem Flachbunker an der Kurfürstenstraße. Außerdem bieten die Berliner Unterwelten eine Führung über das Gelände des ehemaligen Humboldt-Krankenhauses und durch seinen „OP-Bunker“ an.
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