Nicht schlecht staunten die Berliner, als die Geschwister Skladanowsky mit ihrem Bioskop-Projektor die ersten Filmvorführungen Deutschlands ermöglichten. Mit Filmschnipseln von boxenden Kängurus, Ringkämpfern und Tänzerinnen verzauberten sie das Publikum. Die erste Vorführung ihrer Kunst zeigten die begnadeten Tüftler 1895 in der Berliner Straße in Pankow – damals noch vor den Toren der Hauptstadt gelegen. Vor einem ausgesuchten Publikum wurden bei einer Probevorführung Szenen zum Leben erweckt, die zuvor im Garten des Lokals aufgenommen worden waren. Im Ballsaal des Lokals wurde später das „Kino Tivoli“ eingerichtet – eine Kino-Legende im Kiez bis zur Nachwendezeit. Dann begann das letzte traurige Kapitel für das leerstehende Filmtheater. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

Das sind die Fakten zum Kino Tivoli im Überblick:

  • Adresse: Berliner Straße 27, 13189 Berlin-Pankow
  • Geschichte: 1895 erste Bioskop-Vorführung im damaligen Ballsaal des Cafés von H. Sello, erste öffentliche Probevorführung von „bewegten Bildern“ in Deutschland; seit 1927 Filmtheater „Tivoli“; nach dem Krieg ab Anfang der 1950er-Jahre von der „VEB Berliner Filmtheater“ betrieben, nach der Wiedervereinigung Stilllegung des Kinos 1994, danach Leerstand und Teilabriss
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place. Die Kinoruine wurde 2003 abgerissen

Wo lag das Kino Tivoli genau?

Das Kinogebäude lag an der Berliner Straße 27 im Ortsteil Pankow des gleichnamigen Bezirks. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit den Buslinien 155 und X54 (Haltestelle Masurenstraße) zu erreichen. Die Busstation liegt direkt vor dem ehemaligen Kinogelände. Alternativ kann auch die U- und S-Bahnstation Pankow genutzt werden. Von dem Bahnhof benötigt man etwa vier Minuten zu Fuß entlang der Berliner Straße bis zu dem Grundstück. Von dem ehemaligen Kino haben sich keine architektonischen Spuren erhalten. Eine in das Straßenpflaster eingebrachte Inschrift erinnert an das historische Filmtheater.

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Kino Tivoli:

Ausgangslage: In der Schönhauser Allee lernten die Bilder das Laufen

Werkstatt von Max Skladanowsky
Werkstatt von Max Skladanowsky mit Plänen des Bioskops. Foto undatiert© picture-alliance / akg-images | akg-images

Paris gilt als die Geburtsstätte des Films. Doch zeitgleich zu den Franzosen bereiteten die Geschwister Skladanowsky im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg den Weg für die Entstehung des modernen Kinos. Schon eine Zeitlang hatte der Berliner Fotograf und Glasmaler Max Skladanowsky mit „Nebelbildern“ experimentiert: Bemalte Glasplatten, die durch geschicktes Überblenden die Illusion eines bewegten Bildes erzeugten. Unzufrieden mit den begrenzten Möglichkeiten der Technik tüftelte er an neuen Verfahren und erzielte Anfang der 1890er-Jahre entscheidende Fortschritte.

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1892 nahm er mit seinem Kurbelkasten – eine Kamera, die immerhin schon acht Bilder pro Sekunde aufnehmen konnte – erste bewegliche Aufnahmen von seinem turnenden Bruder Emil Skladanowsky auf dem Dach des Hauses in der Schönhauser Allee 146, Ecke Kastanienallee auf. Für die Wiedergabe der kurzen Filmschnipsel entwickelte er den „Bioskop“, einen Projektor nach dem Duplex-Verfahren.

Nach heutigen Maßstäben waren die kurzen Bildfolgen kaum mehr als eine Studie der Machbarkeit, im Berlin der Kaiserzeit schlugen die TikTok-langen Bildfolgen aber ein wie eine Bombe – eine Sensation und ein Publikumsmagnet allererster Güte. Die Erfindung und Verbreitung der Fotografie lag erst einige Jahrzehnte zurück, jetzt lernten die Bilder das Laufen – und zogen im Berlin der Kaiserzeit sehr bald Publikumsscharen an.

Berlins Bioskop: Meilenstein in der Entwicklung des Kinos

Max Skladanowsky mit Bioskop / Foto 1933 - Max Skladanowsky with Bioscope / 1933 -
Max Skladanowsky mit seinem Bioskop aus dem Jahre 1895. Foto, um 1933.© picture-alliance / akg-images | akg-images

1895 stellten die Brüder ihre Erfindung der Öffentlichkeit vor: Anfang November feierten sie ihre Premiere im Berliner Wintergarten in Berlin im Anschluss an das Varieté-Programm. Das rund zehnminütige Filmprogramm bestand aus neun kurzen Filmstreifen und war die erste Veranstaltung in Europa, bei der ein Film vor zahlendem Publikum auf eine Leinwand projiziert wurde, zwei Monate vor dem ersten öffentlichen Filmabend der Brüder Lumière in Paris – und ein voller Erfolg.

Ein Reporter der Berliner Staatsbürger-Zeitung schrieb von „ergötzlicher“ Fotografie „aber nicht starr, sondern lebendig. Wie er [Max Skladanowsky] das macht, soll der Teufel wissen.“ Alle nachfolgenden Vorstellungen im Wintergarten waren ausverkauft. Jeder, der es sich leisten konnte, wollte die vom Varieté als „interessanteste Erfindung der Neuzeit“ angekündigten Bewegtbilder in Aktion erleben. Die Brüder Skladanowsky gingen auf Europatour.

Kino Tivoli: Erste Probevorführungen im Ballsaal des Cafés

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Noch bevor die Brüder Skladanowsky im Wintergarten Publikumserfolge erzielten, gab es eine streng geheime Probevorführung. Sie fand in einem Café und Ausflugslokal in Pankow statt. Die kleine Gemeinde lag damals noch vor den Toren der Stadt Berlin. Vor ausgewähltem Publikum zeigten die Skladanowskys Szenen, die zuvor im Garten des Lokals an der Berliner Straße 27 aufgenommen worden waren und später große Teile des Wintergartenprogramms bildeten: Szenen, wie die der Kindergruppe Ploetz-Larella, die einen italienischen Bauerntanz vorführten, des Jongleurs Paul Petras oder der Brüder Milton am Reck.

Erich, der Sohn von Max Skladanowsky, schrieb später über die Dreharbeiten: „Ein großer weißer Vorhang wurde aufgestellt, vor dem bekannte Varieté-Kräfte ihre charakteristischen Künste ausführten. Der alte Gastwirt Sello und seine Kollegen verlangten nicht die geringste Ateliermiete, sondern halfen bei den Vorbereitungen der Aufnahmen noch wacker mit“. Im Juli 1895 – Monate vor den Auftritten im Wintergarten – flimmerten im Ballsaal des Cafés des Gastwirts Hermann Sello die Probeprojektion auf einer improvisierten Leinwand.

Die geheime Bioskop-Generalprobe in Pankow war die erste Vorführung „lebender Bilder“ in Deutschland. Damit legten die Skladanowsky den Funken an eine Zündschnur, die die Entwicklung des deutschen Films vorbereitete – von den Anfängen der Stummfilm-Ära mit Klassikern wie Fritz Langs Metropolis (1927) bis hin zu den heutigen Blockbustern und Multiplex-Kinos.

Kino Tivoli: Aus dem Restaurant wird das erste Kino am Platz

Filmstreifen von Max Skladanowsky - Filmstrip by Max Skladanowsky / 1896 -
Straßenszene: Aufzug der Wache Unter den Linden in Berlin, aufgenommen 1896 von Max Skladanowsky© picture alliance / akg-images | akg-images

Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis aus dem aufsehenerregenden „Filmabend“ an der Berliner Straße eine dauerhafte Einrichtung wurde. 1906 war aus dem Café und Ballsalon von Hermann Sello das Restaurant „Feldschlößchen“ des Inhabers Emil Großkurt geworden – mit Garten, Sälen und Vereinszimmer für bis zu 800 Personen. Im Ballsaal etablierten sich ab den 1910er-Jahren neben Theater- und Konzertveranstaltungen auch Lichtspielabende. Das beliebte Theater und Gasthaus an der Berliner Straße wurde 1918 zum Kino „Pankower Lichtspiele“ ausgebaut mit 370 Sitzplätzen und täglichen Spielbetrieb. 1920 wurde Willi Ihbe der Besitzer und erweiterte den Spielsaal auf 450 Plätze.

1925 wurde der frühere Ballsaal der Gaststätte, der bis dahin als Kinosaal gedient hatte, durch einen größeren Neubau ersetzt. Architekten des Lichtspielhauses in der Berliner Straße waren Reinhold Lest und Walter Erdmann, der auch das Gemeindehaus an der Friedrichshainer Pfingstkirche entwarf. Das vorgelagerte Restaurant wurde bei einem weiteren Umbau 1927 nach Plänen des Architekturbüros „Jttelson & Neustein“ zum Foyer umfunktioniert. 820 Personen konnten die abendlichen Filmvorführungen besuchen. Das Haus wurde als „Pankower Filmtheater Tivoli“ geführt und warb mit „Vorführungen von Filmen bester Klasse“. Bei der feierlichen Wiedereröffnung in Pankow wurde Max Skladanowsky als Ehrengast begrüßt und einige der inzwischen historischen Filmstreifen aus dem Jahr 1895 gezeigt. Die erstaunlich klaren Bilder wurden von den Premierengästen des Kinos mit großem Beifall bedacht.

Kino Tivoli: Filmbetrieb im Berlin des Zweiten Krieges

In der Zeit der Weimarer Republik erlebte das Tivoli Pankow, das sich im Kiez zu einer festen Institution entwickelte und 1931 mit der Technik von Tobis-Klangfilm auf Tonfilm-Vorstellungen umstellte, neben vielen glanzvollen Filmstarts mehrere Betreiberwechsel und wurde in den Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs von Emil Backhaus geführt. Aus dessen privater Korrespondenz geht hervor, dass das Kino während der alliierten Bombenangriffe auf die Reichshauptstadt – die seit 1943 intensiviert ganze Häuserzeilen in den nördlichen Vororten in Schutt legten – nicht direkt getroffen wurde, aber durch umliegende Detonationen schwere Schäden an Türen und Fenstern zu verzeichnen hatte.

Nach einem Angriff schrieb er im November 1943 an seine Tochter, dass er sich auf großen Umwegen zum Kino durchgeschlagen hätte, da er befürchtete, es stünde nicht mehr und die Angestellten vielleicht verschüttet wären. Das Filmtheater stand noch und daran sollte sich auch – trotz der Beschädigungen an der Bausubstanz – bis zum Ende des Krieges 1945 nichts ändern. In der Nachkriegszeit konnte der Betrieb der Spielstätte nach eher provisorischen Instandsetzung wiederaufgenommen werden.

Kino Tivoli: Staatseigenes Filmtheater in der DDR-Zeit

Pankow gehörte jetzt zusammen mit Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und den Ortsteilen Mitte und Friedrichshain zum sowjetisch kontrollierten Sektor der geteilten Stadt – ab der Gründung der DDR 1949 zur ostdeutschen Hauptstadt – und das Kino Tivoli seit den 1950er-Jahren zum staatseigenen Betrieb VEB Berliner Filmtheater, die 1974 in die Bezirksfilmdirektion Berlin überging. In den 1950er-Jahren diente der Saal nicht nur als Spielort von Filmaufführungen, sondern auch als Spielstätte für Theateraufführungen des Ostberliner Wandertheaters Gastspielbühne Berlin.

Zu DDR-Zeiten war das Tivoli eines der beliebtesten Filmtheater im Ostteil der Stadt, auch wenn die prunkvolle Ausstattung des Kinos bei Umbauarbeiten 1960 und 1971 weitgehend verloren ging, weil bei notwendigen Sanierungen Elemente der DDR-Moderne die Vorkriegssubstanz des Lichtspielhauses ersetzte. Für Generationen von Jugendlichen und Filmliebhabern in Pankow und Umgebung blieb das Tivoli ein heißgeliebter und unverzichtbarer Anlaufpunkt im Kiez – auch wenn die Spielpläne jetzt von der „Hauptverwaltung Film“ des Ministeriums für Kultur bestimmt waren. In Erinnerung an seine Ursprünge beherbergte es den Skladanowsky-Saal und ein Kinocafé mit aufgemalten Filmszenen und ausgestellten Projektoren.

Kino Tivoli: 100 Jahre Pankower Kinematographie-Geschichte ohne Happy End

Kino Tivoli (Archivfoto und Text 1994)
Große Pläne für das „Tivoli“ in Berlin-Pankow: Am 1. Oktober 1994 fand mit einer großen Kino-Gala die vorerst letzte Vorstellung statt. In Anwesenheit von Filmstars wurde Wim Wenders „In weiter Ferne so nah“ gezeigt. Damals hieß es noch, die Pforten würden sich Ende 1995 nach einem Umbau wieder öffnen, doch es kam anders.© picture-alliance/ ZB | Klaus Franke

Nach der Wende betrieb das Team vom Charlottenburger „Filmkunst 66“ das Kino für einige Jahre weiter. Trotz des Einbaus eines zweiten Saales mit 55 Plätzen gaben die Betreiber 1994 auf. Im selben Jahr ersteigerte die Vermögensberaterin Gabriele Schloß-Gräbert das damals noch funktionierende Kino, um daraus ein modernes Kinocenter zu machen und gleichzeitig wieder „mehr Leben in die Bude“ zu bringen. Der Plan: Nach einem Entwurf von Hauptbahnhof- und BER-Architekt Meinhard von Gerkan (1935–2022) sollte eine Spielstätte mit fünf Sälen und 800 Plätzen entstehen. Zusätzlich sollten 180 Plätze in einem Freiluftkino hinter dem Gelände ein Wintergarten, ein Café und einen Biergarten geschaffen werden – doch aus den Umbauplänen wurde nichts.

Die Investorin gab angesichts der drohenden Konkurrenz auf: An der Schönhauser Allee hatte Filmproduzent Artur Brauner 1992 das Multiplex-Kino Colosseum gekauft. Ein zweites – nie realisiertes – Großkino war an der Mühlenstraße in der Alten Mälzerei geplant. Für noch ein Kino fehlte die Fantasie, das finanzielle Wagnis wäre zu groß gewesen. Die Türen des legendären Tivoli sollten sich nie wieder für Publikum öffnen. Jahrelang stand das bereits halb abgerissene Filmtheater leer.

Kino Tivoli: Bauruine verfiel zum Lost Place

Während man in Paris mit staatlicher Unterstützung am Kino-Jubiläumsfest 1995 bastelte, verkam eine der Wiegen des deutschen Films zu einer modernen Ruine. Daran konnte auch eine breite Unterstützerfront für das Kino nichts ändern. 300.000 Berliner setzten sich mit ihrer Unterschrift für den Erhalt ein; genauso wie der Verein „Die ersten 100 Jahre Kino in Berlin“ unter dem Vorsitz des Autorenfilmers Wim Wenders und der Unterstützung namhafter Künstler wie Volker Schlöndorff und Otto Sander. Einziger Erfolg: Die Verlegung eines Mosaiks in den Gehsteig vor dem verwitternden Kinogebäude, das den Schriftzug „1895 Bioskop 1995“ bildet.

Nach dem Teilabriss des Gebäudes in den 1990er-Jahren wirkte das einstige Tivoli wie eine Kriegsruine: Das Dach fehlte, Stahlträger lagen blank und verrosteten, an der Südfassade blickte man auf Abbruchkanten, freigelegtes Mobiliar und Holztüren. Die Front des Hauses war mit Lagen von Plakaten beklebt – und damit, anders als das Holztor, halbwegs vor Graffiti geschützt; der Putz bröckelte. Jahrelang war die Bauruine der Witterung und Vandalismus ausgesetzt.

Kino Tivoli: Discounter-Neubau ersetzt Kultkino-Ruine

2003 ging dann alles ganz schnell. Das Gelände wurde an den Lebensmitteldiscounter Lidl verkauft; die Reste des Kinos abgerissen. Bagger und Raupen zertrümmerten die Wände, Kolonnen von Lastern entfernten das Geröll des ehemaligen Tivoli-Kinos. An der Stelle des Lichtspielhauses entstand ein Neubau plus Parkplatz mit 50 Stellplätzen. In das das Erdgeschoss zog ein Lidl-Markt ein, darüber ein Kinder- und Jugendtreff: Der tivolotte-Mädchenclub, der heute tivo* heißt. So erinnert zumindest er noch zusammen mit dem Mosaik im Bordstein vor dem Discountmarkt an das beliebte Pankower Kino, das hier einst stand. Für Berlin ging eine bedeutende Stätte der Kinematographie verloren.