Für kaum einen Ort trifft Bob Dylans Liedzeile „The Times They Are a-Changin“ besser zu als für Prenzlauer Berg seit den 1990er-Jahren: Luxussanierungen, Gentrifizierung, Chia-Samen statt Zetti-Knusperflocken und Kaffeespezialitäten statt Kaffee-Mix mit Schlagfix. Abgesehen von den manchmal zutreffenden Klischees ist in Deutschlands bekanntestem In-Bezirk seit dem Mauerfall kaum ein Stein auf dem anderen geblieben – zumindest äußerlich. Ein Ort, der dagegen immun zu sein scheint: das Bauwerk der alte DDR-Kaufhalle mit Ruinenflair an der Gürtelstraße. Alle Infos zu dem Lost Place.

Das sind die Fakten zur Kaufhalle Gürtelstraße im Überblick:

  • Adresse: Gürtelstraße 31, 10409 Berlin-Prenzlauer Berg
  • Geschichte: Als eine der modernsten HO-Kaufhallen in den 1960er-Jahren errichtet und im Dezember 1964 eröffnet; nach der Wende als Einkaufsmarkt bis ins Frühjahr 2007 weitergeführt; anschließend Leerstand
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place

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Wo liegt die Kaufhalle Gürtelstraße genau?

Die ehemalige DDR-Kaufhalle liegt an der Gürtelstraße 31 im Ortsteil Prenzlauer Berg des Bezirks Pankow. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Grundstück lauten: GFV3+R6R Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Areal am besten mit der Buslinie 156 (Haltestelle Michelangelostraße). Von der Station ist es ein etwa dreiminütiger Fußweg entlang der Wege in der Wohnsiedlung Michelangelostraße in nordöstliche Richtung bis zu der ehemaligen DDR-Kaufhalle an der Gürtelstraße. Alternativ kann auch die Tramstation Antonplatz (Linie 12, 50, M1, M2, M4, M13) genutzt werden, von der aus man rund 10 Minuten zu Fuß einplanen muss. Achtung: Die Kaufhalle ist verschlossen. Es handelt sich um Privatgelände. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Kaufhalle Gürtelstraße:

Ausgangslage: Einkaufshalle mit übersichtlichem Angebot

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Es ging aufwärts in Westdeutschland – jedenfalls wenn es nach der angebotenen Produktvielfalt ging. Konditorei in Lüneburg in den 1950er-Jahren© picture alliance/United Archives | United Archives / Erich Andres

Während viele Westdeutsche Anfang der 1950er-Jahre in der Wirtschaftswunderzeit bereits wieder Buttercremetorte, importierte Südfrüchte und Käseigel aßen und dabei Kullerpfirsich oder eine Tasse Bohnenkaffee tranken, mussten ihre ostdeutschen Verwandten weiterhin in einer Mangelwirtschaft leben. Denn auch mehrere Jahre nach Kriegsende standen nur eine bestimmte Menge an Fleisch, Fett, Zucker und ähnlich knappen Waren zur Verfügung. Für den Einkauf im örtlichen Konsum oder anderen Geschäften benötigte man in der DDR bis 1958 Lebensmittelkarten.

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Eine Ausnahme bildeten die Märkte der staatlichen Handelsorganisation (HO), die 1948 ins Leben gerufen worden war und wenig später die DDR von Kühlungsborn bis Bad Brambach mit einem Netz von Niederlassungen überzog. In den HO-Filialen konnten seit ihrer Gründung Grundnahrungsmittel und Produkte des täglichen Gebrauchs auch ohne Bezugskarten erworben werden – so lange die Waren denn vorrätig waren. In den 1960er-Jahren ging die HO dazu über Selbstbedienungskonzepte einzuführen. Kaufhallen entstanden als Pendant zu dem Supermarkt des Westens. Eine der neuen Hallen: die vergleichsweise kleine HO-Filiale im Neubauviertel an der Gürtelstraße in Prenzlauer Berg.

Kaufhalle Gürtelstraße: Typenbauten seit den 1960er-Jahren

Berlin, DDR, Menschenschlange vor einer HO-Kaufhalle
Gewohnter Anblick: Die charakteristische Ansicht einer HO-Kaufhalle mit Logo und Schriftzug der Handelsorganisation in Berlin 1985.© picture alliance / Caro | Pijorr

Bei den HO-Hallen handelte es sich um eingeschossige Skelettbauten im nüchternen Stil der DDR-Moderne aus Fertigteilstützen, Fertigteilriegel und Fertigteildeckenplatten zusammengebaut. Charakteristisch war die trapezförmige Spannbetondachkonstruktion: ein zickzackförmiges Dach, das im Fachjargon VT-Falte genannt wird. Wiedererkennungswert hatte auch das blaue HO-Logo neben drei im Gleichschritt einkaufende Figuren mit rotem Kopf und der Kaufhallen-Leuchtschrift über dem Eingang.

Als Nahversorger mit Selbstbedienung funktionierten die Geschäfte wie heutige Supermärkte – wenn man von dem auffälligen Fehlen audiovisueller Werbung absieht: keine Kaufhausmusik, keine Angebot-Knüller, keine Preisschlachten mit der Konkurrenz. Für Waren des täglichen Bedarfs war die Angebotspreise staatlich festgelegt. In den Regalen fanden Kunden Lebensmittel, Drogerieprodukte, Reinigungsmittel und – mit etwas Glück – hin und wieder auch eine regionale oder importierte Spezialität. Das Sortiment war in der Regel überschaubar.

Kaufhalle Gürtelstraße: So war die HO-Filiale aufgebaut

Neue Kaufhalle im Neubaugebiet
Im Inneren verbreiteten die meisten HO-Kaufhallen nüchternen Charme: Aufnahme einer Kaufhalle im Neubaugebiet Eilenburg Ost 1985© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Volkmar Heinz

Die Filiale an der Gürtelstraße an der Grenze der heutigen Ortsteile Prenzlauer Berg im Süden und Weißensee im Norden wurde Mitte der 1960er-Jahre gebaut. Die Kaufhalle war mit rund 32 Meter Länge und 28 Meter Breite und auf einer knapp 900 Quadratmeter großen Baufläche errichtet worden. Die spätere Verkaufsfläche wies etwas mehr als 300 Quadratmeter auf, die übrige Fläche war für Anlieferung, Lager- und Betriebsräume reserviert.

Am 1. Dezember 1964 meldete das „Neue Deutschland“ (ND) stolz die Eröffnung der neuen HO-Filiale: „Eine neue Kaufhalle wird heute morgen um 8 Uhr im Neubauviertel südlich der Gürtelstraße zwischen Greifswalder und Kniprodestraße eröffnet. Mit seinen 330 Quadratmetern Verkaufsfläche, eingerichtet nach neuesten Erkenntnissen der Handelsorganisation, gehört dieses Selbstbedienungsgeschäft der HO zu den modernsten Einkaufsstätten der Hauptstadt.“ In der Filiale bemühten sich 23 Verkäuferinnen, Kassiererinnen und andere Mitarbeiter nach Kräften und mit begrenzten Mitteln, den hochgesteckten Ansprüchen gerecht zu werden.

Kaufhalle Gürtelstraße: Fehlplanung bei den Anfahrtswegen

Neue Kaufhalle im Neubaugebiet
Drei Kassen standen für die Kunden bereit; bei Hochbetrieb auch eine vierte, die sonst für die Flaschenannahme reserviert war© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Volkmar Heinz

Die Einkaufshalle verfügte laut ND über moderne Kühlanlagen einen Spülraum, Dusch- und Umkleidekabinen sowie einen Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter. In der Kaufhalle stapelten sich außer Lebensmittel übersichtlich angeordnet auch Schreib-, Kurz- und haushaltschemischen Waren. Erster Filialleiter wurde der langjährige Beschäftigte der Berliner Handelsorganisation, Willi Kerker, der sich „im Namen des Verkaufskollektivs“ den Kundenwünschen verpflichtet sah. Wie Leser des ND sicher mit Interesse feststellten, waren beispielsweise „in einem großen Regal sämtliche Backzutaten zu finden – eine Tatsache, die besonders jetzt vor dem Fest die Hausfrauen erfreuen wird“.

Am Ausgang der Kaufhalle verteilte sich der Kundenstrom auf drei Kassen; eine vierte, unter der Woche für Flaschenannahme und Zigarettenverkauf bestimmt, konnte am Wochenende und bei Bedarf hinzugeschaltet werden. Ein Detail, das den Planern entging, und später bemängelt wurde: Es gab unmittelbar nach der Eröffnung noch keine befestigten Wege für die Kunden aus dem Neubaublock Michelangelostraße zu der Halle, die wie das ND anmerkte, ihre Hoffnungen kurzfristig auf „Väterchen Frost“ setzen mussten, um das Einkaufszentrum über eingefrorene Böden zu erreichen.

Kaufhalle Gürtelstraße: Weiterbetrieb nach der Wende bis 2007

Berlin - Wohngebiet im Stadtteil Marzahn
Viele der HO-Kaufhallen wurden nach der Wende von Lebensmittelketten weiterbetrieben wie hier die Kaufhalle an der Allee der Kosmonauten in Marzahn 2010. Auch die HO-Kaufhalle an der Gürtelstraße wurde noch bis 2007 weitergeführt.© picture alliance / zb | Jens Kalaene

Nachdem Betonplattenwege durch das Neubauviertel der 60er-Jahre gelegt wurden, waren die Startschwierigkeiten von Berlins neuester HO-Filiale behoben. 25 Jahre lang versorgte die kleine Halle die Anwohner des Kiezes mit Produkten des täglichen Bedarfs – vom Bautz‘ner Senf bis zum Badusan-Duftschaumbad Rosskastanie. Dann kam mit der Wende des Aus für die Handelsorganisation und die Prenzlauer-Berg-Filiale ging wie ihre über den Osten der Stadt verteilten Zwillingsgeschäfte einer unsicheren Zukunft entgegen.

Im Zuge der Wiedervereinigung wurde das Kapital und die Einzelbetriebe der HO in das Eigentum der Treuhandgesellschaft übertragen, die die übernommenen Verkaufsstellen, Gaststätten und Hotels privatisierte, verkaufte oder schloss. Für die Kaufhallen fanden sich häufig Nachmieter: Lebensmittelriesen wie Kaiser’s oder Reichelt, später Edeka und Rewe, übernahmen die DDR-Standardbauten und integrierten sie unter neuer Flagge und nach Modernisierungen kurzfristig in ihr Filialnetz. Auch die ehemalige HO-Filiale an der Gürtelstraße fand einen neuen Betreiber und wurde noch bis 2007 als Lebensmittelgeschäft weitergeführt, bevor sich die Ladentüren endgültig hinter den letzten Stammkunden schlossen.

Kaufhalle Gürtelstraße: Kein Interessent für die leerstehende Immobilie

Nachdem der letzte Mieter im Frühjahr 2007 aus dem Vertrag mit der der Verwalterin der Immobilie, der Treuhand-Tochtergesellschaft TLG Immobilien, ausgestiegen war, wurde die Markthalle zwar erneut ausgeschrieben, fand aber keinen neuen Interessenten mehr. Mit den Jahren wurde der sanierungsbedürftige DDR-Bau zu einem verlorenen Ort am Rande von Prenzlauer Berg und verwandelte sich in eine moderne Ruine, für die sich kaum jemand zu interessieren schien. Die Fassaden der Kaufhalle wurden großflächig mit Graffiti beschmiert und mit Flyern beklebt, so dass ein Blick durch die getrübten Fensterfronten ins Innere immer schwerer fiel. Dort dämmerten wenige Überreste aus besseren Tagen vor sich hin: zurückgelassene Einbauten und Mobiliar, auf das sich zwischenzeitlich eine Schicht von Staub legte.

Am Gebäudeäußeren wurden alle Embleme der Kaufhallen-Vergangenheit sorgsam entfernt. Kein Logo eines Lebensmittelversorgers prangte mehr an der Stirnseite des Flachdachs und wies Laufkunden den Weg. Durch das Pflaster vor dem Haupteingang, zu dem ein Treppchen mit vier Stufen von der Gürtelstraße aus führte, begannen Gräser und Büsche durchzubrechen. Zuletzt bröckelte der Putz an dem Bauwerk, die Bausubstanz litt und die Eisen- und Stahlelemente der Halle zeigten immer mehr Roststellen.

Kaufhalle Gürtelstraße: Benachbarte Schule plant Aula in dem Lost Place

Nach sieben Jahren Leerstand machten sich die Anwohner Hoffnungen, als das Grundstück an der Gürtelstraße 31 im Frühjahr 2014 mit einem Bauzaun eingefriedet wurde und schweres Baugerät vorfuhr. Doch es handelte sich nicht um Maßnahmen, die einen Umbau oder eine Grundsanierung der baufälligen Geisterkaufhalle einleiteten, sondern es wurden lediglich Schäden am Gebäude beseitigt, die durch einen Wasserrohrbruch entstanden waren. Das Grundstück gehörte jetzt dem Land Berlin, die Immobilie zum Treuhandvermögen des Liegenschaftsfonds des Landes Berlin und wurde durch die BIM (Berliner Immobilienmanagement GmbH) verwaltet. Noch immer gab es keinen Interessenten oder Investor für die stark verfallene Kaufhalle.

Das änderte sich, als sich 2015 die in der Nachbarschaft befindliche „Freie Waldorfschule am Prenzlauer Berg“ um das Grundstück Gürtelstraße 31 bewarb. Die Idee: Die Halle könnte nach einem Umbau als Schulaula mit anliegenden Fachräumen für die Oberstufe oder als Schulbibliothek dienen. Angesichts des dringenden Bedarfs nach zusätzlichen Schulräumen unterstützte das Bezirksamt das Anliegen und der Liegenschaftsfond stimmte dem Vorschlag des Bezirks einer Direktvergabe zu. Doch der Kaufvertrag verzögerte sich aufgrund bestehender vermögensrechtlicher Ansprüche zu einem Nachbargrundstück. So hielt die Hängepartie um die ehemalige DDR-Kaufhalle im Dornröschenschlaf an.

Kaufhalle Gürtelstraße: Und wie sieht die Zukunft aus?

Seit einiger Zeit wird die inzwischen komplett ausgeräumte Kaufhalle revitalisiert und für Veranstaltungen, Partys und Aufführungen genutzt. Der Wildwuchs vor dem Eingang wurde entfernt und stattdessen improvisierte Holzbänke mit ebenso improvisierten Blumenkästen aufgestellt. Die weitläufige Fläche im Inneren mit gesprenkelten Fliesen und noch funktionierenden Halogenlampen bietet sich für eine Vielzahl an Events an.

Die Liste ist lang: Darunter ein Konzert des Ljiljana Petkovic Orchestras 2019, eine Rollerdisco-Party 2020, Kiezblock-Informationsabende 2021 und 2022, ein Skateboardevent 2023 und die Aufführung der achten Klasse der Waldorfschule „Die Rote Zora und ihre Bande“ im Mai 2024. Ein gangbares Konzept, wie die langfristige Nachnutzung der alten Kaufhalle aussehen soll, fehlt indessen weiterhin.