Kaum jemand gab der alten Kaufhalle in Metallleichtbauweise am Hamburger Platz in Weißensee noch eine Zukunft, als sich weder Kaisers, noch Aldi, noch Spar, noch eine der anderen Lebensmittelketten, die die Ost-Filialen der DDR-Handelsorganisation (kurz HO) nach der Wende reihenweise übernahmen, zu einem Fortbetrieb bereitfanden: Zu klein, zu alt, zu viel modernere Konkurrenz in der Nähe. So dämmerte die Halle, in der die Bewohner des umgebenden Kiezes jahrzehntelang Waren des täglichen Bedarfs erstanden haben, lange Zeit unbeachtet vor sich hin, bis ihr Studenten neues Leben einhauchten. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
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Das sind die Fakten zur Kaufhalle am Hamburger Platz im Überblick:
- Adresse: Gustav-Adolf-Straße 140, 13086 Berlin-Weißensee
- Geschichte: Als HO-Kaufhalle (Ladenkombinat Hamburger Platz) zwischen 1959 und 1961 vom Entwurfskollektiv Wolfgang Radke errichtet; nach langjährigem Betrieb als Einkaufsladen stand sie seit den 1990er-Jahren leer
- Führungen: In der Halle finden regelmäßig Veranstaltungen statt. Hier gibt es mehr Informationen zum Programm der Kunsthalle
- Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09020097
- Status: Ehemaliger Lost Place. Zwischen 1999 und 2010 wurde die Ex-Kaufhalle von der Kunsthochschule Weißensee als Atelier der Bildhauerei genutzt; 2011 wurde die ehemalige HO-Kaufhalle als Kunsthalle neu eröffnet
Wo lag die Kaufhalle am Hamburger Platz genau?
Die ehemalige DDR-Kaufhalle liegt an der Gustav-Adolf-Straße 140 im Ortsteil Weißensee im Bezirk Pankow. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Grundstück lauten: HC4Q+CP Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Areal am besten mit den Buslinien 255 und N50 (Haltestelle Hamburger Platz). Von der Busstation ist die Ex-Kaufhalle am Hamburger Platz bereits zu sehen. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Kaufhalle am Hamburger Platz:
Ausgangslage: Deutsche Tiefkühlregale im Kalten Krieg

Das Konzept von Selbstbedienungsläden hatte es in Deutschland schon früher gegeben – ein Musterladen war 1926 in Hamburg zu Demonstrationszwecken eingerichtet worden, seit 1938 existierte ein SB-Geschäft in Osnabrück – aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann in den 1950er-Jahren die flächendeckende Verbreitung von Supermärkten. Als erster seiner Art hatte am 26. September 1957 in Köln der erste Supermarkt seine Pforten geöffnet: Er war nach US-amerikanischem Vorbild konzipiert und besaß eine Verkaufsfläche von 2.000 Quadratmetern.

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Hinter dem Eisernen Vorhang beobachtete die DDR-Führung die Entwicklung an westdeutschen Fleisch- und Käsetheken mit Argusaugen. Bereits kurz nach dem Kriegsende war die Versorgungslage der Bevölkerung als einer der Propagandaschlachtfelder der Blockkonfrontation erkannt worden, jetzt begann die Aufholjagd an der Kühltruhe. In der DDR waren es vor allem zwei Einzelhandelsketten, die den selbsterklärten „Arbeiter- und Bauernstaat“ mit Filialen überzogen hatten: das genossenschaftlich organisierte Konsum und die 1948 gegründete Handelsorganisation (HO).
Vereint im Mangel lieferten sich die beiden Handelsketten zwar keine Preisschlachten wie ihre westdeutschen Pendants, die einzelnen Niederlassungen konnten sich aber stark unterscheiden im Warensortiment und der Verfügbarkeit von Konsumgütern. Bevor 1966 die ersten großen HO-Kaufhallen im städtischen Umfeld mit Verkaufsflächen von 1400 Quadratmetern und mehr entstanden, begann die Handelsorganisation Ende der 1950er-Jahre mit kleineren Hallen und Selbstbedienungskonzepten zu experimentieren. Eine der Neueröffnungen: die 1961 eingeweihte HO-Kaufhalle am Hamburger Platz in Weißensee.
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HO-Kaufhalle am Hamburger Platz: Kleingärten wichen dem Bauprojekt
Der Hamburger Platz liegt im sogenannten Gründerviertel, dessen Straßen und Plätze nach Personen benannt wurden, die sich um den Ausbau Weißensees verdient gemacht hatten. Der Rundplatz, um den später ein Kreisverkehr führte, wurde in den 1870er-Jahren nach der Geburtsstadt eines der maßgeblichen Gründer des städtischen Weißensees benannt, des Großkaufmanns Johann Eduard Langhans.
Das Baugrundstück der späteren Kaufhalle lag nördlich des Platzes auf einem Areal, das noch bis in die 1920er-Jahre als südliches Auffangbecken des Hamburger Grabens diente – einem Regenwasserentwässerungskanal, der bis zum künstlich angelegten Schafwaschpfuhl in Heinersdorf führte. In den folgenden Jahrzehnten war das Landstück Teil der Kleingartenkolonie „Hamburg“ e. V., die heute noch existiert, aber weiter nördlich an der Bühringsstraße beheimatet ist.
Ende der 1950er-Jahre hatten die Kleingärtner am Hamburger Platz eine neue Heimat finden müssen, als der nördliche Teil des Platzes bebaut wurde. Es entstand eine Reihenhaus-Neubausiedlung an der Frieda-Seidlitz-Straße. Um den Konsumbedürfnissen der neuen Bewohner in Weißensee gerecht zu werden, ließ sich die Handelsorganisation ein Baugrundstück am Hamburger Platz sichern.
HO-Kaufhalle am Hamburger Platz: Nudossi, Sofix, Badusan & Co

Ende der 1950er-Jahre begannen die Bauarbeiten. Zwischen 1959 und 1961 wurde der außen verputzte Flachbau in Metallleichtbauweise mit Fertigteilstützen, -riegeln und –deckenplatten nach Plänen des Entwurfskollektivs Wolfgang Radke errichtet. Die eingeschossige Kaufhalle nahm eine Fläche von rund 500 Quadratmetern ein. Charakteristisch für die HO-Niederlassungen waren die rasterartige Metallfassade, der eingeschossige, nicht unterteilte Hallenbau und das Flachdach mit blauem HO-Logo, den drei im Gleichschritt einkaufenden Figuren mit hochrotem Kopf und der Kaufhallen-Leuchtschrift über dem Eingang.
Von den späteren Typenbauten unterschied sich die kleine Filiale durch ein von vier Pfeilern getragenes Vordach an der Südostseite, einem pavillonartigen Vorbau am Eingangsbereich und zwei den Platz erschließende Flachdächer, die den Raum zu den angrenzenden Mehrfamilienhäusern überspannten. Im Inneren herrschte bis auf die kleinere Dimensionierung der mit Halogenlampen beleuchteten Halle die gleiche spartanische Sachlichkeit wie in anderen Kaufhallen der Republik: keine Sonderangebote, keine Musikbeschallung beim Einkauf; das Sortiment entsprach der aktuellen Versorgungslage. Besonders Südfrüchte, welche gegen Valuta-Währung importiert werden mussten, waren in den 1960er- und 1970er-Jahren in den konventionellen Verkaufsstellen des HO-Lebensmitteleinzelhandels kaum zu erhalten. In den Regalen stapelten sich Nudossi, Sofix, Badusan & Co.
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HO-Kaufhalle am Hamburger Platz: Leerstand nach der Wiedervereinigung
Drei Jahrzehnte lang versorgte der kleine Einkaufsmarkt die Bedürfnisse der Bewohner der umliegenden Wohnkieze – soweit es der oft beschränkte Nachschub an Waren zuließ. Rund ein Dutzend Angestellte samt Filialleiter waren in der HO-Niederlassung beschäftigt. Zwischenzeitlich diente die Kaufhalle auch als Spät-Versorgungsstelle mit Öffnungszeiten bis 22 Uhr. An den Festivitäten an Feiertagen und zu besonderen Anlässen beteiligte sich das „Verkaufskollektiv“ der HO-Filiale: So wurden etwa vom Verkaufspersonal Bockwurststände vor der Halle zur kulinarischen Versorgung aufgestellt und betrieben, als zur der Aktion „Mach mit!“ im September 1977 besonders viele Helfer in Ostberlin erwartet wurden, die die öffentlichen Plätze vor dem bevorstehenden Nationalfeiertag der DDR am 7. Oktober säubern und verschönern sollten.
Nach langjährigem Betrieb schloss die Kaufhalle Anfang der 1990er-Jahre ihre Pforten. Mit der Wiedervereinigung waren die HO-Filialen im Gegensatz zu den privatbetriebenen Konsumgenossenschaften in den Zuständigkeitsbereich der Treuhandgesellschaft gefallen, die seit 1990 viele der Filialen und Grundstücke des ehemals staatlichen Betriebs an Privatunternehmer veräußerte. Die meisten der Kaufhallen wurden von Supermarktketten übernommen: Aus ihnen wurden erst Kaisers-, Spar- und Netto-Filialen, dann Rewe- und Edeka-Supermärkte. Doch die kleine Kaufhalle am Hamburger Platz fand keinen Interessenten, wurde beräumt und dann vergessen.
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HO-Kaufhalle am Hamburger Platz: Der Flachbau wurde zum Lost Place
Jahrelang stand die Ex-Kaufhalle am Hamburger Platz in den 1990er-Jahren leer und drohte ohne geeignetes Nachnutzungskonzept zu einem der vielen verlorenen Orte des wiedervereinigten Berlins zu verkommen. An den Fassaden mehrten sich die Graffitis, die Metallträger begannen Rost anzusetzen und hinter den eingetrübten Schaufensterflächen sammelte sich Schicht für Schicht auf den einst blankpolierten Böden der Verkaufsflächen immer mehr Staub und Dreck. Mit der Zeit begann sich die Halle in eine moderne Ruine zu verwandelt, bis die Studenten der benachbarten Kunsthochschule Weißensee dem Flachbau neues Leben einhauchten.
Von 1999 bis 2010 wurden Teilflächen der ehemaligen HO-Kaufhalle als Atelier der Bildhauerei zwischengenutzt. Die Studierenden des Diplomstudiengangs der Bildhauerei verwandelten die Freiräume, die die Halle bot, in einen kreativen Raum, eine Werkstatt und Ausbildungsstätte ihrer künstlerischen Tätigkeit. Als 2010 auf dem Campus der Hochschule Weißensee ein neues Gebäude für die Bildhauer eröffnet wurde, verließen die Studenten die Halle, deren Zukunft erneut unklar erschien.
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HO-Kaufhalle am Hamburger Platz: Wiederbelebung als Kunsthalle am Hamburger Platz
In der Kunsthochschule entstand daraufhin die Idee, die frühere Kaufhalle umzurüsten: Nach zehnjährigem Hochschulbetrieb im Dienste der Kunst sollte aus dem Provisorium eine dauerhafte Institution werden. Im Januar 2011 wurde die weiß getünchte Kaufhalle auf Initiative der Künstler Else Gabriel und Wolfgang Krause als Kunsthalle am Hamburger Platz neu eröffnet. In der Halle fanden seitdem Ausstellungen von Studenten und Lehrenden der Kunsthochschule, Veranstaltungen und Performances statt.
Anfang der 2020er-Jahre wurde die Immobilie zum Politikum: Als Eigentümerin der Halle signalisierte die Gesobau der Kunsthochschule Weißensee, dass der Mietvertrag für die Kunsthalle nicht dauerhaft verlängert werde. Der Grund: Die Wohnungsbaugesellschaft plane nördlich der Grenzen zum Sanierungsgebiet Langhansstraße Veränderungen bei ihren Bestandsgebäuden und die mögliche Errichtung neuer Wohngebäude.
Es folgte ein Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung, der festhielt, dass sich das Bezirksamt bei der Gesobau für den Erhalt der Ausstellungsflächen einsetzen solle. Im Jahr 2023 wurde die frühere Kaufhalle samt ihrem Vorplatz – auf der die 1976 geschaffene Plastik Rollerkinder des Bildhauers Stephan Horota (1932-2024) aufgestellt ist – vom Landesdenkmalamt unter Denkmalschutz gestellt. Seitdem können Veränderungen an dem Bauensemble nur noch nach den Vorgaben des Landesdenkmalschutzes erfolgen.





