Meterdicke Stahlbetonwände, gefilterte Luft und kein Tageslicht – seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind sie wieder zum Thema geworden: Bunkeranlagen. In Berlin gab es nach dem Zweiten Weltkrieg noch rund 360 Schutzbauten, die errichtet worden sind, um die Bevölkerung vor Luftangriffen zu schützen. Einer der ungewöhnlichsten befand sich in Schlachtensee. Am Eiderstedter Weg hatten die Nazis einen Hochbunker bauen lassen, der direkt an ein Wohnhaus angrenzte.
Dieselbe Dachform, ähnliche Fassade: Die Tarnung war perfekt. Aus der Luft konnten die Unterschiede zwischen Bunker und benachbarten Wohngebäude kaum ausgemacht werden. Vielleicht auch deswegen wurde der Bunker in der Nachkriegszeit für den Zivilschutz saniert und im Kalten Krieg bereitgehalten, um der Westberliner Bevölkerung im Falle einer sowjetischen Aggression Sicherheit zu bieten. Die wichtigsten Infos zu dem Lost Place.
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Das sind die Fakten zum Hochbunker Eiderstedter Weg:
- Adresse: Eiderstedter Weg 34, 14129 Berlin-Schlachtensee
- Geschichte: Anfang der 1940er-Jahren als Luftschutzbunker errichtet; nach dem Zweiten Weltkrieg als Zivilschutzbunker reaktiviert; nach 2007 aus der Zivilschutzbindung entlassen; danach Leerstand
- Bunkertyp: Hochbunker mit Schutzkapazität für knapp 300 Personen
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Lost Place
Wo liegt der Hochbunker genau?
Der Bunker liegt am Eiderstedter Weg 34 im Ortsteil Schlachtensee des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit der Buslinie 112 (Haltestelle Krankenhaus Hubertus) zu erreichen. Von der Bushaltestelle ist es ein rund dreiminütiger Weg entlang der Spanischen Allee und Niklasstraße bis zu dem Grundstück. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Hochbunkers Eiderstedter Weg:
Ausgangslage: Vorbereitung auf den Luftkrieg um Berlin
Der erste Luftangriff auf Berlin im Zweiten Weltkrieg fand in der Nacht vom 7. auf den 8. Juni 1940 durch ein einzelnes französisches Flugzeug statt. Im August 1940 folgten die ersten gestaffelten Angriffe der britischen Royal Air Force auf die Hauptstadt des Dritten Reichs. Als die ersten Fliegerbomben die Reichshauptstadt Berlin trafen, reagierte die NS-Führungsriege nervös. Auf persönlichen Befehl des Oberkommandierenden und Reichskanzlers Adolf Hitler wurde hektisch mit den Vorbereitungen für ein Bunkerbau-Sofortprogramm begonnen.
Unter Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker-Entwurfsskizzen für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak, Nachrichten- und Kommandobunker. Einer der Schutzbauwerke: der Hochbunker am Eiderstedter Weg.
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Hochbunker Eiderstedter Weg: Warum wurde er über der Erde erbaut?
In den Wohngebieten der Villen- und Wohnsiedlungen am Stadtrand begannen noch Anfang der 1940er-Jahre die Erdarbeiten. Auf freien Arealen und Grundstücken wurden Zivilschutzbunker gebaut, die je nach verfügbaren Bauland 100 bis 500 Personen Schutz vor Bombenangriffen bieten konnten. Hochbunker hatten gegenüber den im Erdreich versenkten Tiefbunkern den Vorteil, mit geringeren Baukosten errichtet werden zu können.
Außerdem konnten sie mit geringeren Wand- und Deckenstärken einen vergleichbaren Schutz erreichen, da sich ein Teil der Explosionswirkung in den Luftraum entwickelt beziehungsweise dort absorbiert wird. Der Vorteil von Tiefbunkern wiederum war es, dass sie den Schutzgrad mit tieferer Lage weiter steigern konnten – und dass ihre Lage von der Aufklärung schwerer zu ermitteln war.
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Hochbunker Eiderstedter Weg: Wie konnten die Anlagen getarnt werden?
Um diesen Nachteil auszugleichen, ließen die Nationalsozialisten an Hochbunkern in Wohngebieten häufig ein konstruktiv nicht notwendiges Dach zur Tarnung anbringen, dass in der Bauform der Architektur in der Nachbarschaft angepasst war. Einige der Hochbunker wurden in Deutschland auch in die bestehende Bebauung eingefügt – wie der Kölner Bunker in der Elsaßstraße 42–46 oder der Hochbunker an der Aachener Straße 39 in Düsseldorf. Für Berlin war diese Bauweise eher ungewöhnlich.
Die meisten der Hochbunker entstanden hier als freistehende Struktur. Noch außergewöhnlicher war es, einen Hochbunker als Erweiterungsbau an ein einzeln stehendes Wohnhaus anzufügen und dessen Architektur perfekt fortzusetzen. Unter den neugierigen Augen der Nachbarskinder zogen Anfang der 1940er-Jahre Kolonnen von Bautrupps mit schwerem Gerät in den Eiderstedter Weg in Schlachtensee, um ein ebensolches Bauprojekt zu realisieren.
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Hochbunker Eiderstedter Weg: So war der Bunker aufgebaut
Der Hochbunker am Eidersteder Weg gehörte zur „zweiten Welle“ der während des Bunker-Sofortprogramms in Berlin errichteten Schutzbauten. Er wurde bis 1943 fertiggestellt und grenzte direkt an die Giebelwand des Wohnhauses an der benachbarten Niklasstraße 66. Der Hochbunker wurde im rückwärtigen Teil des Grundstückes Eiderstedter Weg 34 gebaut. Die Maße des Betonkolosses betrugen etwa 23 Meter Länge mal 12 Meter Breite auf einer Grundfläche von 280 Quadratmetern und verlängerten damit das bereits bestehende Wohnhaus auf eine Größe, die in etwa auch die größeren Nachbarhäuser erreichten.
Bei dem Wohnhaus Niklasstraße 66 handelte es sich um ein zweigeschossiges Wohnhaus mit ausgebauten Spitzdach. Die Architektur des Vorstadtgebäudes und seienr Bauelemente diente für den Bau des Bunkers als Blaupause. Sowohl die Form des Daches inklusive der Dachziegel als auch der Putz der Fassade wurde am Hochbunker minutiös kopiert. Lediglich auf Attrappen von Balkonen sowie Dachgiebel und Fenster an der Fassade verzichteten die Bunker-Erbauer.
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Hochbunker Eiderstedter Weg: Beengte Schutzkammern im Inneren
Im Inneren – hinter einem schweren, eisernen Bunkertor – hatte das Bauwerk dagegen nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem bewohnten Zwillingsgebäude an seiner südlichen Giebelwand: keine Wohnungen, kein Familienleben und keine spielenden Kinder im Vorgarten. Hinter den knapp zwei Meter dicken Betonwänden des Hochbunkers war alles auf das Überleben bei einem Bombenangriff getrimmt.
Hinter der Schleuse riegelte eine massive Eisentür mit Sichtloch die dahinterliegenden Schutzräume hermetisch ab. Die Schlüssel für eine Kammer mit jeweils zwei 3-Stockbetten wurde meist an kinderreiche Familie aus der Umgebung vergeben. Im Bunker gab es außerdem einen größeren Aufenthaltsraum, einen Sanitärraum, einen großen Sandfilter, Lüftungsgeräte und Schutztüren, die die zweite Schleuse des hinteren Notausgangs sicherten. Über ein Treppenhaus erreichte man das zweite Geschoss des Bunkers. Die Rettungswege im Bunker wurden mit im Dunkeln leuchtender Farbe gekennzeichnet. So konnte Fluchtwege auch bei einem Totalausfall der Bunkertechnik noch genutzt werden.
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Hochbunker Eiderstedter Weg: Keine Schäden im Zweiten Weltkrieg
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bunker und seine unmittelbare Umgebung – trotz der verheerenden Bombenangriffe die den Südwesten Berlins seit 1943 immer wieder trafen – nicht in Mitleidenschaft gezogen. Der Bunker überstand die Fliegerangriffe ohne nennenswerte Schäden – und mit der Befreiung Südwestberlins durch die Rote Armee im April 1945 war der Spuk auch im Kiez rund um den Eiderstedter Weg zu Ende.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich in Berlin noch rund 360 Bunker, die als Schutzräume vor Bombenangriffen für Hunderttausende ausgelegt waren. Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung, was aber nicht bei allen gelang. Einige der Bunker erlebten in den 1960er-Jahren noch einmal ein Revival. Sie wurden angesichts der Spannungen des Kalten Krieges in das Zivilschutzprogramm des Bundes aufgenommen, saniert und für die neuen Aufgaben mit neuer Bunkertechnik ausgestattet. Letzteres wiederfuhr auch dem Hochbunker am Eiderstedter Weg.
Hochbunker Eiderstedter Weg: Revival als Zivilschutzbunker im Kalten Krieg
Die zivile Nutzung von nicht gesprengten Bunkern in Berlin in der Nachkriegszeit war überaus divers: Ex-Bunker dienen als Obdachlosenasyle, als Polizei- und Abschiebegefängnisse, als Lagerräume für Bevorratung unter anderem für die nach dem Berlin-Boykott 1948/1949 angelegte Senatsreserve. Sie wurden für die Champignonzucht präpariert oder sogar als Hotel hergerichtet. 1965 ordneten die Alliierten an, Bunker in ganz Westdeutschland wieder in Stand zu setzen und betriebsfähig zu halten. Die erhaltenen Schutzbauten sollten saniert und in die Zivilschutzbindung aufgenommen werden, um im Ernstfall für die Bevölkerung zur Verfügung zu stehen.
In Berlin erfasste man 1966 178 potentiell geeignete Luftschutzanlagen. Rund 40 von ihnen wurden für die Wiederherrichtung angemeldet – darunter der Hochbunker am Eiderstedter Weg. Der Bunker befand sich laut Berliner Adressbuch von 1970 im Eigentum des Bundes und wurde verwaltet vom „Verwaltungsamt für ehemaligen Reichsgrundbesitz“. Die Mittel für die Wiederherstellung von Weltkriegsbunkern in Berlin kam aus den Haushaltsmitteln des Bundes. Am Ende wurden aber nur elf Objekte aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges wiederhergestellt. Dazu kamen noch fünf neu errichtete Mehrzweckanlagen, so dass Westberlin am Ende der 1980er-Jahre über 24.641 Schutzplätze verfügte: Rund ein Prozent der Bevölkerung hätte hier Unterschlupf finden können.
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Hochbunker Eiderstedter Weg: Chemie-Toiletten für den Notfall
Zusammen mit dem Tiefbunker am Otto-Wels-Ring in Neukölln war der Hochbunker in Schlachtensee einer der ersten, die nach der Modernisierung der Bunkertechnik offiziell in das Schutzprogramm übernommen werden konnte. 1980 war es soweit: Frischgestrichen und mit neuer Elektrik ausgestattet standen im Inneren mit Schutzfolien überzogene Feuerlöscher, Chemie-Toiletten, Stühle und Betten bereit. An der Fassade verwies das bekannten Zivilschutzsymbol – ein blaues Dreieck auf orangenem Grund – auf die Funktion des Bunkers als Zivilschutzobjekt. Die Schlüssel wurden übergeben und das Bauwerk stand bereit.
Nominell bot der Schutzbau für den Katastrophenfall Platz für insgesamt 293 Personen, die sich für einen kurzen Zeitraum in den Betonbau in Schlachtensee hätten retten können. Bei Vollbelegung reichte die mit Handkurbeln betriebene Lüftungsanlage für 10 Stunden, dann hätte die schwere Stahltür des Bunkers notgedrungen wieder geöffnet werden müssen. Zu einem Ernstfall, bei dem der Bunker hätte eingesetzt werden müssen, kam es in Schlachtensee jedoch nie und nach der Wende und dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre wandelte sich der Umgang im wiedervereinigten Deutschland mit Atom- und Schutzbunkern erneut.
Hochbunker Eiderstedter Weg: Aus der Zivilschutzbindung entlassen
Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die Sicherheitslage neu bewertet. Gegen Gefährdungen wie Klimawandel, Naturkatastrophen und Terrorismus würden öffentliche Schutzräume keinen hinreichenden Schutz bieten, lautete die damalige Einschätzung der Bundesregierung. Im Jahr 2007 beschloss der Bund im Einvernehmen mit den Ländern, das bisherige Konzept aufzugeben. Die bestehenden rund 2000 öffentlichen Schutzanlagen in Deutschland wurden seitdem nach und nach abgewickelt.
Erst in jüngster Zeit wurde mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine der Bevölkerungsschutz mittels Bunkeranlagen erneut zum politischen Thema in Deutschland. Die Frage, ob stillgelegte Bunker wieder reaktiviert werden sollen, wird seitdem in den Kommunen und im Bund diskutiert. Der Hochbunker am Eiderstedter Weg gehörte zu den letzten Schutzbunkern in Berlin, die laut der Senatsverwaltung im Katastrophenfall für den Bevölkerungsschutz hätten eingesetzt werden können.
Nachdem die Zahlungen für den Erhalt des Hochbunkers in Schlachtensee eingestellt worden waren, wollte der Bund als Eigner die Anlage Anfang der 2010er-Jahre verkaufen und übertrug ihn für den Verkauf der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Doch wenigstens 2013 befand sich die Immobilie noch in Bundesbesitz – wie aus einer damaligen Anfrage des Abgeordneten Philipp Magalski (Piraten) im Abgeordnetenhaus hervorging. Die Zukunft des ehemaligen Weltkriegsbunkers? Ungewiss.
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