„Ja, hier verlief einmal eine Straße“, bestätigt Liliane, eine reizende ältere Dame, die seit jeher im 14. Stadtbezirk von Paris wohnt. Der mittlere Teil der Rue Mouton-Duvernet ist verschwunden; ein sandiger Naturweg hat den Asphalt ersetzt. An vierrädrigen Vehikeln verkehren nur noch Kinderwagen.
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Die Rue Mouton-Duvernet sei einmal eine belebte Durchgangsstraße am Rand von Montparnasse gewesen, erinnert sich Liliane, die von der Entwicklung nur halb begeistert ist. „In letzter Zeit haben hier ein Geschirr- und ein Eisenwarenladen geschlossen. Die Kunden bleiben aus, weil sie nicht mehr parken können.“ In der Buchhandlung „Flora lit“ meint die Verkäuferin dagegen, ihre Kundschaft bestehe nur aus Anwohnern, und die kämen zu Fuß oder mit dem Rad. Die junge Frau ist überzeugt: „Das Viertel profitiert eindeutig von dem Umbau“.
Der „Umbau“: Das ist das Werk der Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Über 200 Straßen hat sie schon in „rues-jardin“ – zu Deutsch: Gartenstraßen – verwandelt. Im März genehmigten in einer Volksbefragung 66 Prozent der Pariser Stimmberechtigten die Begrünung von 500 weiteren Straßen.
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Vom Haussmann-Boulevard zum Stadtwald: Die nächste Pariser Revolution
Dahinter steht ein Projekt, das in seinen gigantischen Ausmaßen an Georges-Eugène Haussmann erinnert. Der Stadtplaner des 19. Jahrhunderts hatte die verschachtelte mittelalterliche Stadt durch breite Boulevards aufgebrochen und ihr mit einheitlichen Gebäudefassaden zu ihrem unverwechselbaren Aussehen verholfen. Ähnlich einschneidend handelte in den 60er-Jahren Präsident Georges Pompidou: Der Gaullist ließ am Seine-Ufer Schnellstraßen bauen und erklärte, man müsse die Stadt den Autos – nicht umgekehrt! – anpassen.

Verbrenner indes will die 65-jährige Vorsteherin der rot-grünen Stadtregierung bis 2030 aus der Stadt verbannen. SUV zahlen jetzt schon speziell hohe Parkgebühren – bis zu 18 Euro für eine Stunde. Hidalgo will 70.000 Parkplätze aufheben, 170.000 Bäumen pflanzen lassen. Die kreisrunde Place de Catalogne, ebenfalls im 14. Arrondissement gelegen, wird zum Beispiel zu einem Stadtwald aus Eschen, Ahorn und Eichen. In 30 Jahren sollen sie die umliegenden Büro- und Hochhäuser überragen, wie eine Hinweistafel verkündet.
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Ganze Quartiere werden durch ein paar strategische Einschnitte – wie etwa in der Rue Mouton-Duvernet – verkehrsberuhigt. Die Expressrouten entlang der Seine hat Hidalgo längst in Spazier- und Rollerwege verwandelt. Sogar das Schwimmen in der Seine will Hidalgo bekanntlich ermöglichen, wie sie während der Olympischen Spiele im Sommer ’24 versprochen hat.
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Weniger Verkehr, mehr Grün: Wie Hidalgo Paris schrittweise neu erfindet
Die achtspurige Fahrbahn der Shopping-Avenue Champs-Elysées lässt sie zurückbauen und begrünen, genauso wie den riesigen Place de la Concorde, wo in Revolutionszeiten der König geköpft worden war. Am anderen Ende der „Champs“ wird der Rundplatz um den Triumphbogen, heute noch Inbegriff des chaotischen und hupenden Pariser Verkehrs, von zwölf auf vier Spuren reduziert; der Rest wird für die Flaneure, Touristen oder Radfahrer saniert.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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In europäischen Hauptstädten fragen sich Politiker, wie die 2014 erstmals gewählte „Maire“ (Bürgermeisterin) diese Herkulesarbeiten durchsetzt und bewältigt. Antwort: mit Geduld, Geschick und Starrsinn – wie der spanische Stier, mit dem die gebürtige Andalusierin Hidalgo gerne verglichen wird. Die Covid-Zeit nutzte sie, um ganze Verkehrsachsen wie die Rue de Rivoli in „provisorische“ Fußgängerzonen zu verwandeln. Heute sind sie längst endgültig. Im Stadtkern zwischen Concorde, Opéra und Bastille richtete Hidalgo im November eine „Zone à Trafic Limité“ ein. Die „Limitierungen“ verwandelte sie schrittweise in Verbote: Wer ohne Passierschein in das Gebiet um Louvre und Marais einfährt, riskiert seit 1. April ein Bußgeld.

Auch die Ringautobahn um die Stadt, den „périphérique“, entschleunigt Hidalgo methodisch. Die zulässige Geschwindigkeit senkte sie zuerst von 90 auf 70 Kilometer pro Stunde. Seit Oktober gilt Tempo 50. Bußgelder gab es erst zwei Wochen später. Mit dieser zeitlichen Staffelung verzettelt Hidalgo die Proteste der Autofahrer. Aber kaum hatten sie wieder Ruhe gegeben, verwandelte die Bürgermeisterin die linke der drei Fahrbahnen in eine „Umweltspur“. Dort sind nur noch Fahrzeuge mit mehr als einem Insassen geduldet. Wer allein unterwegs ist, muss sich in den zwei anderen, restlos verstopften Spuren vorwärts quälen.
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Hidalgo: „Hauptstadt ohne Autos“ ist eine Existenzfrage
Das Lokalblatt „Le Parisien“ schrieb kürzlich, Hidalgo wolle eine „Hauptstadt ohne Autos“. Das trifft wohl ins Schwarze. Seit 2001, als die Linke mit Hidalgos Vorgänger und Ziehvater Bertrand Delanoë ins palastähnliche Rathaus einzog, hat sich die Zahl der Autos in Paris halbiert.
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Hidalgo ist nicht besonders populär, auch wenn sie 2020 wiedergewählt wurde. Die Rechtsopposition schnödet über die „Königin der Bobos“. Die grüne Sozialdemokratin kontert mit Fakten: Im März war die Feinstaubbelastung wieder einmal so hoch, dass die Behörden von jeder sportlichen Aktivität abraten mussten. Laut einer Studie könnte Paris im Jahr 2050 Temperaturen von bis zu 45 Grad erreichen, wie heute in Sevilla. Die „schönste Stadt der Welt“, wie die zwei Millionen Pariserinnen und Pariser gerne sagen, verliert massiv Einwohner: Jedes Jahr ziehen 12.000 weg. An ihre Stelle treten meist AirBnB-Wohnungen für Reisende. Paris wohnlicher, lebenswerter zu gestalten, sei keine Öko-Spinnerei, „sondern eine Existenzfrage“, sagt Hidalgo, die bei den Neuwahlen 2026 nicht mehr antreten wird.









