Es ist die große, die derzeit entscheidende Frage der französischen Tagespolitik. Am Parteisitz des Rassemblement National (RN) in Paris-Nanterre ist sie allerdings tabu. Zu explosiv für Marine Le Pen. Der TV-Sender TF1 stellte ihr die Frage dennoch sehr direkt: „Soll der formelle Parteichef Jordan Bardella bei den Präsidentschaftswahlen 2027 an Ihrer Stelle antreten?“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Letzte Woche hatte die RN-Gründerin für die Veruntreuung von EU-Geldern eine vierjährige Haftstrafe – davon zwei Jahre mit Fußfesseln – erhalten, kombiniert mit einer Buße und einer fünfjährigen Unwählbarkeit. Eine „Atombombe“, nannte Le Pen das Verdikt selber. Sie hat Berufung eingereicht, aber ihre Chancen gelten als gering, ihre Kandidatur wankt.

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Die Antwort auf die TF1-Frage hatte Le Pen sichtlich vorbereitet. „Jordan Bardella ist ein großartiger Trumpf für unsere Bewegung“, antwortete sie dem TF1-Journalisten etwas gestelzt. „Aber ich hoffe, dass wir diesen Trumpf nicht früher als nötig einsetzen müssen.“ Zwei Tage später fügte sie auf eine Journalistenfrage an: „Es kommt nicht in Frage, einen Plan B ins Auge zu fassen, bevor der Plan A zu Ende ist.“

Le Pen zu zwei Jahren Haft mit Fußfessel verurteilt
Marine Le Pen, Gründerin des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) und Parteichef Jordan Bardella.© DPA Images | Thomas Padilla

„Und der Plan A“, hätte sie unnötigerweise anfügen können, „das bin ich.“ Warum sie daran festhält, erklärte sie so: „Ich habe seit 25 Jahren ein enges Band mit den Franzosen geknüpft; es erlaubt mir, die Favoritin der nächsten Präsidentschaftswahlen zu sein.“ 2012 hatte sie 17,9 Prozent Stimmen erhalten, 2017 dann 33,9 Prozent, 2022 gut 41,5 Prozent. 2027 soll der Einzug ins Elysée gelingen, zumal ihr zweifacher Bezwinger, Staatschef Emmanuel Macron, nach zwei Mandaten nicht mehr antreten kann.

Nach dem Urteil wettert Le Pen gegen das „System“

Nicht vorhergesehen war in dem Plan A die mehrjährige Haftstrafe. Das Berufungsgericht ist zwar Le Pen entgegengekommen; es will den zweitinstanzlichen Prozess schon im Sommer 2026 beendet haben. Doch das Verdikt Le Pen trifft sehr hart. Über Nacht warf sie ihre seit Jahren verfolgte Strategie der Mäßigung im Stil wie im Inhalt über Bord. Ihre Stimme wird wieder schrill, aggressiv schimpft sie über das „System“, das gegen sie und die Demokratie arbeite.

Es ist das gleiche „System“, das sie im Elysée zu leiten hätte. Sie organisierte am Sonntag in Paris eine Protestkundgebung, um Druck auf die Justiz zu machen. Doch mit einem Freispruch in einem Jahr rechnen nicht einmal die Optimisten der Partei. Le Pen wäre schon zufrieden, wenn sie eine aufschiebende Wirkung des Urteils erhielte; damit könnte sie an den obersten Gerichtshof gelangen und zwischenzeitlich für die Präsidentschaft kandidieren.

Das sind aber viele Hypothesen. Wäre es nicht besser, den Plan B zu aktivieren? B wie Jordan Bardella?

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Seine mehrheitlich weiblichen Fans halten den Jungspund mit dem Benehmen eines idealen Schwiegersohnes auch für den idealen Kandidaten. Der Sohn italienischer Einwanderer, der in der armen, gefährlichen Pariser Vorstadt Drancy aufwuchs, ist smart und perfekt gestylt mit Maßanzug und Dreitagebart.

Jordan Bardella: Schwächen trotz intensiven Medientrainings

Doch auch der Plan B hat seine Tücken. Bardella ist erst 29 Jahre alt; obwohl er bereits intensives Medientraining erhalten hat, zeigt er in den Rededuellen immer wieder Schwächen und Patzer. So behauptete er, Jean-Marie Le Pen – Marine Le Pens Vater und Gründer der Vorgängerpartei Front National (FN) – sei kein Antisemit gewesen. Dabei hatte dieser die Gaskammern als „Detail“ des Zweiten Weltkrieges bezeichnet. Zur Wiedergutmachung folgte Bardella einer Einladung der israelischen Regierung nach Jerusalem. Und als der Trump-Adlat Steve Bannon bei der CPAC-Konferenz in den USA den Hitlergruß machte, boykottierte Bardella das Treffen der Ultrakonservativen ostentativ. Generell hält er zu Trumpisten und Putinisten mehr Distanz als Le Pen. Unsicher bleibt bei ihm jeweils nur, ob das aus Kalkül oder Überzeugung geschieht.

Konkurrenz für Le Pen? RN-Parteichef Jordan Bardella
Konkurrenz für Le Pen? RN-Parteichef Jordan Bardella© AFP | Frederick Florin

Bardella wird in seinem Lager mit Macron verglichen, der mit 39 Jahren Staatschef wurde. Aber der RN-Novize hat weder den scharfen Intellekt noch die Erfahrung des ehemaligen Investmentbankers und Wirtschaftsministers. Einen Job hat der ehemalige Geographiestudent nie ausgeübt; außer einem Mandat als Pariser Regionalrat und als Europaabgeordneter ist auch sein politischer Lebenslauf leer. Seinen Aufstieg hat er vielleicht auch dem Umstand zu verdanken, dass er mit einer jungen Frau aus dem Le Pen-Clan liiert ist – einer Nichte von Marine.

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Auch außerhalb der Dynastie der französischen Rechten steigt seine Popularität. 60 Prozent der RN-Mitglieder ziehen laut einer neuen Umfrage Bardella vor, nur 32 Prozent Le Pen. Ähnlich sieht es parteiübergreifend aus: 31 Prozent für Bardella, 16 für Le Pen. Und auch diese Umfrage bleibt im RN-Hauptquartier tabu.

Le Pen oder Bardella: Der RN steht vor einem Dilemma

Das Dilemma für den RN ist unlösbar: Für den Fall einer neuen Verurteilung sollte Marine Le Pen damit beginnen, ihren politischen Ziehsohn Bardella als Ersatz aufbauen. Das wäre aber ein Eingeständnis ihrer eigenen Schwäche, falls sie schließlich doch im Rennen bleibt. Verwehrt sie Bardella aber den Fronteinsatz und die Medienpräsenz, verweigert sie ihm den Aufstieg – und dem RN womöglich bald einen Spitzenkandidaten.

Und Bardella? Er bekräftigte nach dem Gerichtsurteil, er stehe „Marine“ mit „totaler Loyalität“ zur Seite. Vielleicht sagt er sich, dass er es nicht eilig habe. Mit 29 Jahren bliebe ihm bis über 2060 hinaus Zeit, ins Elysée zu gelangen. Aber Bardella wirkt nicht wie jemand, dessen erste Tugend die Geduld ist.