Ein ganzes Einkaufszentrum für sich allein: Wer könnte da widerstehen. In Lichtenberg hätte man in den 2010er-Jahren fündig werden können. Keine Schlangen, keine Wartezeiten. Leider aber auch keine Geschäfte. Statt prallgefüllter Schaufenster, die den flanierenden Besuchern ein reichhaltiges Warensortiment präsentieren, und Essstände mit vielfältiger Auswahl, bot sich in den Landsberger Einkaufspassagen ein verstörendes Bild der Leere: Bäume, deren gelb-ausgetrocknete Blätter auf die stillstehenden Rolltreppen im Lichthof der Einkaufspassage fielen, Schilder, die vergebens einer längst ausbleibenden Kundschaft den Weg wiesen und geisterhaft verlassene Büros und Läden. Die Szenerie erinnerte vage an die TV-Fiktion „Zukunft ohne Menschen“ (2008) oder an Bilder radioaktiv verseuchter Gebiete – und das mitten in Berlin. Wie war geschehen? Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
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Das sind die Fakten zu den Landsberger Einkaufspassagen im Überblick:
- Adresse: Landsberger Allee 358, 10365 Berlin-Lichtenberg
- Geschichte: 1993 als große Einkaufsmeile an der Landsberger Allee errichtet; in den 2000er-Jahren verließen immer mehr Geschäftsmieter das Shoppingcentrum, Verkaufs- und Büroflächen standen leer; 2008 kündigten mit Möbel-Max und Rewe die letzten Mieter, danach jahrelanger Leerstand
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place. Zwischen 2016 und 2017 wurden die Passagen abgerissen. Ein Teil des Grundstücks im Südosten wurde für einen Möbel Höffner-Neubau genutzt; das Restgrundstück ist unbebaut
Wo lagen die Landsberger Einkaufspassagen genau?
Die Landsberger Einkaufspassagen lagen an der Landsberger Allee 358 im Ortsteil Lichtenberg des gleichnamigen Bezirks. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Grundstück lauten: GGM3+927 Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Areal am besten mit den Tramlinien 16 und M6 (Haltestelle Arendsweg). Von der Tram-Station ist die Brache des ehemaligen Shoppingcentrums bereits zu sehen. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Landsberger Einkaufspassagen:
Ausgangslage: Lenins amerikanischste Straße in Berlin

Anfang der 1990er-Jahre herrschte an der Landsberger Allee Goldgräberstimmung. Den Einzelhandel im Ostteil der Stadt hatten bis zur Wende vor allem zwei Einzelhandelsketten bestimmt: das genossenschaftlich organisierte Konsum und die 1948 gegründete Handelsorganisation (HO). Jetzt drangen westdeutsche und europäische Ketten in den unerschlossenen Markt mit dem Versprechen, blühende Einkaufslandschaften entstehen zu lassen, und die Regale und Tische in Ostdeutschlands Stuben mit langersehnter Westware zu füllen. Die tristen DDR-Kaufhallen wurden stadtweit von Kaisers, Spar und Co. übernommen und aufgemöbelt. Statt Centrum-Warenhäusern, Exquisit- und Delikat-Läden schossen von Pankow bis Köpenick Shopping-Malls nach amerikanischen Vorbild und Einkaufscenter aus dem Boden.
Die 1992 in Landsberger Allee umbenannte Leninallee versprach als Ausfallstraße mit großen Wohnblöcken und als Hauptverkehrsader zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und Marzahn-Hellersdorf besonderes Entwicklungspotential. 2002 sprach die „taz“ von ihr als „amerikanischste der Berliner Straßen“. In rascher Folge waren an dem Straßenzug in Lichtenberg nach der Wende ein Einkaufszentrum nach dem anderen gebaut worden. Die Straße hatte sich – angefeuert durch die Hoffnungen der Investoren auf satte Renditen – in eine Shoppingmeile verwandelt. Eines der ersten Einkaufzentren: die 1993 eröffneten Landsberger Einkaufspassagen (LEP) an der Landsberger Allee 358.
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Landsberger Einkaufspassagen: Großlager für Kartoffeln und Co. in der DDR-Zeit
Auf dem Grundstück südlich der Landsberger Allee am Rande der Kleingartenanlage „Weiße Taube“ hatte nach dem Krieg Grünparzellen gelegen, bevor in den 1980er-Jahren Bautätigkeit einsetzte und Traglufthallen und große Lagerplätze errichtet wurden. Seit dem 19. Jahrhundert hatten sich entlang der damals noch Landsberger Chaussee genannten Straße Gärtnereien befunden – benannt nach einer längst vergangenen Poststation, der „Weißen Taube“. In der DDR wurden die Gartenanlagen zur Großgärtnerei LPG „Weiße Taube“ kollektiviert.
Die Hallenbauten aus den 80er-Jahren gehörten zu den Großlagern des „VEB Kombinat Großhandel Wtb“ (Waren des täglichen Bedarfs) und des „VEB Kombinat Großhandel OGS“ (Obst, Gemüse und Speisekartoffeln), aus deren Lagerbeständen die Ostberliner Kaufhallen per Reichsbahn und Lkw beliefert wurden. Hobbygärtner konnten an den Werktoren ihre Erzeugnisse verkaufen. Der Großhandel wurde im Volksmund auch „Matsch & Gammel“ genannt. Nach der Wende weckten die Hallen und noch mehr der Baugrund Begehrlichkeiten.
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Landsberger Einkaufspassagen: 1993 wurde das neue Einkaufszentrum eröffnet
Die Fläche des ehemaligen DDR-Großhandelsbetriebs „Waren täglicher Bedarf“ an der Landsberger Allee 358 wurde von einer Investorengruppe erworben – mit dem Ziel, ein großes Einkaufszentrum entstehen zu lassen. Bauherr war die „NW Bau Consult GmbH & Co“. 1992 begannen die ersten Arbeiten auf dem Grundstück: Die Bestandsbauten wurden abgerissen und der Baugrund vorbereitet. Fundamente, Deckenplatten und abgerissene Hallenteile wurden vor Ort recycelt und als Baumaterial wiederverwendet.
Bis 1993 war das nach Plänen des Berliner Architekten Dieter Punckt errichtete Gebäude bezugsfertig und konnte im Winter 1993 eröffnet werden. In den Landsberger Einkaufspassagen fanden Besucher unter anderem einen großen Lebensmittel-SB-Verbrauchermarkt, einen Baumarkt, einen Shop für Unterhaltungselektronik sowie 30 Einzelhandelsgeschäfte. Hinzu kamen 5.000 Quadratmeter Bürofläche und rund 750 Parkplätze.
Landsberger Einkaufspassagen: So war das Shoppingcenter aufgebaut
Das t-förmige, zweigeschossige Bauwerk umfasste eine Grundfläche von knapp 12.500 Quadratmetern. Zwischen dem vorderen, fast quadratischen Gebäudeteil und dem hinteren rechteckigen Gebäudeflügel lag ein geschossübergreifender Lichthof, der die verbindende Mittelachse des Bauwerks bildete. In dem lichtgefluteten Herzstück des Shoppingcenters befanden sich verglaste Rolltreppen und Fahrsteige, über die die Ebenen des Einkaufszentrums gewechselt werden konnten. An der Frontseite zur Landsberger Allee schloss sich ein fünfgeschossiger, großflächig verglaster Gebäudetrakt an, in dem sich seit 1994 eine Möbel-Max-Filiale befand.
Neben den Läden und dem Shoppingbereich sowie den Sanitäranlagen war ein großer Teil der Nutzfläche nicht für den Publikumsverkehr bestimmt: Warenanlieferung, Lager- und Mitarbeiterräume, Wachschutz und Sicherheit, Gebäudetechnik und Büroflächen. Die Außenfläche des knapp fünf Hektar großen Areals war durch großzügig angelegte Kundenparkflächen bestimmt, die rechts und links des Hauptgebäudes lagen – mit Zugang zur Landsberger Allee und einer Stichstraße, die über das Gelände des Shoppingcenters führte.
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Landsberger Einkaufspassagen: Stark umkämpfter Shopping-Markt in Lichtenberg
Seit Anfang der 1990er-Jahre versorgte das neue Einkaufzentrum die Bedürfnisse der Bewohner der anliegenden Plattenbausiedlungen. Bei der feierlichen Eröffnung war das Center vollvermietet, doch bereits kurz darauf, bekam das LEP ernstzunehmende Konkurrenz durch das nur 400 Meter entfernte, schräg gegenüberliegende Allee-Center Berlin, das 1994 seine Tore mitsamt Lebensmittelgeschäften, Restaurants, Ärztetower und Einzelhändlerflächen öffnete. Der Verdrängungswettkampf der Shoppingmeilen in Lichtenberg hatte begonnen. Sehr bald mischten noch weitere Akteure – etwa das Forum Landsberger Allee oder das Castello Kiez Center – im Wettbewerb entlang der Landsberger Allee mit.
Spätestens Anfang der 2000er-Jahre verloren die Landsberger Einkaufspassagen für wichtige Ankermieter an Attraktivität. Immer mehr Ladenflächen blieben nach Auszug von Einzelhandels- und Dienstleistungsgeschäften unvermietet, standen leer und bewirkten wiederum sinkende Besucherzahlen. Eine Abwärtsspirale, die von den Lichtenberger Einkaufspassagen nicht gestoppt werden konnte – lange bevor mit Online-Shopping das große Kaufhaussterben in deutschen Innenstädten einsetzte.
Landsberger Einkaufspassagen: Ausbaupläne zur Mega-Mall scheiterten
Anfang der 2000er-Jahre hatte es noch konkrete Pläne für einen Ausbau des Einkaufszentrums in gigantischen Ausmaßen gegeben. Bauherrin des Projektes war die HFS Immobilienfonds GmbH, eine Tochter der HypoVereinsbank. Mit 78.500 Quadratmetern Geschossfläche sollte an dem Standort eine der größten Handelsagglomerationen Berlins entstehen – mit eigenem Hotel mit 600 Betten, Gastronomiebereich und 48.000 Quadratmeter-Verkaufsfläche. Dafür hätte das Gebäude bis an die Siegfriedstraße hin verlängert und mit mehreren Geschossen aufgestockt werden sollen. Bürokratische Hürden verhinderten den megalomanen Plan. Auf der beteiligten Architekten-Internetseite (Pechtold Architekten) finden sich noch Visualisierungen für die Baupläne des Hotels. In den nachfolgenden Jahren wechselte der Standort mehrmals den Eigentümer – doch alle Vorhaben für eine grundlegende Sanierung oder Modernisierung des Geländes scheiterten.
In der Blütezeit des Einkaufszentrums hatte es neben dem großen Möbel-Max Möbelhaus, einen Rewe-Einkaufsmarkt, einen Promarkt-Elektronikfachgeschäft, ein Reno-Schuhgeschäft und einen toom-Baumarkt beherbergt. Bis Mitte der 2000er-Jahre waren die Geschäfte verwaist. Als letzte Ankermieter kündigten Rewe und Möbel-Max 2008 ihre Verträge. Danach standen die einst belebten Hallen des Einkaufszentrums leer: Die letzten Verkäufer und Beschäftigte schlossen die Warenannahme und das große Einlassportal ab; die letzten Kunden schoben ihre Einkaufswagen in die plexiglasüberdachten Boxen auf den Parkflächen und verließen das Gelände.
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Landsberger Einkaufspassagen: Shopping-Paradies für Lost Place-Jäger
2008 hatte die Kapitalgesellschaft „Winchester Luxemburg Investmentfond“ das Grundstück samt Einkaufzentrum von der „Hypo Real Estate Bank“ (HRE) erworben. Doch alle Investmentpläne verliefen im Sande. Die Einkaufshalle verblieb in ihrem Dornröschenschlaf am Rande der Hauptverkehrsader Lichtenbergs und drohte langsam – unter den Blicken von Tausenden vorbeirasenden Autofahrern – zu einer modernen Ruine zu verfallen.
In den Folgejahren verwandelte sich das leerstehende Einkaufszentrum in ein Eldorado für „Urbexer“ – Jägern verlorener Orte im städtischen Raum, die in verlassenen und verfallenen Bauwerken auf Entdeckungstour gehen. Sie konnten dabei zusehen, wie die großen Birkenfeigen im Atrium langsam verwelkten und vertrockneten und die menschenleeren Gänge und stillstehenden Rolltreppen mit ihren Blättern bedeckten – ein surreales Bild der Stille, an einem Ort, an dem einst geschäftiges Treiben herrschte. Die Natur eroberte sich Raum zurück, das Geisterkaufhaus zeigte immer mehr Spuren der Verwahrlosung und auf das Verbliebene legte sich eine Alterungspatina, die den langsamen Verfall dokumentierte.
Die Außenwände der Einkaufspassagen wurden großflächig mit Graffiti bedeckt, durch das Asphalt des Parkplatzes brachen wildwuchernde Sträucher und im Inneren des Shopping-Mall fand sich noch marodes Mobiliar. Ein vielversprechendes Highlight: Ein Bargeld-Stahltresor in den Geschäftsräumen des Ex-Rewe, allerdings längst ohne Inhalt. Ohnehin mussten Schatzjäger aufpassen. Das Objekt war gesichert und von Zeit zu Zeit nutzte eine Polizei-Hundestaffel das Gelände und das verlassene Einkaufszentrum für ihr Training; wohl mit ein Grund dafür, warum sich Vandalismus und Metalldiebstahl in dem jahrelang leerstehendem Komplex in Grenzen hielten.
Landsberger Einkaufspassagen: Abriss des Geistercenters bis 2017
Nach Jahren als Lost Place stellten das Bezirksamt und der Senat neue Planungen für das Grundstück auf. Das abgesperrte und ungenutzte Areal an der Landsberger Allee 358 sollte mit dem Vorhaben- und Erschließungsplan XVII-VE 2 seinen Status als „multifunktionales Zentrum mit Fachmärkten“ verlieren. 2013 erwarb die Krieger Grundstück GmbH ein südöstliches Flurstück des Geländes. Die Idee: Auf dem Gewerbeareal sollte westlich der 2010 eröffneten Ikea-Filiale und dem Globus-Baumarkt ein neues Höffner- und Sconto-Möbelhaus mit zusammen fast 55.000 Quadratmeter Verkaufsfläche entstehen.
Anfang 2014 begannen die Arbeiten auf dem Gelände. Zuerst wurde das fünfstöckige Möbel-Max-Haus an der Front des Gebäudekomplexes abgerissen. Ende 2016 bis Anfang 2017 folgte der Abriss des Gebäuderumpfes der Landsberger Einkaufspassagen. Die neue Höffner-Filiale erstreckt sich bis auf den ehemals südöstlichen Grundstücksteil der LEP. Ein weiteres Teilstück verblieb bis heute als brachliegende Fläche – unter Baustaub und Sand blitzen noch Teile der ehemaligen Parkfläche des Einkaufzentrums hervor, am ehemaligen Eingang fand sich eine Zeitlang ein Hüpfburg-Spieleparadies.



