Im Lichtenberger Industrieviertel an der Bornitzstraße 101 befindet sich ein mit dichtem Gestrüpp überwuchertes und mit Müll übersätes Grundstück. Einst lag an diesem Ort eine Kita, das Gebäude ist inzwischen völlig verfallen. In der Nachbarschaft: Zahlreiche Industrieruinen und verwaiste Werkhallen aus der DDR-Zeit. Die Immobilie auf dem ehemaligen Betriebsgelände einer Wälzlagerfabrik macht zuletzt einen stark verfallenen Eindruck und lud nicht unbedingt zu Besichtigungen ein.
Umso erstaunlicher, was auf dem Gelände lange Zeit im Verborgenen lag. Zwischen eingeschlagenen Fenstern, Trümmern und Schutt blitzten vergessene Kunstwerke hervor: strahlend leuchtende Wandmosaike, bei denen Experten sich lange Zeit fragten, wer sie geschaffen hatte. Alle Infos zu dem kunstreichen Berliner Lost Place und dem Rätsel der mysteriösen „Sonnen“- und „Traktoren“-Mosaike.
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Das sind die Fakten zur verwaisten DDR-Kita im Überblick:
- Adresse: Bornitzstraße 101, 10365 Berlin-Lichtenberg
- Geschichte: Ende der 1970er-Jahre als Betriebskindergarten der VEB Wälzlagerfabrik „Josef Orlopp“ errichtet; Anfang der 1990er-Jahre wurde die Produktion in dem DDR-Großbetrieb eingestellt und der Betriebskindergarten anschließend stillgelegt; danach jahrelanger Leerstand; zwischenzeitliche Nutzung als Jugendbildungs- und Jugendbegegnungszentrum „Bornitz 101“ seit den 2000er-Jahren
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Lost Place. Derzeit ist geplant, auf dem Gelände einen Gewerbehof einzurichten, für den die ehemaligen Kita-Gebäude abgerissen werden sollen
Wo liegt die ehemalige DDR-Kita genau?
Die ehemalige DDR-Kita befindet sich an der Adresse Bornitzstraße 101 im Ortsteil Lichtenberg des gleichnamigen Bezirks. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: GFCW+C7 Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Areal am besten von der Bushaltestelle „Betriebsbahnhof Lichtenberg“ (240, 256, N50, N56) zu erreichen. Von der Busstation sind es rund fünf Minuten zu Fuß entlang der Bornitzstraße bis zu dem Areal. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Das Betreten ist Unbefugten nicht erlaubt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der ehemaligen DDR-Kita:
Ausgangslage: Staatliches Überangebot – Kita-Betreuung in der DDR

Die Gewährleistung einer flächendeckenden Kinderbetreuung war in der DDR Chefsache und wird auch heute noch oft als einer der Vorzüge des selbsterklärten „Arbeiter- und Bauernstaats“ genannt. Ausgeblendet wird dabei der Umstand, dass sich die DDR über die staatlich organisierte Kinderbetreuung bis 1989 Kontrollmöglichkeiten bis in die Familie sicherte.
Das „Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten“ (1985) regelte minutiös die Lernzielvorgaben und den Tagesablauf. Ein Mitspracherecht für die Eltern? War weder vorgesehen, noch erwünscht. Strukturell erreichte das Betreuungsangebot eine beachtenswerte Kapazität: Kindergärten, -krippen und Betriebskindergärten entstanden – bis Ende der 1980er-Jahre war ein Versorgungsgrad erreicht, der es faktisch erlaubte, dass alle Kinder, deren Eltern es wünschten, einen Betreuungsplatz erhielten.
Ein wichtiger Baustein waren die Betriebskindergärten, die die meisten der staatlichen Unternehmen und Großbetriebe unterhalten mussten. Einer von ihnen: der Betriebskindergarten der VEB Wälzlagerfabrik „Josef Orlopp“, für den Ende der 1970er-Jahre ein Neubau auf einer bis dahin unbebauten Parzelle an der Lichtenberger Bornitzstraße 101 gebaut wurde. Unmittelbar angrenzend befanden sich die Werkhallen der traditionsreichen Wälzlagerfabrik, deren Ursprünge bis in die 1930er-Jahre zurückreichten.
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Ehemalige DDR-Kita: Betriebskindergarten der Wälzlagerfabrik „Josef Orlopp“
Wälzlager aus Lichtenberg – das hatte einst internationalen Klang. Die Wälzlagerfabrik „Josef Orlopp“ war in der DDR-Zeit einer der bedeutendsten Produktionsbetriebe Ostberlins; ihre Wälzlager in ganz unterschiedlichen Formen genossen im In- wie im Ausland hohes Ansehen, wurden in zahlreichen DDR-Produkten verbaut und sorgten buchstäblich dafür, dass sich die Maschinen in der DDR drehten. Der Betrieb war in den 1930er-Jahren als Norddeutschen Kugellagerfabrik gegründet worden, stellte Lager für die Automobil- und Maschinenbauindustrie her und expandierte rasch an der damaligen Rittergutstraße, die seit 1961 Josef-Orlopp-Straße heißt – ein Fabrikensemble aus Klinkerbauten wuchs aus dem Boden: Produktionshallen, Lagerhallen, eine Großküche und Verwaltungsbauten.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die kriegswichtigen Kugellager auch mit Hilfe des Einsatzes von Zwangsarbeitern produziert; die jüngsten waren erst 14 Jahre alt. Nach Kriegsende erfolgte zunächst der Abbau: Die Produktionsmittel wurden als Reparationszahlungen in die Sowjetunion gebracht, doch bereits 1947 setzte mit provisorischen Fertigungsmitteln die Wälzlagermontage in Lichtenberg wieder ein. Zu wichtig waren die Bauteile für den Aufbau der Wirtschaft in der Ostzone.
1961 erhielt das Berliner Stammwerk, das inzwischen Zweigbetriebe in Luckenwalde, Leipzig und anderen DDR-Städten aufgebaut hatte, zusammen mit der Umbenennung der Straße, in der es stand, den Ehrennamen des Gewerkschaftsführers und DDR-Funktionärs Josef Orlopp (1888–1960). In den 1960er-Jahren wurde in dem Betrieb, dessen Wälzlager für die Fertigung von Industriemaschinen, im Fahrzeugbau und in Haushaltsgeräten notwendig waren, erstmals eine automatische Fließstraße eingesetzt; es gab hauseigene Betriebshandwerker, eine Werkfeuerwehr und ab Ende der 1970er-Jahre endlich auch einen räumlich getrennten Betriebskindergarten, der westlich angrenzend des Fabrikgeländes errichtet wurde.
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Ehemalige DDR-Kita: So war die Kindertagesstätte und –krippe aufgebaut

Für den Betriebskindergarten wurde ein rund 12.000 Quadratmeter großes Grundstück zwischen dem Fabrikgelände im Osten und der Kleingartenanlage „Siegfriedslust“ im Westen mit acht eingeschossigen Gebäudeteilen in schmetterlingsförmiger Anordnung bebaut, so dass die einzelnen miteinander verbundenen Kita-Gebäude, die kleine Höfe umschlossen, ein schachbrettartiges Raster bildeten. Die beiden mittigen Gebäudeteile hatten jeweils eine Grundfläche von knapp 260 Quadratmetern, die sechs äußeren Gebäudeflügel fielen mit rund 190 Quadratmetern bebauter Fläche etwas kleiner aus.
Die Gebäude waren auf dem Grundstück weit nach hinten versetzt; auf dem übrigen Areal befand sich viel Grünfläche, Baumbestand und Rasenflächen zum Spielen und Austoben. In dem Betriebskindergarten konnten, während die Eltern arbeiteten, mehr als hundert Kinder betreut werden. Zu festen Zeiten bekam das „Kinderkollektiv“ seine Essensportionen, es ging zum Händewaschen und danach auf den berühmten klappbaren Schlafliegen zum Mittagsschlaf. Natürlich wurde auch gelacht, Geschichten erzählt, Sportwettkämpfe ausgetragen, Feste gefeiert – und die Kinder erfreuten sich jahrelang an den bunten Fliesenbildern, mit denen eine Künstlerin aus Sangerhausen, die Kita verschönert hatte und die später fast in Vergessenheit gerieten, bevor sie in der Trümmerlandschaft der verwahrlosten Einrichtung wiederentdeckt wurden.
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Ehemalige DDR-Kita: Stilllegung und Lost Place nach der Wiedervereinigung

Mehr als zehn Jahre lang herrschte in der Kindertagesstätte an der Bornitzstraße 101 reger Betrieb und dann, in der Nachwendezeit, mit einem Mal Stille. Der vormals volkseigene Betrieb der Wälzlagerfabrik war Anfang der 1990er-Jahre in die Konkursmasse der DDR-Industrie eingegangen. Nach der Privatisierung durch die Treuhandanstalt wurde die Wälzlagerproduktion 1993 eingestellt, die Maschinen und die Ausrüstung der Fabrik zum großen Teil als Metallschrott angeboten. Mit der Schließung des Werks gingen auch im Betriebskindergarten an der Bornitzstraße die Lichter aus. Die Kita wurde stillgelegt und das Grundstück mitsamt dem Kita-Gebäudeensemble versank in einen jahrelangen Dornröschenschlaf.
Zum fröhlichen „Sonnenmosaik“, dem „Helikopter“ und der „Traktorfahrerin“ an den Fliesen der Kita gesellten sich großflächige Graffiti-Schmierereien, immer wieder verschafften sich Unbefugte Zutritt zu dem Grundstück, das in Landeseigentum übergegangen war, Fenster gingen zu Bruch, in den Höfen sammelte sich Müll und auf dem Grundstück verwandelten wildwuchernde Pflanzen und Büsche die einst gepflegten Grünflächen in ein unzugängliches Dickicht. Im Inneren der leerstehenden Kita fand sich unterdessen immer noch zurückgelassenes Inventar – Zeugnisse der früheren Nutzung in einem Gebäude, dessen Verfallsspuren immer deutlicher zu Tage traten.
Ehemalige DDR-Kita: Umbau zum Jugendbildungszentrum „Bornitz 101“
In den 2000er-Jahren fanden Teile der Anlage an der Bornitzstraße endlich wieder eine neue Nutzung. An dem Standort wurde ein Jugendsozialprojekt umgesetzt. Mit Hilfe von Förderprogrammen der Bundesanstalt für Arbeit und des Berliner Senats wurden Jugendliche im handwerklichen Bereich aus- und weitergebildet. Dafür sanierten die Jugendlichen die Räumlichkeiten der Kita und gestalteten sie zum Jugendbildungs- und Jugendbegegnungszentrum „Bornitz 101“ um.
Fünf Werkstätten wurden eröffnet, jeweils eine für Holz- und Metallbearbeitung, eine für Elektrotechnik, eine Fahrrad- und eine Kreativwerkstatt; darüber hinaus wurde von den Jugendlichen ein Medienzentrum, ein Versammlungs- und Aufenthaltsraum gestaltet, Unterkunftsräume eingerichtet und Sanitäreinrichtungen installiert. Träger der Jugendeinrichtung war der Verein „publicata“, der sich bis zu seiner kürzlichen Auflösung für die Wahrung von Menschrechten und Ausländerintegration einsetzte.
Auf dem Grundstück waren noch weitere Vereine aktiv – wie „existere e.V.“ die auf dem Gelände das Kunstprojekt eines umgedrehten Hauses realisierten und 2014 die sitzende Skulptur „Homunculus“ enthüllten, eine Darstellung des Menschen in den Proportionen seiner Sinneswahrnehmung – aktuell der einzige Bewohner auf dem erneut verlassenen und verwahrlosten Grundstück des ehemaligen Begegnungszentrums.
Ehemalige DDR-Kita: Neue Pläne für die verwaiste Kindertagesstätte
Ende 2022 gaben die Senatswirtschaftsverwaltung und der Bezirk Lichtenberg neue Planungen für Liegenschaft an der Bornitzstraße bekannt. Seit 2020 wurden berlinweit Standorte sondiert, die für die Einrichtung eines landeseigenen Gewerbehofes geeignet sind. Das 12.000 Quadratmeter große Grundstück in Lichtenberg setzte sich als aussichtsreichster Kandidat durch und wurde als Pilotprojekt ausgewählt.
Mit der Aufgabe der Umsetzung ist die WISTA Management GmbH betraut worden, die bereits ein modulares Konzept für die Errichtung hybrider Gewerbehöfe entwickelt hat. Dabei sollen Start-ups mit Handwerksbetrieben in räumlicher Nähe arbeiten können und es wird eine gemischte Mieterstruktur von Gewerbe, Start-ups und Handwerk angestrebt. „Ziel ist es, kostengünstige Gewerbemieten in einem zukunftsorientierten Umfeld sicherzustellen“, teilte die Senatsverwaltung zu dem Projekt mit.
Der Neubau auf dem Grundstück soll bis zu fünf Etagen umfassen und in modularer Bauweise errichtet werden. Das Bauvorhaben wurde mit rund 60 Millionen Euro Kosten in ersten Schätzungen veranschlagt. Dafür muss die leerstehende Ex-Kita weichen. Unklar ist noch, was mit den Anfang der 2020er-Jahren zwischen bröckelnden Fassaden wiederentdeckten Kunstmosaiken passieren soll.
Ehemalige DDR-Kita: Wer sichert die bunten Sonnen und Traktoren-Mosaike?
Nachdem auf dem mit Gestrüpp und mit Müll übersäten Grundstück eine ganze Reihe kunstvoller Arbeiten aus DDR-Zeiten entdeckt worden waren, begann sich zunächst Bürger und später Politiker der Linksfraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) dafür einzusetzen, die Mosaike an den Wänden der früheren Kindertagesstätte zu erhalten.
Das Ziel: Die Mosaike zu schützen und sie an einem anderen Ort wiederaufzubauen – idealerweise, erneut in einem Kindergarten. Die farbenfrohen Wandbilder zeigen in naiver Darstellung Motive, die einem Kinderbuch entsprungen sein könnten: einen Drachen, einen Igel, einen Fantasie-Helikopter, einen Traktor. Besonders beeindruckend: das große Sonnenmosaik, das inzwischen durch Vandalismus beschädigt wurde. Die Bilder wurden auf Boizenburger Fliesen aufgebracht und zierten Außenwandflächen der Kita.
Lange Zeit konnte die Urheberschaft der Kunstwerke in Berlin nicht bestimmt werden. Kunstschaffende und Kenner rätselten – bis der entscheidende Hinweis aus Sachsen-Anhalt kam. Der Wilhelm-Schmied-Verein in Sangerhausen sorgte für Aufklärung. Die Mosaike stammten demnach von der Künstlerin Ursula Rein (1936–2014), Tochter des Sangerhäuser Malers und Grafikers Wilhelm Schmied. Sie waren für die Lichtenberger Kita vermutlich Ende der 1970er-Jahre oder Anfang der 1980er-Jahre angefertigt worden.
Im Mai 2025 veranlasste die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) als Eigentümerin des Grundstücks eine Prüfung der Standsicherheit der Kunstwerke, um festzustellen, ob diese entfernt und eingelagert werden können. Inzwischen waren diese erneut beschädigt worden – durch den Ausbruch eines Feuers auf dem leerstehenden Grundstück.
Ehemalige DDR-Kita: Großbrand in der leerstehenden Kita leitet das Ende ein
Am Abend des 31. Juli 2024 war die Feuerwehr alarmiert worden, nachdem Feuer in der Bornitzstraße gemeldet wurde und dichte Rauchwolken über den Osten Berlins zogen. Rasch war klar: es handelte sich um einen Gebäudebrand, der Nachbargrundstücke zu erfassen drohte. Die Feuerwehr, die zunächst davon ausging, dass es sich um eine in Betrieb befindliche Kita handelte, setzte ein Großaufgebot in Bewegung: mit sieben Löschfahrzeugen versuchten fünfzig Einsatzkräfte vor Ort, den Brand in der leerstehenden Kita zu bekämpfen – doch die Löscharbeiten gestalteten sich schwierig. Der Grund: Teile des in Flammen stehenden Gebäudekomplexes stürzten ein. Erst drei Stunden nach Ausbruch des Feuers gab es gegen 23.30 Uhr Entwarnung und die Löscharbeiten konnten eingestellt werden. Die gute Nachricht: Verletzt wurde bei dem Brand in der leerstehenden Kita niemand.
Die Polizei vermutete Brandstiftung, doch die Ermittlungen wurden später eingestellt. „Ein technischer Defekt konnte ausgeschlossen werden. Es kam sowohl ein vorsätzliches Inbrandsetzen als auch eine Brandverursachung durch unsachgemäßen Umgang mit Feuer in Betracht“, teilte die Staatsanwaltschaft 2025 mit. Weil es in der Vergangenheit häufiger zu unerlaubtem Betreten des Geländes und zu Vandalismus kam, sicherte die BIM die Zugänge mit neuen Schlössern und ließ zur Absicherung des Objekts einen Bauzaun aufstellen. Schreiten die Planungen für den Gewerbehof-Neubau wie erwartet voran, sollte die brandverheerten Geister-Kita an der Bornitzstraße noch in diesem Jahr dem Abriss entgegensehen.



