„Benutzung auf eigene Gefahr“ warnte ein verrostetes Schild am Sprungbecken des Freibads Lichtenberg Besucher vor den Wagnissen des Gebrauchs. Vergebens, denn Badegäste hatte die verwunschene Anlage schon lange keine mehr gesehen. Das Freibad aus den 1920er-Jahren war in der Wendezeit stillgelegt worden und bot lange Zeit nur Spatzen, Krähen und Co. die Gelegenheit für ein Bad in seinen mit See- und Schlingpflanzen bedeckten Becken.
In der DDR-Zeit war das BVB-Volksbad noch ein beliebtes Ausflugsziel an heißen Ostberliner Sommertagen gewesen, bevor es Ende der 1980er-Jahre aufgegeben wurde und sich mit der Zeit in eine verfallene Ruinenkulisse verwandelte, die nur noch die Aufmerksamkeit entdeckungsfreudiger Urbexer auf sich zog. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place in Berlin.
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Das sind die Fakten zum Freibad Lichtenberg im Überblick:
- Adresse: Siegfriedstraße 71, 10365 Berlin-Lichtenberg
- Geschichte: 1928 nördlich des BVG-Stadions errichtet, diente das Freibad Schwimmern als Trainingsstätte für die Olympischen Sommerspiele 1936; in den 1970er-Jahren saniert und als DDR-Sommervolksbad (BVB-Freibad) wiedereröffnet; seit Ende der 1980er-Jahre stillgelegt
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place. Das Freibad wurde 2018/2019 zugunsten eines Fußballkleinspielfelds und mehrerer Beachvolleyball- und Badmintonfelder abgerissen
Wo lag das Freibad Lichtenberg genau?
Das ehemalige Freibad lag im Nordosten des Sportgeländes der Berliner Verkehrsbetriebe an der Siegfriedstraße 71 im Ortsteil Lichtenberg des gleichnamigen Bezirks. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Grundstück lauten: GGJ2+8VQ Berlin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Areal am besten mit den Buslinien 256 und N56 (Haltestelle Reinhardsbrunner Straße). Von der Busstation ist das Sportgelände bereits zu sehen. Achtung: Es handelt sich um Vereinsgelände der Berliner Verkehrsbetriebe; das ehemalige Freibad wurde vollständig abgerissen. Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Freibades Lichtenberg:
Ausgangslage: Eine Sportstätte für Berlins Straßenbahner

Die Ursprünge des Freibads Lichtenberg reichen bis in das Jahr 1928 zurück. Das Gelände, auf dem es sich befindet, wurde bereits einige Jahre zuvor vom Bezirk als Sportgelände eingerichtet. Die Anlage diente der 1920 gegründeten Berliner Straßenbahn als Betriebssportstätte und wurde vornehmlich von den Beschäftigten des nahegelegenen Straßenbahnhofs Lichtenberg benutzt. Das Herzstück der Anlage bildete das zwischen 1920 und 1922 errichtete Fußballstadion, das seit 1928 – dem Gründungsjahr der Berliner Verkehrsbetriebe – BVG-Stadion hieß.
Im selben Jahr öffnete das Freibad nördlich des Stadions und südlich des Straßenbahner Klubhauses, das an der verlängerten Reinhardsbrunner Straße lag. Die Badeanstalt diente in den 1930er-Jahren als Trainingsstätte für Schwimmsportler: 1932 bereiteten sich hier die deutschen Schwimmer auf die Wettkämpfe in Los Angeles vor.
Vier Jahre später wurde die mit Hakenkreuzfahnen geschmückte Sportstätte von ausländischen Sportlern in Vorbereitung auf die Schwimmwettkämpfe der Olympischen Spiele 1936 in Berlin genutzt – mit großem Erfolg: Die Teilnehmer aus den Niederlanden, den USA und Japan konnten im vollbesetzten Olympia-Schwimmstadion eine Goldmedaille nach der anderen feiern. Star der Wettbewerbe wurde die Niederländerin Hendrika Mastenbroek (1919-2003).
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Freibad Lichtenberg: So war die Badeanlage gestaltet
Bei dem mit Liegewiesen rund 20.000 Quadratmeter großen Freibad handelte es sich um eine in eine Wiese eingebettete künstliche Beckenanlage mit acht Bahnen. Das türkisgeflieste Schwimmbecken war 21 Meter breit und 50 Meter lang. An seiner Ost- und Westseite befanden sich jeweils acht nummerierte Startblöcke; im Westen außerdem ein Sprungturm mit zwei Ebenen in drei und sechs Meter Höhe, der einen Sprung in den tiefer ausgehobenen Westbereich des Schwimmbeckens erlaubte.
Ein zweites, flacheres Bassin schloss sich im Norden an, dass für Kinder und Nichtschwimmer ausgelegt war. Über einen sechsstufigen Zugangsbereich konnte das 15 mal 25 Meter große Nichtschwimmerbecken betreten werden. Dahinter lag ein flaches Funktionsgebäude im Landhausstil für die Umkleiden, Ausrüstung, Technik und den Betrieb des Freibades. Den Eingang an der Schwimmbadseite krönte eine metalleingefasste Uhr im Bahnhofsstil, die den Badegästen anzeigte, wieviel Zeit ihnen noch bis zum Betriebsschluss blieb.
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Freibad Lichtenberg: Kriegsschäden in der Schlacht um Berlin 1945

Das Erscheinungsbild der nach den Olympischen Spielen noch bis in die 1940er-Jahre als öffentliches Freibad genutzten Anlage veränderte sich in den Kriegsjahren dramatisch. Noch immer wies ein Schild darauf hin: „Das Ballspielen innerhalb des Bades und das Übertreten der Fußrinne mit Schuhen ist nicht gestattet!“ – doch statt Badegästen und Freizeitkickern besetzten 1945 in den letzten Wochen der Schlacht um Berlin Fliegerabwehreinheiten die Sportanlage. Um das Gelände, auf dem die Wehrmacht ein Munitionslager eingerichtet hatte, wurden während des Vormarschs der Roten Armee erbitterte Straßenkämpfe geführt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging es an die Trümmerbeseitigung. Lichtenberg gehörte im geteilten Berlin zur sowjetischen Besatzungszone und wurde nach 1949 de facto Teil der DDR-Hauptstadt. Bereits kurz nach Kriegsende hatte die Bezirksverwaltung Lichtenberg eine Bahnstrecke vom Stadiongelände bis zum Zwischenpumpwerk Lichtenberg eingerichtet, mit der der Schutt vom Gelände und den zerstörten Industriewerken der Umgebung abtransportiert wurde. 1948 konnte die BVG den Sportplatz erneut übernehmen. Das Stadion wurde zur Heimstätte der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Berliner Verkehrsbetriebe; doch an eine Wiedereröffnung des Freibades war vorerst nicht zu denken.
Freibad Lichtenberg: Taufen im Wasserbecken des Volksbades in der DDR-Zeit

Erst in den 1970er-Jahren ließ die DDR die Anlage sanieren und als Freibad wiedereröffnen. In Ostberlin hatte sich unterdessen 1949 eine eigene BVG-Verwaltung gegründet, die ab 1969 als volkeigener Betrieb „Kombinat Berliner Verkehrsbetriebe“ (BVB) hieß. Aus dieser Zeit stammte die Bezeichnung der Sportstätte als BVB-Stadion und des Bades als BVB-Sommervolksbad; eine Namensverwirrung, die sich bis heute als Folge des Kalten Krieges am Lichtenberger Stadion fortsetzt.
Das östlich des Schwimmbades gelegene Stadion Lichtenberg wurde 1973 zu einem FDJ-Zeltlagerplatz für Jugendliche und Studenten umfunktioniert, die auch das nahegelegene Freibad für ihre Freizeitaktivitäten nutzten. Bis in die 1980er-Jahre dienten die Wasserbecken für die besonders im Norden der DDR verbreiteten Neptunfeste – eines an die Äquatortaufe angelehnten Rituals, bei dem ein als Neptun verkleideter Mann mit seinen Häschern die Täuflinge einfängt und nach verschiedenartigen Initiationsriten symbolisch dem Meer übergibt – sprich: In Lichtenberg in das Wasserbecken wirft. Die Festivität galt als Programmhöhepunkt vieler DDR-Ferienlager.
Für den Rest des Sommers war der Besuch des BVB-Sommervolksbades eine ungefährlichere Angelegenheit, die die Ostberliner vor allem an heißen Sommertagen gerne in Anspruch nahmen. Badegäste wagten den Sprung von den Plattformen des Turms ins Wasserbassin, kühlten sich mit ihren Kindern im Nichtschwimmerbecken ab und sonnten sich am Beckenrand.
Freibad Lichtenberg: Mit der Wende wurde das Bad zum Lost Place
Das BVB-Freibad blieb bis Ende der 1980er-Jahre in Betrieb, bis es in der Wendezeit stillgelegt wurde. Die letzten Besucher verließen die Anlage 1989. Die Umkleiden wurden abgeschlossen und das Wasser aus den Becken gelassen. Danach versank die Badeanlage in einen Jahrzehnte währenden Dornröschenschlaf, in der das ehemalige Volksbad zunehmend zu einer Ruinenlandschaft verkam. Wo einst Olympioniken trainierten, füllten sich die Becken an regnerischen Tagen mit Brackwasser und boten Algen, See- und Schlingpflanzen eine ökologische Nische.
Wenn die Anlage an heißen Tagen trockenfiel, brachen wildwuchernde Sträucher und kleinere Bäume durch den Rand und den Boden der Wasserbecken. Vom Beckenrand bröckelten die Fliesen, die zuletzt – genauso wie die Fassaden des ehemaligen Klubhauses – großflächig mit Graffiti umgestaltet worden waren. Eine Aufschrift am maroden Sprungturm, an dessen Seiten Metallstreben vor sich hin rosteten, warnte: „Seitwärts springen verboten“. 30 Jahre lang war auch vom frontalen Sprung eher abzuraten.
Die Uhr über dem Funktionsgebäude war auf Punkt 12 Uhr stehengeblieben – dem Zeitpunkt, als die DDR-Freizeitanlage aufgegeben und zu einer Berliner Zeitkapsel wurde, die die Verhältnisse im Moment der Wiedervereinigung konservierte. Veränderungen hatte die Anlage seitdem nur durch Witterung und Vandalismus erfahren. So sehr, dass sich der Platzwart der Sportanlage genötigt sah, einen Zettel an die Metalltür des Klubhauses zu hängen. Er richtete sich an die „lieben Einbrecher“ sie mögen davon absehen, die Tür gewaltsam aufzusperren, dahinter sei nichts zu holen. Bei dringendem Bedarf könne man unter der Rufnummer 110 kostenfrei einen Termin vereinbaren.
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Freibad Lichtenberg: 30 Jahre lang auf dem Trockenen
Bis in die 2010er-Jahre moderte das ehemalige BVB-Freibad Lichtenberg am Rande des vom SV BVB 49 genutzten BVG-Stadions vor sich hin. Nach der Wiedervereinigung waren die zu einem Betrieb fusionierten Berliner Verkehrsbetriebe wieder Eigentümer der Sportanlage geworden. Sie ließen das BVG-Stadion Ende der 1990er-Jahren sanieren.
Bei den Arbeiten wurden auf dem Gelände tonnenweise, teilweise noch scharfe Munition und Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg freigelegt, die entschärft und beseitigt werden mussten. Das Areal des Freibades war nicht Teil der Sanierungsmaßnahmen. Es dämmerte noch Jahre weiter vor sich hin, ohne dass entschieden wurde, was mit der Freibadruine geschehen soll.
Freibad Lichtenberg: Auf dem Gelände befinden sich heute Sportplätze
Im Jahr 2018 gab es einen Vorstoß der Linken in der Bezirksverordnetenversammlung. Die Fraktion stellte einen Antrag im Lichtenberger Bezirksamt mit dem Ziel, die Reaktivierung des Freibades zu prüfen. Doch der Bezirk verfolgte andere Pläne: Das Bad sollte abgetragen, die Becken verfüllt und zugeschüttet werden, um Flächen für weitere Sportplätze an der Siegfriedstraße zu schaffen. Zu diesem Zeitpunkt hätte es einer Totalsanierung des Freibades bedurft, um es instand zu setzen – mit erheblichen Kosten und erwarteten jährlichen Betriebskosten in sechsstelliger Höhe. Die Abrisspläne setzten sich durch. Noch 2018 begannen die Arbeiten.
Auf der Fläche des ehemaligen Freibades und des ehemaligen Klubhauses wurden bis 2019 zwei Beachvolleyballanlagen, ein Kleinspielfeld für Fußball mit Trainingsplatzbeleuchtungsanlage und zwei Badmintonfelder errichtet. Das Bauvorhaben kostete rund 795.000 Euro. Vom dem ehemals als Olympia-Trainingsstätte genutzten BVB-Freibad, dass in der DDR als Volksbad beliebtes Ausflugsziel war, finden sich heute keine Spuren mehr auf dem Gelände.



