Mit Bautz‘ner, Nudossi und Rotkäppchen gefüllte Regale: Die Handelsorganisation (HO) und ihre Filialen waren im Leben der DDR-Bürger allgegenwärtig. Sie versprachen werbefreie Zonen mit stabilen Preisen – jedenfalls solange die knapp bemessenen Vorräte reichten. Das änderte sich schlagartig mit der Wiedervereinigung. Viele der Kaufhallen endeten als menschenleere Ruinen mit unklarer Zukunft. Dieses Schicksal teilte auch die alte DDR-Kaufhalle, die am Rande des DDR-Wohngebiets „Kalinka“ im Lichtenberger Ortsteil Friedrichsfelde vor sich hindämmerte, seit der Standort in den 1990er-Jahren aufgegeben wurde. Die Konsumhalle, die Jahrzehnte lang dabei geholfen hatte, die Versorgung der Nachbarschaft mit Lebensmitteln zu decken, versprach kaum noch Rendite abzuwerfen. In den folgenden Jahren rottete sie als eine der vielen Problemimmobilien Berlins vor sich hin. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zur Kaufhalle Alt-Friedrichsfelde im Überblick:

  • Adresse: Alt-Friedrichsfelde 71, 10315 Berlin-Friedrichsfelde
  • Geschichte: Anfang der 1980er-Jahre als HO-Kaufhalle eröffnet; nach der Wiedervereinigung wurde der Einkaufsmarkt in den 1990er-Jahren geschlossen; anschließend Leerstand und Verfall
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place. 2015 wurde die Kaufhalle zugunsten eines Reihenhaus-Neubauprojekts abgerissen, bei dem 75 Stadtvillen auf dem Gelände errichtet wurden

Wo lag die Kaufhalle Alt-Friedrichsfelde genau?

Die Kaufhalle Alt-Friedrichsfelde lag an der Adresse Alt-Friedrichsfelde 71 im Ortsteil Friedrichsfelde des Bezirks Lichtenberg. Der Standort entsprach der westlichen Reihenhausbebauung zwischen den Zufahrtsstraßen „An der Hansekogge“ und „Im Achterkastell“. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: GG6G+JP Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Areal am besten mit den Buslinien 192 und194 (Haltestelle Gensinger Straße Nord) zu erreichen. Von der Busstation benötigt man rund vier Minuten zu Fuß entlang der Gensinger Straße bis zu dem Grundstück. Achtung: Das Gebäude wurde abgerissen und es haben sich von der ehemaligen Kaufhalle keine Spuren vor Ort erhalten. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Kaufhalle Alt-Friedrichsfelde:

Ausgangslage: Eiskalter Krieg am Tiefkühlregal in Friedrichsfelde

Kaufhalle Wintergartenstrasse Leipzig
Die Kaufhalle mit Selbstbedienung war die sozialistische Antwort auf den Supermarkt des Westens. Aufnahme aus Leipzig, 1981© picture-alliance / akg-images | akg-images

In der Blockkonfrontation des Kalten Krieges wurden nicht nur sportliche Erfolge und wissenschaftliche Durchbrüche instrumentalisiert, auch die Kühltruhe wurde zum Schlachtfeld, an der die Überlegenheit des eigenen Systems bewiesen werden sollte: Planwirtschaft, subventionierte Brötchen und Preisstabilität hüben gegen die glitzernde Warenwelt des Kapitalismus, Markenprodukte und Sonderangebote drüben. In der DDR waren es vor allem zwei Einzelhandelsketten, die die sozialistischen Lande zwischen Kühlungsborn und Plauen mit Filialen überzogen: Die 1948 gegründete Handelsorganisation (HO) und das in der Kaiserzeit gegründete, genossenschaftlich organisierte Konsum.

Vereint im Mangel lieferten sich die beiden Handelsketten zwar keine Preisschlachten wie ihre westdeutschen Pendants, die einzelnen Niederlassungen konnten sich aber stark voneinander unterscheiden. Seit Anfang der 1960er-Jahre experimentierten beide Versorger mit Selbstbedienungskonzepten in größeren Kaufhallen – die sozialistische Antwort auf den Supermarkt des Westens. Eine der DDR-Einkaufshallen: die Anfang der 1980er-Jahre eröffnete HO-Kaufhalle an der Straße Alt-Friedrichsfelde, die damals noch „Straße der Befreiung“ hieß, in Lichtenberg.

Kaufhalle Alt-Friedrichsfelde: Plattenbausiedlung vertrieb Kleingartenfreunde

Das Stadtviertel südlich der Gleise am S-Bahnhof Friedrichsfelde-Ost war bis Ende der 1970er-Jahre geprägt von Kleingartenvereinen, die hier großräumig Parzellen unterhielten: die Gartenfreunde der KGA „Eintracht“, „Bergfrieden“, „Burgfrieden“ und „Falkenhorst“ hatten über Jahrzehnte ihre grünen Oasen in Lichtenberg gepflegt, Seite an Seite an ihren Lauben gezimmert und Beete bestellt. Blumen, Obstbäume und Gemüse wuchsen hier – bis der Kiez Anfang der 1980er-Jahre grundlegend umgestaltet wurde.

Das in den 1970er-Jahren gestartete Wohnungsbauprogramm der DDR versprach: „Jedem seine Wohnung“ – wenn auch vorwiegend in rasch aus dem Boden gestampften Plattenbausiedlungen. Überall in Ostberlin wuchsen Trabant-Betonsiedlungen aus dem Boden, bei denen nach dem Konzept des komplexen Wohnungsbaus neben Hochhäusern in Plattenbauweise die komplette umgebende Infrastruktur als Module am Reißbrett mitgeplant wurden: Schulen, Sportstätten, Polikliniken, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten. Eines der städtebaulich wichtigsten Elemente – ein zentraler Ort der Begegnung in den Neubauwüsten – war das architektonische Dreigestirn aus Wohngebietsgaststätte, Dienstleistungswürfel und Kaufhalle.

Kaufhalle Alt-Friedrichsfelde: 1980 wurde die Kaufhalle eingeweiht

HO-Kaufhalle / Außenansicht
Die HO-Kaufhallen hatten einen recht einheitlichen Look: Die Aufnahme zeigt die Front einer typischen HO-Kaufhalle an der Greifswalder Straße 1980.© picture-alliance / Berlin_Picture_Gate | Thie Volkmar

Dieses Dienstleistungstrio durfte auch in der Plattenbausiedlung „Kalinka“ im Gensinger Viertel nicht fehlen, dessen Bauten Ende der 1970er-Jahre die Kleingärten östlich der Marzahner Chaussee zwischen der Eisenbahntrasse und der Straße der Befreiung ersetzten. Die Kaufhalle, die die Neubaubewohner mit dem Lebensnotwendigen versorgen sollte, wurde im Auftrag der Handelsorganisation auf einem Grundstück an der heutigen Adresse Alt-Friedrichsfelde 71 gebaut und 1980 eröffnet. Östliche des 2600 Quadratmeter großen Kaufhallenneubaus schloss sich ein Vorplatz mit Dienstleistungswürfel an sowie die zeitgleich errichtete Clubgaststätte „Kalinka“.

Seit den 1960er-Jahren war die HO dazu übergegangen, Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs in Kaufhallen nach dem Selbstbedienungsprinzip anzubieten. Charakteristisch für die Niederlassungen waren die rasterartige Metallfassade, der eingeschossige, nicht unterteilte Hallenbau und das typische wellenförmige Flachdach mit blauem HO-Logo, den drei im Gleichschritt einkaufenden Figuren mit hochrotem Kopf und der Kaufhallen-Leuchtschrift über dem Eingang.

Im Inneren der „Kalinka“-Kaufhalle herrschte bis auf die leicht größere Dimensionierung der mit Halogenlampen beleuchteten eingeschossigen Halle in Stahlskelettbauweise die gleiche spartanische Sachlichkeit wie in anderen Kaufhallen der Republik: Gesellschaftspolitische Parolen statt aufmerksamkeitsheischender Reklame, schlichte Präsentation, in Regalen aufgestapelte Grundnahrungsmittel und Konsumgüter, Kühltruhen an den Gängen zur Selbstbedienung und einzelne Verkaufsstände mit Bedienung für Fleisch, Fisch und Käse.

Kaufhalle Alt-Friedrichsfelde: „Kogge“-Brunnen prägte den Vorplatz des Einkaufsmarkts

Handel in DDR nach Einführung der D-Mark 1990
Juli 1990: Am ersten Tag nach Einführung der Deutschen Mark wurden in den DDR-Kaufhallen die Regale von Beschäftigten mit Westwaren aufgefüllt.© picture alliance / Peter Kneffel | Peter Kneffel

Das „Kalinka“-Wohngebietszentrum wurde in den 1980er-Jahren zum Treffpunkt der Anwohner, die hier und im Dienstleistungswürfel ihre Besorgungen erledigten und Veranstaltungen in der Clubgaststätte besuchten. Auch für die Jugendlichen im Kiez war der Platz ein Ort, an dem man Zeit verbrachte – unter anderem für den in Lichtenberg lebenden und später als DJ Paul Van Dyk bekannten Matthias Paul, der sich im Alter von 14 und 15 Jahren gerne mit Freunden an der Clubgaststätte „Kalinka“ traf. Von einem Erlebnis, dass Freunde mit einem Mal spurlos verschwanden, berichtete er in der Web-Dokumentation „Freunde verschwinden“ von 2009.

1982 hatte der Vorplatz der Kaufhalle mit dem „Kogge“-Brunnen des aus Essen stammenden Bildhauers Nikolaus Bode seinen prägenden Anziehungspunkt erhalten. Das Kunstwerk ragte etwa vier Meter in die Höhe und thronte auf einem Brunnenbecken, dessen Durchmesser rund sechseinhalb Meter betrug. Über den Brunnen erhob sich eine Hansekogge in abstrahierter Form aus Glasfaser-Polyesterharz mit zwei Masten und einem geblähten, sichelförmigen Segel. Am Brustbild des Hecks war zu beiden Seiten ein Liebespaar dargestellt. Das Segelschiff war über einer symbolischen Welle auf einem zylinderförmigen Sockel am Brunnen angebracht. Mit dem Motiv der Kogge sollte auf die alte Handelsstraße Brügge-Nowgorod Bezug genommen werden, die als Reichsstraße 1 südlich des Barnim verlief.

Die Hanse prägte die Geschicke an der Ost- und Nordsee über Jahrhunderte. Dem architektonischen Trio an der „Straße der Befreiung“ war weniger Beständigkeit beschieden. Zehn Jahre lang versorgte die Kaufhalle die Bewohner des Gensinger Viertels mit bekannten Ostmarken wie Wernesgrüner, Vita Cola, Nudossi, Spee & Co. – dann kam mit der friedlichen Revolution 1989 quasi über Nacht das Aus. Mit der Einführung der Wirtschaftsunion am 2. Juli 1990 fanden Westwaren Einzug in die Regale ostdeutscher Kaufhallen. DDR-Produkte wollte kaum noch jemand haben: In Ostberlin vernichteten Molkereien massenweise Butter, Quark und Milch, Bauern ihre Ernten und Schweinezüchter töteten ihre Tiere.

Kaufhalle Alt-Friedrichsfelde: Lost Place nach der Wiedervereinigung

Berlin, Deutschland, verlassenes und zugewachsenes Dienstleistungszentrum
Auf dem Forum Kalinka verfielen noch mehr Gebäude: Eingang zur ehemaligen Clubgaststätte Kalinka und dem Dienstleistungswürfel im Hintergrund. Aufnahme aus dem Jahr 2009.© picture alliance / Caro | Muhs

Die HO-Kaufhallen wurden unter Treuhandverwaltung gestellt. Viele von ihnen wurden von Lebensmittelriesen wie Aldi, Netto, Kaisers & Co übernommen – doch für den defizitären Einkaufsmarkt im Gensinger Viertel fand sich kein Abnehmer. In den 1990er-Jahren wurde die Kaufhalle ohne viel Aufhebens stillgelegt. Während sich das Viertel rings um sie herum wandelte, Wohnungen und Straßen saniert wurden und neue Gebäude entstanden, versank die Halle in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf und drohte schließlich ohne gangbare Nachnutzungskonzepte als moderne Ruine zu verfallen.

Die Fassaden und Schaufenster wurden mit Plakaten beklebt und großflächig mit Graffiti beschmiert. Eingeschlagene Fenster wurden notdürftig mit Spanplatten versiegelte. Am Vorplatz brachen wildwuchernde Pflanzen und Sträucher durch den Betonplatten und rankten sich an den rostzerfressenden Fertigbauteilen der Halle empor. Auch im Inneren erinnerte nichts mehr an die aufgeräumte Geschäftigkeit früherer Tage: In der verwaisten Ex-Kaufhalle legte sich Schicht für Schicht Staub auf die zurückgebliebenen Einbauten und am Boden sammelten sich Haufen aus Schutt und Dreck. Immer deutlicher zeigten sich am Gebäude die augenfälligen Spuren von Verfall und Vandalismus, während die marode Bausubstanz langsam Zweifel an der Tragfähigkeit des Bauwerks aufkommen ließ.

Kaufhalle Alt-Friedrichsfelde: DDR-Ruine musste Neubauquartier weichen

Berlin, Deutschland, Neu gebaute Reihenhaeuser und Pattenbau an der Strasse Alt-Friedrichsfelde in Berlin-Friedrichsfelde
Neu gebaute Reihenhäuser auf dem Areal der ehemaligen Kaufhalle. Im Hintergrund: Die „Altbebauung“ aus den 1970er-Jahren© picture alliance / Caro | Muhs

2007 fand sich endlich ein Hamburger Unternehmen, dessen Pläne die Anwohner aufhorchen ließen. Die Germania Grundstücksentwicklung GmbH wollte auf dem Gelände der Ex-Kaufhalle mit dem „Forum Kalinka“ ein neues Nahversorgungszentrum errichten. Die Planungen umfassten einen zweistöckigen Neubau mit 3900 Quadratmetern Verkaufsfläche – inklusive Supermarkt, Discounter und zehn kleinen Geschäften. 300.000 Euro wollte das Unternehmen außerdem für den Bau eines Jugendzentrums im Viertel zur Verfügung stellen. Doch in letzter Sekunde zog sich der Investor aus dem Geschäft zurück, wie bereits mehrere andere Kaufinteressenten zuvor, die die fehlende Anbindung an die Bundesstraße 1 und die mangelnde Kaufkraft im Viertel abschreckten.

Es dauerte fast zehn Jahre, bis Mitte der 2010er-Jahre wieder Bewegung in die Sache kam und neue Bebauungspläne einen Abriss der halbverfallenen Ex-Kaufhalle wahrscheinlich machten. Jahrelang hatte sich das Bezirksamt Lichtenberg um einen neuen Investor bemüht und diesen schließlich mit der Hanseatischen Immobilien Treuhand GmbH (HIT) aus Stade ausfindig gemacht. Der Plan: 75 moderne Stadtvillen mit Wohnflächen zwischen 140 bis 155 Quadratmetern sollten auf dem Areal entstehen. 2014 unterschrieb die Projektentwicklungsgesellschaft einen Kaufvertrag für die Baufläche. Der Abriss der Bestandsbauten, und damit auch der Ex-Kaufhalle, begann im Frühjahr 2015. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hatte die Halle als Lost Place und Mahnmal des Stillstandes im Kiez gestanden – doppelt so lange wie sie in Betrieb war. Jetzt machten Abrissbagger kurzen Prozess.

Das Neubauquartier entstand entlang der neu geschaffenen Straßen „An der Hansekogge“ und „Im Achterkastell“. Bis 2018 waren die letzten Wohnhäuser des Projekts bezugsfertig. An die frühere Bebauung als sozialistisches Wohngebietszentrum erinnert nicht mehr viel. Allein die Skulptur des „Kogge“-Brunnens hat sich erhalten. Der Brunnen war nach 2003 nicht mehr funktionsfähig und das Brunnenbecken wurde zwischen 2015 und 2017 beseitigt, aber die Kunstfigur der Kogge wurde gerettet und steht heute etwas verloren zwischen den Vorgärten der Siedlung. Die Sanierung der Figur leitete der Restaurator und Kunstschmied Christian Bode, der Sohn des Künstlers Nikolaus Bode.