Irgendwann ist einfach Schluss. Bei Christian Lindner ist das am Freitag um kurz vor eins am Nachmittag: Ein letztes Mal hat er als FDP-Vorsitzender in ein Mikrofon gesprochen, ein letztes Mal mit einer energischen Rede einen Parteitag mitgerissen. Lindner bekommt von den Delegierten in Berlin langanhaltenden, stehenden Applaus. Fast wirkt es so, als würden sie ihrem Langzeit-Chef jetzt schon nachtrauern.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Es ist ein beachtlicher Abschied für einen und von einem, der mehr als elf Jahre lang das Gesicht der Freien Demokraten war. Lindner hatte die Partei einst aus der außerparlamentarischen Opposition geholt, also aus dem politischen Nichts. Genau dorthin führte er sie bei der Bundestagswahl am 23. Februar zurück. Der Wahlkampf war ganz auf ihn zugeschnitten, auf den entlassenen Finanzminister der Ampel-Koalition. Am Ende standen magere 4,3 Prozent der Stimmen, das reichte nicht für den Wiedereinzug ins Parlament. Wenn am kommenden Sonntag wieder Bundestagswahl wäre, würde es laut Umfragen nur noch für drei Prozent der Stimmen reichen.

FDP: Christian Dürr soll die Partei wieder aufrichten
Noch am Abend des Debakels im Februar hatte Lindner deutlich gemacht, dass nun seine Zeit an der Parteispitze enden und er nicht ein weiteres Mal für den Vorsitz kandidieren werde. An diesem Freitag sagt der 46-Jährige in Berlin, der Parteitag möge sich für viele wie ein Nullpunkt anfühlen. „Er ist nur ein neuer Anfang für diese großartige Freie Demokratische Partei.“ Die Zukunft der FDP liege nicht in einem Schwenk nach links oder rechts, sondern in der politischen und personellen Erneuerung.
Für die soll jetzt Christian Dürr stehen, der ehemalige Fraktionschef der Liberalen im Bundestag. Der Parteitag wählte ihn am Freitagabend zum Nachfolger von Christian Lindner. Auf den 48-jährigen Dürr wartet ein Höllenjob. Ihm muss es gelingen, die FDP für eine substanzielle Anzahl von Bürgern wieder wählbar zu machen und überhaupt ins Gespräch zu bringen, obwohl sie keinen Sitz und keine Stimme mehr im Parlament hat. Das große Ziel ist es, 2029 in den Bundestag zurückzukehren und möglichst wieder in einer Regierung mitzumischen.
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FDP: Für Christian Lindner beginnt jetzt seine „zweite Karriere“
Doch nicht nur im Bund, auch in den Ländern sind die Liberalen in Lebensgefahr. Sie sitzen nur noch in acht von sechzehn Landesparlamenten und in zwei Landesregierungen. Dürr holt sich die Unternehmerin Nicole Büttner als Generalsekretärin an seine Seite. Sie folgt auf den bisherigen Parteimanager und einstigen Justizminister Marco Buschmann.
Und Christian Lindner? Der spricht am Freitag davon, dass jetzt seine „zweite Karriere“ beginne. Wie genau die aussehen soll, bleibt aber unklar. Lindner ist kürzlich zum ersten Mal Vater geworden. Bei der Bundesregierung hat er angemeldet, dass er als freiberuflicher Redner und Autor tätig werden wolle. Das beißt sich nicht mit seiner ehemaligen Tätigkeit als Minister.

Zum Abschied verpasst Lindner Kanzler Merz eine Breitseite
In seiner Abschiedsrede auf dem Parteitag drischt Lindner auch auf die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz (CDU) ein – wenngleich nur kurz. „Die Wählerinnen und Wähler haben mehrheitlich gewählt: weniger Staat und mehr Freiheit. Geliefert wird jetzt: mehr Staat und mehr Schulden“, sagt Lindner. Wenn die neue Fiskalpolitik nicht mit Reformen flankiert werde, komme sie zuerst ökonomisch wie ein Bumerang zurück und dann 2029 auch an der Wahlurne.
Es stimmt schon: Der Wähler kann sehr streng sein mit Parteien und dem politischen Personal. Vermutlich weiß das niemand besser als Christian Lindner.




