Endlich wieder Bohnenkaffee. Vielleicht sogar mit einem Stück Buttercremetorte dazu. Serviert auf dem Nierentisch, genossen im Cocktailsessel, im Licht der Tütenlampe, vor dem Fernseher. Nach all den Entbehrungen des Krieges und der Nachkriegszeit, gilt nun das Motto: Wir sind wieder wer. Es ist der Slogan, der die Wirtschaftswunderjahre prägte, spätestens seit dem Wunder von Bern 1954. Eine erfolgreiche Fußballnationalmannschaft, ein trautes Heim, wiedergewonnener Wohlstand, geregeltes Arbeitsleben, das im besten Fall eine Isetta oder gar einen Käfer und vielleicht damit auch eine Reise zu den von Rudi Schuricke besungenen Capri-Fischern ermöglichte. Ein Neuanfang. Geblieben ist davon heute der Retro-Trend in Mode und Design. Ansonsten aber blickt man herab auf diese Zeit. Auf die Spießigkeit der 50er-Jahre, dem Heimchen am Herd, der zu Gehorsam verpflichteten Nation, dem zu schnell Vergessen-Wollen der Nazizeit.

"Kampf dem Atomtod”. Aktionsgemeinschaft gegen den Beschluß zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr von 25.3.1958. Schweigemarsch in Berlin am 15.4.1958 vom Wittenbergplatz zum Funkturm.
"Kampf dem Atomtod”. Aktionsgemeinschaft gegen den Beschluß zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr von 25.3.1958. Schweigemarsch in Berlin am 15.4.1958 vom Wittenbergplatz zum Funkturm.© Elsengold Verlag

Aber die Jahre des Wirtschaftswunders – vom Marshall-Plan und der Währungsunion bis Anfang der 60er-Jahre waren vielschichtiger, weniger einheitlich, als die Erinnerung an sie glauben lässt und durchaus geprägt von Widersprüchen. Das zeigt das Buch „Das Wirtschaftswunder. Die Bundesrepublik 1948 bis 1960“ von Andrea Mayer und Martha Wilhelm (Elsengold Verlag, 160 Seiten, 24 Euro). Zu den Bildern, die manch einem beim Blättern ein „Ach, ja“ abverlangen, werden im Text Zusammenhänge erklärt, die heute vielleicht nicht jedem geläufig sind Zum Beispiel die Rolle der Frau.

Mit der „Knutschkugel“ ins Sehnsuchtsland Italien

Das Heimchen am Herd. In den Nachkriegsjahren war die Frau davon zunächst weit entfernt. Zwangsläufig, schließlich machte sie den Großteil der Bevölkerung aus. Also ging sie arbeiten, Haushalt und Kindererziehung fanden nebenbei statt. Erst als die Männer wieder aus der Kriegsgefangenschaft zurück waren, fand Deutschland wieder zur alten Rollenverteilung zurück. Und damit die Frau auch wirklich zu Hause blieb und ihren Platz im Arbeitsleben für den Mann räumte, wurden Familienbeihilfen beschlossen, die den Verlust eines zweiten Einkommens auffangen sollten.

Berlin-Tiergarten, Hansa-Viertel. Modell des südlichen Hansaviertels (Blick von Südwesten) für die Internationale Bauausstellung 1957.
Berlin-Tiergarten, Hansa-Viertel. Modell des südlichen Hansaviertels (Blick von Südwesten) für die Internationale Bauausstellung 1957. © Elsengold Verlag

Ohnehin durfte die Frau nur arbeiten, wenn der Ehemann die Einwilligung dazu gab und wenn sie ihre Haushaltspflichten nicht vernachlässigte. Als die Wirtschaft dann richtig in Schwung gekommen war und der Wohlstand wuchs, galt es fast als Makel für eine Frau, arbeiten zu gehen. Die, die es tat, bekam dann gern mitleidsvoll die Frage gestellt: „Musst du arbeiten?“ Will sagen: Reicht das Geld sonst nicht?

Auch die Rolle der als angepasst geltenden Jugendlichen der 50er-Jahre beleuchten die Autorinnen differenziert. Nach dem Krieg wachsen sie zunächst in eine Perspektivlosigkeit hinein. Keine Arbeit, keine Wohnung. Nur wer heiratete, hatte eine Chance auf die eigenen vier Wände. Darum hielt sich der Wunsch nach Rebellion eher in Grenzen. Und doch: „Negermusik“, Jeans, die 1956 erstmals erschienene „Bravo“ lässt sich zumindest als Aufbäumen gegen das strenge gesellschaftliche Korsett und gegen das strenge Elternhaus verstehen. Und auch gegen die Wiederbewaffnung und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gingen die jungen Menschen in der Bundesrepublik durchaus auf die Straße. Auch wenn der Protest nichts nützte, klaglos gefallen ließen sich die Jugendlichen damals nicht mehr als sie es vielleicht heute tun.

Hausfrau beim Backen in ihrer Einbauküche mit Gasherd und Gasboiler für die Warmwasserversorgung. Foto, um 1958.
Hausfrau beim Backen in ihrer Einbauküche mit Gasherd und Gasboiler für die Warmwasserversorgung. Foto, um 1958.© Elsengold Verlag

Natürlich sind die 50er-Jahre auch eine Zeit des Träumens. Von der Freiheit, vom Reisen, vom ersten eigenen Auto – und wenn es erst nur für ein dreirädriges Rollermobil reichte, war vor allem die Isetta beliebt. Später dann musste es schon der Käfer sein, zumal in die auch „Knutschkugel“ genannte Isetta höchstens Vater, Mutter und ein Kind passten. Es begann aber die Zeit der Babyboomer und darum musste ein größeres Auto her. Am
5. August 1955 lief im Volkswagenwerk in Wolfsburg der millionste Käfer
vom Band.

Frau im Beruf: Fabrikarbeit. Arbeiterinnen in einer Werkshalle der Firma Telefunken. Foto, 1958.
Frau im Beruf: Fabrikarbeit. Arbeiterinnen in einer Werkshalle der Firma Telefunken. Foto, 1958.© Elsengold Verlag

Zu diesem Zeitpunkt war schon jedes zweite Auto auf westdeutschen Straßen ein Käfer. In ihm nach Italien reisen, dem Sehnsuchtsland Nummer eins, das stand ganz oben auf der Traumliste. Für viele Familien reichte es allerdings höchstens für Österreich, noch mehr Menschen konnten sich überhaupt keinen Urlaub leisten. Dann ging es eben in den „Urlaub für einen Tag“, in die Pizzeria nebenan oder zum Picknick an den nächstgelegenen See; und man sparte weiter auf Einbauküche, Schrankwand, Fernseher oder das Neueste aus dem Neckermann-Katalog: vielleicht ein neues Rockabilly-Kleid oder nahtlose Nylons.

„Wirtschaftswunder“ ist ein Buch zum Erinnern. Und mit Erstaunen lässt sich dabei feststellen, dass doch eine Menge geblieben ist. Angefangen vom „Dr. Oetker“-Vanillepudding, über Entwürfe gegen die Wohnungsnot bis hin zum Versandhandel – auch wenn der heute nicht aus dem Katalog, sondern aus dem Internet heraus erfolgt.