Mit Bautz‘ner, Nudossi und Rotkäppchen gefüllte Regale: Konsum-Märkte und ihre Filialen waren im Leben der DDR-Bürger allgegenwärtig. Sie versprachen werbefreie Zonen mit stabilen Preisen – jedenfalls solange die knapp bemessenen Vorräte reichten. Das änderte sich schlagartig mit der Wiedervereinigung. Viele der Kaufhallen in Ostberlin endeten als menschenleere Ruinen mit unklarer Zukunft. Die Filiale an der Alfred-Jung-Straße in Lichtenberg teilte dieses Schicksal nicht. Sie wurde von Konsum Anfang der 1990er-Jahre zu einem Muster-Supermarkt ausgebaut und an die Extra-Handelskette verpachtet, die 2009 in die Rewe-Gruppe aufging. Nach seiner Schließung in den 2010er-Jahren drohte der Verbrauchermarkt zu einem von Berlins zahlreichen Kaufhausruinen zu verfallen – bevor ein Neubauprojekt das Ende des leerstehenden Supermarktes besiegelte. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
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Das sind die Fakten zur Kaufhalle Alfred-Jung-Straße im Überblick:
- Adresse: Alfred-Jung-Straße 12, 10367 Berlin-Fennpfuhl
- Geschichte: 1977 als Kaufhalle der Konsum-Genossenschaft eröffnet; nach der Wende erfuhr das Kaufhallengebäude eine Nachnutzung durch eine westdeutsche Supermarktkette; in den 2010er-Jahre schloss die Kaufhalle, danach Leerstand und Verfall
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place
Wo lag die Kaufhalle genau?
Die Kaufhalle lag an der Adresse Alfred-Jung-Straße 12 im Ortsteil Fennpfuhl des Bezirks Lichtenberg. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: GFFH+85 Berlin. Das Grundstück kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten mit der Buslinie 240 (Haltestelle Möllendorffstraße/Storkower Straße) erreicht werden. Die Bushaltestation liegt unmittelbar vor dem Grundstück. Achtung: Von der Kaufhalle haben sich vor Ort keine Spuren erhalten. Es handelt sich um Privatbesitz.
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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Kaufhalle Alfred-Jung-Straße:
Ausgangslage: Propagandaschlacht am deutsch-deutschen Tiefkühlregal

Während viele Westdeutsche in der Wirtschaftswunderzeit Anfang der 1950er-Jahre beim Einkauf bereits wieder die Qual der Wahl zwischen den Produkten hatten, mussten sich ihre ostdeutschen Verwandten in einer Mangelwirtschaft zurechtfinden. Hinter dem Eisernen Vorhang beobachtete die DDR-Führung die Entwicklung an westdeutschen Fleisch- und Käsetheken aufmerksam. Bereits mit dem Beginn des Kalten Krieges war die Versorgungslage der Bevölkerung als einer der Propagandaschlachtfelder der Blockkonfrontation erkannt worden. Jetzt begann der selbsterklärte Arbeiter- und Bauernstaat mit der Aufholjagd an der Kühltruhe.
In der DDR waren es vor allem zwei Einzelhandelsorganisationen, die das Land von Mecklenburg-Vorpommern bis Thüringen mit Filialen überzogen: Die 1948 gegründete Handelsorganisation (HO) und das in der Kaiserzeit gegründete, genossenschaftlich organisierte Konsum. Vereint im Mangel lieferten sich die beiden Handelsketten zwar keine Preisschlachten wie ihre westdeutschen Pendants, die einzelnen Niederlassungen konnten sich aber stark voneinander unterscheiden. Seit Anfang der 1960er-Jahre experimentierten beide Versorger mit Selbstbedienungskonzepten in größeren Kaufhallen – die sozialistische Antwort auf den Supermarkt des Westens. Eine der DDR-Einkaufshallen: Die 1977 eröffnete Konsum-Kaufhalle in der Alfred-Jung-Straße in Lichtenberg.
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Konsumgenossenschaft Berlin: KGB stieß im Westen auf Misstrauen

Als die Konsumgenossenschaft Berlin in den 1950er-Jahren in die Planwirtschaft der DDR eingegliedert wurde, blickte sie auf eine lange Geschichte zurück: Die ersten Einkaufsgenossenschaften waren nach englischem Vorbild in den 1860er-Jahren in Berlin entstanden und hatten sich in den 1890er-Jahren zu gemeinschaftlichen Genossenschaften zusammengeschlossen. 1899 war die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend (KGB) mit Sitz in Lichtenberg gegründet worden, der 1908 bereits mehr als 10.000 Mitglieder angehörten.
In der NS-Zeit waren die Konsum-Genossenschaften als marxistische Unterwanderung verfolgt und der Berliner Zweig 1935 aufgelöst worden. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ermöglichte der Befehl Nr. 176 der sowjetischen Militäradministration die Wiederaufnahme der Verbrauchsgenossenschaft. Im kriegszerstörten Berlin halfen die provisorisch zusammengezimmerten Konsum-Verkaufsstellen der Lebensmittelknappheit in der Bevölkerung Herr zu werden – doch im Westen blickte man spätestens nach der Berlin Blockade 1948/1949 und der Gründung der DDR mit Argwohn auf die KGB, deren wenige Westberliner Mitglieder polizeilich überwacht wurden.
Konsumgenossenschaft Berlin: Jedes Kind wusste den Weg zum nächsten Konsum

Im Osten wurden die Konsum-Filialen und Konsum-Kaufhallen dagegen zum vertrauten Anblick: Jedes Kind in der DDR kannte den Weg zum nächsten Konsum. Rund 30 Prozent des DDR-Einzelhandelsumsatzes erfolgte in Konsum-Niederlassungen. Ende 1989 zählte die Berliner Konsumgenossenschaft rund 280.000 Mitglieder.
Sie war eine der größten Handelsgenossenschaften der Welt, beschäftigte 14.000 Mitglieder, unterhielt 785 Verkaufsstellen, 62 Kaufhallen in ganz Ostberlin, 11 Kaufhäuser und 79 Clubgaststätten, ein Hotel und zwei eigene Produktionsbetriebe. Hatte man noch bis Ende der 1950er-Jahre Lebensmittelkarten benötigt, um im örtlichen Konsum einzukaufen, setzte die Berliner Konsumgenossenschaft in den 1960er-Jahren vermehrt auf Selbstbedienung in größeren Kaufhallen.
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Kaufhalle soll prestigeträchtiges DDR-Neubaugebiet an der Landsberger Allee versorgen

Seit den 1970er-Jahren wuchsen nach der Maxime der DDR-Wohnungsbauoffensive überall in Ostberlin Trabant-Betonsiedlungen aus dem Boden, bei denen nach dem Konzept des komplexen Wohnungsbaus neben Hochhäusern in Plattenbauweise die komplette umgebende Infrastruktur als Module am Reißbrett mitgeplant wurden: Schulen, Sportstätten, Polikliniken, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten. Entlang der Leninallee, der heutigen Landsberger Allee, wurden zwei der bedeutendsten neuen Plattenbau-Siedlungen der DDR aus dem Boden gestampft: die Großwohnsiedlung Marzahn im Norden und das Neubaugebiet Fennpfuhl mit fast 16.000 Wohnungen – das erste industriell errichtete Wohngebiet Ost-Berlins.
Zeitgleich mit den Plattenbau-Riegeln wuchsen in den neuerrichteten Betonwüsten der DDR die Versorgungszentren mit ihrer archetypischen, architektonischen Trias aus Kaufhalle, Dienstleistungswürfel und Wohngebietsgaststätte in die Höhe. Die Konsum-Kaufhalle an der Alfred-Jung-Straße in Lichtenberg wurde Mitte der 1970er-Jahre geplant und auf einem knapp 5000 Quadratmeter großen Grundstück, auf dem sich zuvor Lauben und Kleingärten der KGA „Wolfgangshöhe“ befanden, realisiert. Die Arbeiten wurden vom Wohnungsbaukombinat Berlin ausgeführt.
Am 16. August 1977, einem Dienstag, wurde die Kaufhalle feierlich eröffnet. Das DDR-Presseorgan „Neues Deutschland“ berichtete: „Die neue Einrichtung in der Alfred-Jung-Straße ist die fünfte Einkaufsstätte in diesem Gebiet, in dem 1980 rund 50.000 Berliner wohnen werden.“ Nördlich angrenzend zur Kaufhalle nahm gleichzeitig an der Alfred-Jung-Straße 14 die Konsum-Klubgaststätte „Solidarität“ ihren Betrieb auf.
DDR-Kaufhalle Alfred-Jung-Straße: So war die Konsum-Filiale aufgebaut

Bei der Kaufhalle an der Alfred-Jung-Straße handelte es sich um einen typischen eingeschossigen Hallenflachbau in Leichtmetallbauweise aus Fertigteilstützen, Fertigteilriegel und Fertigteildeckenplatten zusammengebaut. Die Halle nahm auf einem rechteckigen Grundriss eine Fläche von knapp 1.500 Quadratmeter ein; wovon die Verkaufsfläche 734 Quadratmeter betrug und die übrige Nutzfläche durch Lager, Warenannahme, Gebäudetechnik und Personalräume beansprucht wurde.
Charakteristisch für die Kaufhalle war die trapezförmige Spannbetondachkonstruktion: Ein zickzackförmiges Dach, das im Fachjargon VT-Falte genannt wird. Am überdachten Eingangsbereich mit Vorplatz im Südwesten wies das rote Konsum-Logo – ein Industrieschornstein und eine Handsichel bildeten ein großgeschriebenes K – den Verbrauchern den Weg. Der überdachte Eingangsbereich mit gepflastertem Vorplatz lag im Südosten der Halle zur Landsberger Allee ausgerichtet; westlich der Markthalle befanden sich Kundenparkplätze sowie die Warenanlieferung.
DDR-Kaufhalle Alfred-Jung-Straße: Spartanische Sachlichkeit im Inneren
Im Inneren herrschte in der mit Halogenlampen beleuchteten Kaufhalle die gleiche spartanische Sachlichkeit wie in anderen Kaufhallen der Republik: Gesellschaftspolitische Parolen statt aufmerksamkeitsheischender Reklame, schlichte Präsentation, in Regalen aufgestapelte Grundnahrungsmittel und Konsumgüter, Kühltruhen an den Gängen zur Selbstbedienung und einzelne Verkaufsstände mit Bedienung für Fleisch, Fisch und Käse.
Außer den bekannten Ostmarken – Wernesgrüner, Vita Cola, Nudossi, Spee & Co. – bot die Halle bereits mit ihrer Eröffnung auch industrielle Waren des täglichen Bedarfs an, worunter auch Küchenbedarf und Möbel zählten. Mit 1563 verschiedenen Industriewaren – von der Pfanne bis zum DDR-Verkaufshit, der Waschmaschine WM 66, deckte der Markt die dringenden Bedürfnisse im Neubauviertel ringsum. Preise vergleichen konnte man sich sparen. Die Festsetzung des Einzelhandelsverkaufspreises (EVP) erfolgte unter staatlicher Aufsicht durch das Amt für Preise beim Ministerrat.
DDR-Kaufhalle Alfred-Jung-Straße: Westwaren eroberten Regale im Sturm

Jahrelang versorgte die Kaufhalle an der Alfred-Jung-Straße Tausende Menschen in ihrem Einzugsgebiet in Fennpfuhl mit Ostwaren, bevor das Sortiment mit der Einführung der Wirtschaftsunion am 2. Juli 1990 – quasi über Nacht – rasant erweitert wurde. Jetzt fanden die lange Zeit herbeigesehnten Westwaren Einzug in die Regale ostdeutscher Kaufhallen. DDR-Produkte wollte kaum noch jemand haben: In Ostberlin vernichteten Molkereien massenweise Butter, Quark und Milch, Bauern ihre Ernten und Schweinezüchter töteten ihre Tiere.
Mit der Wiedervereinigung hatten sich die Bedingungen auch für die KGB dramatisch verändert. Angesichts des Konkurrenzdrucks musste sich Konsum Berlin von zahlreichen seiner Verkaufsstellen trennen und entließ Tausende Mitarbeiter. An der Filiale an der Alfred-Jung-Straße hielt die Genossenschaft, anders als an vielen anderen Verkaufsstellen, nach der Wende fest. Sie wurde bis 1991 aufwendig zu einer Konsum-Musterfiliale modernisiert, die nun unter rotem Schriftzug als „Konsum-Supermarkt“ außer um Kundschaft auch um Pachtinteressenten buhlte.
DDR-Kaufhalle Alfred-Jung-Straße: Leerstand und Verfall in den 2010er-Jahren
Kurze Zeit später sah sich die Genossenschaft gezwungen, sich gänzlich aus dem Einzelhandelsgeschäft zurückzuziehen und schloss im September 1992 ihre letzte selbst geführte Verkaufsstelle in Berlin. Künftiges Hauptgeschäftsfeld der Genossenschaft blieb die Verwaltung ihrer Immobilien. Viele ihrer Kaufhallen wurden von Lebensmittelriesen wie Aldi, Netto, Kaisers & Co. als Supermärkte weiterbetrieben. Auch die Filiale an der Alfred-Jung-Straße wurde als Supermarkt weitergeführt; in den 2000er-Jahren als Verbrauchermarkt der Handelskette „extra“, die seit 2009 zur Rewe-Gruppe gehörte. In den 2010er-Jahre zog sich Rewe vorübergehend vom Betrieb des Standorts zurück. Die DDR-Kaufhalle schloss ihre Pforten und fiel in einen tiefen Dornröschenschlaf.
Seit der Stilllegung setzten Verfall und Vandalismus der Halle zu. An den Fassaden mehrten sich die Graffitis, die Metallträger begannen Rost anzusetzen und hinter den eingetrübten und beschmierten Schaufensterflächen sammelte sich Schicht für Schicht immer mehr Staub auf den einst blankpolierten Böden der Verkaufsflächen. Die Halle drohte ohne geeignetes Nachnutzungskonzept, zu einem von Berlins zahlreichen Lost-Place-Ruinen zu verfallen.
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„Student Living“: Neubauprojekt besiegelt Ende des Supermarkts

Unterdessen sicherte sich Mitte der 2010er-Jahre ein Berliner Projektentwickler das Kaufhallengrundstück mitsamt der angrenzenden Fläche der ebenfalls leerstehenden Ex-Klubgaststätte „Solidarität“, in der zuletzt noch wechselnde Gewerbebetriebe firmiert hatten. Der Plan: auf der zusammenhängenden Baufläche sollte für die „Homepoint Investment und Development GmbH“ als Bauherr unter dem Projektnamen „Student Living“ rund 800 Studentenwohnungen in zwei Hochhausneubauten entstehen.
2014 begann mit dem Abriss der ehemaligen Klubgaststätte an der Alfred-Jung-Straße 14 der erste Bauabschnitt, bei dem bis Ende 2017 ein dreizehngeschossiges L-förmiges Studentenwohnheim mit 425 Studentenwohnungen errichtet wurde. Noch vor der Fertigstellung des Wohnheims näherte sich schweres Gerät der leerstehenden Ex-Kaufhalle südlich der Wohnheimbaustelle. In wenigen Wochen legten Abrissbagger das heruntergekommene Supermarktgebäude Ende 2016 in Trümmer. Die Baufläche wurde planiert und bauvorbereitende Maßnahmen getroffen. Im Frühjahr 2017 begannen die Tiefbauarbeiten an dem auf dem Grundstück geplanten Appartementhaus AJ12.
Rewe im Erdgeschoss: Bis 2019 wurde das Appartement-Hochhaus fertiggestellt
Die Pläne für das gestaffelte, dreizehngeschossige Bauwerk mit markanten zurückspringenden und bunten Fassadenelementen stammten vom Berliner Architektenbüro „Granz & Zecher“. Bis Ende 2019 wurde das Bauprojekt abgeschlossen. Das gesamte Sockelgeschoss des Appartementhauses nimmt seitdem eine Rewe-Filiale mit gut 1500 Quadratmetern Grundfläche ein, darüber erheben sich zwölf Geschosse mit insgesamt 347 möblierten Studentenappartements, die Zimmergrößen zwischen 19 und knapp 30 Quadratmeter Nutzfläche bieten, dazu jeweils Duschbad und Kochnische. Die Tiefgarage im Untergeschoss des Hochhauses umfasst 24 Pkw-Stellplätze und 355 Fahrradstellplätze.
Das Appartementhaus wird seit der Fertigstellung 2019, genauso wie das nördlich angrenzende Studentenwohnheim, von der gemeinnützigen Bürgermeister Reuter Stiftung geführt, die sie mit sechs anderen Berliner Wohnheimen unter dem Namen „House of Nations“ betreibt. Für ein 21 Quadratmeter-Zimmer an der Alfred-Jung-Straße zahlen Studenten aktuell stolze 749 Euro pro Monat. An die ehemalige Konsum-Kaufhalle, die hier stand und Jahrzehnte lang dabei geholfen hatte, die Versorgung der Plattenbausiedlung mit Lebensmitteln zu decken, erinnert heute nichts mehr.



