Berlin war einst eine Hochburg des Kinos, bevor erst mit Multiplexkinos und dann mit Netflix und Co. das Kinosterben begann. In der Innenstadt lockten neben zahlreichen Ladenkinos und Hinterhofkinos die großen Filmpaläste Besucher an, glitzernde Prunkbauten voller Glanz und opulenter Ausstattung; und auch in Berlins Vorstädten fanden die Filmtheater und kleinen Kiezkinos ihr Publikum.

Eines der im Norden der Stadt in den 1920er-Jahren eröffneten Filmtheater waren die „Schloß-Lichtspiele“ in Friedrichsfelde. Jahrzehntelang hatten Berliner in dem Traditionskino DEFA-Klassiker gesehen, Filmpremieren erlebt und sich über den Inhalt aktueller Filmvorstellungen ausgetauscht, dann wurde das Kultkino stillgelegt – und nie wiedereröffnet. 30 Jahre lang dämmerte der alte Kinosaal im Dornröschenschlaf vor sich hin. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zum Kino „Schloß-Lichtspiele“ im Überblick:

  • Adresse: Einbecker Straße 115–119, 10315 Berlin-Lichtenberg
  • Geschichte: Ende der 1920er-Jahre wurde das Kino im Schlossrestaurant Friedrichsfelde eröffnet; nach dem Zweiten Weltkrieg musste das Filmtheater an einen neuen Standort umziehen und konnte den Spielbetrieb an der Einbecker Straße wiederaufnehmen; Ende der 1970er-Jahre wegen Baufälligkeit geschlossen; danach Leerstand und Verfall
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place. Im November 2009 wurde das Kinogebäude abgerissen

Wo lagen die „Schloß-Lichtspiele“ genau?

Das Gebäude des ehemaligen Kinos „Schloß-Lichtspiele“ lag an der Adresse Einbecker Straße 115–119 im Ortsteil Friedrichsfelde des Bezirks Lichtenberg. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: GG47+8C4 Berlin. Das Grundstück kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten vom U-Bahnhof Friedrichsfelde (U5) erreicht werden. Von der U-Bahnstation ist es nur ein kurzer Fußweg entlang der Einbecker Straße bis zu dem Grundstück. Achtung: Das Gebäude des ehemaligen Kinos wurde abgerissen. Es haben sich vor Ort keine Spuren von dem ehemaligen Lichtspielhaus erhalten. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Kinos „Schloß-Lichtspiele“:

Ausgangslage: Bewegte Bilder im Schlossrestaurant Friedrichsfelde

M, (aka M - EINE STADT SUCHT EINEN MORDER), German lobbycard, Peter Lorre, 1931
In den 1920er-Jahren war Berlin eine Stadt von filmbesessenen Kinogängern: Meisterwerke wie Fritz Langs „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) fanden ein Millionenpublikum.© picture alliance / Everett Collection | unbekannt (Archiv)

Anfang des 20. Jahrhunderts setzte die deutsche Filmindustrie zu einem glamourösen Höhenflug an. Klassiker wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), Metropolis (1927) und Fritz Langs „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) lockten scharenweise Publikum ins Kino. Das Zentrum der Filmbegeisterung: Berlin. Nirgendwo sonst in Europa gab es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine ähnliche Dichte an Filmtheatern. Vom nördlichen Stadtrand bis zum Süden der Metropole wurde Berlin von einem Netz von Lichtspielhäusern überzogen.

Varietés bauten ihre Vorführsäle um; große Traditionshäuser entstanden wie das Marmorhaus am Kurfürstendamm und kleine Kinostätten, bei denen Enthusiasten der Kinematographie ihr Erspartes mobilisierten, um in Hinterhöfen und Wohnhäusern improvisierte Lichtspielhäuser einzurichten. Allein in Berlin gab es 1928 378 registrierte Filmtheater. Längst hatte die Kinobegeisterung auch auf die Vororte der Metropole übergegriffen. In Friedrichfelde – bis 1920 noch brandenburgische Gemeinde vor den Toren Berlins – eröffneten Ende der 1920er-Jahre gleich zwei Lichtspielhäuser: das Kino „Busch“ (spätere Volkshaus Lichtenberg) am Prachtboulevard Alt-Friedrichsfelde und das „Schloßkino“, das damals noch in den Gasträumen des Schlossrestaurants Friedrichsfelde betrieben wurde.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: Festsaal am Schloss eines Brandenburger Piraten

Berlin, Schloss Friedrichsfelde / Gouache
Das Schloss Friedrichsfelde wurde 1695 für Benjamin Raule erbaut und 1717 durch den von Architekten Martin Heinrich Böhme auf die heutige Größe erweitert. Gouache-Außenansicht des Schlosses, um 1780.© picture-alliance / akg-images | akg-images

Das im frühklassizistischen Stil erbaute Schloss Friedrichsfelde hieß ursprünglich Schloss Rosenfelde und gehörte dem brandenburgischen Generalmarinedirektor Benjamin Raule (1634–1707), der einer niederländischen Kaufmannsfamilie entstammte und sich als Pirat unter brandenburgischer Flagge verdingte, bevor er in die kurbrandenburgische Marine eintrat, für Brandenburg Kolonien in Afrika in Anspruch nahm und durch Sklavenhandel Reichtümer anhäufte. Sein Prunkschloss samt Rittergut ging nach einigen Eigentümerwechseln im 19. Jahrhundert in den Besitz der Berliner Adelsfamilie von Treskow über, deren Stammsitz es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs blieb.

Nördlich des Schlossparks lag zur Wilhelmstraße, die seit 1976 Alfred-Kowalke-Straße heißt, eine zweigeschossige Gebäudezeile, in der seit der Jahrhundertwende das „Schlossrestaurant Friedrichsfelde“ durch den Gastwirt Johann Moser geführt wurde. Das beliebte Ausflugslokal war vor allem an Wochenenden und Feiertagen die erste Adresse am Platz für Besucher aus Berlin. 1914 hatten in den Räumlichkeiten des Festsaals noch Musterungen stattgefunden, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde der Saal zum Stummfilm-Kino ausgebaut.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: Anfangs locken Stummfilmhits das Publikum

Inhaber des Schlossrestaurants war inzwischen der Gastwirt Wiegand Schnörer geworden, der einen mit Leinwand und Sitzplätzen ausgestatteten großen Saal an der Wilhelmstraße 17a verpachtete. Das „Schloßkino Friedrichsfelde“ wurde 1928 von dem Charlottenburger Kaufmann Paul Drewniak und 1929 bis 1931 von Ida Lindemann als Inhaberin geführt. Bereits ein Jahr zuvor war es 1927 als eines von 41 Berliner Kinos aufgeführt, die Hans Behrends Stummfilm-Klassiker „Die Hose – Skandal in kleiner Residenz“ (Phoebus Film, 1927) zur Aufführung brachten; eine mit Werner Krauß, Jenny Jugo und Veit Harlan besetzte Satire auf deutsches Pharisäertum und Untertanengeist.

Das Friedrichsfelder Schloßkino bot tägliche Vorführungen bei einer Kapazität von anfangs 294, ab dem Jahr 1929 300 Plätzen im Zuschauersaal. Die Ausstattung des Filmtheaters war nicht opulent, aber gehobenen Ansprüchen angemessen. Zur Vorführung kam eine Mischung aus Unterhaltung und anspruchsvollem Filmangebot, Stummfilmklassiker und Kassenschlager der Ära – wie damals üblich – begleitet von einem Pianospieler, der für die musikalische Untermalung sorgte.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: Eine tönerne Revolution in den 1930er-Jahren

1932 übernahm der Berliner Kinodirektor Friedrich Kessel das Schloßkino. Kessels leitete außer dem Friedrichsfelder Lichtspielhaus auch die 400 Plätze bietenden „Rheingau-Lichtspiele“ am Bergheimer Platz in Wilmersdorf und die „Orion-Lichtspiele“ in der Beusselstraße in Moabit. Wie das Filmfachblatt „Kinematograph“ in seiner Ausgabe vom 12. September 1931 zu berichten wusste, war das Kino Rheingau mit vollem Erfolg mit der „Fox’ Tönende Wochenschau“, einem „reizenden Micky-Maus-Vorfilm“ und dem Tonfilm-Kriegsepos „Douaumont – die Hölle von Verdun“ (1931) eröffnet worden.

Kessels hatte die Zeitenwende erkannt und rüstete auch die veraltete Technik in Friedrichsfelde auf die Anforderungen des modernen Tonfilms um. Eine kluge Entscheidung: Noch war die Revolution vom Stumm- zum Tonfilm in Deutschland in vollem Gange und nicht alle Berliner Kinos hatten sich rechtzeitig vorbereitet; doch spätestens Anfang der 1930er-Jahre schlug die Zuschauergunst endgültig in Richtung vertonter Kinofilme um: Klassiker wie „Die drei von der Tankstelle“ mit Lilian Harvey, Willy Fritsch und Heinz Rühmann und „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich und Emil Jannings waren die erfolgreichsten Filme des Jahres 1930. Das Schloßkino erhielt eine komplette Runderneuerung mit Apparaturen des Berliner Kinoausstatters „Kinoton A. G.“, die eine elektroakustische Wiedergabe von bildsynchron zum Film abgespielten Tonsignalen über gekoppelte Lautsprechersysteme erlaubten.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: Filmprogramm bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

In den Jahren 1933 und 1934 sah das kleine Filmtheater an der Wilhelmstraße erneute Betreiberwechsel. Nach einem einjährigen Intermezzo, in welchem das Haus durch Otto Müller geführt wurde, nahm der aus Karlshorst stammende Unternehmer Otto Friedemann das Kino unter seine Obhut. Er ließ den Namen des Filmtheaters in „Schloß-Lichtspiele“ ändern und vergrößerte in den Folgejahren die Kapazität des Zuschauersaals auf knapp 400 Plätze. Friedemann blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs der Kinodirektor der Schloß-Lichtspiele.

Mit der Machübergabe an die Nationalsozialisten hatte sich in den 1930er-Jahren unter Propagandaminister Joseph Goebbels das Programm der Berliner Kinos gewandelt. Seit 1934 war den Kinobesitzern verbindlich vorgeschrieben, im Vorprogramm wenigstens einen sogenannten Kulturfilm und die Wochenschau zu zeigen. Wobei es sich bei den „Kulturfilmen“ um Propagandastreifen handelte, die Themen wie die NS-Rassenlehre aufgriffen. Die Wochenschauen waren dem eigentlichen Programm vorangestellt und zeigten dem Berliner Publikum mit Kriegsbeginn geschönte Berichte zur Front – bis diese kurz vor der Reichshauptstadt verlief.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: Umbrüche und Umzüge nach Kriegsende

Quax der Bruchpilot
Gute Zeiten fürs Kino: Millionen Deutsche wollten im Winter 1941/1942 Heinz Rühmann in „Quax, der Bruchpilot“ sehen.  Der Spielfilm bekam von der Filmprüfstelle des Dritten Reichs das Prädikat „künstlerisch wertvoll“ und spielte an den Kinokassen 5 Millionen Reichsmark ein.© picture alliance/United Archives | IFTN

Das Angebot reichte von politisch-propagandistischen und antisemitischen Machwerken bis zu leicht unterhaltende Streifen und NS-Kassenschlagern. Das filmbegeisterte Publikum feierte auf der Leinwand die großen Stars der 1930er- und 1940er-Jahre – eine willkommene Ablenkung zum Kriegsalltag ab 1939: Zarah Leander, Lil Dagover, Ilse Werner, Heinz Rührmann und den NS-Vorzeigeschauspieler Emil Jannings. Produktionen wie „Der Herrscher“ (1937), „Quax, der Bruchpilot“ (1941) und „Die große Liebe“ (1942) fanden ein Millionenpublikum. In den Schloß-Lichtspielen wurde das Vorstellungsprogramm bis in die letzten Kriegsmonate aufrechterhalten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Friedrichsfelde als Ortsteil von Lichtenberg zur sowjetischen Besatzungszone des geteilten Berlins und später, nach der Gründung der DDR 1949, zur ostdeutschen Hauptstadt. Das Schloss Friedrichsfelde war im Zuge der 1945/1946 durchgeführten Bodenreform samt seinen umliegenden Gütern beschlagnahmt worden. Das Anwesen wurde 1954 zum öffentlichen Tierpark Berlin umgebaut, wobei Teile des Schlosses zweitweise als Stallungen dienten. Die Häuserzeile des Schlossrestaurants – östlich des heutigen Instituts für Zoo- und Wildtierforschung an der Alfred-Kowalke-Straße 17 – wurden nach dem Krieg abgerissen. Damit verlor das Schloß-Filmlichttheater seine Spielstätte.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: Neue Spielstätte an der Einbecker Straße

Doch der langjährige Betreiber und Direktor Otto Friedemann gab sich mit dem Verlust nicht zufrieden. Schon bald bot sich ihm eine Chance zur Wiedereröffnung der „Schloß-Lichtspiele“ an neuer Wirkungsstätte. Nur zwei Häuserblocks vom alten Standort entfernt, in der Nähe des U-Bahnhofs Friedrichsfelde, war ein direkt an ein Wohnhaus angrenzender Gewerbeanbau frei geworden, in dem seit den 1920er-Jahren eine Großfleischerei ihren Sitz hatte. Nach dem Krieg bezog die „Fleischerei und Schweinemästerei Otto Störmer“ den Betriebssitz an der Prinzenallee 46, seit 1951 Einbecker Straße 115–119, nicht erneut.

Friedemann ließ das eingeschossige Gebäude mit Pultdach zu einem Kino umbauen. Der Eingang, die Kasse und das Foyer des Kinos befanden sich im Erdgeschoss des angrenzenden Wohnhauses Einbecker Straße 117. Die südliche Längsseite des Vorführraumes befand sich entlang der Einbecker Straße, wobei der Zuschauerraum schräg abwärts zur Bühne führend lag. Auf der gegenüberliegenden Seite war der Technik- und Projektionsraum untergebracht, die Arbeitsstätte des Filmvorführers, der die Magie der bewegten Analogbilder mit großen Zelluloid-Filmrollen unterschiedlicher Formate, übereinander angeordneten Filmtellern und Projektoren zum Laufen brachte. 1946 feierten die „Schloß-Lichtspiele“ an der Prinzenallee ihre Wiedereröffnung. Die Kapazität des Kinos war sogar bedeutend gestiegen: rund 620 Personen fanden jetzt in den täglichen Vorstellungen des Schloß-Lichtspieltheaters Platz.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: Programm für Filmliebhaber und Cineasten

Gespielt wurde ein Programm aus dem Fundus des DEFA-Filmverleihs, der 1950 in den Progress Film-Vertrieb und 1955 in den Progress Film-Verleih überging: Kinder-, Spiel und Dokumentarfilme – soweit sie die DDR-Zensur freigab. Komödien wie „Dreizehn unter einem Hut“ (1950) und DEFA-Spielfilme wie „Eine alte Liebe“ (1959) fanden auch an der Friedrichsfelder Prinzenallee wiederum ihr Publikum. Doch die „Schloß-Lichtspiele“ hatten noch mehr zu bieten. Sie verfügten über einen Dia-Projektor, der Werbeeinblendungen ermöglichte, aber auch das Abspielen von DEFA-Dia-Rollfilmen.

Dazu wurde mit einem Projektor die Bilder der Dias nacheinander auf eine beliebige Fläche geworfen. So entstand eine kleine Geschichte, deren Geräuschkulisse von den Betrachtern selbst erzeugt werden konnte. Die DEFA produzierte Hunderte von Dia-Filmen: von Märchengeschichten über Landschaftsaufnahmen und Comics bis hin zu Indianerfilmen. Heute sind die Filme nur noch schwer zu finden, obwohl sie in den 1960er- und 70er-Jahren auch privat erstanden werden konnten.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: So war das Filmtheater ausgestattet

Technikmuseum mit wenigen Besuchern
Eine Legende der deutschen Kinogeschichte: Der „Ernemann VII“. Die Aufnahme zeigt ein Exemplar im Technikmuseum „Phantechnikum" in Wismar mit Museumsdirektorin Kathrin Möller, Foto 2013.© picture alliance / dpa | Jens Büttner

Bis in die 1960er-Jahre konnten Besucher in den „Schloß-Lichtspielen“ drei bis vier Vorstellungen am Tag besuchen. Das Herzstück im Projektionsraum war eine kombinierte Bild-Ton-Maschine des Typs „Ernemann VIIb“ – das Flaggschiff der Ernemann-Projektoren bis zum Kriegsende und weit darüber hinaus. Wie alle Projektoren der Traditionsfirma verfügte sie über eine kombinierte Luft-Wasser-Kühlung für die Filmbahn. Dennoch war die Brandgefahr bei diesen großen Projektoren, die eine enorme Lichtleistung erzeugten, hoch.

Die Bühne des Kinos hatte Ausmaße von 7,2 Meter Länge mal 6 Meter Höhe. Das Charakteristikum des Kinos war ein Glitzervorhang vor der Leinwand, der in den 1960er-Jahren zum Filmstart mit einem melodischen Dreiklang automatisch aufgezogen wurde. Eine Umstellung auf „Totalvision“, dem DDR-Pendant zum „Cinemascope“-Breitbildformat erlebte das Filmtheater wohl nicht mehr. Bis 1965 wurde der Vorkriegsbesitzer Otto Friedemann als Inhaber des Kinos geführt. Nach Berichten von Anwohnern fanden noch bis Ende der 1970er-Jahre Vorstellungen in dem Traditionskino statt, bevor die Lichtenberger Verwaltung die Schloß-Lichtspiele wegen Baufälligkeit schließen ließen.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: Lost Place seit den 1980er-Jahren

Das stillgelegte Kino erlebte bis zur Wende keine Sanierung und keine Wiedereröffnung und auch nach der Wiedervereinigung hielt sich das Interesse an dem maroden Gebäude in Grenzen. Unterdessen legten sich in den Jahrzehnten des Leerstands Lagen von Staub auf die verbliebene Einrichtung, die Bestuhlung und Kinotechnik, die mit den Jahren musealen Charakter annahm. Die Bausubstanz des verwaisten Geisterkinos litt sichtbar an der Verwahrlosung. Nässe drang in das Gebäude und von den Fassaden blätterte der Putz. An der Straßenfront wurde das Gebäude großflächig mit Graffiti überzogen.

Das alte Kinogebäude glich in den 2000er-Jahren zunehmend einer einsturzgefährdeten Ruine. Ziegelwerk musste mit Seilen gesichert werden, um zu verhindern, dass herabfallendes Mauerwerk Passanten gefährdet. Die maroden Holzeinfassungen der Fenster bröckelten genauso wie die Rohputzfassade, an der immer größere Flächen des Ziegelwerks offen zutage trat. Unterhalb des Gesims waren außerdem zuletzt größere Wasserschäden am Gebäude erkennbar. Während das marode Gebäude vor den Augen der Anwohner langsam verfiel, war ein Nachnutzungskonzept für das zuletzt fast 30 Jahre lang brachliegende Geisterkino nicht in Sicht – bis ein Abbruch der Immobilie nicht mehr zu verhindern war.

Kino „Schloß-Lichtspiele“: Geisterkino wurde 2009 abgerissen

Im November 2009 näherte sich schweres Gerät dem leerstehenden Kinogebäude und setzte dem Dornröschenschlaf der „Schloß-Lichtspiele“ an der Einbecker Straße ein Ende. In wenigen Wochen waren das längsstehende Kinogebäude an der Einbecker Straße 115 sowie das angrenzende, ebenfalls geräumte Mietshaus an der Hausnummer 117 in Trümmer gelegt und der Bauschutt abgeräumt. Die Abrissarbeiten gehörten zur Vorbereitung für ein weit im Voraus geplantes Neubauprojekt der Wohnungsbaugenossenschaft „Vorwärts“ e.G.

Bis 2013 wurde im Zuge der vorbereitenden Baumaßnahmen auch noch das ehemalige Geschäftshaus an der Ecke Einbecker Straße 119 zur Alfred-Kowalke-Straße abgerissen und einige der auf dem rückliegenden Grundstück liegenden Gewerbebauten. Dann passierte vorerst nichts mehr. Acht Jahre lang lag das Areal am U-Bahnhof Friedrichsfelde brach, bevor 2021 das Bezirksamt die Baugenehmigung für das Bauprojekt erteilte und die Arbeiten an den Neubauten begannen. In zweijähriger Bauzeit ließ die Vorwärts-Wohnungsbaugenossenschaft in der Einbecker Straße 115–119 bis 2023 sechs Gebäude mit 99 Zwei- bis Vierzimmerwohnungen und einer Tiefgarage errichten. In den Gebäuden wurden zusätzlich Praxis-, Büro- und Gewerbeflächen sowie ein Veranstaltungssaal für bis zu 200 Personen untergebracht. An das einstige Kiezkino erinnert vor Ort nichts mehr.