In Berlin lassen sich eine Vielzahl von Schrottimmobilien und Geisterhäusern finden, verfallene Eckhäuser inmitten der belebten Stadt, Neubauruinen und abbruchreife Wohnkasernen. Ein Objekt, das sich nur schwerlich mit dieser Kategorie in Verbindung bringen lässt, ist die mehr als 120 Jahre alte Luxusvilla in der Winkler Straße 10 – und doch stand die Villa Noelle fast fünfzehn Jahre lang leer und verfiel zusehends. „Ein Spukbau, fast ein Horrorhaus zwischen herrlichen Gründerzeitvillen“, nannte Berlins Erfolgsautor Sebastian Fitzek einst den stolzen Gründerzeitbau im Grunewald. Erfahren Sie hier alle wichtigen Informationen zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zur Villa Ernst Noelle im Überblick
- Adresse: Winkler Straße 10, 14193 Berlin-Grunewald
- Geschichte: Die Villa wurde 1901/1902 nach Plänen des Architektenbüros Hermann Solf (1857–1909) und Franz Wichards (1856–1919) für den Berliner Stahlbauunternehmer und Kommerzienrat Ernst Noelle (1854–1916) errichtet; umfangreiche Sanierungen im Jahr 1972; seit 2010 Leerstand
- Führungen: Keine. Es handelt sich um Privatgelände
- Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09046592
- Status: Ehemaliger Lost Place. 2022 wurde die Luxusimmobilie verkauft und wird seit 2023 denkmalgerecht saniert
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Wo liegt die Villa Noelle genau?
Die Villa Noelle liegt am Dianasee an der Adresse Winkler Straße 10 im Ortsteil Grunewald des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Anwesen am besten vom S-Bahnhof Grunewald (S7) aus zu erreichen. Von der S-Bahnstation benötigt man zu Fuß etwa acht Minuten entlang der Winkler Straße. Alternativ kann auch die Buslinie 186, 349 oder M19 (Haltestelle S-Bhf. Grunewald) genutzt werden. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Das Betreten des Grundstücks ist Unbefugten nicht erlaubt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Villa Ernst Noelle:
Ausgangslage: Umzug in die Millionärskolonie Grunewald

Die Villenkolonie Grunewald, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet, entwickelte sich im wilhelminischen Berlin rasch zu einer der begehrtesten Wohnlagen des gutsituierten Bürgertums. In dem grünen Vorort am westliche Ende des Kurfürstendamms siedelten sich bevorzugt Industrielle, Politiker, Beamte und Künstler an und es entstanden während der Gründerzeit die prunkvollen Villen, für die der Ortsteil bis heute bekannt ist.
Einer der Bauten, die auch aus der extravaganten Nachbarschaft – mit ihren Luxusvillen und parkähnlichen Gärten hinter schmiedeeisernen Zäunen – noch herausstach, war die Villa Noelle. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts für den schwerreichen Stahlbauunternehmer und Kommerzienrat Ernst Noelle als Familienwohnsitz erbaut. Ernst Noelle wurde 1854 in Mülheim an der Ruhr geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Über den Stahlhandel bei Thyssen kam er nach Berlin und gründete in der Reichshauptstadt 1893 mit einem Freund die rasch aufstrebende Stahlhandelsfirma „Steffens & Nölle“, die 1907 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Sie lieferte unter anderem den Stahl für den Bau des Funkturms.
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Villa Noelle: Errichtung des Familienwohnsitzes in der Kaiserzeit

Nach dem Bau verschiedener Häuser in Grunewald erwarb der Unternehmer im September 1899 von dem Fabrikanten Franz Pietschmann eine Baufläche, die die heutigen Grundstücke Winkler Straße 8–10 umfasste. Damals war das Grundstück noch 9000 Quadratmeter groß. Es lag direkt am Dianasee und reichte bis zum Hasensprung, einem Weg mit einer kleinen Brücke, welche die Verbindung zum Koenigssee überspannt. Auf dem neuerworbenen Areal plante Noelle, ein standesgemäß prunkvolles Domizil für sich und seine Familie errichten zu lassen.
Der Stahlbauunternehmer beauftragte die renommierte Berliner Architektensozietät „Solf & Wichards“ die Pläne für die Familienvilla zu erstellen. Die Architekten Hermann Solf (1857–1909) und Franz Wichards (1856–1919) hatten bereits eine Reihe von Herrenhäusern in Berlin und Umgebung entworfen und auch mehrere Villen in Grunewald konzipiert – für die Villa Noelle durften die beiden Architekten aus dem Vollen schöpfen.
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Villa Noelle: So war das Herrenhaus konzipiert
Die zweistöckige Villa beansprucht den ursprünglich westlichen Teil des Grundstücks. Sie wurde im Stil der deutschen Renaissance mit Anklängen an den nordalpinen Burgenstil geplant und ausgeführt. Ihre Besonderheit liegt nicht nur in der mächtigen, wehrhaften Erscheinung, sondern in der detailreichen Ausführung in Werkstein, in der sich Elemente grober Steinbossierung mit feingeschnittenen Ornamenten wechseln. Für die aufwendige Fassadengestaltung wurde reichlich thüringischer Naturstein in den Grunewald transportiert.
Zahlreiche Giebel, Erker, Kolonnaden, Bogengänge und Dachaufbauten verleihen der Villa einen märchenhaften Zug. Die vier Fronten des Bauwerks auf einem annähernd quadratischen Grundriss, der rund 500 Quadratmeter Baugrund einnimmt, sind gleichwertig ausgeformt. Die Frontseite zur Winkler Straße wird von einem wappenbekrönten Eingangsportal bestimmt, zu dem eine Freitreppe führt, die gegenüberliegende Seite von einer großzügig bemessenen Terrasse mit Seeblick sowie einer Loggia für regnerische Tage. Zum Ufer des Dianasees hin fällt das Grundstück steil ab. Mit Kies angelegte Wege durchzogen den parkähnlich gestalteten Garten.
Zusätzlich zur Villa befanden sich noch ein im Schweizerhausstil gestaltetes Maschinenhaus, eine Pergola mit Brunnen, ein Laube und ein Schuppen für Gartengeräte sowie eine Bootshalle auf dem Anwesen. Das Maschinenhaus, das die Energieversorgung sicherstellte und die Bootshalle, bestehen auch heute noch. Das Innere der Villa war bestimmt von einer über zwei Geschosse reichenden Diele. Im Erdgeschoss befanden sich außerdem hinter dem Eingangsbereich mit zwei Garderoben und Flur die Räumlichkeiten für die Dienerschaft, eine Anrichte, ein rund 10 mal 6 Meter großes Esszimmer und drei Wohnräume. Im Obergeschoss, das von einem Treppenaufgang aus der Diele und einem separaten Treppenaufgang erreichbar war, lagen noch einmal acht Zimmer und zwei Bäder. Darüber erhob sich das ausgebaute Dachgeschoss; im Keller waren Gebäudetechnik und Vorratsräume untergebracht.
Villa Noelle: Fertigstellung der Luxusimmobilie im Rekordtempo
Die Bauausführung übernahm das renommierte Bauunternehmen Held & Francke, die für eine Vielzahl von außergewöhnlichen Bauten in der Hauptstadt verantwortlich waren. Unter anderem hatten sie den Berliner Dom am Lustgarten, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz und das Abgeordnetenhaus des Landes Berlin – damals noch Landtagsgebäude für den Preußischen Landtag in Berlin – erbaut. Die Errichtung der Villa im Grunewald wurde im Rekordtempo bewerkstelligt: Im April 1901 erfolgte die Grundsteinlegung, schon im nächsten Jahr war der dreigeschossige Prachtbau bezugsfertig.
Auch die übrigen beteiligten Werkmeister hatten Rang und Namen: Der für den Bauschmuck zuständige Steinmetz war der königliche Hofsteinmeister Matthias Carl Schilling (1851–1909). Für die Tischlerarbeiten zeichnete die Drechslermeisterei G. & H. Schütze verantwortlich, die unter anderem auch beim Bau der Villa Ebeling in Wannsee beteiligt gewesen war. Die Installation der Gebäudetechnik und Rohrleitungen übernahmen die Maschinenbauingenieure der Berliner Gas- und Abwasseranlagenfabrik „J. C. L. Seelmeyer“, die Glasarbeiten fertigte die Kunstanstalt für Glasmalerei und Kunstverglasung Joseph Scherer aus Wilmersdorf. Die Gestaltung des Außenbereichs übernahm der Gartenbaukünstler Otto Müller. Kein noch so kleines Detail an dem Prachtbau wurde dem Zufall überlassen. Am Ende stand ein Grunewald-Schmuckstück, das für mehr als einhundert Jahre Heimstätte zahlreicher Familien wurde, bevor es zu einem verwaisten Geisterhaus verkam.
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Villa Noelle: Viele Eigentümerwechsel in der Zeit der Weimarer Republik
1902 zog der Stahlunternehmer Ernst Noelle mit seiner Familie, seiner Ehefrau und fünf Kindern, in die Villa am See ein und füllte sie mit Leben. An seinem neuen Wohnsitz zeigte sich Noelle äußerst großzügig. Er finanzierte die Kirchenfenster für die 1904 eingeweihte Grunewaldkirche und spendierte jedes Jahr den Baum für die Weihnachtsgottesdienste. Vierzehn Jahre lang sollte er mit seiner Familie das Leben in der Villa in Grunewald genießen. Dann verstarb der Patriarch im Kriegsjahr 1916 und hinterließ mit seinem Vermögen auch das Grundstück und die Villa am Dianasee. Einer seiner Söhne wurde später der Direktor der Tobis-Filmgesellschaft in Berlin; seine Enkelin Elisabeth Noelle-Neumann (1916–2010) bekannt als „Pythia vom Bodensee“, die 1942 von Goebbels zur Adjutantin berufen worden war, gründete 1947 das Meinungsforschungsinstitut Allensbach.

Für den Familienstammsitz gab es keine Verwendung mehr. Die Erbengemeinschaft entschloss sich zum Verkauf. 1920 wurde das Anwesen in Grunewald von dem Unternehmer Johann Heinrich Goetschkes erworben, der in Oberschöneweide eine chemische Fabrik führte. Doch der Unterhalt des riesigen Anwesens war kostspielig. 1931 wurde die Villa zwangsversteigert. Neuer Eigentümer wurde der Bankmanager und Geheime Finanzrat Dr. Fritz Hartmann (1874–1934), der im Vorstand der Deutschen Hypothekenbank tätig gewesen war. Der Sohn einer deutsch-jüdischen Fabrikantenfamilie – seit 1933 im Visier der rassenideologischen NS-Gesetzgebung – soll 1934 bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen sein.
Villa Noelle: Umbauten und Sanierung nach dem Zweiten Weltkrieg
1936 erwarb der Direktor Wilhelm Reibeholz die Villa Noelle und ließ sie zu einem Mehrfamilienhaus umbauen. Sechs Wohnungen fanden in der Villa Platz, die nun separat über das Treppenhaus erreichbar waren. Die neuen Mieter waren handverlesene Interessenten aus dem betuchten Bürgertum – darunter Kaufleute, Ingenieure und Ärzte, Vorstandsmitglieder und eine Klinikbesitzerin. 1938 kaufte der Regierungspräsident a. D. Kurt Schönner (1883–1942) die Immobilie, ließ das Grundstück parzellieren und verkaufte 6000 Quadratmeter des Gartenbereichs im Osten der Villa. Auf der Baufläche, Winkler Straße 8 und 9 wurden Einfamilienhäuser errichtet. Damit hatten das Grundstück und die Villa ihre heutige Form erreicht.
Im Zweiten Weltkrieg erfuhr das Mehrfamilienhaus am Dianasee keine nennenswerten Beschädigungen. Nach Kriegsende wurde der Ortsteil Grunewald mit dem Bezirk Wilmersdorf zusammen mit Charlottenburg, Spandau und Tiergarten Teil der britischen Besatzungszone. Die Briten beschlagnahmten das Haus an der Winkler Straße 10 und gaben es erst Mitte der 1950er-Jahre wieder frei. 1961 verkaufte die Witwe Schönners das Anwesen an den Kaufmann Johannes Bothe, der es wiederum im Oktober 1972 an den Malermeister Uwe Schulz-Eschbach veräußerte.
Inzwischen war das 70 Jahre alte Bauwerk in einem reichlich sanierungsbedürftigen Zustand. Schulz-Eschbach, dessen Firma für qualitätsvolle Restaurierungen bekannt war – unter anderem ließ er für den symbolischen Preis von einem Preußentaler Schloss Sanssouci mit einem neuen Anstrich versehen – kümmerte sich um die kunstvolle Sanierung des Anwesens und ließ dessen Geschichte sorgsam dokumentieren. Noch einmal war das Grunewald-Schmuckstück auf Vordermann gebracht worden. Es sollte für lange Zeit die letzte große Investition in das Bauwerk bleiben.
Villa Noelle: Verfall der Kaiserzeitvilla seit den 2010er-Jahren
Bis Anfang der 2010er-Jahre wurde die Villa Noelle bewohnt, dann setzte mit dem Leerstand der Luxusimmobilie der schleichende Verfall des Objekts zu einem verwaisten Geisterhaus inmitten der exklusiven Nachbarschaft in Grunewald ein. Aus einer kleinen Anfrage des Politikers Marcel Luthe (fraktionslos) zu der Immobilie im Abgeordnetenhaus Berlins 2021 geht hervor, dass die zuletzt dort gemeldeten Personen 2010 verzogen sind. Danach gab es keine Einträge mehr im Melderegister.
Mit den Jahren des Leerstandes mehrten sich die Spuren des Verfalls an der seit 1979 unter Denkmalschutz stehenden Villa. Hinter dem Rost ansetzenden, schmiedeeisernen Tor an der Winkler Straße konnten man dabei zusehen wie der einst penibel gepflegte Garten zu einer mit üppig zugewachsenen Wildnis verkam. Anwohner sichteten Füchse und andere Wildtiere. Zuletzt wurden gar Wildscheine beobachtet, die es sich auf dem Terrain der leerstehenden Luxusimmobilie gut gehen ließen.
Villa Noelle: Bauwerk wird zur Grunewald-Geistervilla
Angesichts von Alterungsspuren an der Fassade, dunklen Streifen am Sandstein, manch schief sitzender Holzeinfassungen und eingeschlagener Fenster, aus denen bei Wind notdürftig eingeklebte Schutzfolien flatterten, ist es nicht verwunderlich, dass das verwinkelte und menschenleere Gebäude bald etwas Spukhaftes anhaftete. Der Name „Geistervilla“ oder auch „Grunewald-Horrorhaus“ wurde dem imposanten Baudenkmal nicht ohne Grund gegeben.
Anfang der 2010er-Jahre war das Haus verkauft worden. Eigentümerin des Grundstücks soll die Ehefrau eines reichen russischen Unternehmers geworden sein, die anderorts ihren Wohnsitz hatte. Niemand weiß, warum sie das burgähnliche Anwesen verkommen ließ. 2012 wurde eine denkmalrechtliche Genehmigung zur Sanierung der Villa Noelle erteilt. Das Haus wurde entkernt und sämtliche Versorgungsleitungen entfernt – danach geschah nichts mehr auf dem Grundstück: Die Nachbarn waren gezwungen, dem jahrelangen Verfallsprozess der Villa Noelle hilflos mitanzusehen. Mehr als zehn Jahre stand das entkernte „Spukhaus“ leer – nicht ohne diverse Interessenten, auch abseits von Kaufangeboten, anzuziehen.
So meldete sich unter anderem Vertreter der Ufa, die die verfallene Villa gerne als Kulisse und Drehort für eine Serienproduktion genutzt hätten, eine Schriftstellerin wollte das Haus als Anregung für ihren neuen Roman begehen und ein Team von „Paranomalforschern“ hatte Interesse, den spukhaften Gerüchten rund um die mysteriöse Villa auf den Grund zu gehen und per Videoaufnahmen und Spezialgerät das Haus vom Keller bis zum Dachboden nach paranormalen Aktivitäten zu durchleuchten. Ob die Geisterjäger in der Villa Noelle fündig wurden, bleibt ein Geheimnis – ganz offenkundig war dagegen für alle sichtbar: Es musste dringend etwas geschehen, sollte das Haus nicht als Ruine vollends zu einer obskuren Attraktion im Nobelkiez verkommen.
Villa Noelle: Neue Mieter und endlich eine Sanierung in Sicht
Für die Villa Noelle kündigte sich seit den 2020er-Jahren ein Happy End an. Das Anwesen stand zum Verkauf. Die Untere Denkmalschutzbehörde beriet potentielle Interessenten. 2022 erwarb eine „nette Familie mit vielen Kindern“ die damals seit zehn Jahren unbewohnte Villa Noelle, wie der Berliner Immobilienunternehmer Christian Gérôme damals mitteilte, der beim Kauf vermittelnd tätig gewesen war.
Geplant ist, dem Baudenkmal seine originale Struktur zurückzugeben und es wieder mit Leben zu füllen. 2023 begann die Restauration an dem denkmalgeschützten Gebäude. Statt als Berliner Lost Place Wildschweine und andere Wildtiere zu beherbergen, soll das Anwesen – wie in seinen Anfangstagen – künftig in runderneuerter Pracht wieder zum Lebensmittelpunkt einer Familie werden.



