Literatur

Sebastian Fitzek: „Schaue Böses, um das Gute zu erkennen“

Der Berliner Erfolgsautor Sebastian Fitzek über seinen neuen Roman, Analphabetismus – und die reinigende Kraft von Krimi-Literatur.

Seine Bücher erscheinen demnächst auch in einfacher Sprache: Sebastian Fitzek im Berliner Q Hotel.l

Seine Bücher erscheinen demnächst auch in einfacher Sprache: Sebastian Fitzek im Berliner Q Hotel.l

Foto: Sergej Glanze

Der erfolgreichste deutsche Thriller-Autor, Sebastian Fitzek, lädt zum Interview in einem Hotel an der Knesebeckstraße. Im futuristisch anmutenden Ambiente wirkt der Berliner Autor jungenhaft und unbefangen. Erst im Gespräch merkt man ihm den promovierten Juristen an. Denn wenn es um Recht oder Unrecht geht, argumentiert er sehr präzise und differenziert. Sein neuester Psychothriller, „Das Geschenk“ (Droemer/Knaur, 368 S., 22,99 Euro) spielt in Berlin und auf Rügen und kreist um das Thema Analphabetismus.

Berliner Morgenpost: Sie beschreiben Rügen nicht unbedingt als Urlaubsidylle. Liegt das am Genre, dem Thriller?

Sebastian Fitzek Ich mag Rügen sehr und bin häufig dort. Genauso, wie ich Berlin liebe, die Stadt aber eben nicht so beschreibe, wie es sich das Fremdenverkehrsamt wünscht. Mich interessiert das Morbide im Schönen. Dennoch habe ich Rügen ja fast karibik-ähnlich beschrieben. Schlimme Dinge passieren auch an schönen Orten.

Ihr Kollege Martin Suter beschreibt Heiligendamm aber so, dass man sofort hin will.

Ich skizziere die Region so, wie ich sie erlebe und empfinde. Wenn man nach Schwanenwerder fährt mit den unglaublichen Bauten moderner Architektur, die neben der ehemaligen Goebbels-Villa stehen, sieht man das Schöne, aber auch das Schreckliche. Das interessiert mich. Auch im Grunewald gibt es so etwas, die Villa Nölle, ein Spukbau, fast ein Horrorhaus zwischen herrlichen Gründerzeitvillen.

War diese Villa auch Vorbild für das leerstehende Haus in „Das Geschenk“?

Nein. In der Nähe vom Café am Neuen See ist plötzlich diese schöne Wohngegend, die man da nie vermutet hätte. Das ist Berlin, dass man nur eine Ecke weiter von einer Welt in die nächste Welt fällt. Die Stadt bietet fast alles, bis auf das Meer, deshalb musste ich nach Rügen ausweichen.

In „Das Geschenk“ ist Analphabetismus ein großes Thema. Aufmerksam wurden Sie darauf auf der Leipziger Buchmesse.

Da habe ich die „Alpha-Selbsthilfe“ kennengelernt, einen Selbsthilfeverein von ehemaligen Analphabeten. Mir ist klar geworden, welch heldenhafte Reise diese Menschen häufig zurücklegen mussten, denn von den 6,2 Millionen funktionaler Analphabeten in Deutschland lebt die Mehrzahl in Scham. Lesen- und Schreibenkönnen wird in unserer Gesellschaft vorausgesetzt. Daher leben diese Menschen in der ständigen Angst, entdeckt zu werden.

Sie haben auch mit ihnen gesprochen?

Tim-Thilo Fellmer, hochaktiv in der Selbsthilfegruppe, hat das Buch auch vorab gelesen und sich gefreut, dass im ersten Manuskript viele Rechtschreibfehler zu finden waren. Er hat selbst eine Heldenreise durchlebt, ist durch alle Raster gefallen und hat erst als Erwachsener Lesen und Schreiben gelernt. Darüber hat er ein Buch geschrieben und produziert jetzt Schriften, mit deren Hilfe Analphabeten lesen lernen. Als ich ihn kennenlernte, wusste ich, er ist eine Romanfigur.

Mittlerweile gibt es einige Bücher in einfacher Sprache.

Mein erstes Buch „Die Therapie“ erscheint demnächst in einfacher Sprache. Der Verlag hat schon Klassiker wie „Romeo und Julia“ bis hin zu „Tschick“ verlegt, aber noch keine Thriller. Das hat mich an einen meiner allerersten Leserbriefe erinnert. Eine Pädagogin schilderte die Schwierigkeit, Bücher für Erwachsene mit Leseschwäche zu finden. Als sie herausfand, dass ihre Schüler gerne Thriller schauen, hat sie es mit „Die Therapie“ probiert und Erfolg gehabt.

Die Protagonisten in Ihrem neuen Buch unterhalten sich über das Böse und zitieren sogar „Faust“. Was ist das Böse? Was interessiert Sie daran?

Meine erste Begegnung mit dem Bösen hatte ich zum Glück nur indirekt über ein Buch: „Der Gelbe Stern“ aus der Bibliothek meines Vaters, Geschichtslehrer und Schulleiter des Lilienthal-Gymnasium in Berlin-Lichterfelde. 1930 geboren, hat er noch die Ausläufer des Krieges mitbekommen, und es war ihm ein großes Anliegen, über die Schrecken des Nationalsozialismus aufzuklären. Der Bildband ist das fotografische Standardwerk über den Holocaust. Mich hat damals die Frage angetrieben, wie das möglich sein konnte. War so etwas nur damals möglich oder ist das Böse universell? Meine Mutter hat mir nach der Katastrophe vom 11. September Hoffnung gemacht, als sie meinen Blick weg von den Tätern auf die Helfer lenkte. Die Helfer waren zahlenmäßig überlegen. Ich habe das Urvertrauen, dass das Böse eine Ausnahme ist. In Dantes „Inferno“ heißt es, man muss dem Bösen ins Gesicht schauen, um das Gute zu erkennen. Das ist auch eine Funktion von Kriminalliteratur.

Im Buch sprechen Sie von der Mc-Donald-Theorie.

Bettnässertum, Tierquälerei und Zündelei. Alles Anzeichen, die in jungen Jahren darauf hindeuten, dass etwas problematisch werden könnte. Aber jeder hat ein Rechtsempfinden, das ihm sagt, du darfst nicht töten. Es gibt aber keinen Konsens darüber, wie ich mein Recht durchsetze. Das Gewaltmonopol ist beim Staat. Dennoch ist Selbstjustiz, etwa in amerikanischen Filmen, ein ganz großes Thema. Was ist, wenn ein Vater sein Kind verliert? Der Rechtsstaat muss ihn vor sich selbst schützen. Ich bin ein absoluter Gegner der Todesstrafe und Selbstjustiz. Das individuelle Rechtsempfinden muss sich unterordnen. Ich darf meiner Wut nicht freien Lauf lassen, weil das ins Chaos führt.

Ist die Liebe die Antwort auf das Böse? Zumindest in „Das Geschenk“ scheint das die Botschaft zu sein.

Ja, eindeutig. Tatsächlich stelle ich mir unser Leben als ein gespanntes Seil vor, ein Schicksalsband, das wir durch unsere eigenen Gedanken und Taten zum Guten oder Schlechten verändern können. Ich glaube an die Selbstbestimmung des Menschen.

Hat die Beliebtheit des Thrillers etwas mit unserer Zeit tun? Nichts ist eindeutig, alles kann sich ständig ändern?

Viele sehnen sich nach einem Schwarz-Weiß-Denken ohne Grautöne. Aber die Realität sieht anders aus. Man kann fast jeden Sachverhalt auch von einem anderen Blickwinkel heraus betrachten. Als ich bei Michael Tsokos für unseren Roman „Abgeschnitten“ in der Rechtsmedizin hospitierte, lag eine Babyleiche auf dem Seziertisch: Tod durch Schütteltrauma. Als emotionaler Empath und Familienvater empfand ich Wut. Der Täter und Vater wurde aber freigesprochen. Und jetzt kommt der andere Blickwinkel, den ich im Buch beleuchten kann, der bei Schlagzeilen aber oft zu kurz kommt. Der Vater war beim Prozess tränenüberströmt, ein gebrochener Mann, der die Tat zugab. Er habe geglaubt, das Kind atme nicht mehr, und wollte es wieder wachrütteln. Das Gericht fand seine Aussage glaubhaft. Der Täter wandelte sich vom absoluten Bösen in eine tragische Figur. So ist das Leben, nie eindeutig. Das macht das Thriller-Genre für mich so realistisch.

Steckt hinter Gewalt gegen Kinder häufig Überforderung?

Keiner kriegt ein Kind mit dem Vorsatz, es zu Tode zu schütteln. In der Charité gibt es ein Vorsorge-Programm, das mit Puppen simuliert, was passiert, wenn man Kinder schüttelt. Alle Eltern sollten an solchen Kursen teilnehmen. Denn es kommen Momente der Überforderung, auch bei gut situierten Paaren. Hier tut Aufklärung not und würde den einen oder anderen Todesfall verhindern.