Mitten im Grunewalder Forst können Spaziergänger vom Dickicht des Unterholzes verborgen auf ein seltsames Bauwerk stoßen. Auf einer Lichtung ragt unvermittelt ein einsamer Turm meterhoch in den Berliner Himmel empor – ungenutzt und verlassen. Das weißverputzte Bauwerk, das von seinem Fuß bis zu der Höhe die Baumwipfel über und über mit Efeu berankt ist, wirkt zwischen dem Geäst des Forstes wie einem Märchen entsprungen. Welche Geheimnisse birgt der Rapunzelturm, der bereits vor Jahren zu einem verlorenen Ort geworden ist? Die wichtigsten Infos zu dem Lost Place.

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Das sind die Fakten zum Rapunzelturm im Grunewald:

  • Adresse: Grunewalder Forst, Im Jagen 13, 14193 Berlin-Dahlem
  • Geschichte: Zwischen 1910 und 1920 als einer von fünf Messtürme des Instituts für Geodäsie der Technischen Hochschule zu Berlin als Holzkonstruktion errichtet; Mitte der 1930er-Jahre durch einen Betonbau ersetzt; Ausbildung von Hochschülern an Vermessungsinstrumenten bis zur Aufgabe des Turms in der Nachkriegszeit, danach Leerstand
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place

Wo liegt der Rapunzelturm genau?

Der Turm befindet sich etwa 200 Meter östlich des Hüttenwegs zwischen der Revierförsterei Dachsberg im Westen und dem Restaurant Châlet Suisse im Osten. Das Waldstück liegt im Jagen 13 des Grunewalder Forsts im Ortsteil Dahlem des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: F758+W2, 14193 Berlin.

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Turm am besten mit der Buslinie 285 (Haltestelle Waldfriedhof Dahlem) zu erreichen. Von der Haltestelle folgt man den Hüttenweg bis zur Revierförsterei und gelangt von dort über Wanderwege bis zum Turmareal. Insgesamt benötigt man zu Fuß von der Bushaltestelle etwa 14 Minuten. Achtung: Der Turm ist baufällig und nicht zugänglich. Ein Zaun sichert den Eingang. Das Betreten ist nicht erlaubt. Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Grunewalder Rapunzelturms:

Ausgangslage: Einsame Forschungstürme im Grunewalder Forst

Anfang des 20. Jahrhunderts war der Grunewald am südwestlichen Rand Berlins ein beliebtes Ausweichquartier für Großstädter, die günstigen Baugrund suchten. Da die Innenstadt dicht besiedelt war, drängten immer mehr Hauptstädter in den grünen Speckgürtel der Stadt. Grund und Boden war begehrt und der Königlich Preußische Wald bot noch günstige Waldgrundstücke, die gerodet und dann teuer verkauft werden konnten – bis der 1915 geschlossene Dauerwaldkaufvertrag zwischen dem preußischen Staat, der Forstverwaltung und dem Verband Groß-Berlin dem Treiben ein Ende setzte.

Neben den Immobilienspekulationen spielte der Forst seit der Gründerzeit auch eine nicht unbedeutende Rolle als Forschungsstandort. Vom Grunewald, den Ufern der Havel und des Wannsees gingen immer wieder wichtige Impulse für die Wissenschaft in der Hauptstadt aus – vor allem im Bereich von Signalübertragung und optischer Telegrafie, bei der weite Strecken überspannt werden mussten, und später im Bereich von Funk- und Informationstechnik.

Einer dieser heute längst verlassenen Forschungsstandorte inmitten des Waldes war der Messturm V des Instituts für Geodäsie und Geoinformationstechnik der Technischen Universität Berlin im Jagen 13 – von Anwohnern, nach seinem einsamen, auf einer Waldlichtung gelegenen Standort liebevoll „Rapunzelturm“ getauft. Der Messturm war einer von fünf funktionsgleichen Bauten im Grunewald – von denen aber nur der Turm nördlich des Hüttenweges überdauert hat.

Rapunzelturm im Grunewald: Messstation für die Technische Hochschule

In den 1910er-Jahren suchten die Dozenten der Technische Hochschule zu Berlin in Charlottenburg, der Vorläuferin der TU Berlin, für die praktische Ausbildungsmöglichkeit an Vermessungsinstrumenten fieberhaft nach geeigneten Standorten – und fanden sie im Grunewald. Für die Studenten des Vermessungswesens und später des geodätischen Instituts, das 1927 angegliedert wurde, ließ die Hochschule bis 1920 fünf Messstationen im frisch aufgeforsteten Waldgebiet Dahlems errichten.

Bei den ersten Stationen handelte es sich um Türme mit Beobachtungsplattformen, die als Holzkonstruktionen an Lichtungen gebaut wurden und mit Plattformhöhen von mehr als 20 Metern die Baumkronen überragten, so dass Sichtlinien über weite Entfernungen zwischen ihnen bestanden. An den Messgeräten auf den Plattformen konnten die Studierenden die Vermessung unbekannter Stellen und Grenzmarkierungen trainieren. Die Standorte der fünf Türme spannten im Wald ein Polygon auf, das durch bekannte trigonometrische Messpunkte geeicht war. So konnten die Studierenden auch über weite Strecken terrestrische Detailvermessungen vornehmen.

Rapunzelturm im Grunewald: So endeten die vier Nachbartürme

Von den fünf Türmen ist heute nur noch der Rapunzelturm übriggeblieben. Die Standorte der Türme 1 und 2 lagen nahe der heutigen Clayalle; nordwestlich der Königin-Luise-Straße befand sich Turm 1 (Google-Koordinaten: F76F+CHG Berlin) und am verlängerten Dohnenstieg Turm 2 (F78G+FX4 Berlin). Turm 3 (F77C+Q52 Berlin) wurde westlich des Teichs am Käuzchensteig errichtet und Turm 4 (F75C+WGJ Berlin) am nordöstlichen Ausläufer der damaligen Schießstände des Garde-Schützen-Bataillons, auf dem sich heute die Hüttenwegsiedlung erstreckt.

Alle fünf Messstationen konnten nur einige Jahre zusammen genutzt werden: Das Ende der hölzernen Messstationen begann in den 1940er-Jahren. Turm 2 verschwand mit dem Bau der Wohnsiedlung am Käuzchensteig Anfang der 1940er-Jahre. Zeitgleich wurde wohl auch der Turm 1 aufgegeben und abgerissen. Nach dem Ende des Weltkrieges kam das Ende für Turm 4 in den 1950er-Jahren.

Beständiger waren Turm 3 – der sich an der südlichen Spitze der zwischen 1927 und 1945 bestehenden Tageserholungsstätte des Bezirkamtes Wilmersdorf befand und nach dem Krieg südlich der Jugendherberge Berlin Dahlem im Jagen 11 – und der Rapunzelturm 5. Sie waren Mitte der 1930er-Jahre durch massive Betonkonstruktionen ersetzt worden. Turm 3 bestand bis in die 1990er-Jahre und wurde dann abgerissen.

Rapunzelturm im Grunewald: So ist der Turm aufgebaut

Bei dem Bauwerk handelt es sich um eine Betonkonstruktion, die vom Fuß bis zur Turmspitze etwas mehr als 30 Meter Höhe misst. Auf einem achteckigen Grundriss erhebt sich der an seiner Fassade verputzte Turmschaft bis zur umlaufenden Betonplattform an seiner Spitze. Sie bietet Raum für die Aufstellung von Messgeräten, an denen die Studenten Vermessungsarbeiten vornehmen konnten.

Die Plattform wird durch ein hohes Eisengeländer abgeschlossen. Mittig auf der Messplattform befindet sich die Turmspitze mit gläserner Kuppel, in der der Treppenaufgang endet. Sie wird von einer weiteren, kleineren Betonplattform überdacht, auf der die bekrönenden Mess- und Signalstange angebracht ist. Die über den Turmschaft vorspringende Messplattform ist durch acht horizontale Betonstützen stabilisiert. Im Inneren des Turmschafts befindet sich der Treppenaufgang, der über eine Stahltür am Fuß des Turms erreichbar ist. Einige schießschartenförmige Fenster an den Außenwänden des Turms belüften das Gebäude.

Rapunzelturm im Grunewald: Die Messstation wird zum Lost Place

Mit der Neugründung der Technischen Universität Berlin 1946 übernahm die Hochschule den Turm für Forschungs- und Ausbildungszwecke. Doch die Bedingungen im Vermessungswesen, der Geodäsie und der Geoinformationstechnik änderten sich in den kommenden Jahren durch technische Innovationen rasant. Satellitengestützte Vermessungsmethoden, Laserscanning, globale Positionsbestimmungssysteme (GPS) und moderne Tachymeter revolutionierten das Feld seit den 1960er-Jahren – der Turm im Grunewald wurde immer seltener in der Lehre benötigt und schließlich ganz aufgegeben.

Seit Jahren steht der verlassene Turm leer. Er diente zuletzt Vögeln im Grunewald als exponierte Brutstation und als Ausflugsziel für abenteuerlustige Entdecker, denen das ungewöhnliche, efeuumrankte Bauwerk inmitten des Waldes Anregung zum Erkunden bietet. Der Turm selbst ist nicht zugänglich. Das Gelände ist durch einen stacheldrahtbewehrten Maschendrahtzaun und ein Eisentor gesichert; der Turm abgeschlossen. Der Schlüssel befindet sich beim Eigentümer, den Berliner Forsten.

Rapunzelturm im Grunewald: Und wie sieht die Zukunft aus?

Das Grundstück im Wald, auf dem der Turm steht, ist stark verwildert und macht einen verwunschenen Eindruck. Der Turm ist bis zu seiner Mitte mit Kletterpflanzen umrankt, was zu der märchenhaften Erscheinung dieses Lost Place beiträgt – doch die Bausubstanz haben die Jahre des Leerstandes zugesetzt. Sollte keine neue Nutzungsaufgabe für den einsamen Messturm im Wald gefunden werden, könnten die Tage Rapunzels im Grunewald gezählt sein.

Im Haushaltsplan der TU Berlin von 2015 ist ein Posten zum Messturm V im Jagen 13 verzeichnet. Für den Turm zahlte die Uni eine jährliche Miete von 150 Euro. Im September 2022 wurde der Turm erneut zum Tagesordnungspunkt: Die Nutzungsaufgabe des Turms war Gegenstand einer Sitzung des Fakultätsrats VI „Planen Bauen Umwelt“. Ausgang unklar: Ob der Turm ein Revival erlebt und in welcher Weise müssen wohl die nächsten Jahre zeigen. Jäger verlorener Orte sollten sich in jedem Fall beeilen, wollen sie noch einen Blick auf Rapunzels Turm im Grunewald erhaschen.