Es ist 10.05 Uhr, als die entscheidende Zahl fällt. 310 Stimmen. Zu wenig für Friedrich Merz, zu wenig für die Kanzlerwahl. Augenblicklich ist klar: Dieser Tag wird in die deutsche Geschichte eingehen. Aber anders als geplant.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der Mann, der zum 10. deutschen Bundeskanzler gewählt werden will, sitzt in diesem Moment aufrecht in der ersten Reihe des Parlaments, der Körper angespannt, jeder Muskel in freudiger Erwartung. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner wird in wenigen Augenblicken das Ergebnis verkünden. Doch man sieht ihr an, dass etwas nicht stimmt. Sekundenlang ist es komplett still im Plenum des Bundestags. In diese Stille hinein platzt die Bombe.

Historische Pleite: Das Merz-Debakel in Bildern

Geschafft: Friedrich Merz (rechts) lässt sich nach der Wahl von künftigen Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) drücken.
Geschafft: Friedrich Merz (rechts) lässt sich nach der Wahl von künftigen Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) drücken.© AFP | Tobias Schwarz
Der Bundeskanzler nimmt Glückwünsche von SPD-Parteichefin Saskia Esken entgegen.
Der Bundeskanzler nimmt Glückwünsche von SPD-Parteichefin Saskia Esken entgegen.© AFP | ODD ANDERSEN
Auch die beiden AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla kommen zum Gratulieren.
Auch die beiden AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla kommen zum Gratulieren.© AFP | Tobias Schwarz
Ex-Kanzler Olaf Scholz (SPD) gratuliert seinem Nachfolger.
Ex-Kanzler Olaf Scholz (SPD) gratuliert seinem Nachfolger.© AFP | Ralf Hirschberger
Friedrich Merz fiel im ersten Durchgang durch, erreichte nicht de nötigen 316 Stimmen.
Friedrich Merz fiel im ersten Durchgang durch, erreichte nicht de nötigen 316 Stimmen.© AFP | Tobias Schwarz
Bundestag - Kanzlerwahl
CDU-Fraktionschef Jens Spahn hätte sich den heutigen Tag sicher auch anders vorgestellt.© Hannes P. Albert/dpa | Hannes P Albert
Charlotte Merz (Zweie von rechts) mit ihren Töchtern Carola Clüsener und Constanze Merz (ganz links)
Charlotte Merz (Zweie von rechts) mit ihren Töchtern Carola Clüsener und Constanze Merz (ganz links)© AFP | Ralf Hirschberger
Da war die Stimmung noch gut: Friedrich Merz (CDU) im Gespräch mit dem designierten Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD).
Da war die Stimmung noch gut: Friedrich Merz (CDU) im Gespräch mit dem designierten Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD).© AFP | Tobias Schwarz
Bundestag - Kanzlerwahl
Auch Merz‘ voraussichtliche Vorvorgängerin Angela Merkel (CDU) war im Plenarsaal anwesend.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld
Bundestag - Kanzlerwahl
Auch andere Prominenz wie etwa Astronaut Alexander Gerst waren im Bundestag auf den Tribünen dabei.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld
Bundestag - Kanzlerwahl
Hier ahnt Olaf Scholz (SPD) wohl noch nicht, das seine Kanzlerschaft unerwartet in die Verlängerung geht.© Sebastian Gollnow/dpa | Sebastian Gollnow
New German Government Is Sworn In
Der Schockmoment: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner verliest das Ergebnis. Merz hat nur 310 Ja-Stimmen erhalten und damit seschs weniger als benötigt.© Getty Images | Maja Hitij
Bundestag - Kanzlerwahl
Bei Merz und den Unions-Spitzen ist das Entsetzen nach Merz‘ Scheitern im ersten Wahlgang groß.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler
Bei der AfD ist die Freude dagegen groß. Parteichefin Alice Weidel forderte schon kurz nach Merz‘ Niederlage Neuwahlen.
Bei der AfD ist die Freude dagegen groß. Parteichefin Alice Weidel forderte schon kurz nach Merz‘ Niederlage Neuwahlen.© AFP | Ralf Hirschberger
Bundestag - Kanzlerwahl
Nach der Schlappe zog sich Merz mit seinen Vertrauten wie etwa Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU) in sein Büro zurück.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler
Bundestag - Kanzlerwahl
Nun gibt es Krisengespräche zwischen den Koalitionspartnern: Hier kehrt Lars Klingbeil von einem Gespräch in Merz‘ Büro zurück.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld
Bundestag - Kanzlerwahl
Der designierte Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat bereits mit Noch-Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) gesprochen, die nun auch länger als erwartet im Amt bleibt.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler
Regierungswechsel - Ernennung des Bundeskanzlers
Nach seiner Wahl soll Merz in Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Kanzler ernannt werden.© Bernd von Jutrczenka/dpa | Bernd von Jutrczenka

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ist ein neuer Kanzler nicht im ersten Wahlgang gewählt worden. Auf den Schock folgt wieder Stille. Dann stehen die ersten auf und verlassen den Saal. Charlotte Merz, die oben auf der Besuchertribüne mit ihren beiden Töchtern den wichtigsten Tag im politischen Leben ihres Mannes begleiten will, bleibt noch einen Moment länger sitzen. Konsterniert. Dann verlassen auch die drei Frauen den Saal. Auch Angela Merkel verlässt ihren Platz auf der Tribüne. Sie war gekommen, um ihrem alten Widersacher zu gratulieren.

Politkrimi im Bundestag: Wer hat Merz fallenlassen?

Merz kennt das Gefühl des Scheiterns nur zu gut: Er hat vor zwei Jahrzehnten verloren gegen Merkel, später gegen andere Kandidaten für den CDU-Vorsitz und auch bei der Bundestagswahl blieb er deutlich unter den Erwartungen. Doch dieser Fehlstart ist historisch. Er wird ihn noch lange verfolgen.

Bundestag Holds Vote To Elect Chancellor As New Government Is Sworn In
Friedrich Merz (CDU) bespricht sich mit Lars Klingbeil (SPD).© Getty Images | Maja Hitij

Was nun beginnt, klingt wie ein Politkrimi – ist aber einer der dramatischsten Tage in der jüngeren parlamentarischen Geschichte. Viele Abgeordnete sind überrumpelt, ratlos, unsicher, wie es jetzt weitergeht. „Fragen Sie mich nicht“, ist die häufigste Antwort in den ersten Minuten auf den Fluren des Parlaments. Sicher, es gibt Regeln auch für solche Fälle, aber wer hat die schon in allen ihren Feinheiten auf dem Schirm?

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Während die einen nach einem Weg suchen, wie Friedrich Merz nun doch noch gewählt werden kann, beginnt gleichzeitig die Suche nach den Schuldigen. Wer hat Merz seine Stimme verweigert? Die Kanzlermehrheit liegt bei mindestens 316 Stimmen. CDU/CSU und SPD haben gemeinsam 328 Mandate. Merz aber haben nur 310 Abgeordnete gewählt.

Niemand wars – und doch fehlen mindestens 18 Stimmen

Wütende Unionsleute, enttäuschte Sozialdemokraten? „Wir waren’s nicht“, erklären nahezu wortgleich die Sprecher der beiden Fraktionen. Was rechnerisch nicht stimmen kann. Und gäbe es nicht auch für den einen oder anderen gute Gründe, Merz nicht zu wählen? Die Jusos lehnen den Koalitionsvertrag ab, in der Union gibt es viele, die Merz‘ Schuldenpolitik falsch finden. Und dann sind da noch persönliche Eitelkeiten, enttäuschte Hoffnungen. SPD-Chef Lars Klingbeil hat sich mit seiner Personalwahl nicht nur Freunde gemacht, auch Merz hat manchen vor den Kopf gestoßen, der sich schon in der Regierungsmannschaft wähnte.

Union und SPD hatten vor der Sitzung angegeben, dass ihre Abgeordneten komplett anwesend seien, also 328. Das bedeutet, dass mindestens 18 nicht für Merz gestimmt haben, vielleicht auch mehr. Denn denkbar wäre, dass auch zum Beispiel einige Grüne für Merz gestimmt haben.

Koalitionsvertrag: Darauf haben sich CDU/CSU und SPD geeinigt

Manuela Schwesig, SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, regiert entsetzt: „Ich finde das, was heute passiert ist, unverantwortlich.“ Klingbeil erklärt gegenüber seinen eigenen Leuten, er habe nicht den geringsten Hinweis, dass die SPD nicht vollständig hinter Merz gestanden habe. Das deutliche Mitgliedervotum über den Koalitionsvertrag sei ein Auftrag an die Fraktion. „Und sie erfüllt diesen. Auf uns ist Verlass.“ In der Union sind sie sich genauso sicher: „In so einer Lage stimmt kein Konservativer mit nein.“

Spahn als Krisenmanager: Der zweite Wahlgang wird vorbereitet

Zwei Stunden später tritt Jens Spahn vor die Kameras. Der Mann, dem viele nachsagen, er plane insgeheim schon seinen eigenen Aufstieg ins Kanzleramt, hat gerade erst den Fraktionsvorsitz von Merz übernommen und ist jetzt sein erster Krisenmanager: „Wir werden Friedrich Merz erneut vorschlagen“, sagt Spahn. Er bemüht sich den Eindruck von Ruhe, Kontrolle, Sicherheit zu vermitteln. In der Fraktionssitzung unmittelbar nach der gescheiterten Wahl habe Merz „stehenden Applaus“ von den Abgeordneten bekommen. Wie angespannt Spahn ist, zeigt sich darin, dass er keine Fragen zulässt, immer nur den einen Satz wiederholt: Merz, zweiter Wahlgang, wir schlagen ihn vor.

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Stundenlang geht es nun hin und her: Gibt es einen zweiten Wahlgang noch am Dienstag? Kann Merz wie geplant an diesem Mittwoch zum Antrittsbesuch nach Paris und Warschau reisen? Johann Wadephul, der designierte Außenminister, will ihn auf seiner ersten Auslandsreise als Kanzler begleiten. Er weiß: Eine Absage bei Emmanuel Macron und Donald Tusk wäre nicht nur peinlich. Die ganze Merz-Erzählung von einer neuen deutschen Führungsrolle in Europa fußt auf dem Bild eines kraftvollen Kanzlers, der die Lage unter Kontrolle hat. Der Dienstag passt nicht in dieses Bild.

Jens Spahn und Friedrich Merz nach dem historischen Wahlergebnis.
Jens Spahn und Friedrich Merz nach dem historischen Wahlergebnis.© AFP | Ralf Hirschberger

Geht es am Ende gut? „Ja“, sagt Carsten Linnemann am Mittag. Es ist der gut trainierte Zweckoptimismus des CDU-Generalsekretärs. Was soll er sonst auch sagen. Aber vielleicht erinnert er sich in diesen Stunden an das Bild, das Merz oft im Wahlkampf benutzt hatte: Wenn man das Hemd am Anfang falsch einknöpft, kann man es auf der Strecke nicht mehr korrigieren. In Linnemanns Kopf, man ahnt es, entsteht in diesen Stunden bereits eine neue Erzählung. Eine, die erklärt, dass sowas nun mal zur Demokratie gehört.

Der zweite Wahlgang wird zur Zitterpartie: Merz braucht Linke und Grüne

Zur Wahrheit gehört auch: Das Wahldebakel beschädigt Merz nicht nur, bevor er überhaupt richtig gestartet ist. Es ist eine Drohung für seine gesamte Kanzlerschaft. Bislang galt: 12 Stimmen Mehrheit für seine Regierung, das ist nicht viel, aber kein allzu großes Risiko. Jetzt weiß er: Es ist ein massives Risiko. Es kann bei jeder Abstimmung wieder Schwierigkeiten geben. Und: Die Gefahr, dass Merz-Gesetze am Ende mit AfD-Stimmen beschlossen werden, steigt.

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Hinter den Kulissen reden Union und SPD zu diesem Zeitpunkt mit den Grünen: Um schnell einen zweiten Wahlgang durchführen zu können, ist eine Zweidrittelmehrheit nötig. Weil Union und SPD nicht auf die Zustimmung der AfD bauen wollen, müssten zudem auch die Abgeordneten der Linken mitstimmen. Kurz nach 15 Uhr ist klar: Grüne und Linke ziehen mit. Jens Spahn tritt wieder vor die Kameras und schwingt die appellative Keule: „Ganz Europa, vielleicht sogar die ganze Welt schaut auf diesen Wahlgang.“ Die Kommentare in den internationalen Medien sind tatsächlich bereits drastisch: „Rückschlag“, „Schock“, „politische Krise“, überall großes Kopfschütteln über Deutschland. Diesmal muss es reichen. Alles andere wäre eine nationale Krise.

Um 16.15 Uhr kann Merz aufatmen. Diesmal hat er 325 Stimmen, es sind wieder nicht alle Stimmen von Union und SPD, aber es reicht. Oben auf der Tribüne sitzt wieder seine Frau und applaudiert. Nur Merkel ist nicht noch mal zurückgekommen.