• Zentralvieh- und Schlachthof von Berlin: Die wichtigsten Eckdaten im Überblick
  • Die düstere Geschichte der Berliner Schlachthäuser
  • Wie der Schlachthof in Prenzlauer Berg zu einem Lost-Place verfiel

Vom Schlachthof zum Wohnquartier: Auf dem Gelände des ehemaligen Zentralvieh- und Schlachthofs in Berlin-Prenzlauer Berg ist neues Leben eingezogen. Millionen Tiere fanden hier einst ihr Ende, heute erinnern nur noch wenige Spuren an die dunkle Vergangenheit. Alles über die Transformation des „Bauchs von Berlin“.

Das sind die Fakten zum Zentralvieh- und Schlachthof von Berlin im Überblick:

  • Adresse: Eldenaer Straße 34–46, 10249 Berlin-Prenzlauer Berg
  • Geschichte: Errichtung des Viehhofs 1878–1881 durch den Architekten Hermann Blankenstein; Erweiterung durch Anbauten wie dem Zentralschlachthof (1899) und dem Rinderschlachthaus (1930); VEB Fleischkombinat Berlin in der DDR-Zeit; Betrieb als Schlachthof bis 1991
  • Führungen: Das Museum Pankow hat in der Vergangenheit auf dem Gelände Führungen (Fahrradführungen und Stadtspaziergänge) angeboten. Derzeit sind aber keine Touren zum Schlachthof im Veranstaltungskalender des Museums eingetragen
  • Status: Ehemaliger Lost Place
  • Denkmalnummer: Objekt-Nr.: 09090124
  • Zustand: Eine umfassende Sanierung und Umbau des Geländes findet seit 2002 statt. Heute befindet sich ein neues Wohnquartier auf dem Areal des ehemaligen Schlachthofes. Einzelne Objekte, Gebäudeteile, Schienenanlagen und weitere Spuren des alten Schlachthofes haben sich auf dem Gelände erhalten

Wo lag der ehemalige Zentralvieh- und Schlachthof von Berlin genau?

Der frühere Schlachthof lag zwischen den Gebietsgrenzen von Lichtenberg, Friedrichshain und Pankow an der Eldenaer Straße 34–46 in Prenzlauer Berg. Das Areal des ehemals riesigen Schlachthof-Komplexes befindet sich zwischen der Eldenaer Straße, durch Thaer- und Hausburgstraße verlängert, der Landsberger Allee und der Storkower Straße.

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kann das Areal über den S-Bahnhof Storkower Straße (S41, S42, S8, S85, Bus 156 und 240) – der früher Central-Viehhof hieß – stilecht über die Fußgängerbrücke Storkower Straße erreicht werden. Die Brücke, im Volksmund damals auch "Langer Jammer" genannt, wurde zwischen 1937 und 1940 quer über die Schlachtanlagen errichtet. Sie sollte Bewohnern und Besuchern das ungefährdete Passieren des Hofes erleichtern.

Lange Jammer
Der "Lange Jammer" zwischen Storkower und Eldenaer Straße im Dezember 1993.© picture-alliance/ ZB | Peer Grimm | picture-alliance/ ZB | Peer Grimm

In der Passage über dem Schlachthof war die Brücke mit Milchglasscheiben ausgestattet worden. Fußgängern sollte der blutige Anblick unter sich erspart bleiben. Das Quieken von Tieren in Todesangst vernahm man dennoch.

Donnerstag

Mein Pankow-Newsletter

Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter zu Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Von der ehemals 505 Meter langen Brücke ist nur das 130 Meter lange nordöstliche Teilstück erhalten geblieben. Wem dieser Anweg zu morbide ist: Alternativ kann das Areal auch bequem über den S-Bahnhof Landsberger Straße (S41, S42, S8, S85, Bus 156) oder den Tramhaltestellen Forckenbeckplatz und Proskauer Straße (jeweils M10) erreicht werden.

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Zentralvieh- und Schlachthofs von Berlin:

Ausgangslage: Mehr Hygiene durch öffentliches Schlachthaus

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Berlin eine große Zahl an kaum zu kontrollierenden privaten Schlachthäusern. Um das Treiben in Hinterhöfen, Gassen und Wohnungen zu beenden, kamen in den 1860er-Jahren die Pläne zur Errichtung eines zentralen Vieh- und Schlachthofs in Berlin auf. Die Initiative ging auch auf den berühmten Mediziner Rudolf Virchow (1821–1902) zurück, der sich eine Verbesserung der Hygienestandards bei der Fleischerzeugung in der Stadt versprach.

Ursprünglich plante man ab 1867 mit einem Gelände entlang der Weddinger Voltastraße, entschied sich dann aber für ein unbebautes Grundstück auf der Feldmark – damals noch vor den Toren der Stadt gelegen. Der Berliner Magistrat erwarb 1876 ein knapp 40 Hektar großes Areal und begann mit den Bauarbeiten. In dieser Zeit gehörte das Gelände, auf dem der Schlachthof entstand, zu Lichtenberg. Einige Korrekturen der Ortsgrenzen später – mit zwischenzeitlicher Firmierung in Friedrichshain – zählt das Gelände des Schlachthofs heute zum Ortsteil Prenzlauer Berg.

Zentraler Schlachthof: Der Bauch von Berlin wächst mit der Stadt

Ab 1878 begannen die Bauarbeiten nach Plänen des Brandenburger Architekten und Stadtbaurats Hermann Blankenstein (1829–1910). Der Schlachthof galt bei seiner Eröffnung 1881 als einer der größten und modernsten Anlagen seiner Art in Europa. Über Jahrzehnte versorgte er die wachsende Metropole Berlin mit Frischfleisch. Und mit den Bedürfnissen der Berliner wuchs auch ihr Schlachthof.

Bis zu 15.000 Tiere am Tag landeten hier in Spitzenzeiten unter dem Beil des Schlächters, wurden bis zum letzten Knochen verarbeitet und weiterverkauft. Schon nach dem ersten Betriebsjahr waren rund eine Million Tiere geschlachtet worden und der Bedarf stieg stetig an: Um das Volumen steigern zu können, waren früh bauliche Erweiterungen nötig.

Zentraler Schlachthof: So war der Schlachthof aufgebaut

Das Schlachthof-Areal gliederte sich bei der Eröffnung grob in zwei Teile. Im westlichen Teil befanden sich unter anderem Schweine- und Rinderschlachthaus und Anlagen zur Verwertung des Schlachtgutes. Dieser Teil war durch eine Mauer vom östlichen Viehhof getrennt. Dort standen neben den vier großen Verkaufshallen zahlreiche Ställe sowie die beiden Verwaltungsgebäude und das prunkvolle Börsengebäude, in welchem Tier- und Fleischgeschäfte abgewickelt wurde. Noch weiter im Osten lagen Brachen und der Seuchenhof, auf dem auffällige Tiere von den Herden getrennt werden konnten.

Im Norden schloss sich eigene Gleisanlagen mit Bahnhofsgebäuden zum Entladen des Viehs an: Auf fünf Viehrampen konnten Züge von jeweils 400 Meter Länge gleichzeitig entladen werden. Die Desinfektionsanstalt bewältigte die Reinigung von 50 Waggons pro Stunde. Acht Jahre nach der Eröffnung wurde das Gelände 1889 nach Westen hin erweitert: Zwischen der Thaerstraße und der Landsberger Allee entstand der Neue Schlachthof mit eigenen Schlachthäusern, Ställen, Verwaltungsgebäuden sowie hochmodernen Kühlhäusern. Nach einer kriegs- und inflationsbedingten Stagnation wurde der Schlachthof 1929 durch ein neues Kühlhaus und im darauffolgenden Jahr durch die große Rinderauktionshalle erweitert.

Zentraler Schlachthof: Leitbetrieb in der DDR-Zeit

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Betrieb im Schlachthof unter schwierigen Bedingungen aufrechterhalten. Solange, bis das Gelände 1945 zum Ziel von Luftangriffen wurde. Nur jedes fünfte Gebäude auf dem Alten Schlachthof blieb dabei unzerstört. In der Nachkriegszeit waren die Produktionsstätten zunächst nur noch von geringer Bedeutung.

Lediglich die nähere Umgebung versorgt sich noch mit Fleisch vom Schlachthof. Bis 1948 diente das Gelände außerdem als Kriegsbeutelager. Unter anderem wurden die Bleiglasfenster der Frankfurter Marienkirche von der Roten Armee auf dem Hof gebracht, bevor sie in die Sowjetunion transportiert wurden. Große Brachflächen zwischen den zerbombten Gebäuden wurden auch zur Zwischenlagerung von Trümmerschutt benutzt.

In der DDR-Zeit hielt man an dem Hof fest und nach Sanierungsarbeiten stieg der Zentralvieh- und Schlachthof Berlin ab 1963 als VEB Fleischkombinat Berlin mit knapp 3000 Beschäftigten zu einem Leitbetrieb der fleischverarbeitenden Industrie in der DDR auf. Älteren Anwohnern dürfte der Hof noch in Erinnerung sein: Wer mit der Ringbahn entlang der Landsberger Allee und der Storkower Straße fuhr, konnte dem penetranten Geruch der Schweinställe und den Schlachtgeräuschen kaum entrinnen.

Zentraler Schlachthof: Nach der Wende verfiel der Schlachthof zu einem Lost Place

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Youtube, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Nach der Wende wurden die Kombinate auf dem Hof privatisiert und der Schlachtbetrieb 1991 eingestellt – 110 Jahre nach der Eröffnung gingen in den Hallen und Produktionsräumen des traditionsreichen Standorts die Lichter aus und die Metzger verließen den Schlachthof. Manche von ihnen in Richtung Moabit, wo der gerade erweiterte Fleischgroßmarkt an der Beusselstraße Logistik der Berliner Fleischindustrie übernahm.

Der ehemalige Schlachthof war daraufhin einige Jahre eine Industriebrache und entwickelte sich zu einem Lost Place: Gebäude rotteten auf dem Gelände vor sich hin und der Rost fraß sich durch zurückgelassene Industrieanlagen und Maschinen, die immer wieder Abenteuerlustige anzogen. Allgemein hinterließen Verfall und Vandalismus auf dem weitflächigen Areal ihre Spuren.

Zentraler Schlachthof: Neue Nutzungskonzepte ab Mitte der 1990er-Jahre

Ab 1995 begann die Berliner Stadtverwaltung, Konzepte für die Neubebauung des Areals zu entwickeln. Ein riesiges Neubauquartier sollte im Herzen der Stadt entstehen. Das Gelände wurde in fünf Areale aufgeteilt: Hausburgviertel, Thaerviertel, Blankensteinpark, Eldenaer Viertel und Pettenkofer Dreieck.

Ab 2002 begann die Bebauung des Entwicklungsgebietes Alter Schlachthof. Inzwischen wurden Teile des Areals mit Eigentums- und Mietwohnungen, Reihenhäusern und Stadtvillen bebaut. 2005 wurde der gut fünf Hektar große Hermann-Blankenstein-Park fertiggestellt. Daneben siedelten sich Gewerbezentren an, Supermärkte, Baumärkte und Discounter entstanden. Ein Abschluss der Bauvorhaben ist bis heute nicht Sicht: Noch immer finden sich unsanierte Altbauten und leerstehende Brachflächen, die das Interesse von Investoren wecken.

Zentraler Schlachthof: Denkmalgeschützte Altbauten und neue Projekte

Nach einem Großbrand 2018 auf dem Gelände, wurde das Stadtquartier Mein Prenzlhain auf dem Areal des ehemaligen Neuen Schlachthofes gebaut, in der alten Schlacht-Auktionshallen an der Landsberger Allee entstand das Büro-Quartier "Dstrct", und an der Walter-Friedländer-Straße wurde 2022 ein erster Bauteil eines neuen Quartiers mit Studentenwohnungen, Büros und einer Kita fertiggestellt.

Einige Gebäude und Hallen wurden in die Planungen der Nachwendezeit mit einbezogen und restauriert. Denkmalgeschützt sind unter anderem die Rinderauktionshalle und die verbliebenen Reste der Hammelauktionshalle im Blankensteinpark, die Schlachthallen an der Landsberger Allee und die ehemalige Direktorenvilla an der Eldenaer Straße. Ausflügler finden auf dem Gelände außerdem Teile der alten Außenmauer, markante Klinkerfassaden und Überreste der Schienenanlagen.