Zusammenfassung
- Der ehemalige Fußgängertunnel am Weißenseer Weg stand nach seiner Schließung lange leer und verfiel
- Jugendliche aus dem Kiez hatten eine bessere Idee: einen Jugendklub direkt im Untergrund
- So gelang die spektakuläre Verwandlung vom DDR-Lost-Place zum „Tube“
Es war eine Premiere: Erstmals hatte in Berlin ein ehemaliger Fußgängertunnel einen solchen Umbau erfahren. Die 80 Meter lange Tunnelachse zwischen dem Roederplatz und der Herzbergstraße aus den 70er-Jahren war nach der Wende, Anfang der 2000er-Jahre, stillgelegt worden und dämmerte seitdem ohne Funktion, verwahrlost und verdreckt vor sich hin. Außer Jugendlichen und Obdachsuchenden verirrte sich niemand mehr in die heruntergekommene Unterführung, die im Kiez auch „Tunnel des Grauens“ genannt wurde. Für den Bezirk ein teurer Spaß: Tausende Euro fielen für die Sicherung des Lost Place seit der Stilllegung an – bis es einen kreativen Einfall für eine Zweitverwertung des verwaisten Bauwerks im Untergrund gab. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
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Das sind die Fakten zum ehemaligen Fußgängertunnel am Weißenseer Weg im Überblick:
- Adresse: Weißenseer Weg / Herzbergstraße 160, 10369 Berlin-Lichtenberg
- Geschichte: 1976 als Fußgänger-Unterführung unter dem Straßenbahnkreuz Weißenseer Weg / Roederplatz errichtet; nach der Wende und der Errichtung des Einkaufzentrums „City Point Center“ am Roederplatz 1994 wurde ein niveaugleicher Straßenübergang mit Ampelanlage eingerichtet; der funktionslos gewordene Fußgängertunnel wurde im Jahr 2000 stillgelegt, danach Leerstand und Verfall
- Führungen: Keine; aber immer wieder Veranstaltungen und das „Tube“ kann auch als Veranstaltungsraum gebucht werden. Hier gibt es Infos zu den Modalitäten
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place
Wo liegt der stillgelegte Fußgängertunnel genau?
Der Fußgängertunnel liegt am Weißenseer Weg auf der Höhe der Herzbergstraße 160 im Ortsteil Fennpfuhl des Bezirks Lichtenberg. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: GFGH+VRF Berlin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Areal am besten von der Haltestelle Roederplatz (Tram-Linien 16, 18, M8 und M13) aus. Achtung: Die Tunnelzugänge sind verschüttet; der Tunnel ist nicht zugänglich.
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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Fußgängertunnels am Weißenseer Weg:
Ausgangslage: Fußgängertunnel für die autogerechte Stadt
Die ersten Fußgängertunnel in Berlin entstanden Ende des 19. Jahrhunderts, als die Gleisvorfelder der Bahnhöfe in der Stadt immer größer wurden, eine sichere Überquerung für Passanten nicht mehr möglich schien und – neben Brücken und Überführungen – auch der Gang in die Tiefe gewählt wurde, um die Verkehrswege voneinander zu trennen und Fußgängern weite Umwege zu ersparen. Der erste Fußgängertunnel Berlins eröffnete 1897. Er führte unter dem Gleisvorfeld des damaligen Stettiner Bahnhofs hindurch und verband die Schwartzkopffstraße mit der Feldstraße. Viele weitere Unterquerungen folgten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Bau von unterirdischen Passagen für Fußgänger mit den Planungen für die autogerechte Stadt im Westteil Berlins in den 1960er- und 1970er-Jahren seinen Höhepunkt. Im Osten Berlins gab es zwei bedeutende Planungsabschnitte. Die erste Hochphase begann in den 1960er-Jahren, als die historische Mitte Berlins zu einem sozialistisch geprägten Stadtzentrum umgestaltet werden sollte, der zweite Bau-Boom fiel mit der Errichtung der Plattenbausiedlungen im Zuge des Wohnungsbauprogramms der DDR seit den 1970er-Jahren zusammen.
Fußgängertunnel dienten den DDR-Architekten als wichtiges stadtplanerisches Mittel, um die Verkehrswege in den neuen Stadtquartieren an wichtigen Knotenpunkten zu entzerren. Im 70er-Jahre-Neubaugebiet Fennpfuhl in Lichtenberg-Nord, der ersten zusammenhängenden Plattenbau-Großwohnsiedlung der DDR, war die Hauptmagistrale in Nord-Süd-Richtung die Ho-Chi-Minh-Straße – der heutige Weißenseer Weg –, die auf Höhe des Roederplatzes die Ost-West-Tangente der Herzbergstraße kreuzte. An diesem Verkehrsknotenpunkt verliefen außerdem mehrere Straßenbahnlinien, weswegen Mitte der 1970er-Jahre zur besseren Verkehrswegeleitung ein Fußgängertunnel unterhalb des Weißenseer Wegs gebaut wurde.
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Fußgängertunnel am Weißenseer Weg: So war die Anlage aufgebaut

Als in den 1970er-Jahren das Neubaugebiet, damals noch Lichtenberg-Nord genannt, von den ersten Hochhäusern am Roederplatz seinen Ausgang nahm, wurde ein unterirdischer Zugang zur Straßenbahnmittelinsel des Weißenseer Wegs angelegt, an dem die Haltestelle mehrerer sich kreuzender Straßenbahnlinien lag. Die 80 Meter lange Tunnelachse verband die Kreuzungsecken der Paul-Junius-Straße, an der hinter großen Parkplatzflächen die Sportanlagen am Fennpfuhl und die Volkshochschule Lichtenberg lagen, mit der Straßenseite zur Herzbergstraße, an der das Ortsteilzentrum mit Konsum-Kaufhalle, Dienstleistungswürfel und dem beliebten Gaststättenkomplex Seeterrassen zu finden war.
Mittels überdachter Aufgänge an der Ost- und Westseite mit breiten Treppenanlagen und Rampen konnten die Fußgänger die Unterführung nutzen. Auf kostspielige Rolltreppen – wie sie in den weitläufigen DDR-Fußgängerpassagen am Alexanderplatz verbaut wurden – oder gar Fahrstühle verzichtete man aus Kosten- und Materialgründen. In der Mitte des Fußgängertunnels befand sich ein Treppenaufgang zu den Haltestellen der Straßenbahn.
Das Fußgängergeschoss wurde aus Beton-Fertigteilen gebaut und war funktional gehalten: Die Innenwände erhielten eine Verkleidung aus weißen und orangefarbenen Kacheln. Von den mit breiten Fensterfronten ausgestatteten eingeschossigen Zugängen führten jeweils zwei mit Stahlgeländern gesicherte Treppen von Nord- und Südrichtung und eine daneben verlaufende, abgeknickte Rampe in rund sechs Meter Tiefe, von wo aus ein schnurgerader, gekachelter Tunnel unter dem Weißenseer Weg verlief. Fliesen mit orangefarbenem Pfeil auf blauem Grund wiesen den Weg. Die lichte Höhe des mit Halogenlampen beleuchteten Tunnels betrug etwa 2,40 Meter. Im Tunnel fanden Fußgänger außerdem blau geflieste Toiletten-Räume vor.
Horrortunnel: DDR-Unterführung verkam in den 90ern zur Ruine
Fast ein Vierteljahrhundert lang war der 1976 eröffnete Fußgängertunnel am Weißenseer Weg in Betrieb. Hunderttausende Lichtenberger führte er sicher von einer Kreuzungsseite zur anderen und zur Straßenbahnstation. Doch als nach dem Fall der Mauer und dem Bau des Einkaufszentrums „City Point Center“ der Roederplatz in den 1990er-Jahren umstrukturiert und die Verkehrssituation an der Kreuzung Weißenseer Weg und Herzbergstraße mit Ampelanlagen und niveaugleichen Verkehrsübergängen neu angelegt wurde, verlor der DDR-Tunnel seine Bedeutung. Die weitgehend funktionslos gewordene Unterführung verwahrloste zusehends: Graffiti-Schmierereien, Müll, Unrat und Exkremente; die Anlage galt im Kiez bald als „Tunnel des Grauens“.
Passanten mieden die schlecht beleuchtete Unterquerung; wer sich dennoch in sie verirrte, beschleunigte meist den Schritt. Einzig als Leinwand für Streetart, als Umschlagplatz für geschmuggelte Zigaretten und als Nachtlager für Obdachlose schien das DDR-Relikt noch tauglich. Anfang der 2000er-Jahre zog der Bezirk Konsequenzen: Der Tunnel wurde stillgelegt, die Eingänge an beiden Straßenseiten im Jahr 2000 verschlossen und teils mit Bretterverschlägen und Bauzäunen unzugänglich gemacht.
Wer nach einem Einlass in den Lost-Place-Tunnel suchte, fand ihn in den Folgejahren dennoch. In dem Geistertunnel wurden „Underground“-Partys gefeiert. Jugendlichen im Viertel galt er als Refugium und Treffpunkt. Bis 2009 summierten sich die Kosten für die Sicherung und die Beseitigung von Vandalismusschäden an dem geschlossenen Lost-Place-Tunnel für den Bezirk auf fast 30.000 Euro. Stimmen wurden laut, das ebenso wenig geliebte wie genutzte DDR-Bauwerk abzureißen, mit Betonplatten zu versiegeln oder komplett zu verfüllen, doch noch bevor der Bezirk erste Schritte prüfen konnte, wurde eine noch bessere Lösung gefunden.
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Ex-Fußgängertunnel am Weißenseer Weg: Neue Pläne für den Lost Place
Dass es Teile des Tunnels noch gibt, ist eine Folge der Schließpläne des Bezirks Lichtenberg im Jugendbereich. Bereits im Jahr 2007 hatte der Bezirk geplant, den Bernhard-Bästlein-Club (BBC) für Jugendliche, der sein Quartier im nahe gelegenen Ex-Dienstleistungswürfel an der Bernhard-Bästlein-Straße 3 hatte, aus Kosten- und Kapazitätsgründen aufzugeben. Gegen die Entscheidung regte sich Widerspruch. „Der Jugendstadtrat hat uns damals gesagt: Wenn Sie eine bessere Idee haben, machen Sie einen besseren Vorschlag“, erinnerte sich der Geschäftsführer des Vereins Sozialdiakonische Jugendarbeit in Lichtenberg und damalige Chef der BVV-Grünen-Fraktion Michael Heinisch-Kirch – und diesen machte er, nachdem er die Jugendlichen selbst befragt hatte, welchen Ort sie sich für einen Jugendklub vorstellen könnten: „Und die haben alle geantwortet: der Tunnel“; der stillgelegte Fußgängertunnel am Weißenseer Weg, an dem sie sich ohnehin gern aufhielten.
Die Folge: Der Bezirk initiierte ein Pilotprojekt, bei dem erstmals einem der Berliner Fußgänger-Geistertunnel wieder Leben eingehaucht werden sollte, indem er eine Nachnutzung als Jugendklub erfuhr. Jugendstadtrat Michael Räßler-Wolff lobte das Projekt: „Das ist eine richtig gute Idee.“ Für die Finanzierung – rund 300.000 Euro waren für den Tunnelumbau veranschlagt worden – konnte der Bezirk auf Mittel zurückgreifen, die aus der Rückabwicklung eines städtebaulichen Vertrages mit Filmproduzent Artur Brauner flossen. Der Investor hatte sich verpflichtet, beim Wohngebietsprojekt „Weiße Taube“ nördlich der Landsberger Allee auch in Straßenbau und Jugendklubs zu investieren. Ein Teil der Mittel sollte jetzt in die Sanierungs- und Umbauarbeiten des geplanten Untergrund-Klubs fließen. Ein Name war bereits gefunden: „Tube“ – zu Deutsch: Röhre, U-Bahn oder Tunnel – hatten die Jugendlichen ihre künftige Freizeitstätte getauft.
Kreative Nachnutzung: 2010 begannen die Umbauarbeiten an dem Ex-Fußgängertunnel
„Nie wieder Nachbarschaftsbeschwerden wegen Lärm - das wird so schön“, freute sich Heinisch-Kirch auf den Umzug. Bis dahin waren aber noch erhebliche Anstrengungen vonnöten, um den alten und verfallenen DDR-Fußgängertunnel zu einem angemessenen Domizil für den Tube-Jugendklub, ehemals BBC, zu machen – mit tatkräftiger Unterstützung der Jugendlichen, die sich an Planung und Umsetzung beteiligten. Die BVV Lichtenberg erteilte im Jahr 2009 die Baugenehmigung. Im August 2010 konnten die Umbauarbeiten beginnen.
Das Umfeld wurde in einer öffentlichen Aktion aufgeräumt und neu hergerichtet, dann begann die Sanierung des auf der Ostseite der Straße befindlichen Flachbaus, der zum Eingangshäuschen für das „Tube“ wurde und mit farbigen Fliesen, einem von den Jugendlichen gestalteten Graffiti-Wandbild und „Tube“-Logo zu einem markanten Farbtupfer am Weißenseer Weg wurde. Es folgte die Sanierung der unterirdischen Teile der Anlage, die zum Teil eingerissen, umgebaut und erneuert wurden. Fliesen, Wände und die alten Türrahmen wurden herausgestemmt, Böden gegossen, eine Zwischendecke eingezogen und die Treppen zu Zuschauerrängen umgebaut.
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„Tube“ seit 2011: Berlins erster Jugendklub in einem Ex-Fußgängertunnel
Etwa die Hälfte des ehemaligen Fußgängertunnels dient heute dem Jugendklub als nutzbare Fläche – 40 Meter Ex-Tunnel: 340 Quadratmeter. Auf der westlichen Straßenseite begannen die Tiefbauarbeiten, mit denen der Aufgang an dieser Straßenkreuzung beseitigt wurde. Übrig blieb ein neu gemauerter Notausgang. Auch die Treppe zur Straßenbahn wurde abgerissen und durch einen einfachen Be- und Entlüftungsschacht ersetzt. An die Stelle der ehemaligen Toilettenräume traten ein Büro, neue Toiletten, ein Clubraum, eine Küche und ein Technikraum. Aus der früheren Tunneltreppe wurde ein Zuschauerrang für den Veranstaltungssaal. „Die Konzertbühne werden die Jugendlichen selbst bauen“, sagte Lars Blüml, ehemaliger Projektleiter des BBC, zum Auftakt der Arbeiten. Die Bühne wurde zum Herzstück des Jugendklubs. Daneben entstanden Bandprobenräume und sechs jeweils 15 Quadratmeter große Gruppenräume hinter neu eingezogenen Trennwänden, die für Nachhilfe, Berufsorientierung und andere Angebote des Jugendklubs genutzt werden.
Am 14. September 2011 bezog der Klub offiziell die neuen Räumlichkeiten. Damit hatte der mehr als zehn Jahre verwaiste und vollkommen marode Ex-Fußgängertunnel am Weißenseer Weg endlich eine neue Bestimmung gefunden. Die Trägerschaft für den Cube-Jugendklub hatte bereits 2008 der Verein für sozialdiakonische Jugendarbeit Lichtenberg übernommen, der in den unterirdischen Räumlichkeiten unter anderem außerschulische Bildungsangebote, sportbezogene Jugendarbeit und Jugendberatung, aber auch Events wie Kochworkshops und Filmabende anbietet. Eine Übersicht des aktuellen Angebots findet sich auf der Tube-Internetseite der „SozDia“-Stiftung.



