Im früheren Kiez-Kino Lichtenbergs gingen 2004 endgültig die Lichter aus. Das traditionsreiche Lichtspielhaus Venus an der Degnerstraße in Alt-Hohenschönhausen wurde geschlossen – und anschließend zu einem der vielen Lost Places der Hauptstadt. Mehr als 20 Jahre lang war unklar, was mit dem Standort geschehen soll, der ursprünglich ein Depot der Elektrischen Kleinbahn Hohenschönhausen beherbergte und auf dem seit der Nachkriegszeit Filme über die Leinwand flimmerten. Eine Legende im Kiez, bis in der Nachwendezeit der Konkurrenzdruck durch ein Multiplex-Kino zu groß wurde. Das ehemalige Kino Venus drohte nach Jahren des Leerstands und der Vernachlässigung zu einer modernen Ruine zu verfallen. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zum Kino Venus im Überblick:

  • Adresse: Degnerstraße 9, 13053 Berlin-Alt-Hohenschönhausen
  • Geschichte: Depot der Elektrischen Kleinbahn Berlin–Hohenschönhausen; ab 1929 Nährmittelfabrik des Unternehmers Carl Bresin, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde; nach Kriegsende Wiederaufbau als Kino Uhu; Ende der 1950er-Jahre verstaatlicht und ab 1966 als Kino Venus geführt; in den 1970er- und 1980er-Jahren außerdem zweite Spielstätte des Kabaretts „Die Distel“; nach der Wende reprivatisiert; Stilllegung als Filmspielstätte 2004; seitdem Leerstand
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place. Das Kinogebäude wurde saniert und zu Gewerbe- und Wohnraum umgebaut

Wo lag das Kino Venus genau?

Das Kinogebäude lag an der Degnerstraße 9 im Ortsteil Alt-Hohenschönhausen des Bezirks Lichtenberg. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit der Tramlinie M5 (Haltestelle Freienwalder Straße) zu erreichen. Von der Tramstation benötigt man etwa drei Minuten zu Fuß entlang der Konrad-Wolf-Straße und der Degnerstraße bis zu dem Grundstück. Achtung: Das verlassene Kinogebäude wurde saniert und zum Wohn- und Gewerbebau umgebaut. Es handelt sich um Privatgelände. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Kinos Venus:

Ausgangslage: Berlin – eine Stadt der Filmbegeisterten

Werkstatt von Max Skladanowsky
Werkstatt von Max Skladanowsky: Der Schausteller und Erfinder entwickelte mit seinem Bioskop 1895 einen Vorläufer des beweglichen Films.© picture-alliance / akg-images | akg-images

Paris gilt als die Geburtsstätte des Films. Doch zeitgleich zu den Franzosen ebneten Ende des 19. Jahrhunderts die Geschwister Skladanowsky im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg den Weg für die Entstehung des modernen Kinos. Die Bioskop-Aufnahmen der Skladanowskys waren der Startschuss für die deutsche Filmindustrie, die Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem glamourösen Höhenflug ansetzte. Klassiker wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), Metropolis (1927) und Fritz Langs „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) lockten scharenweise Publikum ins Kino.

Das Zentrum der Filmbegeisterung: Berlin. Nirgendwo sonst in Europa gab es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine ähnliche Dichte an Filmtheatern. Vom nördlichen Stadtrand bis zum Süden der Metropole wurde die Stadt von einem Netz von Lichtspielhäusern überzogen. Allein im 1920 eingemeindeten Hohenschönhausen existierten bis zum Zweiten Weltkrieg vier Häuser, die sich im Bereich öffentlicher Filmvorführungen Konkurrenz machten: Das Reform-Theater, mit gemischtem Programm und Eintrittspreisen von 30 bis 60 Pfennig, die Hohenschönhausener Tonlichtspiele in der Konrad-Wolf-Straße, die Hohenschönhausener Lichtspiele und das Solita Sonnen-Lichtspiel-Theater an der Werneuchener Straße und der Landsberger Allee. Doch mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war keines der Kinos mehr in Betrieb. Hohenschönhausen fehlte eine Filmspielstätte – eine Lücke, die erst mit dem 1947 eröffneten „Uhu“ geschlossen wurde.

Ehemaliges Kino Venus: Als Straßenbahn-Depot um die Jahrhundertwende errichtet

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Um die Jahrhundertwende wurden die Pferdeomnibusbahnen in und um Berlin durch elektrische Straßenbahnen ersetzt. Das Bild zeigt Schaffner der „Großen Berliner Straßenbahn“ in Berlin-Charlottenburg, 1898.© picture alliance / dpa-Zentralbild | Agentur Voller Ernst

Bevor sich an der Degnerstraße die Pforten für zahlendes Publikum öffneten, blickte der Kino-Standort bereits auf eine bewegte Geschichte zurück: Ursprünglich befand sich an diesem Ort die Gleisschleife und das Depot der Elektrischen Kleinbahn Berlin-Hohenschönhausen. Ohne Bahnzugang konnte kein Terrain entwickelt werden: So auch in Hohenschönhausen, das sich seit den 1890er-Jahren in ein beliebtes Domizil wohlhabender Berliner verwandelte und nicht unverdient den Beinamen „Wannsee des Nordens“ trug.

Neben den Villenvierteln entstanden Ausflugslokale, ein Strandbad und südlich der heutigen Konrad-Wolf-Straße Gewerbegebiete und Arbeitersiedlungen. Den Nahverkehr bewerkstelligte die Pferdeomnibus-Linie nach Berlin, die 1899 durch die erste elektrische Straßenbahn ersetzt wurde. Betreiber war bis 1906 die Nürnberger „Continentale Gesellschaft für elektrische Unternehmungen“, danach die „Neuen Berliner Straßenbahnen Nordost“, die 1910 in die „Große Berliner Straßenbahn“ (GBS) aufging.

Ehemaliges Kino Venus: Im Zweiten Weltkrieg durch Bombentreffer zerstört

Neben der Wagenhalle an der Degnerstraße befand sich ein Verwaltungsgebäude der Straßenbahn und ein Elektrizitätswerk zur Stromversorgung der Linie, die sich ausgehend von Alt-Berlin bis zur Endhaltestelle an der Dorfschule in Hohenschönhausen erstreckte. Die GBS beförderte Anfang der 1910er-Jahre rund vier Millionen Fahrgäste, wurde nach dem Ersten Weltkrieg 1919 kommunalisiert und damit Bestandteil des 1929 von der BVG übernommenen Berliner Straßenbahnnetzes.

Im selben Jahr wurde das Straßenbahndepot in Hohenschönhausen aufgegeben, da es für den Betrieb des Netzes nicht mehr benötigt wurde. Neuer Pächter der Immobilie wurde der Unternehmer Carl Bresin, der 1929 in der Werkhalle eine Nährmittelfabrik einrichtete, die bis in die Kriegsjahre Lebensmittel produzierte. Bei Bombenabwürfen der Alliierten 1942/1943 wurde das Gebäude und die Fabrik so schwer beschädigt, das sie nicht mehr genutzt werden konnte.

Ehemaliges Kino Venus: Wiederaufbau des „Uhu“ aus Trümmerschutt

In den Jahren nach Kriegsende erwarb das Unternehmer-Ehepaar Anna und Georg Reichardt das Grundstück an der Degnerstraße. Ihr Traum: Aus der Ruine des alten Straßenbahndepots und der Fabrikhallen sollte ein modernes Lichtspieltheater werden. Buchstäblich aus Trümmerschutt ließen sie das Gebäude wiederaufbauen, bestuhlten den Saal, strichen Wände als Leinwandersatz weiß und ließen Projektoren einbauen. 1948 war es soweit. Die „Uhu-Film-Bühne“, deren großer Saal bis zu 586 Zuschauern Platz bot, feierte Eröffnung.

Hohenschönhausen, das nach dem Krieg als Ortsteil von Weißensee zur sowjetischen Besatzungszone des geteilten Berlins und später, nach der Gründung der DDR, zur ostdeutschen Hauptstadt gehörte, hatte wieder ein eigenes Kino. Ein Uhu, der während der Wiederaufbauarbeiten in dem ehemaligen Depot nistete, soll dem Haus seinen Namen gegeben haben. Gespielt wurde ein Programm aus dem Fundus des DEFA-Filmverleihs, der 1950 in den Progress Film-Vertrieb und 1955 in den Progress Film-Verleih überging: Kinder-, Spiel und Dokumentarfilme – soweit sie die DDR-Zensur freigab.

Ehemaliges Kino Venus: Verstaatlichung des Privatkinos Ende der 1950er-Jahre

In den ersten zehn Jahren führte eine kleine Freitreppe direkt in den Saal des Kinos, dessen einstöckiges Gebäude eine Grundfläche von rund 550 Quadratmetern einnahm. Die ehemalige Werkhalle wurde von einem Spitzdach abgeschlossen. 1957 wurde das Kino durch einen Baldachin über der Eingangstreppe erweitert. Es war die letzte Baumaßnahme, die die Reinhardts an ihrem Filmspielhaus ausführen ließen. 1959 mussten sie aufgrund von Verstaatlichungsmaßnahmen das Kino an den Berliner Magistrat verkaufen, der das Hohenschönhausener Kino nach größeren Umbauten und technischer Erneuerung 1966 in Kino Venus umbenennen ließ.

Die „Berliner Zeitung“ berichtete 1966 von der bevorstehenden Wiedereröffnung: „Ab 1. September flimmert es nach zehn Monaten Umbauzeit wieder auf der Leinwand dieses kleinen Lichtspielhauses in der Degnerstraße.“ Über die Umbauarbeiten wusste die Zeitung zu berichten, dass es das ehemalige „Briefmarkenformat“ der weißen Wand nicht mehr gebe. Die neue Projektionsfläche sei 3,76 Meter hoch und 9,65 Meter breit. Ein geräumiges Foyer und eine weitläufige Kassenhalle seien angebaut worden. Der stark ansteigende Zuschauerraum garantiere gute Sicht von allen Plätzen. Die vierzehn Stuhlreihen aus goldbraunen Klappstühlen ständen in einem mit Edelholz getäfeltem Raum, der von der Bühne durch einen roten Plüschvorhang getrennt sei. Das Kino werde mit einer Sondervorführung der DEFA-Produktion „Lebende Ware“ (1966) wiedereröffnen.

Ehemaliges Kino Venus: Ausverkaufte Vorstellungen des Kabaretts „Die Distel“

DDR-Kabarett "Die Distel" in Hamburg
Das DDR-Kabarett „Die Distel“ bei einem Gastspiel an der Universität in Hamburg im Februar 1965.© picture-alliance/ dpa | Lothar Heidtmann

Mit dem Foyer und dem eingeschossigen, durchfensterten Vorbau, der dem eigentlichen Saal des VEB Berliner Filmtheater „Venus“ vorgesetzt wurde, sowie den weiteren Umbauten – insbesondere der neuen Bestuhlung – erhöhte sich zwar der Komfort für die Besucher des kleinen Kiez-Kinos beträchtlich, in Kauf genommen wurde dafür aber eine Verringerung der maximalen Kapazität im Hauptsaal.

Ab 1976 richtete das Berliner Kabarett „Die Distel“ im Kino eine zweite Spielstätte ein. Die Vorstellungen in den 1970er- und 1980er-Jahren mit eigenem Team, die in einem zweiten kleineren Saal des Hohenschönhausener Kinos stattfanden, waren zur damaligen Zeit annähernd immer ausverkauft. Planungen für weitere Sanierungen, wie die Erneuerung der Fassade der alten Halle, wurden in den nachfolgenden Jahren immer wieder verschoben.

Ende der 1970er-Jahre ging das Kino in die Verantwortung der Bezirksfilmdirektion (BFD) Berlin über – der Nachfolgeeinrichtung des VEB Berliner Filmtheater. Der BFD oblag die Aufsicht über die Filmtheater Berlins, wobei sie nach Vorgaben des Ministeriums für Kultur der DDR handelte. In Hohenschönhausen gab es weitere Modernisierungsmaßnahmen: Durch Vergrößerung der Reihenabstände im Hauptsaal wurde die Kapazität des Kinos auf 337 Sitze verringert.

Ehemaliges Kino Venus: Reprivatisierung nach der Wiedervereinigung

Nach der Wiedervereinigung wurde das Kino in den 1990er-Jahren (re-)privatisiert. Neuer Inhaber war seit 1993 der Unternehmer Peter H. Vollmann, der mit den Vollmann Filmtheaterbetrieben noch weitere Berliner Kiezkinos führte – wie beispielsweise das Thalia in Lankwitz. Einige Jahre blieb das Kiezkino Venus an der Degnerstraße auch nach der Wende das einzige Kino in Hohenschönhausen. Das änderte sich Ende der 1990er-Jahre als große Neubauten ihre Schatten vorauswarfen. Die Zeit der Multiplex-Kinos mit Hollywood Blockbuster-Programm erreichte den Ortsteil, als im Dezember 1998 das Cinemaxx-Multiplexkino am S-Bahnhof Hohenschönhausen eröffnete.

Wenige Wochen zuvor, am 1. August 1998, hatten die Vollmann Filmtheaterbetriebe aus wirtschaftlichen Gründen das Handtuch geworfen. Das Venus-Kino stellte zum ersten Mal nach 50 Jahren seinen Filmbetrieb ohne Aussicht auf Wiedereröffnung komplett ein. Die Zukunft schien ungewiss. Doch schon bald meldeten sich Interessenten, die den Betrieb wiederaufnehmen wollten. Neuer Pächter wurde Uwe Feld, der auch das Kino Rio in Weißensee und den Blauen Stern in Pankow mitbetrieb. Nach einem Blitzumbau nahm das Venus am 10. Dezember 1998 – genau einen Tag vor der Eröffnung des Cinemaxx am Prerower Platz – seinen Spielbetrieb wieder auf. Für den zweiten Anlauf veranlasste der Kinobesitzer eine Unterteilung in zwei Abspielstätten, Venus 1 und Venus 2 mit 295 Sitzplätzen im ehemaligen Kinosaal und 48 Sitzplätzen im ehemaligen Distel-Saal. Es wurde rund 150.000 DM in den Umbau investiert, wobei der größere Saal eine komplett neue Digitaltontechnik und neue Bestuhlung erhielt.

Ehemaliges Kino Venus: Leerstand und Lost Place seit 2004

Closed red stage curtain of a theater
Der Vorhang fällt für das Kino Venus: Ein zweiter Versuch das Kiez-Kino zu beleben scheitert 2004. © picture alliance | Gravante

Mit einem Programm von DEFA- und Szene-Produktionen, die sich an Familien, Kitas und Schulen wandte, konnte sich das Venus-Kino der Konkurrenz in den 2000er-Jahren nicht erwehren. Im Jahr 2004 musste der Betreiber wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten und der inzwischen veralteten Technik schließen. Der vordere an der Straße gelegene Anbau diente noch einige Zeit als gelegentlicher Kulturtreff, dann erloschen die Lichter an der Degnerstraße endgültig – die Lautsprecher waren verstummt, die Projektoren erloschen. Seitdem stand das Gebäude leer.

Zwanzig Jahre lang blieb die Problemimmobilie an der Degnerstraße ein Lost Place, der mit den Jahren des Leerstandes zu einer modernen Ruine zu verkommen drohte. Die Bausubstanz des ehemaligen Kinos litt sichtlich. Generationen von Hohenschönhausenern hatten hier erste Filmabende und Kabarettbesuche erlebt. Jetzt mussten die Anwohner dabei zusehen, wie das Dach marode wurde. An den grauen Rohputzfassaden der einstigen Werkhalle und den Schaufenstern des Vorbaus mehrten sich großflächig die Graffitis – dabei mangelte es nicht an Plänen für eine Revitalisierung des Standorts.

Ehemaliges Kino Venus: Umbau zu Büros und Luxus-Lofts

Seit 2004 hatte der Berliner Liegenschaftsfonds die Immobilie ausgeschrieben. 260.000 Euro erhoffte man sich ursprünglich als Erlös – und bestand nicht zwingend auf eine Weiternutzung als Kino. 2006 erwarb die Elan Technologie GmbH Berlin die Immobilie.

Auf einer Fläche von 800 Quadratmetern sollten Werkstätten, Büros und Lofts neu errichtet werden. Die Firma plante, dort auch ein City-Hybridfahrzeug zu entwickeln und damit das einstige Straßenbahndepot wieder im Sinne von Verkehr und Mobilität zu nutzen. Im Sommer 2007 wurde der „Venus“-Schriftzug am Gebäude und die Fenster und Kassenhäuschen im Foyer entfernt. Danach fanden kleinere Umbauarbeiten statt, doch die geplante Neunutzung verlief im Sande. Der Investor meldete Insolvenz an und wurde 2012 liquidiert. Es dauerte bis Mitte der 2010er-Jahre, bevor sich am ehemaligen Venus-Kino wieder etwas tat.

2015 zog die Wemod-Wohneinheitenmodernisierungs GmbH in die Räumlichkeiten. Das Gebäude wurde grundlegend saniert und modernisiert, wobei die verschiedenen Räumlichkeiten in Wohnungen und Gewerberäume umfunktioniert wurden. Im Zuge der Umbaumaßnahmen wurde das Dach der alten Werkhalle durch ein Flachdach mit anliegenden Terrassen und großzügig dimensionierter Solaranlage ersetzt.