Werbefreie Zone mit stabilen Preisen, solange der Vorrat reichte – und nach der Wende Brachland. Kaum jemand interessierte sich noch für die alte DDR-Halle, die am Rande des Kleingärtnervereins „Land in Sonne“ in Lichtenberg vor sich hindämmerte, seit sich der Nachnutzer – eine westdeutsche Lebensmittelkette – in den 2000er-Jahren aus der Bewirtschaftung zurückgezogen hatte. Die Konsumhalle, die Jahrzehnte lang dabei geholfen hatte, die Versorgung der Nachbarschaft mit Lebensmitteln zu decken, versprach kaum noch Rendite abzuwerfen. In den folgenden Jahren rottete sie als eine der vielen Problemimmobilien Berlins vor sich hin. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zur Konsum-Kaufhalle Wartenberger Straße im Überblick:

  • Adresse: Wartenberger Straße 51, 13053 Berlin-Alt-Hohenschönhausen
  • Geschichte: 1977 als Kaufhalle der Konsum-Genossenschaft eröffnet worden; nach der Wende wurde das Grundstück in den 1990er-Jahren von der Genossenschaft erworben; das Kaufhallengebäude erfuhr eine Nachnutzung durch eine westdeutsche Supermarktkette; 2009 schloss die Kaufhalle, danach Leerstand
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place. 2020 wurde die Kaufhalle zugunsten eines Supermarkt-Neubaus abgerissen

Wo lag die Konsum-Kaufhalle Wartenberger Straße genau?

Die ehemalige DDR-Kaufhalle lag an der Adresse Wartenberger Straße 51 im Ortsteil Alt-Hohenschönhausen des Bezirks Lichtenberg. Sie war umgeben von den Kleingärten des Vereins „Land in Sonne“. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: HG46+3M Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Areal am besten mit den Straßenbahnlinien M4, M5 und M17 (Haltestelle Anna-Ebermann-Straße). Achtung: Von der DDR-Kaufhalle haben sich keine Spuren erhalten. Auf dem Gelände befindet sich jetzt ein Netto Marken-Discount. Es handelt sich um Privatgelände. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Konsum-Kaufhalle Wartenberger Straße:

Ausgangslage: Propagandaschlacht am deutsch-deutschen Tiefkühlregal

Während viele Westdeutsche in der Wirtschaftswunderzeit Anfang der 1950er-Jahre beim Einkauf bereits wieder die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Produkten hatten, mussten sich ihre ostdeutschen Verwandten noch in einer Mangelwirtschaft zurechtfinden. Hinter dem Eisernen Vorhang beobachtete die DDR-Führung die Entwicklung an westdeutschen Fleisch- und Käsetheken aufmerksam. Bereits mit dem Beginn des Kalten Krieges war die Versorgungslage der Bevölkerung als einer der Propagandaschlachtfelder der Blockkonfrontation erkannt worden. Jetzt begann der selbsterklärte Arbeiter- und Bauernstaat mit der Aufholjagd an der Kühltruhe.

In der DDR waren es vor allem zwei Einzelhandelsorganisationen, die das Land von Mecklenburg-Vorpommern bis Thüringen mit Filialen überzogen hatten: die 1948 gegründete Handelsorganisation (HO) und das in der Kaiserzeit gegründete, genossenschaftlich organisierte Konsum. Vereint im Mangel lieferten sich die beiden Handelsketten zwar keine Preisschlachten wie ihre westdeutschen Pendants, die einzelnen Niederlassungen konnten sich aber stark voneinander unterscheiden. Seit Anfang der 1960er-Jahre experimentierten beide Versorger mit Selbstbedienungskonzepten in größeren Kaufhallen – die sozialistische Antwort auf den Supermarkt des Westens. Eine der DDR-Einkaufshallen: die 1977 eröffnete Konsum-Kaufhalle in der Wartenberger Straße in Lichtenberg.

Konsumgenossenschaft Berlin: KGB stieß im Westen auf Misstrauen

Konsum-Genossenschaft
Seit 1914 war das denkmalgeschützte Haus in der Josef-Orlopp-Straße 32 in Lichtenberg das Sitz der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend eG.© picture-alliance / ZB | Jens Kalaene

Als die Konsumgenossenschaft Berlin in den 1950er-Jahren in die Planwirtschaft der DDR eingegliedert wurde, blickte sie auf eine lange Geschichte zurück: Die ersten Einkaufsgenossenschaften waren nach englischem Vorbild in den 1860er-Jahren in Berlin entstanden und hatten sich in den 1890er-Jahren zu gemeinschaftlichen Genossenschaften zusammengeschlossen. 1899 war die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend (KGB) mit Sitz in Lichtenberg gegründet worden, der 1908 bereits mehr als 10.000 Mitglieder angehörten.

In der NS-Zeit waren die Konsum-Genossenschaften als marxistische Unterwanderung verfolgt und der Berliner Zweig 1935 aufgelöst worden. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ermöglichte der Befehl Nr. 176 der sowjetischen Militäradministration die Wiederaufnahme der Verbrauchsgenossenschaft. Im kriegszerstörten Berlin halfen die provisorisch zusammengezimmerten Konsum-Verkaufsstellen der Lebensmittelknappheit in der Bevölkerung Herr zu werden – doch im Westen blickte man spätestens nach der Berlin Blockade 1948/1949 und der Gründung der DDR mit Argwohn auf die KGB, deren wenige Westberliner Mitglieder polizeilich überwacht wurden.

Konsumgenossenschaft Berlin: Jedes Kind wusste den Weg zum nächsten Konsum

Foto: Henry H. Herrmann Thema: Konsum Kaufhalle in Berlin Koepenick 1969
Den Weg zum nächsten Konsum wusste in der DDR jedes Kind: Kaufhalle in Berlin-Köpenick 1969.© picture alliance / Eventpress | Henry H. Herrmann

Im Osten wurden die Konsum-Filialen und Konsum-Kaufhallen zum vertrauten Anblick: Jede Kind in der DDR kannte den Weg zum nächsten Konsum. Rund 30 Prozent des DDR-Einzelhandelsumsatzes erfolgte in Konsum-Niederlassungen.

Ende 1989 zählte die Berliner Konsumgenossenschaft rund 280.000 Mitglieder. Sie war eine der größten Handelsgenossenschaften der Welt, beschäftigte 14.000 Mitglieder, unterhielt 785 Verkaufsstellen, 62 Kaufhallen in ganz Ostberlin, 11 Kaufhäuser und 79 Clubgaststätten, ein Hotel und zwei eigene Produktionsbetriebe. Hatte man noch bis Ende der 1950er-Jahre Lebensmittelkarten benötigt, um im örtlichen Konsum einzukaufen, setzte die Berliner Konsumgenossenschaft in den 1960er-Jahren vermehrt auf Selbstbedienung in größeren Kaufhallen.

Konsum-Kaufhalle Wartenberger Straße: So war die Konsum-Filiale aufgebaut

Konsum
Industrieschornstein und Handsichel bilden ein K: das markante Markenzeichen der ehemaligen DDR-Handelskette Konsum.© picture alliance / zb | Jens Wolf

Die Kaufhalle an der Wartenberger Straße in Lichtenberg wurde Mitte der 1970er-Jahre geplant und auf einem knapp 5000 Quadratmeter großen Grundstück am Rande der Parzellen des Kleingartenvereins „Land in Sonne“ realisiert. Es handelte sich um einen typischen eingeschossigen Hallenflachbau in Leichtmetallbauweise aus Fertigteilstützen, Fertigteilriegel und Fertigteildeckenplatten zusammengebaut. Charakteristisch war die trapezförmige Spannbetondachkonstruktion: ein zickzackförmiges Dach, das im Fachjargon VT-Falte genannt wird.

Am überdachten Eingangsbereich mit Vorplatz im Südwesten wies das rote Konsum-Logo – ein Industrieschornstein und eine Handsichel bildeten ein großgeschriebenes K – den Verbrauchern den Weg. Östlich der Markthalle, die eine Grundfläche von rund 1200 Quadratmeter einnahm, befanden sich Kundenparkplätze; auf der nordwestlichen Seite der Anlieferungsbereich. Im Südwesten der Halle lag vor dem überdachten Eingangsbereich ein gepflasterter Vorplatz.

Konsum-Kaufhalle Wartenberger Straße: Spartanische Sachlichkeit im Inneren

Im Inneren bot die 1977 eröffnete Filiale, die gleiche spartanische Sachlichkeit, die man aus anderen Kaufhallen der Republik gewohnt war: gesellschaftspolitische Parolen statt Reklame, schlichte Präsentation, in Regalen aufgestapelte Grundnahrungsmittel und Konsumgüter. Preise vergleichen konnte man sich sparen. Die Festsetzung des Einzelhandelsverkaufspreises (EVP) erfolgte unter staatlicher Aufsicht durch das Amt für Preise beim Ministerrat. Außer den bekannten Ostmarken – Wernesgrüner, Vita Cola, Nudossi, Spee & Co. – bezog die Kaufhalle auch Frischwaren, die von den Kleingärtnern der Umgebung angeliefert wurden.

Kaufhalle Wintergartenstrasse Leipzig
Im Inneren waren die DDR-Kaufhallen häufig recht ähnlich sortiert: Aufnahme aus der Kaufhalle an der Wintergartenstraße am Hochhaus in Leipzig, 1981.© picture-alliance / akg-images | akg-images

Jeden Sonntag lieferten die Mitglieder des Kleingärtnervereins „Land in Sonne“ ihre Erzeugnisse, Obst und Gemüse, bei der Kaufhalle ab. Noch im August 1989 – wenige Wochen vor dem Mauerfall – lobte der Kreissekretär Bernd Matzner im Neuen Deutschland, dass die Zusammenarbeit der Hohenschönhausener Kleingärtner mit der Einrichtung in der Wartenberger Straße „prima klappt“.

Konsum-Kaufhalle Wartenberger Straße: Westware nach der Wiedervereinigung

Handel in DDR nach Einführung der D-Mark 1990
Juli 1990: Am ersten Tag nach Einführung der Deutschen Mark werden in den Konsum-Supermärkten die Regale von Beschäftigten mit Westwaren aufgefüllt.© picture alliance / Peter Kneffel | Peter Kneffel

Dreizehn Jahre lang versorgte die Kaufhalle an der Wartenberger Straße Zehntausende Menschen in ihrem Einzugsgebiet in Alt-Hohenschönhausen mit Ostwaren, bevor das Sortiment mit der Einführung der Wirtschaftsunion am 2. Juli 1990 – quasi über Nacht – rasant erweitert werden konnte. Jetzt fanden die lange Zeit herbeigesehnten Westwaren Einzug in die Regale ostdeutscher Kaufhallen. DDR-Produkte wollte kaum noch jemand haben: In Ostberlin vernichteten Molkereien massenweise Butter, Quark und Milch, Bauern ihre Ernten und Schweinezüchter töteten ihre Tiere.

Mit der Wiedervereinigung hatten sich die Bedingungen auch für die KGB dramatisch verändert. Angesichts des Konkurrenzdrucks musste sich Konsum Berlin von zahlreichen seiner Verkaufsstellen trennen und entließ Tausende Mitarbeiter. Am Ende sah sich die Genossenschaft gezwungen, sich gänzlich aus dem Einzelhandelsgeschäft zurückzuziehen und schloss im September 1992 ihre letzte Verkaufsstelle. Auf absehbare Zeit war das Hauptgeschäftsfeld der Genossenschaft die Verwaltung ihrer Immobilien. Viele ihrer Kaufhallen wurden von Lebensmittelriesen wie Aldi, Netto, Kaisers & Co. als Supermärkte weiterbetrieben.

Konsum-Kaufhalle Wartenberger Straße: Umsatzeinbrüche besiegelten das Ende

In den 1990er-Jahren verkaufte der Senat das Grundstück an der Wartenberger Straße 51 an Konsum. Die DDR-Kaufhalle wurde an einen westdeutschen Betreiber verpachtet und den neuen Bedürfnissen angepasst: Das Logo und der Schriftzug am Flachdach änderten sich, Sortiment und Kassensystem wurde umgestellt und die Besucher genossen ab jetzt die Beschallung mit Musik und Verbraucherinformationen beim Einkauf. Auch die „fahrbare Warenträger aus der CSSR“ wurden mit neuen Einkaufswagen in Plexiglasboxen am Parkplatz ersetzt.

Nach langjährigem Betrieb schloss die seit den 1990er-Jahren als Supermarkt geführte Kaufhalle in den 2000er-Jahren ihre Pforten. Weil immer weniger Menschen in dem Einzugsgebiet lebten, stimmte der Umsatz nicht mehr. Der Betreiber reagierte auf den stetigen Wegzug von Anwohnern und den vermehrten Leerstand in den Blocksiedlungen der Umgebung und kündigte den Pachtvertrag. 2009 gingen in dem Supermarkt an der Wartenberger Straße endgültig die Lichter aus. Seitdem dämmerte die alte Halle aus DDR-Zeiten als einer der vielen Lost Places der Hauptstadt vor sich hin.

Konsum-Kaufhalle Wartenberger Straße: Witterung und Vandalismus setzten dem Lost Place zu

Seit der Stilllegung 2009 ging es mit der Kaufhalle bergab. Die Fassaden und Schaufenster wurden mit Plakaten beklebt und mit Graffiti beschmiert. Auf dem Parkplatz und am Vorplatz brachen wildwuchernde Pflanzen und Sträucher durch den Asphalt und rankten sich an den rostzerfressenden Stahlträgern der Halle empor. Die Natur eroberte sich das in die Jahre gekommene Gebäude und den umgebenden Platz zurück, während sich Anwohner, Initiativen und der Bezirk darum stritten, wie mit der Immobilie, deren Bausubstanz immer maroder wurde, weiter zu verfahren sei.

Nach Jahren des Leerstandes verströmte die DDR-Halle den Charme einer modernen Industrieruine, während sich ihre Umgebung seit 2011 langsam wieder mit Leben füllte. Der Lichtenberger Kiez hatte wieder an Attraktivität gewonnen: Häuser und Wohnanlagen wurden saniert, Neubauten entstanden, Familien zogen in die Umgebung. Das veranlasste den örtlichen Kiezbeirat sich für die Reaktivierung des Kaufhallen-Standortes einzusetzen. Die Mitglieder sammelten unter anderem 400 Unterschriften von Nachbarinnen und Nachbarn, die sich für einen Supermarkt aussprachen. Auch die Konsumgenossenschaft erklärte sich 2015 zu einer Wiedereröffnung des Standorts bereit. Doch die Behörden verweigerten ihre Zustimmung.

Konsum-Kaufhalle Wartenberger Straße: Nach dem Abriss kam der Netto-Markt

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Im Flächennutzungsplan des Bezirks war das Grundstück als Grünfläche ausgewiesen worden. Perspektivisch sollte hier ein Park mit Spielplatz entstehen. Nach weiteren Jahren des Stillstandes mündeten die Auseinandersetzungen um die DDR-Halle in einen Rechtsstreit zwischen der Konsum-Genossenschaft und den zuständigen Behörden, der vom Verwaltungsgericht nach einem Vor-Ort-Termin zugunsten der KGB entschieden wurde.

Danach ging alles recht schnell: 2019 stellte die Konsum Berlin einen Bauantrag für das Grundstück. Ein Jahr später rollten Abrissbagger auf das Gelände, die das Schicksal der maroden Kaufhallenruine besiegelten. Mit schwerem Gerät wurde die DDR-Halle demontiert, der Baugrund planiert und der Standort für den Neubau eines Verbrauchermarktes vorbereitet, der 2021 eröffnet werden konnte. Der Eigentümer der Fläche ist Konsum Berlin, neuer Betreiber ist der Netto-Marken Discount Berlin.