Viele Länder haben angesichts der Kriegsdrohungen und Aufrüstungen die Wehrpflicht wieder eingeführt. In Deutschland bleibt er nach dem Willen der künftigen schwarz-roten Koalition freiwillig – zumindest vorerst. Das betonte auch SPD-Chef Lars Klingbeil im Interview mit unserer Redaktion. Er sei sich sicher, dass man mit einer attraktiven Bundeswehr „ausreichend Freiwillige“ finden werde.
Welche Erfahrungen haben andere Länder gemacht? Welche Regeln gelten? Und wie sollen diese weiterentwickelt werden? Ein Überblick:
Österreich: Die Miliz als Personalpool für den Ernstfall
Wer männlich, tauglich, sowie 18 Jahre alt ist, muss entweder einen Zivildienst (zwölf Monate) oder einen Grundwehrdienst (sechs Monate) leisten. Es gilt eine allgemeine Wehrpflicht. Sie ist mit sechs Monaten sehr kurz, deshalb wird vereinzelt über eine Verlängerung nachgedacht. Im Regierungsprogramm vorgesehen ist sie nicht. Es besteht nach dem Grundwehrdienst die Möglichkeit, sich für die Miliz zu melden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Miliz ist so etwas wie ein qualifizierter Personalpool für den Ernstfall. Für Mitglieder der Miliz vorgesehen ist, dass nach Ableisten des Grunddienstes binnen 10 Jahren 30 Übungstage absolviert werden. Eine Mobilisierung der Miliz-Angehörigen ist nur für den Ernstfall vorgesehen.
Schweiz: Nach der Grundausbildung zehn Jahre Wehrpflicht
In der Schweiz gilt die Wehrpflicht für alle Männer über 18 Jahre. Bis zum 24. Lebensjahr muss jeder Schweizer die Rekrutierung absolviert haben. Frauen können sich freiwillig melden. Die Wehrpflicht gilt über die Grundausbildung hinaus. Die Dauer der Ausbildung, deren Intensität und Ausgestaltung ist je nach Einsatzprofil flexibel gestaltet. Basis des Wehrdienstes bildet die „Rekrutenschule“, die in mehreren Stufen verläuft und je nach Ausbildungsziel drei bis 12 Monate dauert.
Erst nach dieser Grundausbildung wird in die jeweiligen Einheiten zugewiesen. Und erst nach Absolvierung dieser Grundausbildung beginnt für zehn Jahre die eigentliche Wehrpflicht, in der Soldaten immer wieder Trainings und Übungen durchlaufen. Ein ziviler Ersatzdienst kann geleistet werden, muss aber bewilligt werden. Eine Gewissensprüfung ist nicht mehr vorgesehen. Dauer: ein Jahr.

Griechenland: Ein Jahr Wehrdienst für alle Waffengattungen
In Griechenland gilt für Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren eine allgemeine Wehrpflicht. Der Wehrdienst dauert in allen drei Waffengattungen zwölf Monate. Wer den Dienst mit der Waffe verweigert, muss einen zivilen Ersatzdienst leisten, der allerdings 23 Monate dauert. Frauen können sich seit dem vergangenen Jahr freiwillig zum Wehrdienst melden. Griechenland hat mit 142.700 aktiven Soldatinnen und Soldaten gemessen an der Bevölkerungszahl von zehn Millionen eine relativ große Armee. Es liegt bei der Truppenstärke in der Nato auf Platz acht. Aktuell gibt Griechenland rund drei Prozent seines Bruttoninlandsprodukts für die Verteidigung aus. Der Hauptgrund sind die jahrzehntealten Spannungen mit dem „Erzfeind“ Türkei.
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Türkei: Wehrdienstverweigerung gibt es nicht, aber man kann sich freikaufen
„Jeder Türke wird als Soldat geboren“ – dieses martialische Sprichwort unterstreicht den hohen Stellenwert, den das Militär in der Türkei hat. Es gilt eine Wehrpflicht für alle Männer zwischen 20 und 41 Jahren. Sie dauert sechs Monate. Man kann sich aber freikaufen: Wer umgerechnet 5800 Euro zahlt, muss nur 28 Tage dienen. Als einziges Mitgliedsland des Europarats erkennt die Türkei kein Recht auf Wehrdienstverweigerung an. Wer sich der Wehrpflicht zu entziehen versucht, wird mit hohen Geldbußen und Gefängnis bestraft. In der Nato stellt die Türkei mit 481.000 aktiven Soldaten die zweitgrößte Armee nach den USA.

Dänemark: Gibt es nicht genügend Freiwillige, entscheidet das Los
Bislang wurden Frauen in Dänemark mit 18 Jahren zur Musterung eingeladen – nicht einberufen. Ob sie die Einladung annehmen, war ihnen selbst überlassen. Aber nun steht die Gleichstellung bei der Wehrpflicht an – ab Juli ist der Musterungsbescheid für alle verbindlich. Eine weitere große Änderung in Dänemark: Ab August 2026 dauert die Grundausbildung nicht mehr vier, sondern elf Monate.
Nach Armeeangaben wären bislang 99 Prozent der eingezogenen Wehrpflichtigen auch freiwillig gekommen. Ob man künftig dazu übergehen müsse, auch Unwillige zu verpflichten, um die Gesamtzahl der Soldaten zu erhöhen, muss sich zeigen. Wenn es nicht genügend Freiwillige gibt, müssen künftig Frauen und Männer eine Losnummer ziehen und zum Wehrdienst verpflichtet werden.
Schweden: Zahl der Rekruten soll erhöht werden – jetzt trifft es auch Unfreiwillige
Nach dem Ende des Kalten Krieges hat auch Schweden seine Armee immer weiter verkleinert. 2010 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt – aber das währte nicht lange. Seit 2017 gilt sie wieder, seitdem für Frauen ebenso wie für Männer. Frauen wurden hier schon ab 1980 auch zur Grundausbildung zugelassen. Aufregung über die faktischen Folgen der Wehrpflicht für Einzelne gab es 2024, als die Regierung plötzlich viel von einer Kriegsgefahr für das friedensverwöhnte Land sprach. Die Zahl der jungen Rekruten soll wieder erhöht werden. Lange hatten sich genügend Willige für den neun- bis 15-monatigen Dienst gefunden –, nun trifft es auch solche, die lieber verzichtet hätten.

Norwegen: Nur 15 Prozent eines Jahrgangs werden eingezogen, das ändert sich jetzt
In Norwegen gilt die Wehrpflicht schon seit 2015 auch für Frauen. Die Grundausbildung dauert ein Jahr, zusätzlich können später sieben Monate mit Übungen und Einsätzen im Heimatschutz folgen. Wehrpflichtig sind Norweger mit 19 Jahren, aber wie in den anderen skandinavischen Ländern wird schon längst nur noch ein kleiner Teil jedes Jahrgangs eingezogen – derzeit 15 Prozent. Doch die Zahl soll wieder erhöht werden, auch das auf Linie mit Schweden und Dänemark. Statt aktuell 9000 sollen es bis 2036 jährlich 13.600 Rekruten sein.
Finnland: 2024 wurden 76,07 Prozent der 2006 geborenen Männer einberufen
Eine Ausnahme unter den nordischen Ländern: Die Wehrpflicht gilt in Finnland weiterhin nur für Männer. Frauen können sich freiwillig für den Dienst an der Waffe bewerben. Eine Änderung des Systems wurde durchaus schon diskutiert, aber nicht, weil sonst Rekruten-Mangel drohen würde. 2024 wurden 76,07 Prozent der 2006 geborenen Männer einberufen. Das waren 24.285 neue Soldaten. 1448 freiwillige Soldatinnen kamen dazu – ein deutlicher Gesamtvorsprung vor den skandinavischen Nachbarn. Die lange Grenze zu Russland ließ Finnland militärisch immer am Ball bleiben. Das Land ist stolz auf seine große Reserve.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Ukraine: Militärische Grundausbildung wird in den Uni-Lehrplan integriert
Vor dem russischen Großangriff im Februar 2022 galt in der Ukraine formell eine allgemeine Wehrpflicht für Männer. In Wirklichkeit haben aber nur wenige den einjährigen Dienst geleistet. Mit der Verkündung der Generalmobilmachung zu Kriegsbeginn wurde der reguläre Dienst zunächst stillgelegt. Ab dem 1. September 2025 trifft aber nun die Wehrdienstreform faktisch in Kraft.
Dabei wird die theoretische militärische Grundausbildung an Hochschulen und Universitäten in den Lehrplan integriert, wobei diese alle Männer zwischen 18 und 25 Jahren absolvieren müssen. Nichtstudenten dürfen wählen, wann sie diese durchlaufen. Den praktischen Teil werden diensttaugliche Männer während der Ferien an Ausbildungszentren der Armee absolvieren. Für Frauen ist dies freiwillig. Unter Kriegsrecht dauert der Dienst drei Monate, in der Friedenszeit fünf. Wer sich weigert, wird zum Beispiel von der Arbeit bei staatlichen Institutionen ausgeschlossen. Die Reform soll dafür sorgen, dass mehr Ukrainer über militärisches Grundkönnen verfügen.






