Diana schaut gespannt zu, wie Maria den Verbandsstoff in die Wunde drückt. „Schneller, schneller, das Blut kommt raus.“ Ihre Freundin stopft die Gaze konzentriert tiefer hinein, mit einem Finger drückt sie auf das Gefäß, aus dem rote Flüssigkeit quillt. „Sehr gut, du musst den Druck halten“, feuert sie Marc Friedrich an. Diana ist acht Jahre alt. Maria auch. Das Blut ist nicht echt. Für die Kinder ist das, was sie hier üben, wie ein Spiel. Aber sie lernen heute, Leben zu retten.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In dem Keller irgendwo in Cherson leuchtet kaltes Neonlicht. Boxsäcke baumeln von der Decke, der Boden ist bedeckt mit einer Matte, auf der vier Mädchen zusammen mit Marc Friedrich und Roman Poliichuk sitzen. Draußen scheint die warme Spätsommersonne. Aber draußen ist es gefährlich in dieser Stadt im Süden der Ukraine. Hier unten sind die Kinder sicher vor dem Tod aus der Luft.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Der Krieg in der Ukraine nimmt den Kleinsten ihre Kindheit. „Nach fast fünf Jahren Krieg sind Hunderttausende Kinder in der Ukraine erschöpft und zermürbt“, sagt Christine Kahmann, Sprecherin von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. „Kinder leben in ständiger Angst. Regelmäßiger Schulbesuch ist für viele von ihnen nicht möglich.“

Am gefährlichsten ist es in den Frontstädten

Seit dem Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 hat Unicef mindestens 3900 getötete oder verletzte Kinder registriert, die tatsächliche Zahl soll höher liegen. „Kinder werden in ihren Häusern, auf Spielplätzen und in ihren Gemeinden getötet und verletzt“, sagt Kahmann. Am gefährlichsten ist es für die Kleinen in den frontnahen Städten und Dörfern. Eine dieser Städte ist Cherson.

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Friedrich ist der Gründer und Leiter der Hilfsorganisation Ambulance for Kids, Poliichuk sein ukrainischer Kollege. Eingeladen worden sind die Sanitäter von Silni bo Vilni, einer lokalen Hilfsorganisation, die in Cherson Unterstützung für die etwa 60.000 Menschen leistet, die noch in der Stadt geblieben sind. Der Keller, wo der Kurs stattfindet, ist ein sicherer Ort, in dem die Organisation unter anderem Sportkurse für Kinder und Jugendliche anbietet.

Friedrich und Poliichuk sind heute in die Stadt gekommen, um den Mädchen beizubringen, wie sie Wunden versorgen und Blutungen abbinden können. Es ist nichts, womit sich Kinder in ihrem Alter normalerweise beschäftigen sollten. In Cherson ist nichts normal. Über viele Straßen in der Stadt ziehen sich Tunnel aus Netzen. Viele Gebäude tragen die Narben von Einschlägen.

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Die Regionalhauptstadt war 2022 für mehrere Monate von den russischen Streitkräften besetzt, konnte aber im Herbst desselben Jahres befreit werden. Seitdem beschießen die Russen die Stadt und die umliegenden Dörfer kontinuierlich aus den von ihnen noch immer besetzten Gebieten heraus. Russische Drohnenpiloten attackieren immer wieder gezielt Zivilisten, Autos, Verkehrsbusse.

Bei diesen Wunden reichen Pflaster nicht aus

„Hier ist eine gefährliche Gegend“, erklärt Friedrich den Mädchen. Sie wissen das. „Wisst ihr, was man machen muss, wenn man stark blutet?“ Diana nickt. „Man muss ein Pflaster drauf machen.“ Ein Pflaster reicht aber nicht bei den Verletzungen, die Schrapnelle verursachen können. Deswegen haben die beiden Männer Verbandsmaterial, künstliche Wunden, Kunstblut und Selbstabbindesysteme mitgebracht. Friedrich verteilt Plastikschürzen und Handschuhe.

Ukraine Krieg / Kinder lernen Wunden zu verbinden bzw. Blutungen zu stoppen. Marc Friedrich von Ambulance for Kids
Mindestens 3900 Kinder sind seit Beginn der russischen Invasion verletzt oder getötet worden.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Allein in der Region Cherson sind nach Angaben der ukrainischen Militärverwaltung seit Beginn der Invasion mindestens 40 Kinder getötet und 308 verletzt worden. „Unsere Kinder zahlen einen fürchterlichen Preis für den russischen Terror“, klagt Gouverneur Oleksandr Prokudin. In der von der Ukraine kontrollierten Teil der Oblast sollen noch über 10.000 Minderjährige leben, etwa die Hälfte von ihnen in der Stadt selbst.

Die meisten der Kinder, die in der Stadt geblieben sind, sind laut dem Gouverneur Kinder von Rettungskräften, Polizisten, Medizinern und Menschen, die in der Stadtverwaltung angestellt sind. „Ihre Eltern arbeiten hier weiter, damit die Stadt trotz der durchgehenden russischen Bedrohung weiterleben kann.“ Ihre Kindheit spielt sich vor allem zu Hause ab. Sie haben Distanzunterricht, weil ein normaler Schulbetrieb nicht möglich ist.

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Draußen zu spielen, ist lebensgefährlich. Manchmal, sagt Prokudin, organisiere die Stadtverwaltung Aktivitäten für die Kinder. „Wegen der ständigen Gefahr können die aber nur in Schutzräumen stattfinden. So sieht die Kindheit in der Frontstadt Cherson aus.“ Diana, Maria, Veronika und Miroslawa leben jeden Tag in dieser grausigen Realität. Diana trägt ein buntes T-Shirt. „Hello Kitty“ steht darauf. „Meine Eltern haben mir erklärt, was ich machen muss, wenn ich eine Drohne höre“, sagt Diana. „Ich muss unter einen Baum rennen oder in einen Schutzraum.“

Friedrich zeigt den Kindern, wie sie mit dem Finger das blutende Gefäß ertasten und wie sie den Verbandsstoff in die Wunde drücken müssen. „Das ist nicht schön, aber es rettet Leben.“ Diana fragt: „Wie kriegt man das denn raus, wenn da so viel Stoff drin ist?“ Die anderen lachen. Friedrich demonstriert, wie sie Druck auf die Wunde ausüben und sie verbinden müssen.

Eine Kindheit, die unter der Erde stattfindet

Die Kinder wiederholen die Übung, helfen sich gegenseitig, wenn es beim Abrollen des Verbandes hapert. „Nimm die andere Hand, du musst pressen“, sagt Friedrich zu Diana. Veronika, neun, bekreuzigt sich vorher. „Gott, hilf mir.“ Dann drückt sie ihren Finger in die Kunstwunde. Miroslawa hat schnell genug von dem Training und dem Kunstblut. Sie ist erst sechs und spielt lieber auf den Matratzen, die an einer Wand aufgestapelt sind. Sie liebt es, wie eine Katze über den Boden zu hüpfen.

Ukraine Krieg / Kinder lernen Wunden zu verbinden bzw. Blutunger zu stoppen
Ein großer Teil ihrer Jugend spielt sich bei den Kindern von Cherson zu Hause und in Schutzräumen ab.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Die Helfer haben auch Selbstabbindesysteme mitgebracht, wie sie die Soldaten an der Front dabeihaben, um besonders starke Blutungen zu stoppen. Die drei älteren Mädchen legen die Tourniquets um ihre Arme, Poliichuk erklärt ihnen, wie sie sie stramm ziehen müssen. „Das tut weh“, klagt Veronika. „Kann man das auch um den Hals legen?“ Friedrich lässt sie das System an seinem eigenen Arm festziehen, das macht ihnen deutlich mehr Spaß.

Wenig später kommt Veronikas Mutter vorbei, um die Mädchen abzuholen. Sie ist froh, dass ihre Tochter den Kurs besucht hat, obwohl sie schon weiß, wie gefährlich die Drohnen sind und wie sie sich im Ernstfall zu verhalten hat. „Sie lebt ja schon immer in Cherson.“ Inna sagt: „Ich habe kein Geld, um aus der Stadt wegzuziehen.“ Sie ist 45, alleinerziehend und kann nur halbtags arbeiten, weil sie sich um ihre Tochter kümmern muss. „Ich lasse sie fast nie raus.“

Unicef-Sprecherin Kahmann sagt zur Situation der Kinder in der Ukraine: „Ihre Kindheit musste buchstäblich unter die Erde verlagert werden: In Schutzräumen lernen, spielen und schlafen sie.“

Diana hat von dem Weltkindertag gehört, der am Sonntag begangen wird. Viel anfangen kann sie damit nicht. Was sie sich zu diesem Tag für die Kinder auf der Welt wünscht? Sie zieht die Stirn kraus, als könne sie die Frage nicht verstehen. „Der Krieg soll aufhören.“