Schon waren Baugruben ausgehoben, die Hütten der Bauarbeiter standen, Steine lagen bereit. Aber es durfte einfach nicht losgehen, seit Wochen nicht. Auf der grünen Wiese am Rande des Grunewalds nahe beim Villenvorort Zehlendorf sollte eine Arbeiter- und Angestellten-Siedlung entstehen, benannt nach einem nahen Ausflugslokal: „Onkel-Toms-Hütte“. 1100 Geschosswohnungen und 800 Reihenhäuser waren geplant. Der Architekt Bruno Taut hatte die Federführung, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg waren seine Kollegen.

Die Zehlendorfer Wohnsiedlung Onkel Toms Hütte auf einer zeitgenössischen Fotopostkarte, um 1935.
Die Zehlendorfer Wohnsiedlung Onkel Toms Hütte auf einer zeitgenössischen Fotopostkarte, um 1935.© picture alliance / akg-images | akg-images

Im vornehmen Zehlendorf war man 1926 nicht gerade begeistert, man wollte unter sich bleiben, sollten die Arbeiter und kleinen Angestellte doch in ihren Mietskasernen in der Stadt bleiben. Der deutschnationale Bezirksbürgermeister Erich Schumacher und seine Mehrheit im Zehlendorfer Parlament stellten sich quer. Offiziell wegen architektonischer Vorbehalte. Die geplanten Flachdächer auf modernen glatten Klötzen, all die bunten Farben neben den wohlsituierten, oft burgen- oder schlossartigen Anwesen in ihren großen Gärten, das ginge nicht. Die Baugenehmigung verzögerte sich, vor allem die Dächer sollten steil werden, althergebracht eben. Die Zeitungen berichteten breit über das Mammut-Projekt und die Querelen. „Onkel Toms Hütte“ war Stadtgespräch.

Wagner war die fehlende Baugenehmigung gleichgültig

Es war Martin Wagner, Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Dewog, deren Tochterunternehmen Gehag die Siedlung bauen wollte, dem dann irgendwann der Kragen platzte. Er ordnete einfach an: Weiterbauen! Dann eben ohne Genehmigung. Wagner erhielt einen Strafbefehl, weigerte sich, zu zahlen. Die Polizei erschien auf der Baustelle, auch bei ihm zuhause. Er war nicht zu greifen. Bahnte sich da ein früher Berliner Bauskandal an? Die Presse stand weitgehend auf der Seite der Gehag, auf seiner.

Der öffentliche Druck auf den Magistrat wuchs. Die Geldstrafen wurden Wagner erlassen, und plötzlich lag auch die Baugenehmigung vor. Schließlich hatte der Magistrat der Gehag beim Kauf des ausgedehnten Areals finanziell unter die Arme gegriffen. Bruno Taut, leitender Architekt revanchierte sich für die Behinderungen, indem er seinen längsten Bau der Siedlung, eine durchgehende 500-Meter-Front an der Argentinischen Allee zwischen Riemeister und Waltraudstraße – mit Flachdach, versteht sich – einen klassenkämpferischen Namen verpasste: „Peitschenknall ins Gesicht der Bourgeoisie“, bis heute bekannt als „Peitschenknall“.

Bruno Taut hing anarchistischen Ideen an

Es war keine Schnapsidee, die der Architekt und der Dewog-Chef mal eben in die Welt setzten. Sie meinten das ernst. Wagner und Taut waren die beiden Hauptakteure jener „Klassischen Moderne“ in der Berliner Architektur der Weimarer Zeit, vor allem in den Außenbezirken. Sie hinterließen ein Bild, das sich bis heute über weite Strecken von Britz bis Spandau und Reinickendorf erhalten hat. Beide hatten sie eine dezidiert linke Vergangenheit. Und fulminante Ansprüche. Taut hing, so lange der Kaiser regierte, den Ideen des Anarchisten Pjotr Kropotkin an, Wagner war nach dem Krieg zunächst in der USPD, setzte sich von dort aus für die Vergesellschaftung des Bodens zugunsten des sozialen Wohnungsbaus ein und klagte das Ende des Profitstrebens bei Immobilien ein. Später wechselte er zur SPD.

Alles so schön farbig hier: Die Argentinische Straße in der Wohnsiedlung Onkel Toms Hütte.
Alles so schön farbig hier: Die Argentinische Straße in der Wohnsiedlung Onkel Toms Hütte.© picture alliance / imageBROKER | JOKO

Sie blieben auf Tuchfühlung seit sie 1919 nahe des Potsdamer Platzes Tür an Tür ihre Büros hatten, der 39-jährige Taut als Architekt, Wagner (34) als Stadtbaurat zunächst nur für Schöneberg, ab 1926 für ganz Berlin. Sechs Siedlungen aus der Weimarer Zeit hat die Unesco 2008 in ihre Weltkulturerbe-Liste aufgenommen, bei vier davon hatte Taut die Federführung bei den Entwürfen, Wagner leitete die behördliche Planung bei fünf.

Onkel Toms Hütte: Eine Siedlung nach dem Gartenstadt-Konzept

Beide waren sie in Königsberg geboren. „Sie trafen sich in Berlin und wirkten hier 13 Jahre gemeinsam mit den besten Architekten ihrer Zeit. Sie zeigten der Welt, was im sozialen Wohnungsbau unter den vorgefundenen Bedingungen möglich gemacht werden konnte“, schreibt Christoph Ehmann in seinem Buch „Das Glück bauen – die Welt verändern. Die Stadtplaner und Architekten Bruno Taut und Martin Wagner“ (Dietz-Verlag, 2021).

Noch im Jahr 1920 entwarfen sie gleich mal die Siedlung Lindenhof zwischen Arnulfstraße und Dresdner Bahn. Eine Siedlung, noch nicht im Stil der „Moderne“, sondern nach dem Gartenstadt-Konzept angelegt, mit großzügigen und dennoch für Arbeiter erschwinglichen Wohnungen. Dazwischen, so das neue Prinzip, parkähnliche Freiflächen und Gemeinschaftseinrichtungen. Es war das erste große Bauprojekt Berlins nach dem Krieg. Lesen Sie auch: Bauhaus – Alle News, Hintergründe und Berichte

Hauseingänge eines Reihenhauses in Onkel Toms Hütte. Das Farbkonzept wurde in den 1980er-Jahren rekonstruiert.
Hauseingänge eines Reihenhauses in Onkel Toms Hütte. Das Farbkonzept wurde in den 1980er-Jahren rekonstruiert.© picture-alliance / akg-images | / L. M. Peter

Auch davor schon, etwa seit der Jahrhundertwende, waren solcherart „Reformblöcke“ in den Wohngebieten mit viel Grün dazwischen entstanden. Die Gründerzeit-Architektur mit den immer verrufeneren Hinterhöfen war auch da bereits passé gewesen. Doch nun, nach Ende der Kaiserzeit, sollte es im großen Stil losgehen mit dem sozialen Wohnungsbau.

Was am sozialen Wohnungsbau sozial sein sollte

Taut sah sich als Architekt in der Rolle eines gesellschaftlichen Vorkämpfers. Ebenfalls 1920 schrieb er ein Theaterstück mit dem Titel „Weltbaumeister“, ein „Architekturschauspiel für symphonische Musik“ – expressionistische Bühnenmalerei, schrille Klänge, Sprachfetzen. Seine anarchistische Phase hatte er abgelegt oder doch sehr modifiziert. Das Soziale am sozialen Wohnungsbau wollte er den Behörden überlassen, etwa seinem Freund Wagner. Seine Architektenzunft aber sah er als Avantgarde der gesellschaftlichen Emanzipation. Das Ziel: über die von ihm gebaute Schönheit das Bewusstsein der Massen entwickeln.

In einem Gründungsaufruf zum „Arbeitsrat für Kunst“ hatte er es 1918, in der großen Umbruchzeit, so formuliert: „Fortan ist der Künstler allein als Gestalter des Volksempfindens verantwortlich für das sichtbare Gewand des Neuen Staates. Architekt sein heißt wörtlich Führer sein, Führer in eine schöne, lichtvolle Zukunft hinein.“ Etwas profaner fasste er den Stil der Moderne in Reime: „Das Glas bringt uns die neue Zeit / Backsteinkultur tut uns nur leid“. Die Metrik war eigenwillig, die Aussage aber prägend für die Weimarer Baukultur in Berlin. Dabei war Taut kein Mitglied im Bauhaus, sondern im „Werkbund“, der aber stilistisch nicht weit entfernt lag.

„Das Glas bringt uns die neue Zeit Backsteinkultur tut uns nur leid“

Wagner hielt als Stadtrat seinem Mitstreiter Taut den Rücken frei. Was im Rathaus nicht bei allen gut ankam, auch nicht beim Oberbürgermeister Gustav Böß, der dem modernen Baustil – vor allem den Flachdächern – nichts abgewinnen konnte. In einer Magistratssitzung fuhr der Politiker der linksliberalen DDP seinen Untergebenen Wagner an: „Sie sind ein Mann von einem kleinen Format, unbedeutend in ihrem Tun und Lassen.“ Allerdings zeigen fünf der sechs Welterbe-Siedlungen, die „Siedlung am Schillerpark“, die „Hufeisensiedlung“, die „Wohnstadt Carl Legien“, die „Weiße Stadt“ in Reinickendorf sowie die „Großsiedlung Siemensstadt“ (allesamt mit Flachdächern), die während seiner Ägide entstanden, dass Wagner so unbedeutend nicht gewesen sein konnte. Er kämpfte sich durch. Jene spektakuläre illegale Bauanweisung in Zehlendorf verhinderte seinen Aufstieg zum Gesamtberliner Baustadtrat keineswegs.

So erfolgreich und angesehen sie im „modernen“ Berlin waren, beide machten sich angreifbar, ja verdächtig mit ihrem häufigen Bezug zur jungen Sowjetunion. Taut und Wagner lobten immer wieder den dortigen neuen, nur zweckorientierten Massen-Wohnungsbau. Taut hielt sich wiederholt in Moskau auf, Wagner sogar noch 1931. Erst als der Stalinismus jede Nähe verbot, wandte sich der linke Taut von diesem „Vorbild“ ab. Dies auch architektonisch, spätestens seit Stalin den so andersartigen Zuckerbäckerstil entdeckte, mit dem auch die linken Baumeister in Deutschland fremdelten.

Bruno Taut schimpfte aus den USA in Richtung Deutschland

Taut, nun auch Professor, kehrte 1933, kurz nach Beginn der Nazi-Herrschaft, von einem Aufenthalt aus Moskau nach Berlin zurück, verlor als „Kulturbolschewist“ sofort alle seine Posten. Er starb 1938 in der Türkei. Auch Wagner wurde 1933 entlassen, ging ebenfalls erst in die Türkei und 1938 weiter in die USA. Von dort wetterte er in den 50er-Jahren gegen den modernen Wohnungsbau in West-Deutschland, insbesondere die Planungen fürs Berliner Hansaviertel. Er starb 1957.

Die Tilgung beider Namen aus der Öffentlichkeit nach 1933 war auch nach dem Krieg nicht gleich überwunden. Taut und Wagner wurden – ihrer Bedeutung für das Gesicht Berlins unangemessen – lediglich mit der Benennung zweier kleiner Straßen in Gropiusstadt geehrt.